Tag des Herrn - Katholische Wochenzeitung

Lesen Sie hier die Überschriften zu den neuesten Artikeln der katholischen Wochenzeitung »Tag des Herrn«:

  • 07.06.2024
    Juliane Bittner
    Gesprächsbank Katholikentag

    Foto: kna/Harald Oppitz

    Viele Besucher nutzten den Katholikentag für die persönliche Begegnung und Austausch.

    Wer kommt heutzutage zu solchen Großveranstaltungen? Hat der vielbeschworene Austausch zwischen ost- und westdeutschen Christen wirklich stattgefunden? Unsere Berliner Autorin ist beim Katholikentag neugierig durch Erfurt geschlendert.

    Musiker auf der Bühne
    Bild: kna/Julia Steinbrecht
    Immer wieder war auf dem Katholikentag Musik zu hören 
    – in unterschiedlichsten Facetten.

    Volksfeststimmung herrscht auf dem Erfurter Domplatz. Himmel und Menschen. Auf der Bühne rockt eine Band. Junge Leute beginnen im Kreis zu tanzen. Etwas abseits steht ein älterer Herr und schaut dem Treiben zu. Eine Jugendliche geht auf ihn zu, reicht ihm die Hand und holt ihn hinein in den Kreis. Der Mann wirkt überfordert, lässt es aber geschehen. Die jungen Leute lassen sich auf ihn ein, tanzen langsamer. Als er den Kreis wieder verlässt, sagt er kein Wort. Doch auf seinem Gesicht liegt ein scheues Lächeln.

    An der Severi-Kirche sitzt eine braungebrannte Mittvierzigerin. Urlaub oder Schrebergarten, denke ich. Neben ihr ist noch Platz, ich setze mich dazu. Sie blättert etwas ratlos im Programmheft. „Suchen Sie was Bestimmtes“, frage ich. „Ja, Futter für meinen Glauben.“ Sie sei in der Uckermark zuhause, erzählt sie, dass sie als Landwirtin im Landesbauernverband aktiv sei und mit ihrem Traktor bei den Protesten dabei war. „Politische Diskussionen sind wichtig, klar, aber hier will ich mir Hoffnung holen.“

    Der Herr neben ihr bietet uns erstmal „Glückskekse“ an. Auf der Verpackung steht „Du bist das Jetzt Gottes“. Er komme aus Hamburg, stellt er sich vor, und dass er sie verstehen könne. Ob er denn eine Idee habe fürs Frieden schaffen? Er schmunzelt: „Wie wär’s mit Beten?“ Die Bäuerin aus Prenzlau nickt: „Verraten Sie mir auch, wie Sie beten? Ich hab da so meine Probleme.“ Ein Ost-West-Glaubensgespräch beginnt.

    Kaffee und Frieden

    Tanzen am Katholikentag
    Bild: kna/Julia Steinbrecht
    Auf dem Erfurter Katholikentag wurde eine Menge getanzt.

    Am Anger läuft mir eine junge Frau mit zwei Kaffeebechern und dem Handy in den Händen über den Weg. Wenn das mal gut geht, denke ich, und frage, ob ich ihr einen Becher abnehmen soll, bevor der Kaffee das T-Shirt verziert. „Das ist voll lieb.“ Wir gehen ein Stück gemeinsam und landen beim Thema Frieden. „Da bin ich bin total der Meinung des Papstes. Es ist immer besser zu verhandeln, sich für den Frieden stark zu machen als sich für den Krieg zu, ertüchtigen‘.“

    Sie berichtet von einem Mann, der 1992 aus Görlitz in ihre Gemeinde im Sauerland gekommen war. In der DDR hätte er bei den „Spatensoldaten“ der NVA gedient. Damals wäre klar gewesen: Ein Christ verweigert den Kriegsdienst mit der Waffe. „Er hat sogar in Kauf genommen, dass er deswegen nicht studieren durfte. Für mich ist er ein Mensch des Friedens.“

    Inzwischen haben wir ihre Freundin erreicht, die mit zwei Stück Huckelkuchen auf den Kaffee wartet. Der Kuchen sei so „huckelig“ wie die Landschaft, hat sie von der Verkäuferin gelernt. Später wollen sie einen Gottesdienst besuchen, den der Erfurter Malteser Hilfsdienst mit vorbereitet hat. „Wir sind bei den Maltesern und wollen neue Kameraden kennenlernen.“

    Inspirationen für Ehrenamtliche

    Am Thüringer-Rostbratwurst-Stand stehen zwei Frauen vor mir in der Schlange. Eine ist aus Potsdam, die andere aus Berlin. Die Lehrerin aus Kreuzberg erhofft sich Impulse für die Beheimatung von Kindern in der Gemeinde und fürs Ehrenamt. Ihre Bekannte nickt: „Viele klagen, dass die Seelsorge den Bach runtergeht.“ Die Hauptamtlichen seien am Limit. Und Ehrenamtliche, die versuchen, „den Laden irgendwie zusammenzuhalten“, fühlten sich überfordert. „Ich brauche einfach neuen Schwung, deshalb bin ich hier.“ Auf der Kirchenmeile, einer Mischung aus Markt der Möglichkeiten und Ideenbörse, habe sie schon einiges gefunden, das sie „abkupfern“ wolle.

    Für die Informatikerin aus Potsdam sind Katholikentage so was wie Familientreffen: „Eben hab ich ein Ehepaar aus Freiburg getroffen, das ich vor 20 Jahren im Urlaub kennengelernt hatte. Die sind jetzt mit ihren Enkeln hier.“

    Am Stand der Erzbistums Berlin unter dem augenzwinkernden Motto „Bei Gott ist es nie zu Späti“ steht ein Mann mit kurzen Rasta-Locken, die ihm lustig vom Kopf abstehen. Der Jura-Student aus Augsburg wartet auf seine Partnerin, die Erfurt erkundet. „G‘hört auch amal dazu“, sagt er im gemütlichen Schwäbisch. Beide waren noch nie im Osten der Republik.

