Religion in der multikulturellen Gesellschaft Spezialfall Thüringen: Marginalisierte Religion

Vortrag von Bischof em. Joachim Wanke in einem Studienseminar der Jakob-Kaiser-Stiftung am 28. September 2017 in Erfurt

Ob wir hier in den neuen Bundesländern, speziell in Thüringen wirklich eine "multikulturelle" Situation haben, die das Leitthema Ihres Studienseminars in den Blick nehmen will, wäre sicher zu hinterfragen. Ich meine eher nein. Aber das hängt an der Frage, was man unter "Kultur" versteht. Wirkliche muslimische "Kulturinseln" etwa, die eine eigene Prägung haben, finden sich wohl nur in den Metropolgebieten der Bundesrepublik. Ansonsten gibt es natürlich in unserer differenzierten Gesellschaft diverse unterschiedliche "Milieus", die eine gewisse Eigenkultur entwickeln.

Ihrer Themenvorgabe im Blick auf Thüringen will ich so entsprechen: Es soll um die zwei Fragen gehen, welche Rolle Religion in einer religionsfernen, weithin säkularisierten (wenn auch noch christlich "imprägnierten") Gesellschaft spielt und was die (statistische) Marginalisierung des Christlichen für das Selbstverständnis der hier präsenten Kirchen und Christen bedeutet.

Zunächst: Was sagt die Statistik?
Es ist zu beachten, dass das Bundesland Thüringen in seinen Grenzen weithin nicht mit den Grenzen der Kirchen bzw. Religionsgemeinschaft übereinstimmt. Auch gibt es für manche Kirchen, wie etwa für die orthodoxe,  die Freikirchen bzw. für Religionen, wie etwa für den Islam, den Buddhismus, derzeit keine konkreten Thüringer Zahlen. Doch sind die folgenden Angaben, die auf dem Statistischen Jahrbuch für Thüringen 2016 basieren,  durchaus aussagekräftig.
2016 hatte das Bundesland Thüringen 2 156 759 Einwohner, davon 54 003 (2,5%) Ausländer.

Die evangelische Landeskirche Mitteldeutschlands hatte in ihrem Thüringer Anteil im Jahr 2014 nach eigenen Angaben 472 047 Mitglieder, und in dem Anteil der Kirche von Kurhessen/Waldeck, der in Thüringen liegt, 19 892 Mitglieder, zusammen: 491 939 Mitglieder (22,8 % der Gesamtbevölkerung).

Die Katholische Kirche hatte nach eigenen Erhebungen im Jahr 2014 im Bistum Erfurt, das ganz in Thüringen liegt, 150 815 Mitglieder, im Thüringer Anteil des Bistums Fulda (in der Rhön) 8455 und im Thüringer Anteil des Bistums Dresden-Meißen (um Gera - Altenburg) 9813 Mitglieder, zusammen: 169 083 (das sind 7,8% der Gesamtbevölkerung im Freistaat).

Für andere christliche Kirchen und kirchliche Gemeinschaft liegen keine Zahlen vor. Diese dürften nur marginal sein.
Die jüdische Landesgemeinde Thüringen hatte 2014  gemäß Statistischem Jahrbuch 744 Mitglieder (0,03% der Gesamtbevölkerung Thüringens).

Zahlen für andere Religionen, etwa den Islam, den Buddhismus u.a. liegen nicht vor.

So sind rein statistisch für Thüringen 661 766 Bürger als "Gottgläubig" erfasst, wobei es eine nicht erfasste geringfügige Zahl weiterer Gläubiger geben dürfte, etwa Orthodoxe, Mitglieder von Freikirchen, Sektenangehörige.

Damit kann in etwa gesagt werden: 30,7% der Thüringer sind als religiös erfasst. Gemäß einem Trend der letzten Jahre muss man mit einem weiteren Abschmelzen dieser Zahlen rechnen, wobei durch Zuwanderungen und (temporären) Zuzug (etwa durch Flüchtlinge) Unwägbarkeiten entstehen mögen, die derzeit statistisch nicht zu übersehen sind.

Welche Rolle spielt dieses zur Minderheit geschrumpfte Christentum für die Mehrheitsbevölkerung? Und ferner: Was bedeutet die Tatsache der aller Voraussicht nach noch wachsenden Marginalisierung für die hier lebenden Christen und Kirchen?

Zuvor möchte einladen, kurz auf die derzeitige gesellschaftliche Situation hier im Osten zu schauen.

