Es ist immer wieder heilsam, sich über die kirchliche Situation miteinander zu verständigen, ein wenig zurückzuschauen, aber vor allem auch in die Zukunft zu blicken. Gerade in diesen Wochen, da wir an 20 Jahre Mauerfall und deutsche Wiedervereinigung zurückdenken, geschieht das sehr intensiv. Der Wandel der Verhältnisse, auch der Rahmenbedingungen unseres kirchlich-katholischen Lebens ist offenkundig. Ich deute nur in einigen Stichworten an, was ich mit diesem z. T. uns von außen auferlegten „Wandel“ meine. Da wäre zu nennen:
- die Einbeziehung unseres kirchlichen Lebens im Osten in das Gesamt des deutschen Katholizismus mit seinen gewachsenen Lebensäußerungen, etwa: ein neues Staat-Kirche-Verhältnis, Konkordatsrecht, Kirchensteuersystem, Katholische Verbände, Seelsorge in öffentlichen Einrichtungen, etwa der Bundeswehr, Kirche als Träger öffentlich anerkannter Sozial- und Bildungseinrichtungen, Öffentlichkeitsarbeit, weltkirchliche Einbindungen u. a. mehr.
- die Veränderungen im gesellschaftlichen Leben, die „Nachmodernisierungen“ und ihre Folgen in der Wirtschaft, im Recht, in der Politik, im kulturellen Leben, in der Bildung und Ausbildung, in der medialen Öffentlichkeit; die starke Bevölkerungsfluktuation und z. T. den verstärkten Wegzug junger Leute in den Westen und Süden Deutschlands.
- eine Intensivierung an gesellschaftlicher Liberalisierung und Säkularisierung, die sich als anhaltende Marginalisierung christlicher Sichtweisen und Lebenseinstellungen auswirkt, z. T. verbunden mit aggressiver Ablehnung des Christentums und speziell von katholischer Kirche.
Die ideologische Front, die die alte Staatspartei mit Positionen marxistischer Religionskritik ausgebaut hatte, wurde und wird zu einer Front, die das Christliche nun aus anderen Gründen als überholt, lebensfeindlich, ja intolerant desavouiert und deshalb gesellschaftlich „austrocknen“ möchte. Das alles ist natürlich in sich vielschichtig und ambivalent. Es begegnet dem kirchlichen Wirken beileibe nicht nur Feindseligkeit, sondern es eröffnen sich auch immer wieder überraschend Räume neuer Wirkungsmöglichkeiten, es gibt Erwartungen an die Kirche, Bereitschaft zu Kooperationen und Unterstützung kirchlicher Arbeit. Kurzum: Der Wind weht derzeit der Kirche nicht nur ins Gesicht (wie früher), er weht aus unterschiedlichen Richtungen, manchmal auch als unterstützender „Rückenwind“.
So ist die Situation. Das gilt es nüchtern zu sehen und innerlich anzunehmen – als einzelner Christ, als Gemeinden, als Ortskirchen inmitten einer religionsdistanzierten, weltanschaulich pluralen und vielfach liberalen Gesellschaft. Und das fordert uns nicht nur hier im Osten zwischen Werra und Oder heraus, sondern zunehmend auch im Westen und Süden Deutschlands. Der Gottesglaube im Sinne eines Lebens nach dem Evangelium muss in „gewendeter“ gesellschaftlicher Situation aus einem Erbe zu einem neuen Angebot werden. Darum sind Überlegungen, wie wir in der säkularisierten Luft des Ostens das Evangelium zu präsentieren haben, von unmittelbarer Bedeutung auch für das Ganze der Kirche in Deutschland. Wenden wir nun aber unseren Blick speziell auf unsere Situation im Bistum Erfurt. In den letzten Wochen habe ich vor den Priestern, Diakonen und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Pastoral immer wieder Überlegungen vorgetragen, auf welche Weise wir den Prozess der weiteren Umgestaltung unserer Pastoralstrukturen im Bistum Erfurt gemeinsam gestalten können. Gern tue ich das auch heute hier bei Ihnen, die Sie für die Caritas unseres Bistums Mitverantwortung
tragen. Das Elisabethjahr, das wir vor zwei Jahren begehen konnten und das wir wohl alle in guter Erinnerung haben, hatte uns ja wieder eindringlich vor Augen geführt: Caritas ist Kirche, und Kirche muss, um Kirche bleiben zu können, Caritas sein.
