Zeiten des Umbruchs sind meist nicht sonderlich angenehm. Das haben die Menschen in den neuen Bundesländern in den Jahren nach dem Ende des alten DDR-Staatssystems eindrücklich erfahren. Das allen Bekannte und bislang Vertraute trug auf einmal nicht mehr. Neue Strukturen und Verhaltensmuster hatten sich
noch nicht herausgebildet. Alternative gesellschaftliche Zielvorgaben waren noch unklar bzw. umstritten. So brachte der gesellschaftliche Umbruch in vielfacher Hinsicht zunächst einmal eine tiefe Verunsicherung über das Land und die Menschen. Wohin sollte die Reise gehen? Was sind neue erstrebenswerte Ziele, für die es sich einzusetzen lohnt?
In mancher Hinsicht werde ich beim Betrachten der gegenwärtigen Situation unserer Kirche in der Bundesrepublik Deutschland an diese Nachwendesituation mit ihren charakteristischen Folgementalitäten erinnert. Der Vergleich hat natürlich seine Grenzen.
Die Kirche weiß für ihr Wirken und Selbstverständnis um Vorgaben, die zeitlos feststehen und die von gesellschaftlichen und kulturellen Umbrüchen nicht einfach aufgehoben werden. Aber diese gleichsam vom Ursprung her kommende theologische Kontinuität des Kirche-Seins ist nur zu bewahren, wenn wir uns den pastoralen Diskontinuitäten stellen, die heutzutage allenthalben mit Händen zu greifen sind. Nur wenn wir uns ändern, können wir bleiben, was wir sind.
Den Wandel nicht nur ertragen, sondern gestalten
Es bedarf keiner langen Begründungen: Die nächste Generation der für das Leben der deutschen Bistümer Verantwortlichen ist weit über die bisherigen pastoralen Strukturreformen hinaus angefragt, wie sich Seelsorge und kirchlich-katholisches Leben angesichts der absehbaren gesellschaftlichen Rahmenbedingungen künftig gestalten werden.
Antworten auf diese Herausforderungen zu suchen, ist ein dringliches Gebot, auch wenn derzeit mit mancherlei noch vorhandenen Reserven die sich mehrenden Lücken notdürftig ausgefüllt werden. Wir dürfen nicht den Kopf in den Sand stecken. Es reicht nicht mehr, das (strukturelle) „Kleid der Kirche“ nur „anzupassen“. Es braucht ein „verändertes Gewand“ und wohl auch eine „neue Gehweise“ für eine Kirche, die lernen muss, „auf andere Weise (als bisher) Kirche zu sein“, um in veränderten Verhältnissen ihrem Auftrag treu bleiben zu können.
Das Stichwort Anpassung und Veränderung ist natürlich ein Dauerthema der Pastoralgeschichte. Es gibt kein Christentum und kein kirchliches Leben ohne ständige Erneuerung des Geistes und der Strukturen. Die Frage ist freilich, ob Veränderungen nur passiv erduldet oder aber in gläubiger Zuversicht auch kreativ gestaltet werden können.
Es mag unsere derzeitige kirchliche Situation entdramatisieren, wenn man ein wenig in die Kirchen- und Seelsorgegeschichte zurückschaut. Es ist der Kirche auch in den vergangenen Jahrhunderten nicht erspart geblieben, auf gesellschaftliche, vor allem auch geistige und wirtschaftliche Veränderungen seelsorglich zu reagieren. Das Entstehen der katholischen Verbände z.B. im 19./20. Jahrhundert war eine Antwort auf Nöte der Zeit. Seelsorge stand und steht wohl auch in Zukunft in lebendiger Wechselwirkung mit den gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen und ist von deren Transformationen abhängig, auch wenn sie ihr vom Evangelium her vorgegebenes Profil durchaus behalten soll und muss. Der Weg der Kirche und näher hin der Pastoral ist der konkrete Mensch, und zwar so wie er ist, nicht wie man ihn sich wünscht.
