Tag des Herrn - Katholische Wochenzeitung

Lesen Sie hier die Überschriften zu den neuesten Artikeln der katholischen Wochenzeitung »Tag des Herrn«:

  • 22.02.2024
    Stefan Schilde
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    Der Palästinenser Osama Iliwat und der Israeli Rotem Levin kämpfen für Frieden im Nahen Osten.
    Nachweis

    Foto: Stefan Schilde

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    „Im Gegenüber den Menschen sehen“ – das wünschen sich der Palästinenser Osama Iliwat (45) und der Israeli Rotem Levin (33).

    Bei einem Gesprächsabend in der Leipziger Propstei haben ein Palästinenser und ein Israeli von ihrem Einsatz für Frieden in Nahost erzählt. Ihr Ziel: den internationalen Druck auf die israelische Regierung erhöhen.

    Immer, wenn bei einer Veranstaltung ein Polizeiwagen vor dem Gebäude steht, scheint klar zu sein: Das Thema muss es in sich haben. So auch an diesem Abend in der Leipziger Propsteigemeinde St. Trinitatis. Zu Gast waren die beiden Friedensaktivisten Osama Iliwat und Rotem Levin, ein Palästinenser und ein Israeli, die derzeit durch Deutschland touren, um auf ihren Einsatz für den Frieden in Nahost aufmerksam zu machen. „Combatants for Peace“, heißt ihre Organisation – „Kämpfer für den Frieden“.

    Auf unterschiedlichen Wegen Friedenskämpfer geworden

    Der Abend vor 200 Gästen im vollen Saal der Propsteigemeinde war gegliedert in zwei Halbzeiten. Im ersten stellten sich die beiden Aktivisten vor, erzählten über ihr Leben und ihren Werdegang zu „Friedenskämpfern“.
    Rotem Levin berichtete, wie er als Kind aus einem Dorf nahe Tel Aviv zu den israelischen Soldaten aufsah. Wie er eine rein jüdische Schule besuchte und keinen echten Kontakt zur arabischstämmigen Bevölkerung hatte. Wie er sich voller Begeisterung bei der Armee einschrieb und als Soldat zum ersten Mal das besetzte Westjordanland betrat. „Obwohl keine Gefahr erkennbar war, warf ich auf Befehl eine Handgranate“, sagte er. Im Nachhinein wuchsen ihm die Zweifel. Nach drei Jahren quittierte er seinen Dienst und begab sich auf Reisen. „Um eine andere Einstellung zu erlangen, um wieder zu lernen, eigene Entscheidungen zu treffen“, sagte er. Vor allem die Zeit, die er auf Reisen in Deutschland verbrachte, habe seine Geisteshaltung verändert. „Er habe viele intensive Gespräche mit Palästinensern geführt“, so Levin. 2017 trat er den „Combatants“ bei.
    Der in Jericho im Westjordanland lebende Osama Iliwat erlebte Anfang der 90er Jahre schon die erste „Intifada“. Intifada, so nennen die Palästinenser ihre gewaltsamen Aufstände gegen Israel. Während der zweiten Intifada in den 2000er Jahren sei er inhaftiert worden, weil er mit Freunden aus T-Shirts eine übergroße Palästina-Fahne genäht und an einem Baum gehängt habe. In den neun Monaten Gefängnis habe er begonnen, „die Juden zu hassen“. Ein Umdenken brachte 2010 ein Treffen mit israelischen Aktivisten: „Ein Freund hatte mich mitgenommen. Ich war erstaunt, dass Juden kritisch über Besatzung, Siedlungsbau und Diskriminierung sprachen.“ Zuvor habe er Juden nur in Uniform gekannt. „Als Soldaten, die auf uns schossen oder uns verhafteten“, sagte Iliwat. 
    Auf die eindrucksvollen Erzählungen der Friedensaktivisten folgte eine zehnminütige „Resonanzpause“, in der das Publikum seine Fragen an die Aktivisten niederschreiben und in die Kollektenkörbe einwerfen konnte. Im zweiten Teil nahm der Abend dann an Fahrt auf, denn viel deutlicher als vorher machten Levin und Iliwat bei der Beantwortung der Fragen ihrem Unmut über die israelische Politik Luft. Dafür holten sie weit aus: Die „Nakba“, Vertreibungsaktionen gegen die arabische Bevölkerung im Krieg nach der Staatsgründung Israels wurden ebenso ins Feld geführt wie die Besetzung von Teilen des Westjordanlands, Gazas und weiterer Gebiete. Näheres zu den Umständen, wie es dazu kam, erfuhren die anwesenden Gäste allerdings nicht. Überhaupt beschränkte sich die Kritik der beiden weitgehend auf von Israel begangene Fehltritte und Verstöße gegen internationales Recht.