    Wen er hier treffen wolle, frage ich ihn. „Den Soziologen Hartmut Rosa und den Linken-Politiker Bodo Ramelow“. Und warum? „Weil die ihre Überzeugung sachlich begründen und eine Vision von Zukunft suchen, auf die es sich lohnt, zuzugehen.“ Kleiner Schluck aus der Club-Mate-Flasche, dann „und die politisch Andersdenkende nicht moralisch herabwürdigen“.

    Gute Streitkultur erleben

    Das Moralisieren in der Politik führe dazu, „dass es eine angeblich politisch-moralisch richtige Meinung gibt und wer die nicht teilt, ganz schnell als schlechter Mensch dasteht“. Bei Gesprächen, die er etwa am Stand der Katholischen Militärseelsorge oder bei Pax Christi hatte, habe er eine gute Streitkultur erlebt: „Da wurde einander zugehört und sachlich diskutiert.“

    Ministerpräsident Ramelow
    Foto: epd/Paul-Phillip Braun 
    Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow war ein begehrter Gast auf dem Katholikentag. Für die einen als Sprecher, für andere als Fotomotiv.

    Ministerpräsident Ramelow wolle er treffen „weil der für die Aufnahme eines Waffenlieferverbots ins Grundgesetz wirbt, also dass aus Deutschland keine Waffen exportiert werden. Nirgendwohin. Utopisch, sollte aber hier, wo es um die biblische Friedensvision geht, thematisiert werden“.

    Ich erzähle von einem Leipziger Studenten, den der Aufnäher „Schwerter zu Pflugscharen“ auf dem Parka in den 1980ern fast ins Gefängnis gebracht hätte. „Krass“, sagt angehende Jurist, „der war ungefähr so alt wie ich?“ – „Mmh.“ – Wir schweigen. Es ist ein gutes Schweigen.

    Auf dem Fischmarkt sitzt ein junger Mann auf dem Asphalt. „Ich helfe“ steht auf seinem grünen Halstuch. Und müde sieht er aus. „Bin ich, hab ne Schicht hinter mir“, sagt er. „Aber macht ja auch Spaß. Ihr seid echt super drauf, sogar wenn’s in Strömen gießt.“

    Perfekt vorbereitet auf Regenwetter ist die „Familien-Oase“ im Ursulinenkloster. Kinder können basteln, spielen, toben und Mama (oder Papa) in der Hängematte entspannen. Eine Familie aus Husum genießt die Oasenzeit. „In Friesland sind nur wenige katholisch“, erzählt der Vater. In Erfurt mit Tausenden zusammen Eucharistie zu feiern und „unbefangen über meinen Glauben und meine Kirche reden zu können, das gibt mir Kraft“.

    „Wir brauchen euch“

    Ein Tag geht zu Ende. Im Bus sieht der Mann neben mir meinen Katholikentags-Schal und legt los: „In der ‚Sächsischen Zeitung‘ stand, dass bei uns 30 Millionen Menschen von der Hand in den Mund leben. Weil die nix auf der hohen Kante haben. Wer dann richtig krank wird oder arbeitslos, der ist am A…“ Dass die Katholiken auch über die Armut der Deutschen reden, finde er gut.

    „Ich bin gelernter DDR-Bürger“, erklärt er mir, heißt: nicht kirchlich sozialisiert. Seine Frau wäre aber in einem katholischen Pflegeheim betreut worden: „Das Personal war immer aufmerksam, richtig lieb zu meiner Gundi. Also macht weiter so. Wir brauchen euch.“ 

    Auch das Thema Krieg gehe ihm nahe: „Wenn ich mir vorstelle, dass meine Enkel vielleicht in den nächsten Krieg ziehen müssen…“, sagt er leise. Und dann: „Sie glauben doch an Gott. Beten Sie, dass der das verhüten möge.“ Ich verspreche es ihm.

    Spaziergang über den Katholikentag Erfurt
  • 06.06.2024
    Dorothee Wanzek
    Prämonstratenser Magdeburg

    Foto: Prämonstratenser Magdeburg 

    Altfried Kutsch, Clemens Doelken, Oliver Potschien und Andreas Struck (von links) vor dem Klosterneubau

    In ihrem Magdeburger Klosterneubau sind die Prämonstratenser-Chorherren jetzt zu viert. Pater Oliver Potschien, der bisher im Kloster Duisburg-Hamborn gelebt hat, ist zur Verstärkung nach Magdeburg gekommen. Jetzt kann das Klosterleben Fahrt aufnehmen.

    Auch wenn noch nicht jedes Bild seinen endgültigen Platz an der Wand gefunden hat, die eine oder andere Kiste unausgepackt in der Ecke steht und man baulich an einigen Ecken noch auf Unfertiges stößt – bei den Prämonstratensern in Magdeburg ist Erleichterung spürbar: „Endlich ist normales Klosterleben möglich. Wir können im neuen Kloster gemeinsam wohnen, beten und arbeiten und haben auch noch Platz für Gäste, die eine Zeitlang mitleben möchten“, sagt Pater Clemens Dölken, Prior der Magdeburger Gemeinschaft.

    Darauf hatte die Gemeinschaft 23 Jahre lang gewartet. Immer wieder hatten sich die Planungen und der Bau verzögert, zuletzt durch archäologische Ausgrabungen und Anforderungen der Denkmalpflege. Vor wenigen Tagen haben sie ihr bisheriges Domizil in der Büchnerstraße im Stadtteil Cracau ausgeräumt und können sich damit in der Nähe der St. Petri-Kirche nun ganz und gar auf das Neue konzentrieren.