Es bedarf keiner langen Erklärung: Über die beiden bisherigen Reformschritte im Bistum hinaus („Das Kleid anpassen“ 2005 und 2008) steht die Frage an, wie es angesichts des weiteren Rückgangs an 2 hauptberuflichen Kräften in den nächsten Jahren mit unserem ortskirchlichen Leben weitergehen kann.
Derzeit haben wir einen längeren Gesprächsprozess unter den hauptamtlichen Seelsorgern hinter uns, der im November 2009 zu einem gewissen Abschluss unserer Strukturüberlegungen geführt hat.
Es steht nun fest: Wir werden in den nächsten zehn Jahren größere Pfarreien bilden, die dann mehrere Orte zusammenfassen werden. Das wird nicht von heute auf morgen geschehen, sondern nach und nach, vermutlich immer dann, wenn sich die Wahlperioden unserer Kirchenvorstände und PGR einem Ende zuneigen, also in den Jahren 2012, 2016 und 2020. So wird es also zeitlich gestufte Übergänge bei den Pfarrneugründungen geben, die aber in ihrer Gestalt jetzt schon fest umrissen sind. So steht jetzt gleichsam der äußere Rahmen unseres ortskichlichen Lebens in den neuen, größer werdenden Pfarreien fest. Aber wichtiger als dieser äußere Rahmen ist der Inhalt unseres kirchlichen Lebens, das also, was in den Gemeinden, Verbänden und Geistlichen Gemeinschaften, aber auch etwa in unseren kirchlichen Häusern an Seelsorge, Verkündigung und Diakonie geschehen soll. Meine Frage also lautet: Wenn Veränderung von Strukturen nur „Begleitmusik“ unseres Kirche-Seins morgen sein soll – wie muss dann die Grundmelodie unseres kirchlichen Lebens im Bistum gestaltet werden?
Wir werden und wollen auch unter veränderten Verhältnissen – als „Missionskirche neueren Typs“, wie ich gern formuliere – Kirche Jesu Christi bleiben. Wir werden unserem Auftrag nicht untreu werden, Kirche hier für die Menschen in diesem Land zu sein. Den Priestern und den Hauptamtlichen in der Pastoral kommt dabei sicher eine wichtige Führungsaufgabe zu. Doch wir alle, die wir in der ehrenamtlichen Seelsorge und auch in der Caritas (als e.V. und als ehrenamtliche „Caritäter“) Verantwortung tragen und über deren Zukunft nachdenken, sind in dieser Frage herausgefordert.
Mein Anliegen ist dieses: Es ist uns bisher gut gelungen, die strukturellen Reformen nicht zum Hauptthema im Bistum werden zu lassen. Das sollte auch in den kommenden Jahren so bleiben. Was uns auf den Nägeln brennen muss, sollen nicht zuerst die Fragen der Strukturen sein. Es soll uns vielmehr
um die folgenden Fragen gehen:
• Was sind die Kräfte, die unser ortskirchliches Leben (auch mit weniger hauptberuflichen Personen) tragen werden?
• Worauf lohnt es sich, die ganze Aufmerksamkeit und unser pastorales Engagement zu richten?
• Worauf können wir trotz allem weiterhin bauen?
• Was sind bleibende tragfähige Stützpfeiler von Seelsorge und Caritas, die es zu nutzen und zu stärken gilt?
Im Bild gesprochen: Wie müssen wir die Segel neu setzen, um trotz geänderter Windrichtung voranzukommen?
Sich gemeinsam über Grundfragen theologisch und pastoral verständigen
Angesichts der vor uns liegenden Herausforderungen möchte ich als Bischof möglichst alle Priester, Diakone und Gemeindereferenten/innen und dann auch die pastoralen und caritativen Gremien, die Verbände und möglichst viele aktive Katholiken in den Gemeindekernen auf diese Fragen hin ansprechen. Ich möchte sie miteinander ins Gespräch bringen über die künftige Gestalt unseres Kirche-Seins und unserer Seelsorge, um so gemeinsame Überzeugungen zu bestärken.
Strukturelle Veränderungen werden nur gelingen, wenn sie von gemeinsamen „Visionen“ einer Gestalt von Seelsorge begleitet werden, die uns zuversichtlich bleiben lässt. Die Fragen beispielsweise nach dem Einsatz von hauptberuflichem Personal, der richtigen Gemeindegröße, das Vorhalten von kirchlichen Gebäuden, der Einsatz von Finanzmitteln u. ä. hängen nicht zuletzt von den Antworten auf diese Fragen ab. Darum ist das Nachdenken darüber kein Luxus, sondern blanke Notwendigkeit.