    „Apartheid“: die israelische Politik bekommt ihr Fett weg

    Das Publikum blieb angesichts der drastischen Schilderungen nicht ungerührt. Ein Raunen der Empörung ging durch den Saal, als Levin sagte: „Ich als israelischer Jude kann hier frei reden. Mein Freund Osama könnte sich das nicht erlauben.“ Dass sein Freund als Aktivist schon seit Jahren die ganze Welt bereist, israelkritische Vorträge wie in Leipzig hält und nach wie vor auf freiem Fuß ist, ficht da niemanden an. Stattdessen: eifriges Kopfnicken, als Iliwat empfahl, sich besser über alternative Quellen zu informieren, nicht „über von der Regierung gestützte Medien“. Vom Zuspruch ermuntert, war es Levin, der meinte: „Was Israel macht, ist Apartheid.“ 
    Spätestens an dieser Stelle hätte sich mancher Zuhörer womöglich Gelegenheit gewünscht, spontane Rückfragen zu stellen. Doch kritisches Nachhaken schien nicht erwünscht. „Wir sind heute als Lernende hier, die zuhören“, hatte Propst Gregor Giele schon in seiner Begrüßung gesagt. „Politische Statements“ wolle man heute Abend nicht. Oder wie es Osama Iliwat mit reichlich Ironie ausdrückte: „Wenn jemand denkt, dass er über die Lage dort besser Bescheid weiß als wir, sind wir gern für Diskussionen offen.“
    Immerhin schafften es auch skeptische Fragezettel in die Auswahl. Wie ein dauerhafter Frieden denn gewährleistet werden könnte, wollte einer wissen. Einstaatenlösung? Zweistaatenlösung? „Wie genau die Lösung aussieht, ist weniger wichtig“, meinte Osama Iliwat. Es komme vielmehr darauf an, dass Israel „gezwungen wird, die Abmachungen endlich einzuhalten“. Auch Rotem Levin hatte einen Vorschlag: „Der Westen muss aufhören, Israel mit Waffen zu unterstützen. Diese helfen nicht Israel, sondern nur der Hamas.“ Auch die Deutschen sollten ihre Regierung dafür unter Druck setzen.
    Einen wunden Punkt traf die Frage, wie es derzeit um die palästinensisch-israelische Friedensbewegung bestellt sei. „Überhaupt nicht gut“, sagte Levin. Viele Friedensaktivisten hätten nach dem Hamas-Angriff auf das Musikfestival ihre Meinung geändert und würden nun den Einsatz des Militärs befürworten oder zumindest hinnehmen. „Vielen gelten wir als naiv, manche rufen mir entgegen: ‚Du unterstützt den Feind!‘“ Das alljährlich von „Combatants for Peace“ organisierte Gedenken, das – im Gegensatz zum gleichzeitig stattfindenden israelischen Nationalfeiertag – auch den Palästinensern Platz für ihren Schmerz gibt, droht wegen der aufgeheizten Stimmung im Land auszufallen.
    Entmutigen lassen wollen sich die beiden davon nicht. „Dass so viele Menschen ihre Zeit aufwenden und hierherkommen, um uns zuzuhören, macht mir Hoffnung“, sagte Osama Iliwat. Und tatsächlich: Ihr Auftritt dürfte den beiden Unterstützung eingebracht haben, die Sympathie unter den Gästen war, wie der demonstrativ lange Applaus verriet, sichtlich und hörbar groß. „Druck auf die Politik erzeugen“, hatten die beiden Aktivisten als Ziel ausgegeben. Die Postfächer der Politiker könnten demnächst gut gefüllt sein – jedenfalls die Postfächer deutscher und israelischer Politiker.

    Meinung: „Leider nur die eine Sichtweise“

    Bestimmt haben sie es beim Lesen des obigen Beitrags bemerkt: Ein nüchterner Bericht über die Veranstaltung in der Leipziger Propsteigemeinde wollte mir nicht so recht gelingen. Wie die meisten Deutschen habe auch ich eine Meinung zum Nahostkonflikt. 
    Vorweg: Ich finde es bewundernswert, wie Osama Iliwat und Rotem Levin sich dem Frieden im heiligen Land verschrieben haben. Es müsste viel mehr von ihrer Sorte geben und ich wünsche mir von Herzen, dass ihre Bemühungen Früchte tragen.

    Portrait Stefan Schilde
    Stefan Schilde
    Redakteur 

    Allerdings habe ich nach der Veranstaltung meine Zweifel, dass es so klappen wird. Denn unter Frieden verstehe ich allgemein, dass beide Seiten ihre Perspektive einbringen können. Das war an dem Abend in Leipzig nicht der Fall.
    Glaubt man den Aktivisten, ist vor allem Israel verantwortlich dafür, dass kein Frieden einkehren mag. Hörten Besatzung und illegaler Siedlungsbau auf, so die Botschaft, sei Frieden möglich. Nicht ein einziges Mal war von „Terrorismus“ die Rede – allenfalls von „gewaltsamem Widerstand“, der sich nicht gegen „Frauen, Kinder und Zivilisten“ richten dürfe. „Wohl aber gegen israelische Soldaten?“, fragte ich mich.
    Bei aller Sympathie scheint mir diese einseitige Darstellung nicht geeignet, die Mehrheit der Israelis mit ins Boot zu holen. Ohne die wird es aber nicht gehen. Ich hatte mir von dem Abend erhofft, dass beide Seiten Raum bekommen. So durfte sich bestätigt sehen, wer Israel als Hauptschuldigen an der Misere ausgemacht hat. Wenn selbst der jüdische Israeli das so sieht, nicht wahr? Am Ende war die Stimmung bei einigen im Saal so emotional, dass sich bei mir ein flaues Gefühl in der Magengegend einstellte.
    Wenn man es positiv sehen will: Befürchtungen, der Abend könnte – wie anderswo geschehen – wegen Protesten pro-palästinensischer Demonstranten gestört oder gar abgebrochen werden, haben sich nicht bewahrheitet. Das halbe Dutzend Polizisten draußen blieb beschäftigungslos

     

    Zwei Friedensaktivisten der „Combatants for Peace“ werben in Leipzig für Frieden im Nahen Osten
  • 22.02.2024
    tdh
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    Weihbischof Wolfgang Weider aus dem Erzbistum Berlin
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    Foto: kna/Harald Oppitz

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    Der emeritierte Berliner Weihbischof Wolfgang Weider ist gestorben. Er war ein Mensch, der Menschen entgegen kam, betonte Pfarrer Mathias Laminski in seinem Nachruf.

    Das Erzbistum Berlin hat seinen emeritierten Weihbischof verloren. Wolfgang Weider starb am 14. Februar. Zahlreiche Nachrufe würdigen ihn als empathischen und stets den Menschen zugewandten Seelsorger.