I. Zur derzeitigen Situation in den neuen Bundesländern
Ich setze ein mit der pointierten These, die nur selten zu hören ist: Die durch das alte System verursachten geistigen Schädigungen im Osten, die meist nicht so offen zutage liegen, halte ich für schwerwiegender als die ökonomischen Probleme. Letztere wird man - vermutlich in einem längeren Zeitraum als gedacht - wohl in den Griff bekommen. Aber wird das auch gelten von dem, was Lüge und Halbwahrheit des alten ideologischen Systems in den Köpfen und Herzen der Menschen, besonders der jungen Leute, an Verbiegungen, Ausfällen und Wertblindheiten bewirkt haben? Ich nenne als Beispiel den Begriff "Solidarität", in der alten DDR weithin inflationär gebraucht. Es war zu einem Ideologie-Wort verkommen und meinte meist nur die Unterstützung der politischen Kräfte, die auf der marxistischen Linie lagen. Und diese Linie bestimmte die Partei. Oder: "Völkerfreundschaft", etwa mit dem polnischen Nachbarvolk, mit den Völkern der Sowjetunion, mit Israel - aber ohne tiefere Bearbeitung der Schuldgeschichte und das Bemühen um Vergebung und Versöhnung. Oder: die politische Entmündigung der Bevölkerung durch eine Partei, "die immer recht hatte" (!), und die letztlich nicht wollte, dass Menschen das eigene Leben selbst gestaltend in die Hand nehmen. Menschen- und Freiheitsrechte gab es nur , wenn es in die Ideologie hineinpasste. Oder anders gesagt: Die im Osten oft überzogenen Erwartungen an den Staat, der alles richten soll, sind die Kehrseite der eigenen langjährigen Entwöhnung von eigenständigem Denken und Handeln (vgl. Rolf Henrich, Der vormundschaftliche Staat). Die Gesellschaft im Osten wird noch längere Zeit an den Folgen solcher geistigen Schädigungen zu laborieren haben, und das auch im Blick auf den Ausfall von Religion und überlieferter kirchlicher Praxis.

Ich fasse das Spezifische der derzeitigen östlichen Situation in vier Stichworte:

1. Bleibender Nachholbedarf an Modernisierung
Es gibt angesichts der in der alten DDR-Entwicklung angestauten gesellschaftlichen Probleme immer noch einen Nachholbedarf an Modernisierung, der stärkste wirtschaftliche, aber eben auch kulturelle und geistige Turbulenzen auslöst. Der gesellschaftliche Wandel, der sich im Westen in diversen Wellen vollzog (vgl. die 68-Bewegung, der Wandel in der Wirtschaft, die unterschiedlichen gesellschaftlichen Freisetzungs- und Individualisierungsschübe) überstürzen sich im Osten. Die sozialen und psychologischen Sicherheiten, die das alte DDR-System (oft unter ideologischen Vorzeichen) geboten hatte, sind entfallen. Die neuen sozialen Netze greifen erst langsam bzw. die Menschen lernen nur schwer, sich darin zurechtzufinden. Kenn-zeichnend etwa waren nach der "Wende" die starken Rückgänge der Geburtenzahlen im Os-ten, mehr noch als in den Kriegsjahren 1941-1945. Man ist sich der Zukunft nicht sicher, doch gibt es andererseits einen Lebenshunger, der möglichst jetzt und sofort das nachholen möchte, was bislang nicht möglich war. Die Reisebüros z. B. haben Hochkonjunktur. Im Bild: Es ist wie bei einem Gefängnisinsassen, der unvermittelt mit der Freiheit konfrontiert wird. Die "geordnete" Gefängnissituation erscheint in der "Zugluft" der Freiheit unter Umständen ro-mantisch verklärt. Manche Kräfte machen damit heute politisch Kapital.

2. Östliche Inferioritätskomplexe
Auch das möchte ich ansprechen, weil es ein Spezifikum unserer Situation ist. Der Ost-West-Gegensatz bestimmt immer noch das alltägliche Denken und Verhalten der Menschen. Wenn auch manches jetzt schon verblasst und sich angleicht: Die östliche Grundgestimmtheit ist von einem tief eingefressenen Verdacht bestimmt, von den "Wessis" nicht ernst genommen zu werden, politisch, wirtschaftlich, wissenschaftlich, kulturell usw. Angesichts des West-Ost-Gefälles meint man sich immer wieder behaupten und verteidigen zu müssen. Manche fühlen sich "fremd im eigenen Land" (Hartmut Rosa, F.A.Z. 20.4.2015). Mit Humor  gelingt es manchmal, das eigene Selbstbewusstsein (angesichts des Zwangs zur Anpassung) zu stärken, etwa durch dieses Bonmot eines ostdeutschen Gesprächsteilnehmer, seinerzeit am sog. Berliner "Runden Tisch" geäußert: "Wir im Osten hatten früher zwar kein silbernes Essbesteck wie ihr im Westen, sondern nur eines aus Aluminium, aber die Bewegungen beim Essen waren die gleichen!"
Ich darf hier nur nebenbei, aber dankbar anmerken, dass gerade unsere Kirche und die von ihr und unseren Katholiken damals getragenen und beförderten Verbindungen zwischen West und Ost viel zum Abbau solcher Ressentiments und Minderwertigkeitskomplexe beigetragen haben. Der biographische und institutionelle Austausch von Menschen, die sich im gemeinsamen Gottesglauben verbunden wissen, hat sich auch in dieser besonderen geschichtlichen Stunde unseres Volkes bewährt.