    „Stiften Sie ein Stift!“

    Platz bietet das helle, lichtdurchflutete Kloster mit Elbblick nun für sechs Prämonstratenser. Clemens Dölken wäre zufrieden, wenn sich zu dem aktuellen Quartett irgendwann ein fünfter dazugesellen würde – und hält diese Hoffnung für durchaus realistisch. „Magdeburg hat bei den Prämonstratensern international einen besonderen Klang“, erläutert er, „schließlich war es die Bischofsstadt des heiligen Norbert, unseres Gründers.“

    Ein Risiko ist und bleibt ein Klosterbau trotzdem, dessen sind sich die Chorherren bewusst. Eine große Zahl von Spendern und Unterstützern stimmt sie aber zuversichtlich. „Deutschlandweit teilen viele Menschen unser Anliegen, hier einen Ort der Begegnung mit Gott und den Menschen zu bauen“, sagt Pater Dölken. In Magdeburg habe die Gemeinschaft Vertrauen gewonnen, nicht zuletzt durch ihre jahrzehntelange Arbeit in der Pfarrei- und Studentenseelsorge. Dank vieler Spenden seien inzwischen „nur noch“ Rechnungen in Höhe von 148 000 Euro offen. Zur Klostereröffnung im Oktober hätten noch rund 250 000 Euro gefehlt.

    Um das Kloster langfristig finanziell abzusichern, haben die Patres vor kurzem die Aktion „Stiften Sie ein Stift!“ ins Leben gerufen. Mit „Bausteinen“ ab fünf Euro können sich Förderwillige an einem Aufbaufonds in Höhe von 250 000 Euro beteiligen, aus deren regelmäßigen Erträgen der dauerhafte Erhalt des Klosters und der Ausbau von Arbeitsräumen im benachbarten alten Gemeindehaus bezahlt werden könnte. Darüber hinaus werben die Prämonstratenser für den Beitritt in ihren bestehenden Förderverein. „Wir hoffen auch auf Spendenaufrufe für das Kloster zu Geburtstagen, Trauungen und Beerdigungen und auf Vermächtnisse“, schreiben die Patres auf der kürzlich eigens für den Klosterneubau eingerichteten Internetseite www.klosterneubau.de.

    Von allen Seiten zugänglich

    Mit staatlichen Fördermitteln werde derzeit an der Zugangsstraße zum Kloster weitergebaut, heißt es dort weiter. Geplant sei, dass das Kloster und die benachbarten evangelisch-lutherischen, reformierten und katholischen Gemeinden, die in den „Ökumenischen Höfen“ mit ihm verbunden sind, in Zukunft von allen Seiten zugänglich sein werden.

    Von der Elbe her soll einmal ein Treppenaufgang ins Kloster führen. Von hier aus sollen auch die öffentlichen Bereiche der Romanischen Stube und dem so genannten Lutherturm der historischen Stadtmauer – unter anderem für Stadtführungen – einen Zugang bekommen.

    Zur Sache
    Nach 350 Jahren sind die Prämonstratenser in den 1990er Jahren von der Abtei Duisburg-Hamborn aus nach Magdeburg zurückgekehrt, wo ihr Ordensgründer Norbert von Xanten im zwölften Jahrhundert acht Jahre lang Erzbischof war. Der Klosterneubau entsteht in der Altstadt am westlichen Ufer der Elbe

     

    Prämonstratenser in Magdeburg
  • 06.06.2024
    Ruth Weinhold-Heße
    Anselm Grün in Meißen

    Foto: Privat

    Angelika und Markus Banowski mit Pater Anselm Grün bei einem seiner Besuche in Meißen.

    Seit über 20 Jahren kommt Anselm Grün regelmäßig nach Meißen. Angelika und Markus Banowski laden ihn ein und organisieren die Abende. Warum sie das tun, verrät Markus Banowski.

    „Wir könnten locker damit reich werden, wenn wir 20 Euro pro Karte verlangen“, sagt Markus Banowski. „Aber das wollen wir bewusst nicht tun.“ Rund 500 Menschen erhalten eine Karte für einen Vortragsabend mit Anselm Grün im Meißner Theater. Die Vorträge finden regelmäßig rund alle zwei Jahre statt –­ seit über 20 Jahren schon. Markus Banows-ki und seine Frau Angelika laden den berühmten Pater aus der Benediktinerabtei Münsterschwarzach bei Würzburg ein, und zwar ganz privat. Wer dabei sein will, ruft bei ihnen zuhause an und erhält anschließend eine kostenlose Eintrittskarte per Post zugeschickt. Auf der Warteliste stehen in manchen Jahren bis zu 400 Personen, die den Erfolgsautor Anselm Grün hören möchten.

    „Wir wollen, dass so viele Menschen wie möglich die Liebe Gottes erfahren, wie sie Pater Anselm ausstrahlt“, erklärt der Ordinariatsrat, der für das Bistum Dresden-Meißen die Abteilung Personal leitet. Die Vorträge mit Pater Anselm organisiert er als Hobby, abends ruft er Menschen zurück, die auf den Anrufbeantworter gesprochen haben. „Da entstehen manchmal am Telefon sehr tiefe Gespräche“, erzählt er.

    „Anselm Grün hat mir geholfen, mein Leben anzunehmen“

    Grund für die erste Einladung 2003 war ein tiefgreifendes Erlebnis des Ehepaares: Markus Banowski war schwer krank und seine Frau ermutigte ihn, mit ihr am Seminar „Wenn ich nicht mehr beten kann“ teilzunehmen, das Pater Anselm in Münsterschwarzach hielt. „Ich kannte ihn überhaupt noch nicht, meine Frau hatte ein paar Bücher gelesen. Das Seminar hat uns beiden so viel Kraft gegeben! Pater Anselm ermutigte mich, meine Krankheit anzunehmen und zu umarmen. Das hat mir geholfen, mein Leben anzunehmen, wie es ist.“ Diese Erfahrung wollte er unbedingt weitergeben, an möglichst viele Menschen. Pater Anselm sagte der ersten Einladung schnell zu, es entstand eine Freundschaft zwischen der Familie Banowski und dem Pater. Inzwischen geben die Meißner selbst die Themen vor, die sie als aktuell wichtig in ihrer Region betrachten: „In diesem Jahr wollten wir gerne, dass Pater Anselm über Hoffnung spricht, weil gerade so viele Menschen hoffnungslos sind.“

    Der Pater gehe auf die Themenanfragen auch immer ein, erklärt Banowski. „Anselm Grün geht ohne Zettel auf die Theaterbühne und spricht eine sehr natürliche Sprache. Er kommt sehr authentisch rüber und lebt das, was er sagt. Das kommt bei den Leuten gut an.“ Und auch, wenn der Pater nach der Veranstaltung grundsätzlich noch die Heimfahrt antritt, um sein Klosterleben nicht zu vernachlässigen, lebe er im Augenblick, nehme sich Zeit für die Signierstunde und auch viele persönliche Gespräche. „Er ist komplett für den da, mit dem er spricht“, beschreibt Markus Banowski seine Erfahrung.