    Wolfgang Weider ist tot. Der emeritierte Berliner Weihbischof starb am Aschermittwoch im Alter von 91 Jahren in Berlin – in der Stadt, in der geboren wurde und die meiste Zeit seines langen Lebens gewirkt hat. Ein Blick in die zahlreichen Nachrufe zeigt: Sein Tod bedeutet nicht nur den Verlust eines überaus geschätzten Seelsorgers, auch spiegelt sich die wechselvolle Geschichte der Hauptstadt in seinem Wirken wie im Brennglas wider. Geboren und aufgewachsen im Stadtteil Karlshorst, legte er 1951 sein Abitur im Ostteil der mittlerweile geteilten Stadt ab. Doch zum Theologiestudium zog es ihn nach Fulda – was die DDR sogleich mit seiner Ausbürgerung quittierte. Erst als er zwei Jahre später nach Erfurt wechselte, wurde er erneut DDR-Bürger – und blieb es bis zur Wiedervereinigung.
    1957 empfing er von Bischof Julius Döpfner in St. Joseph in Berlin-Wedding – im Westteil der Stadt – das Sakrament der Priesterweihe. Nach Stationen in den Stadtteilen Buch und Mitte wurde er 1966 Lokalkaplan mit dem Titel „Kuratus“ in Treptow, das vom „Eisernen Vorhang“ besonders betroffen war. Der Bezirk gehörte zur Pfarrei St. Marien-Liebfrauen, deren Zentrum in Kreuzberg im Westteil lag. Für Weider bedeutete dies: In seinem Gebiet gab es keine Kirche, kein Pfarrhaus, sondern nur eine Mietwohnung, die zugleich Kapelle, Gemeinderaum und Wohnung war. 1967 wurde er schließlich zum Pfarrer ernannt.
    Gerade in diesen Jahren nach dem Mauerbau, der die Teilung Berlins für 28 Jahre besiegelte, sei es ihm wichtig gewesen, die geteilte Stadt als ganze erlebbar zu machen, unterstreicht Pfarrer Mathias Laminski in seinem Radio-Morgenwort in mehreren rbb-Sendern. So habe er als Weihbischof bis zur Wiedervereinigung ein Brustkreuz getragen, auf dem der Verlauf der Mauer zu erkennen gewesen sei. Danach schenkte ihm Joachim Kardinal Meisner ein neues Bischofskreuz, das dem „Spandauer Kreuz“ nachempfunden war. Dieses wurde in den 1980er Jahren bei Ausgrabungen in der Spandauer Zitadelle gefunden und gilt als ältestes christliches Zeugnis östlich der Elbe. „Beide Bischofskreuze machen deutlich, wofür er stand: Jesus und Berlin“, so Laminski.
    Auch innerhalb der Kirche fiel die Zeit seines Wirkens in eine Epoche der Umbrüche, wie der Diözesanrat des Erzbistums in seinem Nachruf erinnert. Das Zweite Vatikanische Konzil von 1962 bis 1965 habe „historische Veränderungen großen Ausmaßes“ mit den sich anschließenden innerkirchlichen Reformen gebracht. In dieser Zeit sei Weider besonnen und zeugnisgebend tätig gewesen, heißt es im Nachruf der Laienvertretung.

    Weider haderte mit Bischofsernennung

    Während die Kirche im geteilten Deutschland die Beschlüsse des Konzils umsetzte, wechselte Weider nach einer Zwischenstation als Hausgeistlicher im Haus St. Norbert in Michendorf ins Ordinariat als Mitarbeiter im Seelsorgereferat. Kurz darauf wurde er Personalreferent für die Priester und Seelsorgehelferinnen im Ostteil des Bistums. 1981 ernannte ihn Bischof Meisner zum Domkapitular, ein Jahr später wurde Weider neuer Weihbischof anstelle des verstorbenen Johannes Kleineidam – eine Entscheidung, mit der Weider durchaus einige Tage haderte, wie er 2018 in einem Interview verraten hat. So habe er zu dieser Zeit bereits mit dem Gedanken gespielt, sich nach fünf Jahren im Ordinariat wieder auf eine Pfarrstelle zu bewerben.
    Weider sagte dennoch zu und die Verantwortung für das Personal prägte fortan sein hauptsächliches Wirken. Von 1984 bis 2003 war er Bischofsvikar für das Personal im Pastoralen Dienst, ab 1991 zugleich Leiter des Dezernats Personal. Und diese Aufgabe – so der einhellige Tenor – habe er mit viel Empathie und menschlicher Zuwendung erfüllt. So sei es nicht selten vorgekommen, dass er sich für die eine oder andere nötige Versetzung entschuldigt habe, sagt Pfarrer Laminski: „Er war ein Mensch, der Menschen entgegenkam, und nicht wenige in Berlin und Brandenburg sagen bis heute: ‚Er war die Seele unseres Erzbistums.‘“
    2007 – mit Erreichen der Altersgrenze – reichte er bei Papst Benedikt XVI. seinen Rücktritt ein, mit der Ernennung von Matthias Heinrich zu seinem Nachfolger schied er als Weihbischof aus dem Amt. Doch als Seelsorger blieb er weiter aktiv: Jeden Dienstag feierte er die heilige Messe unter anderem in der Sankt Hedwigs-Kathedrale. „Auch unvergessen, wie er mit seiner Aktentasche vom U-Bahnhof Hausvogteiplatz zur Kathedrale lief“, heißt es im X-Account (vormals Twitter) des Katholischen Forums Sankt Hedwig Mitte: „Zuletzt immer langsamer und trotz Schmerzen.“ So hat Weihbischof Wolfgang Weider bis zuletzt seinen bischöflichen Wahlspruch erfüllt: „Was Er euch sagt, das tut!“ (Joh 2,5)

    Berlins Weihbischof Wolfgang Weider ist tot
  • 22.02.2024
    Holger Jakobi
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    Sonnenaufgang am Cospudener See bei Leipzig
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    Foto: imago

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    Wo einst Kohle gefördert wurde, kann man heute wieder die Natur erfahren: Sonnenaufgang am Cospudener See in Markkleeberg bei Leipzig.