3. Geistige Orientierungslosigkeit
An dieser Stelle ist noch zu sprechen von der Problematik, die meines Erachtens die schwerwiegendste Frage für uns im Osten ist: Wer wird das Vakuum ausfüllen, das durch den Zusammenbruch des alten ideologischen Systems entstanden ist? Dieses System hatte zwar zu-letzt immer mehr an innerer Überzeugungskraft verloren, aber es hatte eine Mehrzahl von Menschen, die ihre religiöse Beheimatung in den evangelischen Landeskirchen bzw. auch im katholischen Glauben verloren hatten, mit einem merkwürdigen quasi-religiösen Welt- und Lebensbild aufgefangen, das - denken wir nur an das Ritual der Jugendweihe - nahezu Züge einer "Zivilreligion" angenommen hatte. Diese, zum Teil auch durch Anleihen aus einem kleinbürgerlichen, sozialistischen Humanismus angereicherte Lebensphilosophie des alten DDR-Bürgers ist zusammengebrochen. Es zeigt sich nun, dass unter dem Firnis der propa-gierten sozialistischen "Kultur" oft keine tragenden Werte vorhanden sind. Manchmal ist es ein blanker Materialismus, der das Urteilen und Handeln bestimmt, manchmal sind es auch obskure, irrationale Heilslehren, die hier und dort Anhänger finden. Die innere Orientierungs-losigkeit ist groß. Auch der Blick gen Westen ist diesbezüglich für nachdenkliche Menschen nicht sonderlich hilfreich. Erblicken Westdeutsche in unserer östlichen Situation oft ihre eige-ne Vergangenheit, sehen manche im Osten in der Situation drüben ihre Zukunft. Aber wenn man nicht gerade im steigenden Bruttosozialprodukt den Wertmesser für die innere Qualität einer Gesellschaft sieht, stimmt eine solche Einschätzung auch nicht gerade heiter!

Es wird noch ein längerer Weg sein, in der Breite der ostdeutschen Bevölkerung z.B. auch eine Akzeptanz für die parlamentarische Demokratie zu schaffen, für eine Gesellschaft mit klarer Gewaltenteilung und mit ökonomischen Leitvorstellungen, die eine immer neu auszu-handelnde Balance zwischen sozialer Absicherung und wirtschaftlicher Effizienz zum Ziel haben. Und das geht wohl nicht ohne Vorgabe von allgemein akzeptierten Wertvorstellungen. Und ein Staat, geschweige denn eine Ideologie kann diese nicht hervorbringen, es sei denn um den Preis der Freiheit. Wir im Osten werden, um es auf eine Formel zu bringen, nach und nach die jahrzehntelange gesellschaftliche "Denk-Entwöhnung" überwinden müssen, und im Westen wird man wohl gegen die jetzt zutage tretende "Denk-Verfettung" in Politik und Wirtschaft angehen müssen, die die gesellschaftliche und politische Visionsfähigkeit schrumpfen lässt.
So oder ähnlich wäre "holzschnittartig" die augenblickliche innere "Gestimmtheit" eines nachdenklichen Ostbürgers im Blick auf die gesellschaftliche Situation zu beschreiben, wobei dieser hin- und hergerissen ist zwischen der klaren Erkenntnis der eigenen defizitären Ver-gangenheit und dem Gespür, dass wohl auch nicht alles Gold ist, was da im Westen (und nun auch bei uns) glitzert und glänzt. Wer so bis in die Mitte seiner Existenz verunsichert ist, losgelöst aus vertrauten Handlungsmustern und herausgerissen aus dem Gefüge eines ideologi-schen "Betreuungsstaates", an dessen sozialistischer Brust alle geborgen sein sollten - der braucht schon ein starkes Selbstbewusstsein und ein eigenes Wertgefüge, das über die Anpas-sungszwänge des Alltäglichen hinausreicht.
Hier deutet sich schon an, welche Aufgabe u.a. (!) auch für die verfassten Kirchen hierzulande anstehen, allen Bürgern (beileibe nicht nur den Christen)  Halt und innere Stabilität ("Eigensinn", so formulierte es einmal Prof. Udo Di Fabio), zu vermitteln.

4. Eine tief verwurzelte Christentums- und Kirchenferne
Neben Tschechien, Lettland und Estland  gehört der Osten Deutschlands bekanntlich zu Ländern Europas, die am stärksten säkularisiert sind.
Manche Beobachter aus dem Westen meinten, dass nach der "Wende", nach so langer Unterdrückung allen religiösen und teilweise auch kirchlichen Lebens im Osten, nun  ein Zustrom zu den Kirchen hätte einsetzen müssen. Für Kenner der inneren Situation im Osten war freilich schon vorher klar: Die Ostdeutschen sind "religiös unmusikalisch" und Kirche ist für sie, wenn nicht etwas Exotisches, so doch zumindest etwas sehr Fremdes, Unverständliches. Es gibt manche kluge religionswissenschaftliche Abhandlungen zu diesem Befund, freilich: In der Diagnose sind sich die meisten Religionssoziologen einig, weniger in der Darlegung der Ursachen für diesen Befund geschweige denn in der Therapie.