Seelsorge und Caritas – zwei Geschwister im Geist
Ich bin sehr dankbar, dass der Deutsche Caritasverband zum heutigen Fachtag eingeladen hat.
Soeben ist uns das erfreuliche Impulspaper des Verbandes vorgestellt worden: „Rolle und Beitrag der verbandlichen Caritas in den neuen pastoralen Räumen“. Präsident Neher hat den Geist, aus dem heraus sich dieses Papier speist, in einem Interview in der HerdKorr (August 2008) auf den Punkt gebracht, wenn er sagt: „Ich verstehe mich als Caritas-Präsident nicht als Funktionär des Wohlfahrtswesens, sondern als Mitarbeiter am Reiche Gottes“. Und an anderer Stelle dieses Interviews sagt er meines Erachtens sehr zutreffend: „Es geht darum, dass man sich auch in den Gemeinden bewusst wird, dass das, was die verbandliche Caritas tut, Aufgabe der ganzen Kirche ist.
Wir brauchen ... einen Bewusstseinswandel ...“
Genau darum soll es uns heute gehen. Es geht um „mehr als Strukturen ...“, wie ein Studientag der Deutschen Bischofskonferenz im Frühjahr 2008 es formuliert hat. Es geht um das Anliegen eines „Spurwechsels in der Pastoral“, einer Erneuerung des Denkens und eines strukturellen Aufbruchs – weg von einer bloßen Bestandssicherung hin zu einer Bestärkung vorhandener Synergien, ja auch zu Versuchen neuer Kooperation der Pfarrseelsorge mit anderen Trägern kirchlichen Lebens, speziell der Caritas als e.V.
Ich spreche hier gleich einen Verdacht an, der jetzt entstehen könnte: Der Seelsorge „geht die Puste aus“ – jetzt sollen wir Caritasleute pastorale „Ausputzer“ sein. Nein: Das kann es nicht sein.
Seelsorge und Caritas haben und müssen ihr je eigenes Dienstleistungsprofil behalten. Aber könnte es nicht sein, dass sich dieses je eigene Profil durch das des Partners weitet, ja zusätzlich schärft – etwa im Blick auf säkulare, nichtreligiöse Anbieter? Und die haben wir ja nicht nur im caritativen Bereich, sondern auch in Gestalt einer „Säkularseelsorge ohne Gott“!
Darum noch einmal diese beiden theologischen Erinnerungen. Zum einen: Christsein ist bekanntlich keine „Robinsonade“. Der Herr ruft zwar immer Einzelne, aber er ruft sie in eine Gemeinschaft der Glaubenden. Das Ekklesiale, die „Kirchengestalt“ des Christlichen ist im Vollzug des christlichen Gottesglaubens von Anfang an mitgegeben. Doch ist es natürlich eine offene Frage, wie die konkrete Gestalt dieser Gemeinsamkeit im Glauben auszusehen hat. Derzeit ist absehbar, dass neben territorialen Strukturen der bisherigen Pfarrseelsorge andere, von unterschiedlichen Lebensräumen und auch Lebenserfahrungen geprägte „Orte“ des gemeinsamen Glaubens und des Bezeugens des Evangeliums wichtiger werden. Im Übrigen boten ja auch in der Vergangenheit neben den Pfarreien und Diözesen mit ihren Diensten und Personal immer auch die Ordensgemeinschaften eine interessante Parallelstruktur für die Seelsorge der Kirche an den Menschen.Und was sind kirchliche Verbände und Geistliche Gemeinschaften, und eben auch der Caritasverband, anderes als Kristallisationsorte von Kirche in einer sich wandelnden Welt?