    Christen sollen in eine neue Beziehung zur Schöpfung kommen, so Markus Vogt beim Leipziger Winterseminar. Naturerfahrung ist für ihn Gotteserfahrung. Zugleich forderte er einen ökologischen Humanismus.

    Die christliche Perspektive könne eine gute Grundlage sein, die Herausforderungen des Klimawandels und der Bewahrung der Schöpfung zu meistern, ist sich Markus Vogt sicher. Die christliche Transzendenz, der Ausgang vom Kreuz her, ermögliche eine andere Sicht der Dinge. Vogt: „Christen wissen um die Verletzlichkeit, sie wissen, dass zum Leben nicht nur das Glück, sondern auch das Leid, das Scheitern gehört.“ Christen wissen, dass es nicht immer geradeaus weiter geht. 
    Dem gegenüber stehe ein weltlicher Fortschrittsglaube. Dieser gehe davon aus, dass die Wirtschaft weiter wächst und sich jedes Problem irgendwann irgendwie lösen lasse, Mit Blick auf die Klimakrise sei dies schwierig. In ihr könne der weltliche Wachstums- und Fortschrittsglaube zur Ideologie werden. Christliche Schöpfungsbewahrung hingegen könne hier gegensteuern, Gesprächsgrundlage sein. Markus Vogt: „Es geht um die kritische Zuversicht als Alternative zum Sinnversprechen der ,Wachstumsdroge‘.“ 
    Professor Markus Vogt ist Inhaber des Lehrstuhls für Christliche Sozialethik an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er war Gast des Winterseminars in der Leipziger Propstei. Hier sprach er auf Einladung der Katholischen Akademie und des Umweltrates des Dekanates Leipzig zum Thema „Klimagerechtes Handeln als christliche Glaubenspraxis“.
    Zu Beginn wies Vogt darauf hin, dass der Klimawandel sowie die Migration die „größten Risiken für die globale Sicherheit seien“. So formulierte es auch die diesjährige Münchner Sicherheitskonferenz. Über drei Milliarden Menschen würden Mitte des Jahrhunderts in ihrer Existenz am Klimawandel leiden. Auch die deutsche Bischofskonferenz betonte schon 2007, dass der Klimawandel der Brennpunkt globaler ökologischer Gerechtigkeit sei. Heute, so Vogt, seien die Lebensbedingungen, in denen sich der Mensch entwickelt hat, verändert. Daraus entstehe ein Handlungsdruck, „grundsätzlicher über die Zukunft des Menschen und unser Gesellschaftsmodell nachzudenken.“

    Rettung der Erde ist heute eine Gerechtigkeitsfrage

    Die „Versöhnung mit der Erde“ sei heute eine Gerechtigkeitsfrage, betonte Vogt. Dabei erinnerte er an den Beschluss des Bundesverfassungsgerichts vom 24. März 2021. Darin wird der Staat zum Klimaschutz verpflichtet. „Dies zielt auch auf die Herstellung von Klimaneutralität“, so der Referent. Damit habe das Gericht das höchste Gut der Gesellschaft neu definiert: Die Freiheit. Der ökologisch blinde Liberalismus, der nur auf das eigene Wohl bedacht ist, verstoße seither gegen das Grundgesetz, so der Referent.

    Markus Vogt
    Markus Vogt in Leipzig.
    Foto: Holger Jakobi

    Vogt favorisierte als einen Lösungsansatz einen künftigen Ökologischen Humanismus. Dieser, so Vogt, fordere eine neue Generation der Menschenrechte. Neben den Freiheits- und gesellschaftlichen Rechten bedarf es heute der ökologischen Existenzrechte. Basis des ökologischen Humanismus könne die christliche Umweltethik sein. „Vielleicht“, so Vogt, „stehen wir 500 Jahre nach der Reformation durch Luther wieder an der Schwelle einer solchen Wende, einer kulturellen Reformation.“Die christliche Umweltethik könne ihr Lebenswissen sein. Wie aber kann ein Kurswechsel gelingen? Unter anderem im Wandel der Schöpfungssicht jedes einzelnen Christen. Vogt sieht hier eine Suchbewegung, die Ökologie werde zur Gottesrede. Er sagt: „Gottesglaube ist heute Schöpfungsglaube, Naturerfahrung ist Gotteserfahrung.“ Gott könne in der Hinwendung zur Erde neu erfahren werden. „Wir müssen uns als Teil der Schöpfung sehen und eine Beziehung zur Natur und den Tieren haben.“ Das könne sehr emotional und heilsam werden. 
    Markus Vogt forderte dazu auf, die Schönheit der Schöpfung neu wahrzunehmen, sie zu genießen, sich aber auch in die Verantwortung nehmen zu lassen. Praktische Tipps dafür hatte unter anderem die Deutsche Bischofskonferenz in einer Handlungsempfehlung gegeben. Darin heißt es unter anderem:„Die Schöpfungsspiritualität soll bewusster in der Verkündigung und der Liturgie verortet werden.“ Und die kirchlichen Traditionen wie das Fasten sollen, so die Bischöfe, im Blick auf die Schöpfungsverantwortung neu fruchtbar werden.
    Markus Vogt ist insgesamt optimistisch. Aus christlicher biblischer Sicht argumentiert er, dass Geld und Öl „Regime unserer Zeit“ seien, die ihre Zukunft schon hinter sich hätten. Im Menschen sieht Vogt immer das Streben nach Verbesserung. Er könne auf den Klimawandel reagieren und Lösungen finden.

    Wissenschaftler Markus Vogt fordert einen ökologischen Humanismus
  • 22.02.2024
    Marko Dutzschke
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    Wie soll das eigentlich weitergehen? Diese Frage habe ich oft im Kopf, wenn ich Nachrichten höre. Offenbar bin ich damit in guter Gesellschaft. Selbst der große König David macht sich Gedanken.