Wir müssen realistisch damit rechnen, dass die Breite der Bevölkerung in den neuen Bundes-ländern, verursacht durch Indoktrination, aber auch durch Gewöhnung an eine totale religiös-kirchliche Abstinenz, für absehbare Zeit kaum Zugang zu einem religiösen, geschweige denn kirchlich geprägten Gottesglauben finden wird. Auch das sei am Rande vermerkt: Hier im Osten "dampft" es nicht vor lauter Religiosität! Es mag einige wenige neureligiöse Zirkel und Grüppchen geben, doch spielen diese in der Breite der Bevölkerung Ost keine Rolle. Das mag zum einen damit zusammenhängen, dass die Akzeptanz der westlichen Lebenswerte samt ihrer Träger ohnehin im Osten nachgelassen hat, zum anderen mag es auch eine gewisse Trotzhaltung sein, die sagt: Alles hat uns Ostleuten der Westen genommen - aber unseren Atheismus, den lassen wir uns nicht nehmen! (so eine These von Ehrhart Neubert:  "... gründlich ausgetrieben", Berlin 1996).

Das mag ein wenig überspitzt formuliert sein, aber ich halte diese historische Herleitung der ostdeutschen Religions- und Kirchenferne zumindest zum Teil für berechtigt. Die Religions-abstinenz ist bei uns im Osten schon im Vorfeld der kommunistischen Zeit oft seit Generationen biographisch vererbt. Die DDR-Jahrzehnte haben natürlich noch diesen Atheismus und Materialismus verstärkt,
Doch möchte ich hinzufügen: Der explizite Atheismus, also eine Gottesleugnung, die auf einer rationalen Reflexion aufruht,  ist besonders nach dem Neuanfang von 1989/90 durchsetzt von einem müden, zum Teil resignativen Skeptizismus bzw. Agnostizismus. Ausdrücklicher Atheismus ist ja intellektuell viel zu anstrengend, um auf Dauer lebenslang durchzuutragen. Die Menschen im Osten sind weithin eher weltanschauliche "Lebenskünstler", die sich ihre Grundüberzeugungen, wenn sie überhaupt welche haben (wollen), selbst zusammenbasteln - aus Vorurteilen, aus eigenen biographischen Erfahrungen, aus Bildungsresten der alten DDR-Schule, aus Anleihen aus dem westlichen Positivismus usw. Wir Kirchen treffen im Osten beileibe nicht nur auf Ablehnung. Das auch. Aber daneben gibt es durchaus auch Neugier, Interesse, freundliche Anteilnahme - aber eben selten wirkliche Lebensumkehr aus dem christlichen Gotteshorizont heraus. Dem will ich mich nun näher zuwenden.

II. Hat die marginalisierte Religion, speziell das Christentum im Osten Deutschlands überhaupt noch eine Bedeutung?

Ohne Zweifel Ja - aber in mancher Hinsicht anders als im Rheinland oder in Bayern! Ich nenne zunächst  einmal Erfahrungen von Wertschätzung des Religiösen in der säkularen Gesellschaft, die sowohl in Ost als auch West zu beobachten sind:

1.Die Bedeutung der christlichen Religion für die "Erinnerungskultur"
Das wäre einer ausführlichen Betrachtung wert. Hier nur einige Andeutungen, die freilich auch den Zwiespalt andeuten, der sich hier auftut: Religion und Kirche(n) gleichsam  als bloße "Museumswächter" oder als Bewahrer eines relevanten, kostbaren Erbes, das es zu pflegen, aber auch kreativ zu nutzen gälte.
Gerade Thüringen ist geprägt von christlicher Kultur - in seinen Kirchbauten, in seiner Musiktradition (J.S.Bach), in seiner bildenden Kunst, seinen Traditionen und volkstümlichen Festen. Soeben (2016) etwa ist die Heiligenstädter Passionsprozession als UNESCO-Kulturerbe bestätigt worden. Das "Lutherjahr" 2017 hat die Erinnerung an die historische Bedeutung der Reformation und deren Folgen neu geweckt - auch für Nichtchristen. 2007 hatten wir Katholiken ein großes "Elisabeth-Jubiläum" gefeiert, an dem nicht nur die Ökumene, sondern auch die kirchenferne Bevölkerung durchaus Anteil nahm. Elisabeth ist durchweg bis heute für viele Thüringer eine sympathische Gestalt, die für Nächstenliebe und Solidarität mit den Armen steht.

Die nichtreligiöse Mehrheitsbevölkerung rechnet also durchaus das christliche Überlieferungsgut zu den vorzeigbaren kulturellen Schätzen dieser Region. Sie ist bereit, sich dafür auch einzusetzen - aus welchen Gründen auch immer; etwa für den Erhalt der halb zerfallen Kirche im Dort, obgleich man diese kaum von innen, für die Teilnahme am Gottesdienst nutzt. Der Erfurter Domberg und die altehrwürdige Gloriosa-Glocke bedeuten wohl allen Erfurtern viel, nicht nur den Katholiken. Christliche Kulturgüter dienen der Stärkung der eigenen Identität und der Heimatbindung, auch den nichtkirchlichen Zeitgenossen.

