Keine Anhaltspunkte

Im Bischöflichen Ordinariat sind alle Nebenakten auf Verdachtsfälle sexualisierter Gewalt unabhängig geprüft worden

Foto: Peter Weidemann, Bistum Erfurt

Erfurt (BiP). Die Untersuchung der personenbezogenen Nebenakten im Bischöflichen Ordinariat Erfurt, ob sie Hinweise auf Verdachtsfälle sexuellen Missbrauchs durch Kleriker enthalten, ist abgeschlossen. „Im Ergebnis haben sich keine Anhaltspunkte für bisher nicht bekannte oder bekannte, aber nicht aufgeklärte Fälle ergeben“, hält der Jurist Franz Trost (71) aus Fulda in seinem Abschlussbericht fest. Bischof Ulrich Neymeyr hatte den im Ruhestand lebenden Oberstaatsanwalt als unabhängigen Fachmann mit der Prüfung der Akten beauftragt. Somit bleibt es im Bistum Erfurt bei der Zahl von 13 Priestern, die bis heute des sexuellen Missbrauchs beschuldigt wurden. Elf der Priester sind verstorben.

Der Untersuchungsauftrag an Trost „erstreckte sich auf die Durchsicht der in der Diözesanverwaltung vorhandenen Nebenakten – auch Handakten genannt – im Hinblick auf darin eventuell vorhandene Notizen, Vermerke oder sonstige Hinweise auf noch nicht weiter aufgeklärte, mögliche Missbrauchsfälle“, schreibt der Jurist in seinem Abschlussbericht. Und weiter: „Ungeachtet einer wahrscheinlich bereits eingetretenen strafrechtlichen Verfolgungsverjährung bestand Aufklärungsinteresse weiterhin im Hinblick auf ein gegebenenfalls durchzuführendes kirchenrechtliches Verfahren, insbesondere aber auch angesichts der solchen Falls noch nicht bekannten Opfer, die noch keine Hilfsangebote der Kirche erhalten hätten.“

Anlass für die Untersuchung war die Aktenlage im Fall eines Priesters, der im Herbst letzten Jahres des mehrfachen sexuellen Missbrauchs eines Minderjährigen in den 1960er Jahren beschuldigt wurde. Das Bistum erstattete Strafanzeige und eröffnete zusätzlich ein kirchliches Verfahren. In der Personalakte des beschuldigten Priesters fand sich kein Hinweis auf sexuellen Missbrauch. Jedoch enthielt die Handakte des damaligen Personalverantwortlichen eine Aktennotiz aus dem Jahr 1989, die den Verdacht sexualisierter Gewalt belegte.

Für die sogenannte MHG-Studie der Deutschen Bischofskonferenz über den sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch Kleriker waren bereits 268 Personalakten des Bistums Erfurt erfasst worden. Nun ließ Bischof Neymeyr zusätzlich alle Nebenakten prüfen, um Klarheit zu gewinnen. Was nämlich in eine Nebenakte und was in die Personalakte gehört, entscheidet jedes Bistum selbst. Bis heute gibt es innerhalb der Deutschen Bischofskonferenz keine einheitliche Aktenordnung. Die Forscher der MHG-Studie hatten diesen Umstand als Manko kritisiert. Die Bischofskonferenz arbeitet daran, es abzustellen.

Bei den Nebenakten des Bischöflichen Ordinariates kamen „insgesamt 21 teils umfangreiche Aktenbände zusammen“, heißt es nun im Abschlussbericht. „Die Akteninhalte bestanden ganz überwiegend aus reinen Verwaltungs- bzw. Personalvorgängen, wie Versetzungen in eine andere Pfarrstelle, Mitarbeitergespräche und Korrespondenz mit römischen Dienststellen und anderen Diözesen im Zusammenhang mit Maßnahmen gegen auffällig gewordene Priester“, fasst Trost zusammen.

Bischof Neymeyr ist über den Untersuchungsabschluss erleichtert. „Wir können jetzt sicher sein, in den untersuchten Akten keine Verdachtsfälle sexuellen Missbrauchs übersehen zu haben.“ Gleichwohl rät Neymeyr zur Wachsamkeit und mahnt, beim geringsten Verdacht sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen im kirchlichen Umfeld diesen bei den unabhängigen Missbrauchsbeauftragten des Bistums Erfurt zu melden. Jeder Verdachtsfall werde gründlich geprüft und zur Anzeige gebracht, sollte sich der Verdacht erhärten.

Der Erfurter Bischof fährt eine Null-Toleranz-Linie gegenüber sexualisierter Gewalt. Der Thüringer Generalstaatsanwaltschaft hat das Bistum Erfurt auf eigene Veranlassung schriftlich versichert, bei Verdachtsfällen sexuellen Missbrauchs vollumfänglich zu kooperieren und sämtliche von der Staatsanwaltschaft angeforderte Akten herauszugeben. So geschieht es auch jetzt: Der Generalstaatsanwalt hat die Unterlagen aller Kleriker, deren Fälle in der MHG-Studie erfasst worden waren bzw. die nach der Studienveröffentlichung beschuldigt wurden, angefordert. „Ich lasse diese Akten für den Generalstaatsanwalt gerade zusammenstellen, damit die Prüfung baldmöglichst beginnen kann“, unterstreicht Bischof Neymeyr.