    Mit den Jahren hat sich ein kleiner privater Helferkreis gebildet, die Kosten werden durch Spenden gedeckt, aber das Finanzielle ist für das Ehepaar Banowski Nebensache. „Wir machen das bewusst kostenlos, damit auch die kommen, die es sich sonst nicht leisten könnten.“ Das Publikum im Meißner Theater ist in der Regel gut gemischt, über- und auch nichtkonfessionell. Geworben wird unter anderem im Kulturkalender der Stadt, aber auch in katholischen und evangelischen Gemeinden. Die Vortragsabende schließe Pater Anselm jedes Mal mit einer Gebetsgebärde. „Da lassen sich alle drauf ein, egal ob Christ oder nicht. Da könnte man eine Stecknadel fallen hören. Das ist jedes Mal sehr berührend“, erzählt Markus Banowski.

    Pater Anselm Grün spricht in Meißen über „Hoffnung in verwirrender Zeit“
    Wann? 17. Juni, 19.30 Uhr
    Wo? Theater Meißen (Theaterplatz 15) Der Eintritt ist frei, für die Unkosten wird eine Spende erbeten
    Kartenbestellung bei Angelika & Markus Banowski: Pfarrgasse 2, 01662 Meißen / Telefon: 0 35 21 / 73 71 97

     

    Vortragsabend mit Anselm Grün in Meißen
  • 06.06.2024
    Thomas Marin
    Image
    Märkischer Katholikentag in Branderburg an der Havel
    Nachweis

    Fotos: Thomas Marin

    Caption

    Nach dem Festhochamt mit Erzbischof Heiner Koch wurde der Märkische Katholikentag auf dem Hof vor der Dreifaltigkeitskirche gefeiert.

    Der Märkische Katholikentag am Pfingstmontag in Brandenburg an der Havel war vor allem durch viele Jugendliche und das Gedenken an den ersten Blutzeugen des Bistums Berlin geprägt.

    St. Nikolai Kirche
    Am Abend des Pfingstsonntags beteten die Jugendlichen in St. Nikolai.

    „Guten Morgen, Sonnenschein!“ – zu den Klängen des alten Schlagers regte es sich in den Schlafsäcken auf dem Rasen und in den Räumen der Gemeinde Heilige Familie in Brandenburg. Die wenigen Stunden zwischen der Pfingstnacht der Jugend und dem Gottesdienst mit Erzbischof Heiner Koch im Brandenburger Dom hatten einige Jugendliche im Freien oder unter den Pavillons, die für den Kuchenstand aufgebaut waren, verschlafen.

    Mehr als 80 junge Katholiken aus der Region zwischen Rathenow, Brandenburg und Nauen über Potsdam bis nach Blankenfelde waren am Pfingstsonntag in die alte Bischofsstadt gekommen. Seit 2015 stimmt die Pfingstnacht auf den früheren Dekanatstag ein. So viele Teilnehmer wie diesmal gab es aber noch nie. Gemeinsam zogen sie nach einigen Spielen und dem Abendbrot in die Altstadt, wo die Nikolaikirche mit ihrem romanischen Flair zum Gebetsabend einlud. Einladendes Licht, Musik von Taizé bis Lobpreis und der eucharistische Christus in der Monstranz hielten die meisten bis nach Mitternacht in der Kirche. Vor der Kirche bot die Lounge an der Feuerschale Gesprächsmöglichkeiten, während in der Kirche vier Priester mit dem Angebot von Beichte und Segen kaum Pausen hatten.

    Zurück auf dem Pfarrgelände blieben manche nach dem Nachtimbiss noch lange auf dem Hof zusammen, während sich andere die Nacht zur Anbetung bis in den Morgen aufgeteilt hatten. Langes Ausruhen stand anschließend nicht auf dem Plan: das Frühstück wollte vorbereitet werden und während die einen als Minis-tranten zum Dom aufbrachen, richteten die anderen das Pfarrgelände für das Programm des Märkischen Katholikentags her.

    Die mehr als 400 Teilnehmer am Gottesdienst in der Mutterkirche des Brandenburger Christentums merkten nichts von den Anstrengungen der Nacht, wenn auch einigen Jugendlichen beim Gruß des Erzbischofs und der langen Ezechiel-Lesung die Augen zufallen wollten. Im Gegenteil, die fröhliche Stimmung schien sich trotz einiger Regentropfen auf die vielen Teilnehmer zu übertragen, die nach der heiligen Messe für das weitere Programm zum Pfarrgelände zogen.

    Den inhaltlichen Schwerpunkt des Tages bildete das Erinnern an den letzten großen Märkischen Katholikentag vor 90 Jahren und an Erich Klausener. „Sei wahrhaftig in deinem Handeln“, eine der Lebensmaximen des Vorsitzenden der Katholischen Aktion, war zusammen mit dem Johannesvers „Der Geist der Wahrheit wird euch leiten“ das Doppelmotto für den Tag. Beim Katholikentag im Juni 1934 in Hoppegarten hatte Klausener die 40 000 Teilnehmer mit einer Rede begeistert, die ihn allerdings auf die Todesliste der Nazis brachte. Tage später wurde er in seinem Dienstzimmer im Reichsverkehrsministerium erschossen.