Zum anderen darf eine geistliche Wegweisung für einen Weg in einem pastoral unübersichtlichen Gelände davon ausgehen, dass wir als Kirche von Gottes Geist geführt werden. Dieser theologischen Einsicht entspricht auf der Ebene des praktischen Handelns eine Grundhaltung der nüchternen Zuversicht, die sagt: Wenn bisher tragende seelsorgliche Struktur- und Handlungsmuster (aus welchen Gründen auch immer) wegbrechen, könnte es sein, dass sich andere, bisher wenig oder überhaupt nicht bekannte neue Möglichkeiten in der Pastoral auftun. Anders gesagt:
Es darf und muss durchaus „Trauerarbeit“ und eine „Kultur des Abschied-Nehmens“ im Blick auf vertraute seelsorgliche Möglichkeiten und Gepflogenheiten geben. Doch diese Trauerarbeit darf nicht das beherrschende Grundgefühl einer Ortskirche bleiben. Der Blick auf das, was nicht mehr geht, muss begleitet sein, ja in der geistigen und geistlichen Wachsamkeit sogar dominiert werden von der Ausschau nach Wegen und Türen, die sich neu auftun. Und auf diesem Wege kommen Partner in den Blick, von denen man bislang zwar wusste, aber die man manchmal nicht ernst nahm.
Dem Grundauftrag der Kirche auf der Spur bleiben
Einer der wichtigen Impulse für die Kirche in Deutschland in den letzten Jahren ist ein neu gewonnener Blick für die missionarische Präsenz von Kirche in der Gesellschaft.
Merkwürdigerweise hat das Thema missionarische Pastoral im Bistum Erfurt durch das Gedenken an das 800. Geburtsjahr der Bistumspatronin, der hl. Elisabeth von Thüringen, im Jahr 2007 eine kräftige Bestärkung erfahren. Ich möchte kurz von dieser Erfahrung berichten. Es lag für uns nahe, dieses Jahr der großen Heiligen der Nächstenliebe von Caritasverband und Gemeindeseelsorge zusammen vorzubereiten.
Dabei wurden wir auf die spannende und höchst aktuelle Frage aufmerksam, wie eine institutionell verfasste Caritas (als e.V.) von Gott sprechen und wie eine Pfarrgemeinde der Barmherzigkeit eine nichtinstitutionelle Gestalt geben kann. Es ging genau um dieses Miteinander einer Liebe, die (Gott) verkündigt, und eines Glaubens, der (dem Nächsten) dient. (Das vorliegende Impulspapier hat das im Teil II: Theologische Perspektiven, aufgegriffen). Im Blick auf die missionarische Dimension des ortskirchlichen Handelns unseres Bistums behaupte ich einmal: Das Elisabethjahr mit seinen vielen Veranstaltungen, in die caritative Einrichtungen voll mit einbezogen waren, war gelungene Gottesverkündigung auf „mitteldeutsch“.
Dieses Jahr hat gezeigt: Wer den Himmel ernst nimmt, wird für die Erde tauglich. Und das haben wohl so manche, von der alten DDR-Ideologie und ihrer Religionskritik beschädigten Thüringer mit Staunen entdeckt. Es ist wohl doch nicht so, dass Religion und Himmel nur etwas ist für „Engel und die Spatzen“, wie einst Heinrich Heine gespottet hat. Es ist wohl eher anders: Wer keinen Himmel kennt, bekommt mit der Erde Probleme. Und wer Gott ausblendet, versteht sich selbst nicht mehr. Das ist für mich so etwas wie eine pastorale Quintessenz des Elisabethjahres.
Warum erzähle ich das? Wer nach der Sache „Mission heute – aber wie?“ fragt, kommt wie von allein dazu, auch die notwendigen Strukturen und Vorgaben für eine missionarische Kirche zu wollen. Und dieses Wollen führt unweigerlich über den Rahmen einer „Versorgungspastoral“ hinaus.
Und wer Seelsorge nicht nur als Dienst der Geweihten an Nichtgeweihten versteht und als Dienst an Einzelnen (was sie jeweils auch ist!), wird offen für strukturelle Veränderungen, die in größer werdenden Einheiten und Netzen neue Chancen für eine „lebensraumorientierte Pastoral“ schaffen, die vorher so nicht im Blick waren.