Dass wir im Bistum weiterhin arbeitsteilig vorangehen können, sei hier vorausgesetzt. Die Bistumsleitung ist gefordert, Überlegungen und Vorschläge für den künftigen Weg vorzulegen. Das hat sie inzwischen getan. Aber auch alle anderen unterschiedlichen Leitungsebenen im Bistum haben je ihren 3 Beitrag beim Mitüberlegen und Mitentscheiden zu spielen, die Dekanats- und Pfarreigremien, ferner die Ordensleute, die Caritas und andere Verbandsgruppen, auch die Geistlichen Gemeinschaften. Im Grunde ist jeder Katholik hinsichtlich der Gestalt seines Christseins und der Wandlungsfähigkeit in seinen religiösen Gewohnheiten herausgefordert. Er muss wissen: Es geht nicht einfach alles so weiter wie bisher. Aber der katholische Christ ist eben nicht nur Einzelner, er ist immer auch Glied in einem kirchlichen Beziehungsgeflecht, dessen Veränderungsbereitschaft er mit beeinflussen kann – im Positiven wie im Negativen. Darum geht das, was in naher Zukunft in der Seelsorge und Verwaltung unseres Bistums zu bewältigen ist, uns alle an.
Das Gegenteil solch arbeitsteiliger, aber dennoch gemeinsamer Anstrengungen wäre die Losung: „Rette sich, wer kann!“ Wenn diese Parole ertönt, geht es bekanntlich sehr hektisch zu, aber meist nicht erleuchtet. Dann sind viele irgendwie in Bewegung, aber es zeichnet sich kein rettender Ausweg für alle ab. Es darf nicht zu einer Pastoral kommen, die von „Einzelkämpfern“ und „Einzelinteressen“ dominiert würde, denen die Verbindung untereinander und mit dem Ganzen der Ortskirche verloren ginge.
Es geht letztlich um zwei Fragen. Zum ersten (und grundlegend) müssen wir an der Frage dranbleiben: WOZU – im Sinne Jesu – Kirche gut ist? Das muss uns immer neu mit Herz und (theologischem) Verstand bewegen. Und dann stellt sich die andere Frage nach dem WIE einer Pastoral und Caritasarbeit ein, die sich dieser Sicht von Kirche verpflichtet weiß.
Wozu Kirche eigentlich da ist
Im Bild gesprochen: Bei der Auswahl der Wege, die wir heute gehen müssen, (beim „Neusetzen der Segel“) müssen wir wissen, wer wir sind und was das angestrebte Ziel ist, zu dem wir unterwegs sind. Das ist eine fundamentale Frage, an der vieles hängt. Die Kirche unserer Tage hat diesbezüglich im 2. Vatikanischen Konzil eine verbindliche und zukunftseröffnende Wegweisung erhalten.
In den letzten Jahren haben wir die Antworten auf diese Grundfrage im Bistum immer wieder mit Hilfe der „Pastoralen Schwerpunkte“ durchbuchstabiert. Das waren Themen, die über einen Zeitraum von zwei oder drei Jahren uns aus unterschiedlichen Perspektiven (wie ein Scheinwerfer aus unterschiedlichen Perspektiven den gleichen Gegenstand beleuchten kann) auf das Zentrum unseres Auftrags aufmerksam machten: Uns selbst und die Menschen mit Gott und dem Evangelium Jesu Christi in
Berührung zu bringen und uns zur Umkehr zu Gott hin rufen zu lassen.
Mit diesen pastoralen Schwerpunkten in der Alltagsseelsorge und den dazu gehörenden Pastoraltagen bzw. Pastoralkongressen hat unsere Ortskirche auch schon in den Jahren unter Bischof Hugo Aufderbeck gearbeitet. Das hatte damals entscheidend dazu beigetragen, das 2. Vatikanum mit seinen neuen Sichtweisen und Veränderungen in den Köpfen und Herzen des Klerus und der Gläubigen zu verwurzeln. Diese bewährte Vorgehensweise haben wir auch in den letzten Jahren fortgeführt.