2. Der Beitrag der christlichen Religion für eine soziale Gesellschaft und eine plurale Bildungslandschaft
Der reale Beitrag der Kirchen bzw. kirchlicher Stiftungen für den Erhalt und Ausbau des Sozialstaates wird gesehen und durchaus gewürdigt. Doch auch hier tut sich das Problem auf, ob Diakonie und Caritas der Kirchen überhaupt noch als christliche Sozialverbände gefragt oder eben nur - was sie in der Tat sind - gewichtige Akteure im Gefüge von Sozialstaatlichkeit. Natürlich bestehen für die Kirchen Herausforderungen, sich in ihren Sozialeinrichtungen heutigen Fach-Standards stellen zu müssen. Aber je mehr der Staat als der große Geldgeber für die auch kirchlich erbrachten Sozialleistungen hervortritt, verblasst der christlich-religiöse Charakter des sozialen Engagements. Viele Leute hierzulande wissen manchmal nicht, dass Caritas etwas mit (katholischer) Kirche zu tun hat. (Man kann natürlich auch sagen: Das sei ja auch nicht so entscheidend - wichtig sei nur, dass Menschen konkret geholfen wird!)

Beim Erhalt und Ausbau kirchlicher Bildungseinrichtungen zeigen sich, speziell hier in Thüringen mit ihrer linken Regierung derzeit mancherleit Spannungen (die m.E. auch weltanschauliche Hintergründe haben), doch sind von der nichtchristlichen Bevölkerung gerade auch kirchliche Bildungsangebote (Kindergärten, Schulen, Ausbildung für Sozialberufe ) durchaus geschätzt und nachgefragt. Nach der politischen Wende ist z.B. an der neu begründeten staatlichen Erfurter Universität mit allgemeiner Akzeptanz durch die Öffentlichkeit sogar eine Katholisch-Theologische Fakultät eingerichtet worden.

Anerkannt ist auch der hohe Anteil von Christen am bürgerschaftlichen, ehrenamtlichen Engagement, wie sich etwa jüngst bei der Bewältigung des Flüchtlingsansturms zeigte. Aber auch andere Formen von (meist) sozialen Initiativen (Hospize, Suppenküchen, Kleiderkammern, Bahnhofsmission u.ä.), bei denen oft Christen stark engagiert sind, werden in der nicht-christlichen Öffentlichkeit durchaus gewürdigt. Ehrenamtsarbeit ist natürlich kein Privileg der Christen. Auch viele Nichtchristen sind darin vorbildlich engagiert. Es gibt diesbezüglich eine innere Nähe und eine Grundsolidarität der Kirchen mit ihren Verbandsinitiativen zu nicht-christlichen Sozialträgern, was bis zu gemeinsamen Trägerschaften und Aktionen führen kann. Das säkulare Thüringen rechnet also durchaus mit diesem Sozial- und Bildungseinsatz der verfassten Kirchen.

Schließlich nenne ich (mit aller Vorsicht!) aber auch einen Bereich, der mir für unsere Region, weniger für den Westen charakteristisch scheint.
3. Das Interesse von Nichtglaubenden am fremd gewordenen "Religiösen"
Das zeigt sich beispielsweise, wenn nach den Motiven von Menschen fragt, die  nichtreligiös aufgewachsen sind und als Erwachsene nach der Taufe fragen. Das sind weithin nur kleine Gruppen, doch ergeben sich bei näherem Hinschauen interessante Einsichten.
Für manche ist das Lebenszeugnis wacher Christen ein Anstoß, nach einer eigenen Sinnmitte für sich persönlich zu fragen. Manche erleben das Ungenügen einer rein materialistischen bzw. "biologistischen" Lebensdeutung. Ich selbst habe einen jungen Vater kennengelernt, "chemisch rein" von Religion aufgewachsen war und der nach der Geburt des dritten gesundes Kinder auf einmal ins Grübeln kam und für sich konstatierte: Das könne doch nicht nur ein rein " biologisches Ereignis" sein, nicht nur ein evolutiv programmiertes Zufallsgeschehen. Er hatte einfach das Verlangen, für das Glück dieser Geburt jemandem danken zu können.

Andere halten Ausschau nach einer größeren Gemeinschaft, in der sie sich angenommen und "dazugehörig" fühlen können.Da kommt die Kirche in den Blick. Andere kommen mit der Erwartung, endlich ihren Zwängen, Schuldverstrickungen und persönlichen Dilemma-Situationen zu entkommen. "Alle analysieren mir hoch wissenschaftlich und psychologisch mein Versagen ... aber niemand sagt mir: Deine Sünden sind dir vergeben!"  

Dazu kommen die zeitlos-klassischen Gründe für Lebenswenden ("Konversionen") in Biographien: sei es die tiefere Einsicht in philosophische, psychologische, auch naturwissen-schaftliche Fragestellungen, die zu einer Neubewertung des früheren Urteilens führen; sei es das nachdenkliche, forschende Fragen "nach dem, was bleibt", gerade angesichts einer doch recht fragwürdigen "Unterhaltungs- und Bespaßungsgesellschaft" . Auch können plötzliche Schicksalsschläge oder andere überwältigende Erschütterungen (wie Bewahrung in Todesge-fahr, sonstige Lebenskrisen bzw. "Wendeereignisse") zu einem Sinneswandel führen. (Hier ist immer noch das Werk des englischen Religionspsychologen William James von Interesse:  The Will of Believe, 1905, dt.: Die Vielfalt religiöser Erfahrung, bis heute immer wieder aufgelegt. Dort finden sich viele Beispiele für solche "Konversionen" gerade hin zu einer religiösen Welt- und Lebensdeutung.)  Bekannt ist etwa das Konversionserlebnis des französischen Schriftstellers Paul Claudel, der nach eigenem Bekennen aus einem damals modischen Atheismus herausgeführt wurde durch die innere Erschütterung, die er beim Hören des Choralgesangs in der Kathedrale Notre Dame in Paris erfuhr. Sprechend war diesbezüglich für mich auch die Reaktion der weithin nichtchristlichen Erfurter Bevölkerung nach dem schrecklichen Massaker im Gutenberg-Gymnasium: Sie hat durchaus gern den Dienst der Kirchen für die Bewältigung ihres Entsetzens und der Trauer über diese Bluttat angenommen. Der bewegende ökumenische Trauergottesdienst auf dem überfüllten Domplatz nach diesem Geschehen ist mir unvergessen.