Und wer schließlich Barmherzigkeit als Möglichkeit der Christusberührung, als „Sakrament des Bruders und der Schwester“, das „vor den Kirchentüren“ gespendet wird (nach einem Wort von Hans Urs von Balthasar), begriffen hat und wer gelernt hat, dass katholische Sozialwerke und Verbände davon leben, dass in ihnen Glaubende „Gesicht“ zeigen, der begreift auf einmal, dass auch kirchliche Einrichtungen Glaubensorte darstellen und Präsenz von Kirche in der weiten Fläche unserer Diözesen ermöglichen.
Es wird in allen unseren Bistümern in den kommenden Jahren wichtig werden, die strukturellen Reformschritte eng mit inhaltlichen pastoralen Vorgaben zu verknüpfen, und zwar in die aufgezeigte Richtung von Bistumskirchen, die inmitten einer pluralistischen Gesellschaft „Missionskirchen“ eines neuen Typs sein wollen, zwar gespeist aus alten christlichen Wurzeln und Traditionen, aber doch willens, in vielen Bereichen der heutigen Gesellschaft auch neue Wege zu gehen.
Arbeitsfelder der Seelsorge, die auch morgen aussichtsreich sind
Welche Wege bieten sich an? Ich habe in unserem Bistum fünf kirchliche Aufgabenfelder vorgegeben, die von allen, die in Pastoral und Caritas tätig sind, gleichsam „verinnerlicht“ werden sollten, selbst wenn nicht alle auf allen diesen Feldern, sondern (wie realistisch einzuschätzen ist) nur auf einigen oder gar nur einem engagiert sind. Mir geht es darum, dass möglichst viele im Bistum, die hauptamtlichen Pastoralmitarbeiter, unsere Ehrenamtlichen im Kern der Gemeinden und auch jene, die in unseren Einrichtungen bewusst für das kirchliche Profil stehen wollen, diese Arbeitsfelder und deren Chancen als gute Möglichkeiten kirchlichen Handelns in einer offenen Gesellschaft gemeinsam in den Blick nehmen.
Solche Zusammenarbeit bzw. Synergie von einzelnen Trägern bei gemeinsamen Initiativen, die durchaus arbeitsteilig sein können, wird nur gelingen, wenn alle eine gemeinsame Vorstellung von Kirche und von dem, wofür sie steht, haben. Um einen Vergleich aus der Computerwelt heranzuziehen: wofür die Kirche als hardware steht. Sagen wir es einmal ganz einfach:
• Eine Kirche, die durch ihre Lebensäußerungen mit Christus in Berührung bringt,
• eine Kirche, die das Miteinander der Glaubenden stärkt,
• eine Kirche, die einladend Türen für Interessierte öffnet.
Kurz: Eine Missionskirche neuzeitlichen Typs, die für postmoderne Menschen interessant wird.
Aber was wäre dann, in der jetzigen geschichtlichen Stunde, die software, die Kirche entwickeln sollte? Was sind die aussichtsreichen Arbeitsprogramme, mit deren Hilfe man diese Art des Kirche seins voranbringen könnte? Ich sage es sehr nüchtern: Wenn es also so ist, dass es in den kommenden Jahren weniger Priester geben wird, weniger Katholiken, größere pastorale „Räume“, eine noch stärkere Mobilität der Menschen und zudem ein sich weiter in Richtung Pluralismus und Bindungsschwäche veränderndes geistig-gesellschaftliches Klima – dann sollten wir in den Bistümern diese software besonders entwickeln und pflegen:
1. ehrenamtliche Seelsorge mit Eigenverantwortlichkeit stärken,
2. die Vernetzungsfähigkeit der Glaubenden fördern,
3. auf orientierende christliche „Leuchttürme“ setzen,
4. kirchliche Einrichtungen als „Pastoralorte“ stark machen,
5. nach einer Spiritualität der Gottesmystik, die dem heutigen Alltag standhält, Ausschau halten. Ich sage auch gern: Auf den geistlichen Grundwasserspiegel achten und ihn zu
heben suchen.