    Portrait Marko Dutzschke
    Pfarrer Marko Dutzschke
    Lübbenau

    Vor einiger Zeit haben wir an den Werktagen im Gottesdienst die Davidgeschichte gehört. Am Ende seines Lebens spürt David, dass er die Regierungsgeschäfte abgeben muss. Was wird aus seinem Reich werden? „Sei stark und mannhaft!“, ermahnt der scheidende König seinen Sohn. (1 Könige 2,1-12)
    Passend dazu ging es im Evangelium um die Aussendung der Jünger. (Markus 6,7-13) Was wird aus seiner Botschaft? Er schickt die Jünger, damit es weitergeht. 
    Wenn die Zukunft unklar ist, decken wir uns mit dem Notwendigen ein und legen etwas zur Seite. Jesus fordert von den Jüngern das Gegenteil. Sie sollen auf jede Sicherheit verzichten. Er schickt sie ohne alles ins Rennen. Warum? Müssen Christen armselig daherkommen? 
    Wir versuchen oft, Menschen durch Dinge zu beeindrucken, mit denen wir uns umgeben. Verkäufer wollen uns durch Giveaways von ihren Produkten überzeugen. 
    Jesus geht einen anderen Weg. So ähnlich wie ich einmal einen Winzer erlebt habe, der mir nicht zwei Gläser und einen Korkenzieher versprochen hat, wenn ich bei ihm kaufe. Er sagte nur: „Kosten sie meinen Wein!“ Jesus will uns durch nichts anderes als durch das Zeugnis der Boten von der Qualität seiner Botschaft überzeugen.
    David wünscht seinem Sohn Mut und Tapferkeit, um das Land zu regieren. Was brauchen wir? Ich würde sagen, Erfahrungen mit Gott. Daran erinnert mich eine kurze Meditation von Mutter Teresa, an die ich oft und gern denke: „Die Frucht der Stille ist das Gebet. Die Frucht des Gebetes ist der Glaube. Die Frucht des Glaubens ist die Liebe. Die Frucht der Liebe ist das Dienen. Die Frucht des Dienens ist der Friede!“ 
    Egal wie man zu dieser Frau und ihrem Einsatz für die Armen in Kalkutta steht, ihre Worte treffen den Kern. Zeit mit Gott verändert dich und macht dich zu einem Boten, der nicht auf andere Sicherheiten setzen muss. 
    Gut, dass gerade Fastenzeit ist. Denn die ist nichts anderes als eine Einladung, Zeit mit Gott zu verbringen, in der Stille, im Gebet, im Lesen der Bibel, in der Feier der heiligen Messe und ja, auch im Dienen.

    Anstoß 08/2024
  • 22.02.2024
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    Die Bischöfe Friedrich Kramer und Gerhard Feige bei einer Demonstration gegen rechts in Magdeburg.
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    Fotos: Anja Schlender

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    Mehrere Verbände, Parteien und Organisationen hatten zu der Demonstration in Magdeburg eingeladen, hier beim Start am Hauptbahnhof mit den Bischöfen Friedrich Kramer und Gerhard Feige (Mitte).

    Bei einer Demonstration gegen Rechtsextremismus in Magdeburg zeigte sich Bischof Gerhard Feige besorgt vor einer „Entmenschlichung von innen“. Er betonte eine zivilgesellschaftliche Rolle der katholischen Kirche.

    Bei einer Demonstration in Magdeburg gegen Rechtsextremismus hat Bischof Gerhard Feige eindringlich vor „Rattenfängern“, „Brandstiftern“ und „zündelnden Biedermännern“ gewarnt. „Ich fürchte weniger eine ‚Überfremdung von außen‘ als eine ‚Entmenschlichung von innen‘“, sagte Feige beim Abschluss der Kundgebung vor rund 3000 Menschen auf dem Magdeburger Domplatz. Nicht alle, die heutzutage demokratisch wählten oder gewählt würden, seien auch Demokraten. 

    Bündnis aus mehreren Verbänden

    Es täten sich gesellschaftliche Abgründe auf, die er nicht mehr für möglich gehalten habe, so Feige weiter: „Immer mehr ahne ich, wie Menschen zu allen Zeiten – und damit auch heutzutage – verführt werden können.“ Zu der Demonstration unter dem Motto „Dem Rechtsruck widersetzen – Solidarisch. Vielfältig. Demokratisch“ hatten Gewerkschaften, Parteien, Verbände und Kirchen aufgerufen.

    Bischof Gerhard Feige spricht auf einer Demo gegen rechts
    Bischof Feige während seiner Ansprache auf der Demo.

    „Freiheit und Demokratie sind nicht unbedingt ein Schlaraffenland, aber immer wieder wert, schöpferisch gestaltet und – wenn notwendig – gemeinsam verteidigt zu werden“, so Feige. Er betonte dabei die zivilgesellschaftliche Rolle der katholischen Kirche: „Sicher ist es nicht unsere spezifische Aufgabe, Tages- oder Parteienpolitik zu betreiben. Wenn es aber um die grundlegenden Werte unseres Zusammenlebens geht, lasse ich mir den Mund nicht verbieten.“ Es gehe um die Unantastbarkeit der Würde eines jeden Menschen, Hilfe zur Selbsthilfe, Solidarität, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Anstand und Respekt.
    Damit spielte Feige auf mutmaßliche Migranten-Umsiedlungs- und Vertreibungspläne einiger Rechtsextremer während eines Geheimtreffens in Potsdam an, die das Recherchenetzwerk „Correctiv“ im Januar 2024 aufgedeckt hatte. „Jetzt sind Wachsamkeit und Zivilcourage vonnöten“, sagte Feige und ein „entschlossener Einsatz für ein tolerantes und friedliches Miteinander – mit Herz und Verstand!“ Der christliche Glaube tröste nicht nur in der Unvollkommenheit des Lebens, sondern dränge und ermutige auch, tatkräftig für eine bessere Welt einzutreten.