Ich erinnere nur an die Themen pastoraler Schwerpunkte in den letzten Jahren:
1. Einer der wichtigen Impulse nach der friedlichen Revolution war der Blick nach außen. In einer weltanschaulich und von einer atheistischen Staatsmacht bedrängten Diasporakirche war eine der Grundgefährdungen die Mentalität des Sich-Einigelns. Was menschlich und kirchlich als Abwehr und Selbstschutz verständlich war (und gottlob auch schon vor 1989/90 als Gefahr erkannt wurde), galt es bewusst und nachdrücklich danach auf die Gesellschaft hin aufzubrechen. Dieser erste Pastoralimpuls
„Das Evangelium auf den Leuchter stellen – für uns und für andere“ war durchaus wirksam, hat vielfältige Initiativen angeregt, hat besonders auch die sogenannten kategorialen, gemeindeübergreifenden Dienste in der Pastoral akzentuiert – kurz: Er hat Mut gemacht, die Grenzen der Gemeinden und der Ortskirche auf die säkulare Gesellschaft hin zu öffnen.
2. Aus der Frage der „Einladung“ an Außenstehende ergab sich die Frage, wohin wir eigentlich einladen und wie wir uns ihnen gegenüber eigentlich „präsentieren“. Das wurde eine längere Zeit des intensiven Nachdenkens über den innersten Gehalt von Seelsorge. Die großen johanneischen Bildworte dienten uns dabei als Wegmarken. An ihnen versuchten wir festzumachen, was auch heute Gott im Leben der Menschen – der Glaubenden und Nichtglaubenden – bewirken will. Die Tür-Metapher mahnt die Ermöglichung von Begegnung (zwischen Gott und dem Menschen und der Menschen untereinander) als Grundtenor von Seelsorge an. Die Bilder vom lebendigen Wasser und von der Quelle
verweist auf die überzeitliche Gabe, die kein Mensch, sondern nur Gott zu geben vermag – im Leben und im Sterben. Und das Wort von Jesus Christus als dem „Weg“ hilft, das gemeinsame Unterwegssein als wichtiges Element eines demütigen Kirchenbildes zu schätzen, das nicht triumphalistisch vorwegnehmen will, was erst die „zukünftige Stadt“ uns als Heimat gewähren kann.
Gerade dem Klerus und den in der Seelsorge Tätigen, aber auch den Gemeindekernen mit ihren Gremien hat dieser Prozess des Fragens, was Seelsorge im Kern eigentlich ausmacht, viel gegeben, nicht zuletzt eine Sicherheit in dem Wissen, dass gerade angesichts der vielen Angebote einer konsumorientierten Umwelt der Verweis auf das Evangelium Jesu Christi einmalig, unverzichtbar und kostbar bleibt.
3. Schließlich hat das Gedenken an das 800. Geburtsjahr der Bistumspatronin, der hl. Elisabeth von Thüringen, im Jahr 2007 unserer Ortskirche eine Steilvorlage für das Thema „Caritas“ gegeben, näher hin zu der durchaus spannenden und höchst aktuellen Frage, wie eine institutionell verfasste Caritas (als e. V.) von Gott sprechen und wie eine Pfarrgemeinde der Barmherzigkeit eine nichtinstitutionelle Gestalt geben kann. Es ging uns genau um dieses Miteinander einer Liebe, die (Gott) verkündigt, und eines Glaubens, der (dem Nächsten) dient. Die erste Enzyklika von Papst Benedikt XVI. „Deus caritas est“, die ja durchaus programmatisch auf das Miteinander von Gottesglaube und Nächstenliebe zielt, war dabei eine willkommene Hilfe. Und im Blick auf die missionarische Dimension des ortskirchlichen Handelns behaupte ich einmal: Das Elisabethjahr mit seinen vielen Veranstaltungen war gelungene Gottesverkündigung auf „mitteldeutsch“. Dieses Jahr hat gezeigt: Wer den Himmel ernst nimmt, wird für die Erde tauglich.
Gemeinhin steckt in den Köpfen vieler Menschen bei uns in Thüringen die Vorstellung: Der religiöse Mensch macht sich untauglich für das wirkliche Leben. Elisabeths Biographie, in diesem Gedenkjahr vielgestaltig buchstabiert, bewies das Gegenteil. Und das haben wohl so manche, von der alten DDRIdeologie und ihrer Religionskritik beschädigten Thüringer mit Staunen entdeckt. Es ist wohl doch nicht so, dass Religion und Himmel nur etwas ist für „Engel und die Spatzen“, wie einst Heinrich Heine gespottet hat. Es ist wohl eher anders: Wer keinen Himmel kennt, bekommt mit der Erde Probleme. Und wer Gott ausblendet, versteht sich selbst nicht mehr. Dies in die Öffentlichkeit unseres Raumes hinein wirkungsvoll und hoffentlich auch nachhaltig vermittelt zu haben, ist für mich so etwas wie eine pastorale Quintessenz des Elisabethjahres.