    Im Pfarrsaal stellte ihn Josef Wieneke, Pfarrer der Gemeinde St. Matthias in Berlin-Schöneberg, deren Kirchenvorstand Klausener angehört hatte, vor allem als praktisch handelnden Christen vor. Aus tiefem Glauben sei dieser ein „Macher“ gewesen, der als Christ, als Landrat und Ministerialbeamter auf die konkreten Nöte der Menschen reagiert habe. An seinen Wirkungsorten sei er durch seine sozialpolitischen Initiativen auch heute noch ein brauchbares Vorbild für christliches Engagement.

    Märkischer Katholikentag in Brandenburg
  • 06.06.2024
    Pater Josef kleine Bornhorst
    Anstossbild
    Es gibt Situation im Leben, die vergisst man nicht. So erging es mir, als ich vor einigen Wochen nicht mehr hören konnte.

    Pater Josef Kleine Bornhorst
    Josef kleine Bornhorst
    Prior des Dominikanerklosters in Leipzig

    Alles war still um mich, kein Gespräch war möglich, kein Weckerton zu hören, kein Gespräch am Handy. Auch im Kloster war es still um mich herum, mit meinen Mitbrüdern war nur noch schriftliche Kommunikation möglich. Die Diagnose des Arztes lautete „Gehörsturz“. 

    Daraufhin suchte ich eine Hals-Nasen-Ohren-Ärztin auf. Sie erklärte, was zu tun sei, informierte mich über die Behandlungsmöglichkeiten – bis hin zu einem operativen Eingriff. Nach einigen Tagen meldete sich schrittweise das Gehör wieder. Ich bin wieder ein Hörender, Gott sei Dank!

    Ich bin dankbar dafür. Ob es Stress oder andere Faktoren waren, die dazu führten, ist nicht so entscheidend. Wichtig ist, wieder zu hören: den Klang der Stimmen und die Möglichkeit zum Gespräch, das Gezwitscher der Vögel, den Klang der Musik, das Rauschen des Wassers unseres Klosterbrunnens und so vieles mehr. Ich höre bewusster, intensiver und dankbarer.

    Doch weiß ich auch, das es nicht nur das äußere Ohr gibt, sondern auch das innere Ohr, es gibt die äußere Stimme und die innere Stimme. Es gibt die menschliche und die göttliche Stimme, die zu mir und die in mir spricht.

    Ja, jeden Morgen weckt Gott mein Ohr, auf das ich höre – die verschiedenen Stimmen, die lauten und leisen Töne. Wichtig ist aber auch, Gottes Stimme zu hören, zu erkennen, wenn er zu mir spricht.

    Dazu lade ich ein: „Hört auf die Stimme des Herrn, verschließt ihm nicht das Herz.“

    Anstoß 18/2024
  • 03.06.2024
    kna
    Konzert beim Katholikentag vor dem Erfurter Dom

    Foto: kna/Julia Steinbrecht

    Glaubensfest: Zum Konzert der Band "Knallblech" versammelten sich viele Menschen vor dem Erfurter Dom. 

    Der Katholikentag in Erfurt ist mit einem großen Open-Air-Gottesdienst zu Ende gegangen. Die Veranstalter ziehen eine positive Bilanz. Zum Abschluss gab es eine Geste für die Flutopfer und eine klare Botschaft für den Schutz der Menschenwürde.

    Mit einem stimmungsvollen Gottesdienst im Zentrum von Erfurt ist der 103. Deutsche Katholikentag zu Ende gegangen. Vor der imposanten Kulisse des Erfurter Doms sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, man denke an die Opfer des Hochwassers in Süddeutschland und fühle sich ihnen besonders verbunden.

    Katholikentags-Präsidentin Irme Stetter-Karp rief dazu auf, die Würde aller Menschen gegen Angriffe zu verteidigen. Die Botschaft des fünftägigen Treffens sei: "Wir wollen miteinander leben - nicht gegeneinander! Wir wollen den Frieden suchen - und dem Hass widerstehen." Demokratie und Christsein passten gut zusammen. "Was wir hier öffentlich bestärkt haben, muss auch in Zukunft gesagt werden können: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Damit das so bleibt, müssen wir den öffentlichen Raum verteidigen."

    Bischof Neymeyr: Dankbar für so schöne Begegnungen

    Bischof Bätzing rief dazu auf, sich durch Krisen nicht entmutigen zu lassen. "Wir werden den Krisen, die unser Zusammenleben und die Zukunft unserer Erde bedrohen, eher etwas entgegenhalten können, wenn wir den entspannten langen Atem des Vertrauens auf Gott mit einbringen." Der Katholikentag habe gezeigt, dass Christinnen und Christen aufstünden, "wenn Antisemitismus und Rassisismus versuchen, Raum zu greifen".

    Auch die Veranstalter haben eine positive Bilanz gezogen. Im Blick auf Krisen und Kriege stand der Katholikentag unter dem Leitwort "Zukunft hat der Mensch des Friedens". Als besonders zukunftsweisend bezeichnete ZdK-Präsidentin Stetter-Karp, die ökumenische Zusammenarbeit: "Das gleicht einer noch zu wenig beachteten Revolution." Sie zeigte sich überzeugt: "Katholikentage werden heute und morgen an ihrer ökumenischen Weite gemessen werden." Dem interreligiösen Miteinander komme eine immer größere Bedeutung zu.

    Insgesamt nahmen laut Veranstalter 23.000 Menschen an den rund 500 Veranstaltungen des fünftägigen Christentreffens teil, darunter 20.000 Dauerteilnehmer. Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Kanzler Olaf Scholz (SPD) besuchten das Christentreffen. Der Katholikentag fand zum dritten Mal seit der deutschen Wiedervereinigung in Ostdeutschland statt und erstmals in Erfurt.

    Zahlreiche Reden und Diskussionen waren geprägt durch die Europawahl in einer Woche und drei anstehenden Landtagswahlen in Ostdeutschland. Inhaltlich ging es um Themen wie den Aufstieg rechtsextremer Kräfte, die Klimakrise, Gerechtigkeit sowie Kriege in der Ukraine und Gaza. 