    Gegen Feindbilder und Verschwörungsmythen

    Feige appellierte an alle Mitdemonstranten: „Lassen wir uns nicht von Feindbildern und Verschwörungsmythen beeindrucken! Fallen wir nicht auf Lügen, die Verkehrung von Tatsachen und das ‚Gift der einfachen Lösungen‘ rein! Treten wir im Einsatz für die Menschenwürde jeglichem Extremismus entgegen! Setzen wir uns noch entschlossener für ein tolerantes und friedliches Miteinander ein – mit Herz und Verstand!“
    Der Landesbischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Friedrich Kramer, sagte, Rassismus, Judenhass, Nationalismus und Hetze seien unvereinbar mit dem christlichen Glauben. Der Dom als Wahrzeichen der Stadt stehe für Vielfalt. „Lasst uns zusammenstehen für eine Gesellschaft, in der Menschen, egal, woher sie kommen und wie sie aussehen, friedlich und respektvoll miteinander leben“, forderte der evangelische Bischof. 

    (pib/kna/epd)

     

    Bischof Gerhard Feige sprach bei Demo gegen Rechtsextremismus in Magdeburg
  • 16.02.2024
    Ordensschwester auf Demonstration gegen rechts

    Foto: imago/Stefan Trappe

    Für diese Ordensschwester ist es keine Frage, ob sie sich an Demonstrationen gegen rechts beteiligt. Für andere Christen ist das hingegen nicht so eindeutig.

    In vielen Städten gehen Menschen seit einigen Wochen auf die Straße, um ihre Unterstützung für die Demokratie in unserem Land zu demonstrieren. An den Kundgebungen nehmen auch zahlreiche Katholiken teil. Manche sind aber auch unentschlossen: Sollte unser Platz als Christen unter den Demonstranten sein?

     

    PRO

    Portrait Dorothee Wanzek
    Dorothee Wanzek

    Ich bin mir sicher wie lange nicht mehr: bei diesen Demonstrationen sollten wir dabei sein, um unübersehbar zum Ausdruck zu bringen: Wir sind wachsam und wollen rechtzeitig verhindern, dass in unserem Land ein weiteres Mal mit demokratischen Mitteln ein menschenverachtendes System installiert wird. Um als Gegengewicht gegen die lauter werdende rechtsextreme Minderheit wahrgenommen zu werden, müssen wir uns mit anderen gesellschaftlichen Kräften zusammentun.
    Dass darunter auch Mit-Demonstranten sein könnten, deren Werte und Überzeugungen wir nicht alle teilen, sollten wir in Kauf nehmen. Eine Grenze ist für mich, wenn sich Menschen in die Demonstrationszüge mischen, die auf das rechtsextreme Hassgeschrei, das sie anprangern, ihrerseits mit Hassgeschrei reagieren. Mit denen möchte ich auf keinen Fall verwechselt werden. Mir gefällt, wie Christen der Leipziger Innenstadtgemeinden sich ökumenisch auf die Demonstrationen einlassen, gemeinsam und gut vorbereitet. Sie informieren sich zum Beispiel, welche Gruppierungen die Kundgebung jeweils angemeldet haben – und stimmen ihre Strategie dann darauf ab. Angeregt haben sie sich auch über die Botschaften ausgetauscht, die sie auf Transparenten vor sich hertragen wollen. Eine Stunde vor Demo-Start treffen sie sich zum Gebet in der Nikolaikirche. Als sichtbare christliche Gemeinschaft wollen sie sich dann – ähnlich wie 1989 – dem großen Demonstrationszug anschließen. 
     

    CONTRA

    Portrait Oliver Gierens
    Oliver Gierens

    Aufgabe der Kirche ist es, von den letzten Dingen zu sprechen: Von Himmel und Hölle, von Erlösung und Heil. Parteipolitisches Klein-Klein sollte der Kirche ebenso fern sei wie die Versuchung, zu einer Art Lobbyverband mit Kreuz an der Wand zu mutieren. Leider sind manchem Bischof Klimawandel, Migration oder Sozialpolitik anscheinend wichtiger als die Verkündigung der Frohen Botschaft. Dabei sollte das Christentum nicht grundsätzlich unpolitisch sein, beispielsweise beim Schutz des Lebens an seinem Anfang und Ende oder in der Frage des Umgangs mit armen oder ausgegrenzten Menschen. Auch wenn Rechtsextreme über millionenfache „Remigration“ fabulieren, ist Protest vonseiten der Kirchen ohne Frage angemessen. Aber jedes Engagement muss sich vom Evangelium herleiten. Ist das bei aktuellen „Demos gegen Rechts“ noch der Fall? Schon die Wortwahl lässt aufhorchen: „Gegen Rechts“ meint eben nicht „gegen Rechtsextremismus“. Das ist kein sprachlicher Lapsus. Hier wird der Versuch unternommen, alles, was rechts von der Mitte steht, als rassistisch, fremdenfeindlich und sonst irgendwie anrüchig zu diskreditieren. Es geht den Initiatoren der bundesweiten Massendemos offenkundig darum, eine gesellschaftliche Diskurshoheit zurückzugewinnen, nachdem sogar Bundeskanzler Scholz im „Spiegel“-Interview gesagt hat, man müsse „endlich im großen Stil abschieben“. Am Ende stehen also parteipolitische Spielchen im Vordergrund. Deshalb ist die Kirche gut beraten, sich aus diesen Demos herauszuhalten.

    Pro und Contra: Katholiken auf Demonstrationen gegen rechts
  • 15.02.2024
    Tomas Gärtner
    Ricarda Lang im Gespräch

    Fotos: Uwe Soeder

    Ricarda Lang spricht nach dem Ende der Podiumsdiskussion mit einem Zuhörer. In den Händen halten sie die Friedenslichter, die als Hoffnungszeichen beim Sachsen-Sofa verteilt werden.