Der Blick zurück auf diese pastoralen Fokussierungen des kirchlichen Auftrags in der Vergangenheit kann Mut machen, auch in den vor uns liegenden Jahren solche Sachthemen der Pastoral in den Vordergrund zu rücken und Entscheidungen über notwendige Strukturveränderungen nur als „Nebenmusik“ zuzulassen. (Ab 2010 werden wir übrigens das Thema „Mit dem Himmel beschenkt“ als Schwerpunkt in den Blick rücken.)
Das Evangelium auf den Leuchter stellen; Seelsorge als Sorge um Lebensfülle; Elisabeth als Inbegriff einer Barmherzigkeit, die von Gott predigt. Unsere drei Faltblätter/Leporellos waren eine gedankliche und bildliche Stütze für diese Themen. Hier wurden Leitbilder von Kirche und Christsein vor Augen gestellt, die einladend und motivierend waren. Wir werden auch für die kommenden Jahre wieder solche Themen finden. Wohlgemerkt – hier geht es letztlich immer um ein und dasselbe: Christus und
sein Evangelium, aber immer wieder aus unterschiedlicher Perspektive „beleuchtet“.
Meine nachfolgenden Überlegungen konzentrieren sich jetzt freilich mehr auf die andere, zweite Fragestellung nach dem WIE unseres Weges. Es geht mir um die heute chancenreichen „Arbeitsfelder“, die wir als Kirche zu „beackern“ haben.
Arbeitsfelder zuversichtlicher Seelsorge heute und morgen
Zur Frage nach dem WAS und WOZU des Auftrags Jesu tritt also die Frage nach dem WIE dieses Auftrags. Und da kommt der „veränderte Wind“ in den Blick, der uns derzeit zu schaffen macht. Er ist manchmal Gegenwind (etwa: weniger Priester, weniger Gläubige, weniger Finanzen...), manchmal Seitenwind (etwa: geweitete Möglichkeiten für die Kirche in einer offenen Gesellschaft...), manchmal auch Rückenwind (etwa: neues Interesse an Religiösem...) usw. Natürlich hat die Frage nach den Wegen der Pastoral heute auch mit der ersten Fragestellung („Wer sind wir?“ „Wozu sind wir da?“) zu tun. Aber gedanklich ist beides doch zu trennen. Einmal geht es um den (bleibenden) Auftrag, dann geht es um die (dazu passenden) Wege. Einmal fragen wir: Wo geht es hin? Jetzt fragen wir: Welche offenen Türen dafür gibt es? Beim ersten geht es um die Sendung als
solche, beim anderen um die operativen Möglichkeiten für die Pastoral heute, über die wir uns gemeinsam verständigen sollten.
Noch kürzer auf eine Formel gebracht: Jeder Seelsorger, aber auch jeder Ehrenamtler in der Kirche, der seinen Dienst verantwortlich reflektiert, wird sich fragen müssen nach dem EINEN, das es festzuhalten gilt, und gleichzeitig nach den vielen Wegen/Aufgaben, die zu diesem EINEN führen bzw. ihm dienen. Letztlich gehören auch die Überlegungen nach der besten kirchlichen und pastoralen Struktur in diese Fragestellung hinein, selbst wenn diese Strukturveränderungen unterschiedliche „Väter und Mütter“ haben und sehr unterschiedlich ihr sachliches und emotionales Eigengewicht entfalten.
Beide soeben skizzierten Fragestellungen also, die Frage nach dem, WAS wir als Kirche eigentlich sind und WOZU uns unser Auftrag drängt, und die Frage, WIE wir dies am besten heute sein und tun können (den „Arbeitsfeldern“), hängen zusammen, ja bedingen sich gegenseitig.
Mein dringlicher Wunsch, ja meine inständige Bitte ist: Halten wir beide „Fragestränge“ im Bistum innerlich und äußerlich zusammen. Wer weiß, wohin er will, wird in rechter Weise die Segel zu setzen wissen, auch wenn sich die Windrichtung ändert. Oder anders gesagt: Wenn wir als Kirche eine lebendige Hoffnungsgemeinschaft sein und bleiben wollen, werden wir es auch fertig bringen, nicht nur dem nachzutrauern, was einmal war, sondern auch aufmerksam zu werden für das, was heute möglich ist. Und das ist mehr als wir meinen.