    Der Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr zeigte sich dankbar: "Wir haben so viel positives Echo erfahren - es seien auch so tolle Räumlichkeiten, keine sterilen Hallen, und so schöne Begegnungen." Sehr gut besucht seien die Veranstaltungen zum kirchlichen Leben in Ostdeutschland gewesen. Er glaube, dass das Leitwort "Zukunft hat der Mensch des Friedens" lange in Erinnerung bleiben werde.

    Der nächste Katholikentag ist 2026 in Würzburg. 2025 lädt die evangelische Kirche zum Kirchentag nach Hannover ein.

    Katholikentag in Erfurt beendet
  • 30.05.2024
    kna
    eine junge Frau trägt das Motto des Katholikentags in Erfurt auf dem Rücken ihres Shirts

    Foto: kna/Harald Oppitz

    Zukunft hat der Mensch des Friedens: eine junge Frau mit dem Motto des Katholikentags auf ihrem T-Shirt

    Katholikentag in unruhiger Zeit: Zwischen Krieg, AfD-Debatten und Kirchenkrise sucht das Christentreffen nach Antworten auf aktuelle Fragen. Mit auf der Suche: Bundespräsident, Bundeskanzler und andere Prominente.

    Kurz vor den wichtigen Wahlen in Ostdeutschland und Europa haben die Katholiken in Deutschland ihren Katholikentag in Erfurt begonnen. Beim dritten Treffen in Ostdeutschland nach 1990 werden mehr als 20.000 Teilnehmer in der thüringischen Landeshauptstadt erwartet. Erfurt ist erstmals Gastgeber; in Thüringen sind nur rund sieben Prozent der Bevölkerung katholisch.

    Zum Auftakt rief die Präsidentin des Zentralkomitees der Katholiken (ZdK), Irme Stetter-Karp, zum Einsatz für die Demokratie auf, die akut bedroht sei. "Wir alle haben hier in Deutschland Verantwortung für den Frieden im Land. Aber nicht nur hier: Wir sind Teil Europas, wir sind Teil der Weltgemeinschaft."

    Klare Abgrenzung von der AfD
    Ohne die Partei direkt beim Namen zu nennen, erläuterte die ZdK-Präsidentin, warum die Gastgeber beschlossen haben, keine AfD-Politiker zu den Foren einzuladen. Der Katholikentag fördere Debatten und lasse unterschiedliche Meinungen zu Wort kommen. Doch sei er "kein Ort für populistische Parolen, für Diffamierung von Menschen und das Verächtlichmachen der Demokratie", fügte sie hinzu: "Menschen, die sich in Parteien organisieren, die auf Ausgrenzung und völkischen Nationalismus setzen, haben auf unseren Podien keinen Platz."

    Der Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr hatte bereits am Morgen im ZDF betont: "Wir haben die Erfahrung gemacht, dass mit Vertretern der AfD kein wirklich fruchtbares Gespräch möglich ist." Ihnen gehe es nur darum, ihre radikalen Botschaften zu vermitteln.

    Einsatz für den Frieden
    Neymeyr verwies auf das Motto der Großveranstaltung, die alle zwei Jahre in einer anderen Stadt stattfindet: Das Leitwort "Zukunft hat der Mensch des Friedens" müsse ein Ansporn sein: "Hoffentlich gehen von diesen Tagen Impulse aus für den Frieden in unserer Welt, unserer Gesellschaft und unserer Kirche."

    In zahlreichen Veranstaltungen wird sich der Katholikentag auch mit der Situation der katholischen Kirche befassen. Sie hat ebenso wie die evangelische Kirche durch den Missbrauchsskandal massiv an Vertrauen eingebüßt und verliert dramatisch an Mitgliedern.

    Papst soll Ruder herumwerfen
    Stetter-Karp mahnte rasche Reformen an und hielt Bischöfen und Papst vor, dabei zu bremsen. Grundlegende Veränderungen seien die einzige Chance, die selbst mitverschuldete Krise zu bewältigen. Beim Reformprojekt Synodaler Weg habe man Beschlüsse gefasst, die "Machtmissbrauch eindämmen, Gleichberechtigung der Menschen in der Kirche ermöglichen sollen, freie Lebens- und Beziehungsentscheidungen wichtig nehmen". Doch die Umsetzung komme nicht voran: "In einer Weltkirche, die die Verantwortung und Macht ihrer Bischöfe betont, erwarte ich von eben jenen Bischöfen - auch dem Bischof von Rom, unserem Papst -, dass nun endlich das Ruder herumgeworfen wird. Es ist genug geredet. Es muss gehandelt werden!"

    Mit Blick auf die vergleichsweise niedrige Teilnehmerzahl in Erfurt sagte ZdK-Generalsekretär Marc Frings, große Christentreffen hätten aus seiner Sicht auch weiterhin Zukunft. Solche "Lagerfeuer" würden gebraucht. Mit mehr als 20.000 Gästen sei Erfurt an die Grenzen der Logistik gekommen: "Wir machen gezielt einen kleineren Katholikentag, um Neues zu erproben." Dazu gehörten auch deutlich weniger Veranstaltungen.

    ZdK: Besetzung ist politisch ausgewogen
    Zur Eröffnungsfeier am Abend kommt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Bis Sonntag sind auch Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), zahlreiche Minister, Bischöfe und andere Prominente angekündigt.

    Das ZdK wies den Vorwurf zurück, der Katholikentag sei politisch unausgewogen besetzt. Weil die Union derzeit nicht an der Regierung sei, sei es normal, dass mehr Vertreter der Ampel auf den Podien säßen. Aber auch viele führende Politiker von CDU und CSU seien beteiligt, darunter mit Manfred Weber (CSU) der Spitzenkandidat der Europäischen Volkspartei bei der Europawahl. CDU-Parteichef Friedrich Merz kommt zur Eröffnung und ist bei einem Empfang der Adenauer-Stiftung dabei, sitzt aber auf keinem Podium. Er sei danach auf einer Auslandsreise, hieß es.