Nochmals: Nicht jeder kann und wird in all diesen Anliegen mit gleicher Intensität am Werke sein. Hier greift das, was ich vorhin: „arbeitsteilige Arbeit“ genannt habe. Wichtig wäre mir aber, dass möglichst viele diese Stichworte kennen und sich so im Ganzen des Bistumslebens „verorten“ können, unbeschadet dessen, was jeder/jede je nach Situation oder Möglichkeiten vor Ort durch eigene Aktivitäten einbringt.
Zudem bietet eine solche, von vielen Priestern, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Pastoral und Caritas verinnerlichte Sichtweise dieser Handlungsfelder die Chance, die schon bisher geleistete Arbeit in einen größeren Zusammenhang einzuordnen und so dem fatalen Eindruck zu wehren, als müsste jetzt alles völlig neu beginnen. Um noch einmal das Bild zu bemühen: Wer um die Qualität der hardware Kirche weiß, entwickelt und pflegt motivierter für sie eine zeitgemäße software, um Menschen von heute damit anzusprechen.
Es gäbe nun zu jedem der fünf software-Programme viel zu sagen.Ich möchte aus ihnen im Blick auf unser heutiges Thema nur den 4. Punkt beleuchten: Kirchliche, speziell caritative Einrichtungen „religiös musikalisch“ machen und als „Orte der Pastoral“ stärken.
Wie kann das gehen? Manche kirchliche Einrichtungen sind zwar oft in anderen Zeiten und Notsituationen entstanden, haben aber mit gewandelten Aufgabenstellungen bis heute große, eben auch seelsorgliche Bedeutung. Solche Einrichtungen erreichen täglich viele Menschen. In ihrer seelsorglichen Bedeutung nicht zu unterschätzen sind unsere kirchlichen Kindergärten, aber auch Schulen und Bildungseinrichtungen. Ich denke z. B. auch an die Jugendsozialarbeit, sei es vom CV getragen oder von Orden. Ich denke an Einrichtungen wie Familienzentren, an Suppenküchen und Sozialstationen, an Kleiderkammern oder Tauschbörsen diverser Art. Aber auch unsere Krankenhäuser, Seniorenheime und Beratungsdienste sind nicht nur reine Dienstleister, sondern auch Pastoralorte. Immer hängen an solchen Häusern auch Angehörige und Besucher, die solche „Brücken“ zur Kirche hin eher betreten als Kirchen und Pfarrhäuser.
Die Schwierigkeit, die ich sehe ist, dass milieubedingt oftmals die Gläubigen, die sich in den Pfarreien (oder auch katholischen Verbänden etc.) sammeln, wenig Lebenskontakt mit denen haben, die solche Sozialseinrichtungen der Kirche betreiben oder in ihnen anzutreffen sind, es sein denn, sie sind selbst Nachfrager und Nutznießer dieser Einrichtungen.
Nun kommt es sicher nicht darauf an, alle Gemeindeglieder in ehrenamtliche Caritasarbeit einzubinden – so gut das auch täte. Aber ich meine: Es muss in unseren Pfarrgemeinden vermehrt eine größere Sensibilität für die soziale Wirklichkeit geben, in der sie leben. Ich höre beispielsweise aus dem Bistum Essen, bedingt durch die dort weitmaschiger werdenden Pfarrstrukturen, wie frei werdende Gemeindezentren und Häuser verstärkt für kirchliche Sozialarbeit genutzt werden, und zwar unter konkreter Mithilfe der Pfarrgemeinden und ihrer Gremien.
Es ist heilsam, wenn immer wieder Gemeinden sich die Nöte vergegenwärtigen, in denen Menschen in und außerhalb der Kirchgemeinde leben. In größeren Gemeinden könnte ein Caritasteam diese „Pastoral der offenen Augen“ wach halten und nach zeichenhaften Projekten mit diakonischer Ausrichtung Ausschau halten. Unsere Caritaseinrichtungen sollten auf jeder Dekanatskarte mit verzeichnet sein und so Pfarrgemeinden und Einrichtungen helfen, sich stärker in den Blick zu nehmen.