Ich versuche im Folgenden mit fünf „dürren“ Stichworten hoffnungsvolle, aussichtsreiche Arbeitsfelder pastoralen Arbeitens zu umreißen.
1. Ehrenamtliche Vielfalt stärken
Das Stichwort Ehrenamt reißt niemanden vom Stuhl. Dennoch gilt (in Anlehnung an Karl Rahners bekanntes Diktum von der Kirche der Mystiker): Die Katholische Kirche in Deutschland wird eine Kirche der Ehrenamtlichkeit sein oder sie wird nicht mehr sein. Ich meine mit Ehrenamtlichkeit freilich hier mehr als die auch bisher bekannte, ja unentbehrliche Mitarbeit von Gemeindemitgliedern. Ich meine Ehrenamtlichkeit in eigenständiger Verantwortung, soweit das unser kirchliches Selbstverständnis nur zulässt. Ich meine eine Ehrenamtlichkeit, die sich selbst zur Seelsorge am Mitchristen berufen weiß.
Gerade auf diesem Feld der Pastoral sind wir schon (seit DDR-Zeiten) entscheidende Schritte vorangekommen. Ich erinnere nur an die lange bestehende Rätestruktur in den Gemeinden, an die Ehrenamtler in den Verbänden und Gemeinschaften, an die Kommunion- und Diakonatshelfer, die ehrenamtlichen Träger von Gemeindecaritas, auch an die Mitarbeit von Gemeindegliedern bei Projekten einer missionarischen Pastoral u. a. Hier sei besonders auch an den Dienst so vieler Frauen im Bistum erinnert.
Aber gilt es hier nicht weiterzudenken? Brauchen wir nicht weitere differenzierte Formen von Mitarbeit, die eine echte Eigenverantwortlichkeit von Gemeindegliedern voraussetzen? Etwa in der Glaubensunterweisung von Kindern und Jugendlichen? Bei neuen Formen gesellschaftlicher Diakonie? Brauchen wir in Orten, die zu klein sind für den Einsatz von Hauptamtlichen, so etwas wie (gegebenenfalls auf Zeit gewählte und bischöflich gesendete) „Gemeindesprecher“, gleichsam „kirchliche Ortsbürgermeister“, also Ansprechpersonen, die für Grunddienste einstehen und für andere der Kirche vor Ort ein Gesicht geben? Der Dienstcharakter der Kirche erschöpft sich nicht in den auf Weihe begründeten Dienstämtern. Es gibt auch Dienste, zu denen die Kirche Laien kraft ihrer Taufe rufen kann. Hier tun sich durchaus weitere Möglichkeiten auf, auf die etwa Papst Paul VI. (in dem Motu proprio Ministeria quaedam von 1972) und Johannes Paul II. (in dem Schreiben Novo millennio ineunte, 2001, Nr. 46) aufmerksam gemacht haben. Wo herausfordernde Aufgaben erkannt werden, gibt es meist auch Bereitschaft zur Mitarbeit. Wir können von Formen des zivilgesellschaftlichen Engagements in der heutigen Zeit durchaus lernen. (Derzeit sind wir dabei, im Erfurter Marienstift ein Ehrenamts-Kolleg zu installieren, das dieses Anliegen befördern will).
Ich weiß (auch theologisch) um die Unersetzbarkeit des Weiheamtes. Aber diese Unersetzbarkeit darf sich nicht so absolut setzen, als ob ohne das Weiheamt vor Ort Glaube, Hoffnung und Liebe unmöglich würden. Das demütige Selbstbewusstsein aller Getauften und Gefirmten muss gestärkt werden. Wir haben mehr und mehr Gläubige, die in Glaubensdingen für andere auskunftswillig und auskunftsfähig sind. Das macht mich zuversichtlich für die Kirche von morgen – übrigens auch für die Weckung
geistlicher Berufungen.