    Prominente Politiker diskutieren in Glashütte auf dem Sachsen-Sofa über Migration. Der Austausch ist besonnen und sachorientiert. Es wird um eine Akzeptanz in der Bevölkerung gerungen. Draußen protestieren Rechtsextreme.

    So viel Polizei dürfte vor der ehemaligen katholischen Kirche in Glashütte selten zu sehen sein. Oben am steilen Hang des Müglitztals in dem früheren Sakralgebäude, das inzwischen Veranstaltungs-Forum der Uhrenfirma Nomos ist, steht an diesem Abend eine Couch, schwarz-gelb bezogen, die Farben des sächsischen Wappens. Eine prominente Politikerin, die darauf Platz nehmen soll, ist Ricarda Lang.

    Taizé-Gesang gegen Auto-Hupen

    Das hat die rechtsextreme Kleinstpartei „Freie Sachsen“ auf den Plan gerufen. Deren Anhänger protestieren mit einem Autokorso, der von Heidenau herüberkommt, gegen den Auftritt der Bundesvorsitzenden von Bündnis 90/Grüne in dem ost­erzgebirgischen Städtchen. Die Evangelische und die Katholische Akademie haben Ricarda Lang auf ihr Sachsen-Sofa eingeladen, zur Diskussion mit Sachsens Ausländerbeauftragtem Geert Mackenroth (CDU) und Claudia Nikol, die beim Umweltzentrum in Dresden mit Flüchtlingen arbeitet. „Weites Herz, begrenzte Möglichkeiten?“, lautet das Motto. Um Migration und Integration soll es gehen, ein heißes Eisen.

    Vor Beginn stimmt der katholische Pfarrer Vinzenz Brendler in einer Hoffnungsandacht mit Blockflöte den Taizé-Gesang „Meine Hoffnung und meine Freude“ an. Stephan Bickhardt, Direktor der Evangelischen Akademie, mahnt zu Besonnenheit und zum Hören auf Argumente.
    Von draußen schallen Autohupen herein. Sven Gleißberg, parteiloser Bürgermeister der Stadt, wirkt nervös. Wichtigster Arbeitgeber seiner 1700-Einwohner-Stadt sind die zehn Uhrenmanufakturen. Die dort beschäftigten Fachleute stammen aus mehr als einem Dutzend Ländern. Kommt es hart auf hart, fürchtet er, könnten unschöne Zeichen in die Welt gehen, wo Glashütte einen guten Ruf genießt. In einer Ecke des Raums erkennt Gleißberg AfD-Anhänger aus dem Ort. Doch der Protest draußen läuft ohne größere Krawalle ab. Die Diskussion drinen wird zum entspannten Austausch.

    Schneller Arbeit, mehr Akzeptanz für Migranten

    Als ein brennendes Problem auf dem Debattiermöbel spricht Ricarda Lang an, dass Flüchtlingen so lange die Möglichkeit zur Arbeit versagt bleibt. An vielen Stellen würden händeringend Fachkräfte gesucht. Und die Flüchtlinge wollten arbeiten, um schnell von Schutzsuchenden zu Steuerzahlern zu werden. Arbeitsverbote für sie müssten abgeschafft werden. Außerdem solle man ihre Berufsabschlüsse schneller anerkennen. „Arbeit ist der zentrale Schlüssel für Integration“, meint sie.

    Sie fordert bessere finanzielle Unterstützung für die Kommunen, die an ihre Grenzen gekommen seien. Bürokratie müsse abgebaut, Flüchtlinge in Europa besser verteilt werden. Das Dublin-Abkommen sieht sie als gescheitert an. Grundsätzlich aber solle jeder, der Schutz brauche, ihn auch bekommen. Doch wer kein Recht zu bleiben habe, müsse ausreisen. Rechtsstaatlich sei das über Abkommen zu regeln.

    Geert Mackenroth warnt: Würden für Migration keine Lösungen gefunden, die eine breite Mehrheit des Volkes akzeptiere, werde es zu den Wahlen ein böses Erwachen geben. Könnten Flüchtlinge schneller arbeiten, steigere das ihre Akzeptanz und entlaste die Kommunen. Und die deutsche Sprache würden sie am besten beim Arbeiten lernen.

    Claudia Nikol berichtet, wie ihre ehrenamtlichen Mitstreiter und die Flüchtlinge sich durch einen Wust an Papieren zu kämpfen hätten. „Es ist ihr großer Wunsch, dass das einfacher wird.“

    Sachsensofa in Glashütte
    Am 8. Februar wurde offen und lösungsorientiert diskutiert. Etwa 140 Menschen waren der Einladung zum Sachsen-Sofa mit dem Titel „Weites Herz, begrenzte Möglichkeiten?“ zu den Themen Integration und Migration gefolgt.

    Rechtsextremen nicht Thema überlassen

    Scharfe Erwiderungen aus dem Publikum bleiben aus. Ein Arzt aus Jordanien meldet sich zu Wort. Seine Ausbildung werde in Sachsen nicht anerkannt. Kollegen von ihm wären in andere Bundesländer gegangen, weil das dort einfacher sei. 

    Eine Zuhörerin wendet vorsichtig ein, dass etliche Migration als nicht gelungen empfinden, Parallelgesellschaften und Ablehnung der Demokratie erlebten. Wolle man die Spaltung der Gesellschaft überwinden, müsse man Befürwortern wie Gegnern von Migration etwas geben, sagt Geert Mackenroth. Dazu gehöre auch, Menschen ohne Bleiberecht mit Nachdruck zu bitten, das Land zu verlassen. Ricarda Lang meint: „Wir dürfen das Thema nicht den Rechtsextremen überlassen.“ 

    Ricarda Lang diskutiert auf dem Sachsensofa über Migration
  • 15.02.2024
    Dorothee Wanzek
    Jan Helge Kestel

    Foto: Dorothee Wanzek

    Jan Helge Kestel vor einem Werbeplakat für Katholikentags-Privatquartiere.