Wir müssen gerade im Osten Deutschlands bzw. im Bereich eines vormals staatlich verordneten Atheismus mit solchen Reaktionen  bzw. auch "Lebenswenden" rechnen - sicherlich nicht als Massenphänomen, aber doch als durchaus beachtliche Einstellung, sich für eine religiösen Lebensdeutung zu öffnen . Es spricht sich herum, dass gelingendes Leben mehr braucht als die Potenzierung unserer (ökonomischen, technisch-wissenschaftlichen, auch politischen) Fähigkeiten. Um mit dem Jenaer Soziologen Hartmut Rosa (vgl. HerderKorrespondenz 10/2017, 17-20) zu sprechen: Es braucht "Resonanzerfahrungen" aus Bereichen, über die wir nicht selbst verfügen können, weil sie uns "das ganz Andere" erschließen, das uns erst zu uns selbst kommen lässt. Und dazu gehört eben auch die Religion, der christliche Glaube, die Bibel etwa, die uns bekanntlich nicht permanent bestätigt, sondern uns auch oftmals wider-spricht.

4. Neueinschätzung der Bedeutung der Religionen beim Ringen um eine humane Zukunft einer zusammenrückenden Welt
Ein Weckruf in dieser Hinsicht war für die deutsche Öffentlichkeit die Friedenspreisrede von Jürgen Habermas 2001 in der Frankfurter Paulskirche. In ihr hat er die Religionen, speziell das Christentum, und die nichtreligiösen bzw. agnostischen Denker eingeladen, in einen gegenseitigen Dialog einzutreten. Habermas verwies auf oft ungehobene Schätze, die gerade in religiösen Überlieferungen für eine humane Zukunftsgestaltung der Menschheitsgeschichte von Bedeutung wären. Zu denken sei etwa an Beiträge für eine universale Begründung von Menschenwürde und Menschenrechten; oder zur Frage nach Friedensbewahrung und der Durchsetzung von Gewaltfreiheit bei der Begegnung der Völker und Kulturen;  oder für die Bewältigung der ökologischen Krise, die ja die Menschheit insgesamt bedroht. Die Umwelt-Enzyklika von Papst Franziskus "Laudato si´ (2015) ist auch hier im Osten mit Interesse aufgenommen worden.

Auch im Blick auf die Frage nach Gestaltung Europas als Wertegemeinschaft, von der jetzt so viel die Rede ist, tritt neu die Bedeutung der Religionen in den Blick, zunächst durchaus auch kritisch (im Blick auf fundamentalistische Tendenzen in den Religionen, vor allem im Islam), aber auch positiv nachfragend (etwa anerkennend den Beitrag der Gemeinschaft von San´Egidio für konkrete Friedensarbeit). Denken wir nur an die derzeit so wirre Diskussion um das, was manche sich unter dem "christliches Abendland" vorstellen. Hier tritt auf einmal (für manche überraschend) neu hervor, dass ohne den Beitrag der Religionen die Zukunft unseres Kontinents, aber eben auch einer zusammenwachsenden Welt nicht gesichert werden kann.

Das alles trägt bei zu einer neuen Bewertung von Religion und Glaube, in der dann auch wie von selbst der eigene Standpunkt herausgefordert wird. Das macht sich durchaus auch hierzulande in der Literatur und Kunst, bei Theaterschaffenden und Filmemachern, in manchen öffentlichen Diskussionen - zugegeben noch nicht in der Breite - aber immerhin bemerkbar.

Abschließend noch einige kurze Hinweise auf die Frage, wie Kirchen auf diese, sicherlich diffuse und unübersichtliche Lage von Religion in religionsferner Gesellschaft reagieren sollten.

III. Die Zukunft von (christlicher) Religion in den "religionsfernen" neuen Bundesländern
Diese Überlegungen vorausgesetzt, versuche ich einige wenige Hinweise zu geben, was sich im Osten an neuen Chancen und Möglichkeiten für eine religiöse Welt- und Lebenssicht auftut. Wir sahen ja, dass es dazu durchaus Anknüpfungspunkte gibt. Und zudem bleibt die fundamentale existentielle Frage, wie der heutige Mensch mit seiner Begrenztheit (Kontingenz) umgeht, z.B. mit der Tatsache, dass vieles trotz Wissenschaft und technischem Fortschritt grundsätzlich seiner Verfügbarkeit entzogen ist und bleiben wird, etwa die Eingrenzung des Menschen in Raum und Zeit.