Welcher geistliche Nutzen könnte aus solchen Synergien erwachsen? Ich versuche abschließend, einige solcher Positiv-Posten aus einer verstärkten Zusammenarbeit von Caritas und Pastoral zu skizzieren.
Pastoral und Caritas – das Atmen der Kirche „auf zwei Lungenflügeln“
Wir sind uns einig: Das Gotteslob der Liturgie ist wichtig, aber eben auch das Gotteslob der tätigen Nächstenliebe. Unsere Gemeinden müssen mit zwei Lungenflügeln atmen. Ich sehe in diesem immer neu auszutarierenden Gleichgewicht des kirchlichen Lebens für unsere Pastoral in den geweiteten Räumen folgenden geistlichen Gewinn:
1. Wer sich menschlicher Not stellt, wird offener für Gott.
Unseren Gemeinden haftet oft eine gewisse „Bürgerlichkeit“ an. Gerade durch die heutige gesellschaftliche Situation gibt es Tendenzen zu einer Gemeinde, in der sich die mittleren Einkommensschichten sammeln, aber die „Kleinen“, die Benachteiligten draußen bleiben. Die echte menschliche Not versteckt sich ja gern. Ich verstehe unter den Benachteiligten die ganze Palette von Benachteiligungen, denen Menschen ausgesetzt sein können: Behinderungen, Krankheiten, Einsamkeit, Suchtabhängigkeit, materielle Not, Überforderung u. a. mehr. Ich habe in unserem Bistum angeregt, in den Gemeinden (über die bestehenden Elisabeth- oder Vinzenzgruppen hinaus) kleine Caritas-Teams einzurichten, die dafür sorgen, dass die Gemeinde sich diesem Blick auf die Not in ihrem Umfeld bewusst stellt und Phantasie zur Hilfe entwickelt. Wo wir sensibel werden für anstehende Not, dort fangen wir an, „mit den Augen Gottes“ zu sehen. Wir öffnen uns selbst mit unserer eigenen Bedürftigkeit dem, der uns alle reich machen kann und will.
2. Die geistigen und faktischen Grenzen von Gemeinde werden durch den Einbezug der Caritasarbeit ausgeweitet.
Es sind meistens mehr Menschen sozial engagiert als tatsächlich zur Kirche kommen bzw. am gottesdienstlichen Leben der Gemeinde teilnehmen. Wenn es gelänge, den gemeindefernen, kirchendistanzierten Getauften deutlich zu machen: In eurem konkreten Dienst am Nächsten (hauptamtlich, ehrenamtlich, Selbsthilfegruppen etc.) bekennt ihr durch euer Tun euren Glauben, dann wäre das keine „Vereinnahmung“ dieser distanzierten Menschen, sondern meines Erachtens eine Chance, ihnen wieder Heimatrecht in der Gottesdienstgemeinde zu geben, aus der sie sich (aus unterschiedlichsten Gründen) verabschiedet haben. Es geht um die Anerkennung, die Wertschätzung ihres Engagements. Ob da Brücken zu bauen wären?
3. Die Einbeziehung der hauptamtlichen caritativen Mitarbeiter mit ihrer „Kompetenz“ bereichert das Gemeindeleben.
Es ist kein Geheimnis: Auch unter den Caritasmitarbeitern findet sich Kirchenmüdigkeit, Glaubensdistanziertheit, besonders wenn biographische Probleme dazukommen. Es ist wichtig, dass hauptamtlich Tätige im Caritasdienst der Kirche erkennen, dass ihr Beruf etwas mit ihrem Glauben zu tun hat. Ja, dass ihre berufliche Arbeit sie Christus näher führen kann, also eine spirituelle Dimension hat.