    20.000 Gäste werden erwartet
  • 23.05.2024
    Luise Binder
    Spaziergang durch den Park in Kreuzberg

    Fotos: Luise Bindner

    Unterwegs in Kreuzberg: Momentan sorgen sich die Kreuzberger um den Görlitzer-Park. Den will der Bürgermeister bald nachts abschließen. Das wird an Drogenkonsum und Kriminalität im Viertel nur nichts ändern, befürchten auch Bruder Bernd und Pater Benno.

    Pater Benno und Bruder Bernd sind zwei unkonventionelle Geistliche in Kreuzberg. Zwischen Graffiti-Wänden und Kirchenglocken leben sie mitten im Kiez. Sie erzählen von ungewöhnlichen Begegnungen, gelebtem Glauben und einem ganz besonderen Miteinander.

    Pater Benno geht über die Straße und tauscht Frühlingsgrün gegen Altbaumauern, die von Graffiti bedeckt sind. Trotz Vandalismus versucht er offen zu sein für das, was die Kreuzberger Wände sagen wollen. Vor der Wrangelstraße 49 bleibt er stehen und liest die Frage auf der Wand: „Wer ist dein Gott?“ Er fühlt sich herausgefordert. Für ihn habe Gott immer etwas mit Beziehung zu tun. „Lieber mit Gott reden als über Gott“, ist seine Devise. Daher würde Pater Benno der Wand mit „Du“ antworten. Jemand anderes hat bereits „Karell“ geschrieben.

    Eingagstür in Kreuzberg
    Straßenspiritualität finden die beiden Geistlichen im Wrangelkiez an allen Ecken und Wänden. Die Aufmerksamkeit dafür kann jeder üben und sich von Religiosität an allen Orten überraschen lassen.

    Vor drei Jahren zog der Benediktiner Benno Rehländer (45) aus dem Ettaler Kloster nach Berlin-Kreuzberg. Er trägt jetzt Jeans, Pulli und Turnschuhe statt seines Habits. Er sieht darin keinen Widerspruch. Schließlich sollte auch der Habit einst die Kleidung der einfachen Leute auf dem Feld nachahmen. Er lebt jetzt in einer Wohngemeinschaft mit Bruder Bernd Ruffing, einem Steyler Missionar. Sie haben die leere Pfarrwohnung in Kreuzberg bezogen. Ohne Casting, einfach so. „Das war das perfekte Match“, sagt Bruder Bernd (50) heute.

    In Kreuzberg ist das Leben anders, als in Berlin-Charlottenburg, wo Bruder Bernd zuvor lebte. Schon am ersten Tag, Gründonnerstag, merkte er das, als die Kassiererin im Rewe fragt, wie es ihm gehe. Nach seiner kurzen Antwort betont sie: „Ja, aber wie geht es Ihnen wirklich?“ 

    Bruder Bernd und Pater Benno leben jetzt in der Wrangelstraße. Hier reihen sich die Wohnhäuser eng aneinander. Sie gehen an der Moschee vorbei, wo Pater Benno als „katholischer Imam“ vorgestellt wurde. Weiter hinten sehen sie den Bioladen und auf der gegenüberliegenden Straßenseite den türkischen Obst- und Gemüsehandel. An diesem warmen Frühlingssonntag schlendern viele Menschen Richtung Park. Nur wer zur rechten Zeit seinen Blick vom bunten Gewusel abwendet, bemerkt die Kirche, die sich eng an die Wohnhäuser reiht und dabei so anders ist. Der gepflasterte Hof, die sauberen Mauern, der österlich geschmückte Brunnen gleichen einer Filmkulisse.

    Religion im Kiez – kaum wahrnehmbar, aber da

    Die katholische Marienliebfrauenkirche ist nicht die einzige christliche Kirche der Wrangelstraße. Am Anfang und Ende gibt es je noch eine evangelische Kirche. „Religion ist hier, auch wenn man es vielleicht gar nicht wahrnimmt“, sagt Pater Benno. „Ich würde es schwierig finden, wenn die Kirche wirklich nur hinter diesem Zaun anfangen würde. Das geht nicht. Mir ist wichtig, immer wieder unterwegs zu sein, damit ich wahrnehme, dass die Kirche mitten in der Welt ist.“ Sie spüren das in Kreuzberg immer wieder. Da ist zum Beispiel der Mann vorm Supermarkt: Vollbart, langes Haar, verletzt und dreckig. Pater Benno erinnert er an alte Christusdarstellungen. „Da ist mir nochmal bewusst geworden, dass dieser Jesus hier auf meiner Straße sitzt.“ In Friedrichshain-Kreuzberg sind nur sechs Prozent der Einwohner katholisch, neun Prozent evangelisch. Die Zahl der muslimischen Gläubigen ist in der Statistik Berlin-Brandenburg nicht aufgeführt. Das war im volkskatholischen Bayern während seiner Zeit im Kloster Ettal anders, sagt Pater Benno. „Jeder Ort ist heiliger Boden, auch die Straße.“ 

    Die Wohnung der beiden Geistlichen ist Teil des Kirchengebäudes. Auf dem Weg dorthin treffen sie einen Mann, der im Winter jede Nacht im Pfarrsaal übernachtet. Jetzt, wo es wärmer wird, schläft er wieder unter seiner Brücke. Er lobt noch den Chor, der kürzlich in der Kirche gesungen hat. „Das ist ja sonst nicht so meine Musik, aber das war -“ der Mann küsst seine Fingerkuppen.

    kath. St. Michael Kirche
    Die St. Michal Kirche in Kreuzberg werde häufig übersehen, sagt Pater Benno. Einmal habe sie eine Dame für eine Turnhalle gehalten.

    Die Marienliebfrauengemeinde bietet im Winter Notübernachtungen an. 15 Männer finden dort jede Nacht einen Schlafplatz. Eine andere Pfarrei verteilt Supermarkt-Gutscheine an Bedürftige. Und die Suppenküche der Mutter-Theresa-Schwestern hilft auch. Dort lernte Bruder Bernd einmal einen Zeitungsverkäufer kennen, der erzählte, dass es anstrengend ist, nicht gesehen zu werden. Viele Menschen ignorieren ihn, wenn er ihnen die Straßenzeitung anbietet. Als wäre er nicht da.