Was den christlichen Kirchen in Ost und West gemeinsam entgegenkommt,  ist, so meine ich, das Ende einer gewissen gesellschaftlichen "Sattheit". Eine neue Nachdenklichkeit kehrt ein, die besorgt fragt: Wie kann und wird es mit unserer gesellschaftlichen Entwicklung weiterge-hen? Der Tradierungsabbruch trifft ja nicht nur die Kirche(n). Auch andere gesellschaftliche Institutionen, einschließlich der Ehen und Familien, sind im Umbruch. Gerade wohl auch deshalb hört man immer öfters solche Fragen: Was hält eigentlich die Gesellschaft zusammen? Wie ist angesichts der auseinanderdriftenden Tendenzen ein gesellschaftlicher Konsens, der Zukunft sichert, noch möglich? Vermutlich stehen wir vor einer neuen gesellschaftlichen Diskussion, in der der Beitrag der Kirche durchaus auch Aufmerksamkeit finden wird, wenn er sich denn (wie Habermas gefordert hat) argumentativ und verständlich präsentiert und sich einer offenen Diskussion stellt. - Meine Überlegungen im Blick auf kirchliche Lernschritte mache ich an drei Stichworten fest:

1. Konzentrieren
Es gilt zunächst neu vom eigenen Selbstverständnis als Religionsgemeinschaft auszugehen bzw. dieses neu und vertieft zu gewinnen. Mich bewegt die Frage, ob wir nicht in einem noch tieferen, theologischen Sinn uns auf die zentrale Botschaft des Christentums konzentrieren müssten. Die Leitfrage dabei sollte sein: Was ist eigentlich die Mitte christlichen Selbstver-ständnisses? Und weiter (im Blick auf die "verfasste" Kirche und deren Aktivitäten): Was kann den Kirchen von niemandem in der derzeitigen Gesellschaft abgenommen werden? Was würde einer Gesellschaft fehlen, in der es keine Kirchen, keine Religion geben würde? Etwa: Gottesdienst feiern, das Kirchenjahr mit seinen Festen und Bräuchen; Sterbende nicht nur begleiten, sondern in einem tiefen Sinn zu "trösten" und zu befähigen, sich selbst in einer größere Wirklichkeit hinein, die wir Gott nennen, loszulassen  usw. Kirchlich-religiöse Akti-vitäten sollten wirklich mit dem "Kern" des Christentums (dem Evangelium) in Berührung bringen. Das geschieht natürlich auch durch engagierten sozialen Einsatz, besonders für Randgruppen und Benachteiligte. Ich hatte schon  auf die Akzeptanz von Gottesdiensten  nach Großkatastrophen bzw. Terrorakten hingewiesen. Auch die Militärseelsorge wird trotz der Tatsache, dass die meisten Soldaten keine Christen sind, durchaus akzeptiert. Hier öffnen sich Zugänge zu dem, was die innerste Mitte des Evangeliums sein will: Bestärkung in einer Hoffnung, die über den Tod hinausgeht.

Es ist also gar nicht so einfach herauszufinden, dieses Proprium des Christlich-Religiösen sichtbar zu machen. Das kann sicher auf unterschiedlichste Weise geschehen, mit Worten und durch Taten, direkt und indirekt, mehr im Modus der Anknüpfung, manchmal aber auch im Modus des Widerspruchs und der Warnung. (vgl. die Episode, die vom Schauspieler  Gustav Knuth erzählt wird, der einmal nicht in seine Rolle hineinfand. Zuletzt rief er der verzweifel-ten Souffleuse zu: "Keine Einzelheiten bitte! Welches Stück?")
Für mich gilt als ein Kriterium: Löst kirchliche Präsenz etwas aus in Richtung der Kontakt-nahme mit der Botschaft des Evangelium Christi? Eröffnet sie einen "Weg", der zum Nach-denken, zur Selbstbesinnung, ja zur Lebensumkehr einlädt? Erweitert die Berührung mit christlichem Glauben und christlicher Lebenspraxis den Lebens- und Welthorizont der Mit-menschen, mehr noch: bereichert er ihn?     Mein zweites Stichwort:

2. Profilieren
Kirchliche Präsenz in der Gesellschaft sollte profiliert sein. Kirche darf sich weder anbiedern noch anpassen, aber sie darf sich auch nicht verstecken. (Bei der Feier des Reformationsjubiläums wurde diese schwierige Gratwanderung zwischen Verkündigung und "Anbiederung" sichtbar).    
In den neuen Ländern müssen wir nüchtern mit einer sehr großen Fremdheit der Menschen allem Kirchlichen gegenüber rechnen. Das ist hier anders als in der "Altbundesrepublik". Auch ist hier bei uns die Angst der Leute groß, "vereinnahmt" zu werden. Die Wege der Menschen zu Religion und  Kirche sind hier länger und das Terrain steiniger. Aber einen Vorteil haben wir Christen vielleicht im Osten: Es gibt hier vermutlich weniger kirchlich "hausgemachte" Vorurteile und Missverständnisse. Die Menschen sind unbelasteter von negativen Kirchenerfahrungen, zumindest was ihre eigene Biographie betrifft. Die Negativeinflüsse einer einseitigen Mediendarstellung von Kirche nehme ich dabei aus. Freilich: Die Resistenz, die Widerstandskraft gegenüber dem Verdummungseffekt ungefilterten und unkritischen Mediengebrauchs gehört zum modernen Christsein.