Wir können also helfen, dass solche Menschen von innen her immer neu auch geistlich motiviert werden und bleiben, und auch ihrerseits die Ehrenamtlichen in der Gemeinde „anstecken“. Darum sollten hin und wieder kirchliche (oder auch nichtkirchliche) Sozialarbeiter in der Gemeinde, im Gottesdienst „vorkommen“, in den Blick gerückt werden, auf ihren Dienst hin angesprochen werden, etwa von ihren Erfahrungen in einem Gemeindekreis einmal berichten können etc.?
4. Manche Gemeindemitglieder lassen sich auf neuere Formen sozialen Engagements hin besser ansprechen.
Die Vinzenz- und Elisabeth- oder Caritasgruppen sind meist, wenn vorhanden, für die ganze Gemeinde ein Segen. Aber es gibt auch neuere Formen des Engagements: Patenschaften, Besuchsdienste, Fördervereine. Es gibt Selbsthilfegruppen in unterschiedlichsten Anliegen. Es gibt manchmal sogenannte Freiwilligenzentren, „Börsen“ der ehrenamtlichen Hilfe, wo Helfer und Notlagen zusammengeführt werden. Es gibt also weite, vielen Priestern oft noch unbekannte Felder von neuen Kooperationsmöglichkeiten zwischen professioneller und ehrenamtlicher Arbeit, wo Pfarrgemeinden sinnvoll sich einbringen können. Die Caritaseinrichtungen selbst können solches Engagement schon aus Eigeninteresse heraus nur unterstützen. Es kommt ja auch ihnen zugute.
Erfreulich finde ich beispielsweise auch manche Initiativen der Hospizarbeit, in der bei uns oft Christen und Nichtchristen zusammenarbeiten. Oftmals geht hier der Caritasverband inspirierend voran bzw. begleitet solche Initiativen.
Ein Pluspunkt, der der verbandlichen Caritasarbeit zugute kommen könnte:Die nichtprofessionelle Caritasarbeit der Gemeinden inspiriert und bereichert die professionelle
Sozialarbeit. Es ist bekannt, dass gerade die hohe Spezialisierung vieler sozialer Dienste die ganzheitliche, menschliche Dimension der Hilfe in Not verkürzt. Ehrenamtliche soziale Arbeit ist oft viel näher an den Menschen als mancher Spezialdienst. Nichtprofessionelle Arbeit ist oft erfrischend spontan.
Sie ist auch insofern wichtig, als sie die professionelle Hilfe absichert und ihr „Nachhaltigkeit“ gibt. Sie bettet eine Einrichtung in eine Region ein und schafft ihr willkommene „Sympathieträger“. Ich frage bei Visitationen in den Pfarreien gern nach, wie über vorhandene Caritaseinrichtungen vor Ort geredet wird. Das ist entscheidend für das Vertrauen, auf dass eine Einrichtung in der Bevölkerung ja bleibend angewiesen ist.
Und den Pfarrgemeinden sage ich: Unsere Pfarrgemeinden stehen mit ihrem sozialen Engagement zwischen Markt und Staat, zwischen völliger Liberalisierung und völliger Verstaatlichung von Sozialleistung. Pfarrgemeinden mit solch einem sozialen Sensus sind in dieser Hinsicht ein wichtiger Baustein für eine humane Weiterentwicklung unserer Gesellschaft. Das sollten wir uns durchaus auch mit Selbstbewusstsein sagen. Unsere oft nichtchristlichen Behörden in den neuen Bundesländern zumindest sind davon überzeugt.
Ich fasse zusammen:
Zeiten des Umbruchs sind nicht immer angenehm. Sie eröffnen ungewohnte Horizonte, bringen Unruhe, verlangen Bereitschaft zu neuen Einstellungen. Wenn unsere Pfarrseelsorge in den geweiteten Räumen caritativer – und die Caritas „pastoral musikalischer“ wird, kann das beiden nur gut tun. Und noch mehr wird es den Menschen gut tun, die davon den Nutzen haben.