    Fremde Schicksale auch ins eigene Wohnzimmer lassen

    Auch die eigene Wohnung und Gemeinschaft sollte von Anfang an ein Stück weit durchlässiger sein. „Also dass Menschen, die es gerade brauchen, leichter und unkompliziert zu uns kommen können“, sagt Bruder Bernd. „Dadurch kommen Lebensrealitäten näher an mich heran. Das verändert mein Denken, mein Beten und auch mein Leben.“ Sie brachten zwei Monate lang einen Menschen unter, der gegen seine Abschiebung aus Deutschland kämpfte. Woher eine Person kommt, fragen sie nicht. Im Herbst wohnte ein anderer Mann vier Monate bei ihnen. Seine Habseligkeiten hat er noch immer im Flur untergestellt. Große, weiße Plastikbeutel stehen dort. Auch er hat keine Wohnung und verbrachte die Winternächte im Pfarrsaal. „Er ist jeden Tag zur Arbeit in mein Krankenhaus gegangen“, sagt Bruder Bernd, der selbst Krankenpfleger ist. „Und das finde ich so krass: Man sieht den Menschen gar nicht an, was sie für Schicksale haben.“ Auch Menschen, die einen Job haben und sich gesellschaftlich intensiv einbringen, können wohnungslos sein.

    Die Wohnung der beiden Geistlichen ist ruhig. Dennoch sind auch hier die Eindrücke der Straße präsent: Das Fenster im Flur erinnert mit seinen weißen Schriftzügen an die Graffiti der Häuserwände. Auf das Fensterglas schreiben Gäste „Willkommen“ in einer Sprache, die sie sprechen. In der Küche hängen die 99 Namen Allahs auf einem Wandteppich. Die Räume sind groß und hell und bieten viel Platz für Gäste.

    Der wichtigste Ort ist der Küchentisch: groß, oval, aus Holz. Hier sprechen Pater Benno und Bruder Bernd miteinander, planen, essen, atmen. Und sie machen das, was Bruder Bernd „in Gemeinschaft hören“ nennt. „Wenn uns etwas Neues anfragt, dann überlegen wir, was sind Vor- und Nachteile, haben wir gerade innerliche Kapazitäten, um zum Beispiel jemanden aufzunehmen, dessen Sprache wir nicht sprechen? Und wenn einer eine Pause braucht, dann verhandeln wir das und hören gemeinsam, was gerade für uns dran ist.“

    Sie haben gelernt, genau wahrzunehmen – sich selbst, den Ort und die Menschen. „Ich verstehe mich hier nicht als den, der den Leuten die Botschaft vom Heil vermitteln möchte, indem er große Predigten an der Straßenecke hält“, sagt Pater Benno. Viel wichtiger ist ihnen, hier präsent zu sein.

    Beten im Park – aber nicht, um gesehen zu werden

    Pater Benno und Bruder Bernd
    Bruder Bernd und Pater Benno genießen wie viele andere Kreuzberger den Görlitzer Park. Die einen grillen, die anderen entspannen. Die beiden Patres kommen wöchentlich zum Beten her.

    Sie beten im Görlitzer Park, einem Hotspot für Straftaten und Drogenhandel. Auf einem Hügel treffen sie sich in kleiner Gruppe für die Laudes, ein klassisches Morgengebet. Sie tun es nicht, um gesehen zu werden. „Wir sind einfach hier. Und so wie andere hier grillen, so beten wir hier halt“, sagt Pater Benno.

    Durch ihre Präsenz erleben sie den Ort auch noch anders. Auch heute ist der Park voll mit Menschen, die picknicken, Instrumente spielen oder grillen. Jung und Alt genießt den Frühling hier. „Das ist faszinierend, wenn man mitbekommt, wie der Park jetzt wieder zum Leben erweckt wird“, sagt Pater Benno und hält an. „Das ist eben nicht nur ein kriminalitätsbelasteter Ort, sondern auch ein Begegnungsort.“ Dennoch: Im Herbst 2023 kündigte der Berliner Bürgermeister Kai Wegner (CDU) an, den Park im Folgejahr einzuzäunen und nachts abzuschließen. Die Kritik der Kreuzberger: Der Zaun lösche Kriminalität nicht aus, wird sie lediglich verlagern. Zumal sich bereits jetzt drei Mal so viele Straftaten nicht im Park, sondern in seiner Umgebung feststellen ließen. Auch Pater Benno und Bruder Bernd waren unter den Demonstrierenden.

    Am Ausgang des Parks klebt der Sternsinger-Segen. Pater Benno hatte die Idee, als er mit den Sternsingern den Park durchquerte. „Wir können nicht nur Häuser und Wohnungen segnen, sondern auch Parks“, sagt der Priester. Passanten bedankten sich dafür.

    Die beiden Geistlichen sind Teil von Kreuzberg. Sie sind keine Lichtfiguren, aber auch keine Unbekannten. Der Verkäufer der Straßenzeitung erkennt und grüßt sie. Sie ignorieren ihn nicht, grüßen zurück. Die Körperhaltung des Verkäufers verändert sich augenblicklich. „Na wo ward ihr denn?“, fragt er. Bruder Bernd und Pater Benno zucken mit den Schultern: „Na hier.“

    Termin

    Sich für Spiritualität im Kiez öffnen – das können die Teilnehmer bei den „Exerzitien auf der Straße“. Ein ökumenisches Team, unter anderem mit Bruder Bernd Ruffing, lädt dazu vom 17. bis 25. August in die katholische Gemeinde St. Marien Liebfrauen ein. Infos: strassenexerzitien.de / Anmeldung: ruffingsvd@gmail.com

     

    Zwei Geistliche leben mitten in Berlin-Kreuzberg