Ein weiterer Vorteil unseres ortskirchlichen Lebens: Weithin haben wir weniger kirchlichen "Apparat" als die Bistümer West. Menschen wollen heutzutage "Gesichter" sehen. Sie wollen nicht auf Institutionen verwiesen werden oder Werbezettel in die Hand gedrückt bekommen. Jedes "Ansprechen" von Menschen geht nur über den Weg persönlicher Begegnung, wobei im Vorfeld sicher bedacht werden muss, wie man Räume schaffen kann, in denen das dann erfol-gen kann: das Gespräch von Mensch zu Mensch.
Die zentrale Motivation bei diesem "missionarischen Zeugnis" muss sein: den Menschen einen neuen Verständnishorizont für ihr Leben und den Sinn des Daseins zu eröffnen. Vaclav Havel hat ein solches existentielles Umdenken und "Neubuchstabieren" des eigenen Lebens vor der "samtenen" Revolution in Prag mit seinem Buch dargestellt: "Versuch in der Wahrheit zu leben". Er hat dabei kein einziges religiöses Wort gebraucht! Aber sein Anliegen ist nahezu das Gleiche, was die christliche Osterverkündigung anstrebt: Existenzwandel.
Den Kirchen (und Religionen) darf es hierzulande nicht vordergründig um "Mitgliederwerbung" gehen. Es geht um Horizonterweiterung, um "gewendetes Denken", um "Beleuchtung des Vorfindlichen mit einem Licht von oben", das alles in seiner Wertigkeit verändert, auch mich selbst und meine Beziehungen zum anderen neben mir. Ist es tatsächlich so, dass der religiöse Mensch mehr sieht als andere - und nicht einer Selbstprojektion seiner Sehnsüchte an einen imaginären Himmel verfällt (wie Freud, Nietzsche und auch der Marxismus meinten). Solche Überlegungen können helfen, eine gewisse "Absichtslosigkeit" in der Begegnung mit nichtreligiösen Zeitgenossen durchzuhalten. Christen stehen nicht unter missionarischem  "Erfolgsdruck". Die eigentliche Bekehrung bewirkt - fromm gesprochen - ohnehin der Geist Gottes. Christen sind höchstens "Zuarbeiter"! Sie leisten "Hebammendienste" für das neue, von oben geborene "österliche" Leben.
Schließlich mein letzter Punkt:

3. Begleiten
In diesem Stichwort klingt für mich die Art der Seelsorge mit, die Gott selbst am Menschen betreibt. Er "begleitet" uns - helfend, mahnend, warnend, manchmal auch uns erschreckend, aber niemals absolut und für immer verurteilend.
Ich spüre bei den Menschen bei uns im Osten eine tiefe Sehnsucht nach gelingenden "Bezie-hungen", nach menschlicher Nähe und nach "Angenommen-Sein". Wenn es irgendwie gelingt, das erste Misstrauen gegenüber Kirche zu zerstreuen, wirkliche absichtslose Nähe zum anderen glaubhaft zu machen, dann öffnen sich oftmals sehr bald die Herzen. Es gehört zu den schönsten Erfahrungen im Leben eines Priesters, wenn er bei einem Hausbesuch gesagt bekommt: "Das ist aber schön, Herr Pfarrer, dass die Kirche (!) einmal nach mir schaut!"

Die Chance kirchlich-pastoralen Wirkens besteht heute darin, in der zunehmenden Vereinzelung der Menschen Beziehungsnetze zu knüpfen. Ich gebe zu: Wir Kirchenleute erfahren in diesem Bemühen auch Ablehnung, wir begegnen Vorbehalten und Misstrauen. Doch sehe ich auch, dass es in unserer Leistungsgesellschaft, vielleicht gerade wegen ihrer oft unerbittlichen Härte und Stressigkeit Sehnsucht nach menschlicher Nähe und Annahme gibt. "Du bist angenommen!" Diese Grundbotschaft des Evangeliums hat auch heute ihren kairos. Erst auf der Basis dieser Botschaft kann sich dann die Einladung zur Umkehr, zum Neuanfang, zur Nachfolge Christi entfalten.

Ich beende unseren Blick auf die religiöse Situation im Osten, indem ich noch einmal meine Grundeinstellung zum Ausdruck bringe: Es ist gut, auch für unsere Kirche und ihr Leben, dass die hiesige "Säkularität" den religiösen Glauben auf den Prüfstand stellt. Das ist nicht immer einfach auszuhalten.  Aber die Freiheit ist immer besser als Zwang, auch der sublime Druck, mit dem uns das alte kommunistische System früher half, die christlichen Gemeinden im "Schulterschluss" zusammenzuhalten. Wir leben jetzt religiös, christlich gesehen "ehrlicher". Christen müssen sich auf ihre Substanz besinnen. Und das ist vermutlich ganz im Sinne der Heilspläne Gottes.