2. Vernetzungen organisieren
Mit Vernetzungen meine ich jene alten und neuen Lebensäußerungen aus dem Gottesglauben heraus, die Gläubige untereinander zusammenführen. Das ist aber beileibe mehr als der gemeinsame Gottesdienst. Es ist eine alte pastorale Erfahrung: Die Verbundenheit im gemeinsamen Glauben wird durch gemeinsames Tun gestärkt. Über viele Generationen hinweg geschah dies vornehmlich in unseren Pfarreien. Aber könnte es sein, dass es darüber hinaus heute viele weitere Communio-Formen gibt, die vom kirchlichen Gesetzbuch nicht erfasst werden? Könnte es sein, dass wir neben den (wenigen) Pfarreien der Zukunft andere Formen christlicher Zellen haben werden, die ihre eigene Lebendigkeit und Ausstrahlung haben werden? Auch über Kirchengrenzen hinaus? Meine Vermutung: Territoriale Gemeindeformen werden an Bedeutung verlieren, personale dagegen attraktiver werden.
Auch eine hierarchische Kirche baut sich von unten, nicht von oben auf. Wir sind einander Seelsorger, und das nicht nur im übertragenen Sinn. Im Freistaat Thüringen, so habe ich jüngst in einem Regierungsbericht gelesen, gibt es über tausend neu entstandene Selbsthilfegruppen. Es muss unter uns neue Selbsthilfegruppen in Fragen des Glaubens, der Seelsorge und des caritativen Tuns geben. Ich sehe solche Gruppen wachsen. Die Angebote theologischer Fortbildung z. B. vermitteln ja nicht nur Bildung, sondern auch communio im Glauben untereinander. Demnächst wird in manchen (kleineren) Kirchen nur noch selten Eucharistie gefeiert werden. Könnte hier der Gedanke der stellvertretenden eucharistischen Anbetung neuen Glanz gewinnen? Auch junge Menschen lassen sich, wie wir sehen, davon ansprechen.
Es gibt schon jetzt die unterschiedlichsten erfreulichen Beispiele, wie Netze und Kooperationen von Getauften und Gefirmten am Wachsen sind. Der Glaube drängt zum gegenseitigen Austausch, zum gemeinsamen Handeln. Und das nicht nur im Innenraum der Kirche. Nutzen wir diesen „Wind“.
3. Auf „Leuchttürme“ setzen
In größeren Räumen sind „Leuchttürme“, die orientieren, unersetzlich. Wir müssen gemeinsam überlegen, welche pastoralen Häuser solche „Leuchttürme“ sein können und deswegen gehalten werden müssen. Wir sollten überlegen, was Wallfahrten für die Menschen in diesem Land bedeuten, welche bistumsweiten Initiativen in gewissen Abständen (wie etwa hier in Thüringen das Elisabeth-Jahr 2007) gewagt werden sollten, welche herausragenden kirchlichen „Orte“ (wie etwa der Domberg in Erfurt, der Hülfensberg u. a.) noch mehr Strahlkraft gewinnen können, nicht zuletzt durch eine Präsenz von Menschen, die „Türen“ offen halten. Bildungs- und Gesprächs-Initiativen können Themen setzen und so in eine Region ausstrahlen. Christliche Zeitungen können durch Berichterstattung und Kommentierung orientieren und hilfreiche Durchblicke geben. Ordenshäuser sind kostbare Anlaufstellen für den geistig vagabundierenden Zeitgenossen. Es braucht geistige und geistliche Zentren, die anders als die Gemeinden in der „Fläche“ im Blick auf die Glaubensstärkung der Vielen und für das christliche Zeugnis in der Mediengesellschaft besondere Wirkung entfalten.
Gerade das Elisabeth-Jahr hat uns gezeigt: Es gibt mehr „Gottesfürchtige” und am Glauben Interessierte als wir meinen. Die Pfarrer bei der Bundeswehr bestätigen mir das. Unser Bildungsreferent, der mit hiesigen ungetauften Künstlern und Wissenschaftlern Kontakt hält, weiß das. Die Menschenmassen, die an „Tagen des Offenen Denkmals“ hier in die Kirchen strömen, machen mich hellhörig. Nicht der sich säuberlich abschließende Kokon ist Grundfigur von Kirche, sondern das Netzwerk, in das man sich einklinken und mit Eigenem einbringen kann. Unser Bistum in Thüringen wird solch eine „Missionskirche neueren Typs“ werden, die mit Anlauf- und Kontaktstellen zur Gesellschaft hin arbeiten muss.
Auch eine neue Beweglichkeit vieler Menschen kommt uns für neue Formen des Kirche-Seins entgegen. Es gibt viele, die bewusst „Vernetzungen“ suchen und dabei auch längere Wege in Kauf nehmen. Hier hätten beispielsweise auch die kleiner werdenden Gruppen von Ordensleuten wichtige Aufgaben, wie sich schon hier und da überzeugend zeigt. Generell gilt: Nicht unser Kleiner-Werden ist das Problem, sondern eher eine Selbstmarginalisierung, für die es eigentlich keinen Grund gibt.