    Zum Auftakt der Quartier-Kampagne für den Katholikentag hat sich Anfang Februar Jan Helge Kestel als Trägervereins-Vorsitzender des Katholikentags vorgestellt. Er folgt darin dem früheren Oberbürgermeister Manfred Ruge nach.

    „Es ist mir ein Anliegen, dass wir als Christen in der Gesellschaft sichtbar werden“, sagt Jan Helge Kestel, „der Katholikentag bietet dazu eine einzigartige Gelegenheit“. Er möchte, dass es gut weitergeht mit dem Katholikentag, nachdem Manfred Ruge im Dezember als Vorsitzender des Trägervereins zurücktrat. „Mein Ziel ist es, das Katholikentagsmotto ‚Zukunft hat der Mensch des Friedens‘ bei den weiteren Vorbereitungen im Blick zu behalten und bisherige Kritik soweit möglich aufzunehmen und zu berücksichtigen“, sagte Kestel nach seiner Ernennung Ende Januar gesagt.
    Einen Katholikentag hat der 52-Jährige bisher noch nicht erlebt, sagte er den Journalisten beim Auftakt der Suche nach Privatquartieren für die Erfurter Großveranstaltung. Beim Katholikentreffen 1987 in Dresden war er allerdings dabei und hat diese Begegnung ostdeutscher Christen in positiver Erinnerung.

    „Wir sind doch nicht nur die Problembären!“

    „Das war natürlich ein anderer Rahmen, aber auch damals ging es schon darum, sich als Christen in die Gesellschaft einzubringen“, sagte er. Kritisch sehe er, dass Kirche in letzter Zeit oft nur noch als „Problembär“ wahrgenommen werde. Natürlich dürften die Katholiken vor den bestehenden Problemen nicht die Augen verschließen. Insbesondere der Missbrauch müsse sehr ernst genommen und gründlich aufgearbeitet werden.
    Darüber sollte seiner Ansicht nach aber nicht vergessen werden, dass die Kirche nach wie vor für sehr viel Positives stehe, dass ihre Werte und ihre frohe Botschaft an vielen Orten überzeugend gelebt werde. „Dass es für die christlichen Schulen und Kitas so lange Warteschlangen gibt, ist doch bezeichnend. Viele Menschen schätzen unser Engagement. Darauf hat auch Manfred Ruge immer wieder hingewiesen“, sagte Jan Helge Kestel.
    Katholiken in Ostdeutschland sollten auch nach außen hin vertreten, wofür sie stehen, wünscht sich der Jurist, „ruhig mit ein wenig mehr Selbstbewusstsein“. Dies im Rahmen eines Katholikentages zu tun, in einer großen Gemeinschaft mit Gleichgesinnten, sei eine gute Gelegenheit, das zu üben. Dabei könnten Christen, die in der DDR aufgewachsen sind, auch ihre besondere Erfahrung ins Gespräch bringen, schlägt er vor. 
    Eine Stärke der Christen sieht Jan Helge Kestel zum Beispiel in ihrer starken Verbundenheit. Darüber hinaus seien sie fähig, Einschränkungen als Chance zu begreifen und ihre Position auch in feinen Zwischentönen zum Ausdruck zu bringen. Als Jugendlicher habe er das zum Beispiel bei Sitzungen des katholischen Karnevalsclubs Helau (KKH) miterlebt. „Ich habe mit einem faszinierten Kribbeln mitverfolgt, wie viel versteckte Kritik an den bestehenden Verhältnissen die Karnevalisten dort anbringen konnten“, erinnert er sich. Jahre später, lange nach dem Zusammenbruch der DDR, war Kestel sogar einmal Erfurter Karnevalsprinz.
    Er gehörte eine Zeitlang zum Pfarrgemeinderat und auch zum Kirchenvorstand der Erfurter Wigberti-Gemeinde, die inzwischen in der Pfarrei St. Laurentius aufgegangen ist. Mit wachsenden beruflichen Aufgaben habe er das Engagement in der Gemeinde zurückgefahren. 

    Katholische Laien nicht überfordern!

    Er nehme jedoch weiterhin wachen Anteil am Leben und an den Veränderungen seiner Gemeinde. Dass es in St. Wigbert keinen eigenen Pfarrer mehr gibt, bewege auch ihn. „Ich bewundere, was Laien alles tun, um das aufzufangen, was bisher von hauptamtlichen Seelsorgern geleistet wurde“, sagt er, wünscht sich zugleich aber auch eine konstruktivere Begleitung durch die Verantwortlichen im Bistum: „Laien können sich nur dann sinnvoll einbringen, wenn ihnen genügend Vertrauen und Wertschätzung entgegengebracht wird, wenn die Vorgaben, die ihnen gemacht werden, stimmig sind.“ 
    Er sieht die Kirche in Erfurt da gegenwärtig in einem Lernprozess. Für Priester, die in einer Großpfarrei die Leitung übernehmen, bestünden die Herausforderungen darin, die in Folge zurückgehender Zahlen unvermeidlichen Einschränkungen zu akzeptieren und Gemeindemitglieder für neue Aufgabenfelder zu ermächtigen. 
    Veränderungsprozesse bewegten derzeit Christen in ganz Deutschland. Auch hierfür könnte der Katholikentag eine wertvolle Austauschplattform sein.

     

    Zur Person: Silberschmied und Jurist
    Jan Helge Kestel wurde 1971 in Erfurt geboren. Er machte zunächst eine Ausbildung zum Silberschmied, bevor er in Freiburg Rechtswissenschaft studierte. Seit 2000 ist er Rechtsanwalt in Erfurt, seit 2020 in eigener Kanzlei. 2015 wurde er Präsident der Rechtsanwaltskammer Thüringen. Er ist auch Sprecher des Thüringer Schlichtungsbeirats

     

    Jan Helge Kestel ist neuer Trägervereins-Vorsitzender des Katholikentags