4. Kirchliche Einrichtungen als „Knotenpunkte von Seelsorge“ stark machen
Manche kirchliche Einrichtungen, besonders sozialer Art, sind zwar oft in anderen Zeiten und Notsituationen entstanden, haben aber mit alten und gewandelten Aufgabenstellungen bis heute große Bedeutung. Solche Einrichtungen erreichen bei uns täglich viele auch nichtkirchliche Menschen. In ihrer seelsorglichen Bedeutung nicht zu unterschätzen sind unsere kirchlichen Kindergärten, aber auch Schulen, Heime, Betreuungseinrichtungen. Immer hängen an solchen Einrichtungen und Häusern auch Angehörige und Besucher, die solche „Brücken“ zur Kirche hin eher betreten als Kirchen und Pfarrhäuser.
Ein säkulares Beispiel solcher neuen Beweglichkeit: Die Deutsche Post scheut sich nicht, in Lebensmittelgeschäften oder Gaststätten postalische Leistungen anzubieten. Warum sollte nicht die Leiterin eines katholischen Kindergartens in einem Ort, in dem kein Pfarrer mehr wohnt, einem Fragenden Auskunft geben können, wie er seine Oma katholisch beerdigen lassen könnte?
Ich erinnere hier auch an meine Anregung, die Gemeinden selbst für soziale Fragestellungen zu sensibilisieren, etwa durch das Ausstellen eines lokalen, jährlich zu erstellenden „Sozialreports“. Oder durch die Aktivitäten eines „Caritasteams“, was freilich sicher nur in größeren Gemeinden möglich und sinnvoll sein mag.
Es ist ein Segen, dass wir die Caritas haben. Eine Kirche, die von Gott redet, braucht Orte, wo sie „den Dienst der Fußwaschung“ verrichtet. Aber die Caritas soll auch wissen, dass sie Kirche ist, wo „mit den Händen gepredigt“ und das „Sakrament des Bruders und der Schwester“ (um eine Formulierung von Hans Urs von Balthasar aufzugreifen) „vor den Kirchentüren gespendet wird“. Die Entdeckung solcher caritativer bzw. kirchlicher Häuser (aber auch von caritativen Projekten u.ä.) als Orte der Pastoral muss weitergehen.
5. Den „geistlichen Grundwasserspiegel“ heben
Das Christliche wird sich in Zukunft stärker qualitativ präsentieren und weniger quantitativ. Auch heute gilt das Wort: „Der Geist ist es, der lebendig macht; das Fleisch nützt nichts“ (Joh 6,63). Es braucht in einer sich ins Subjektive und Beliebige weiter verlierenden Moderne eine Spiritualität, die dem einzelnen Christen Stehvermögen verleiht und ihm hilft, sich dem anderen gegenüber zu öffnen. Mehr und mehr werden „Wege des erwachsenen Glaubens“ notwendig.
Wie diese Spiritualität für heute und morgen aussieht? Sie wird die klassischen geistlichen Erfahrungen neu befragen müssen. Sie wird sich an der Heiligen Schrift und den Sakramenten festmachen, am Kirchenjahr, an Orten, an Personen. Sie wird eine „Alltagsmystik“ entwickeln, die auch Erfahrungen der Verborgenheit Gottes auszuhalten weiß. Und das alles in ganz unpathetischer, nüchterner Weise. Die geistlichen Gemeinschaften geben uns dazu wichtige Impulse. Das freie Beten und die gemeinsame Bibellektüre unter Katholiken darf nicht die Ausnahme sein. Unsere Gremiensitzungen und sonstigen Zusammenkünfte werden durch einen gegenseitigen geistlichen Zuspruch reicher, nicht
ärmer. Bei dieser spirituellen Durchdringung unseres „kirchlichen Alltagsbetriebes“ sehe ich übrigens auch ein Feld fruchtbringender ökumenischer Zusammenarbeit und des gemeinsamen Austausches.
Die alte Selbstverständlichkeit gewinnt wieder neue Evidenz: Nur die Beter werden als Christen bestehen. Und nur eine Kirche, die im Gottesgeheimnis fest verwurzelt ist, bleibt für die Menschen interessant. Dass dies so ist, darauf gründet meine Hoffnung – auch für unsere Bistumskirche, die in das neue Jahrhundert hinein unterwegs ist.