Die Spuren Gottes in unserem Leben entdecken

Predigt von Bischof Heinz-Josef Algermissen, Fulda, bei der Erfurter Bistumswallfahrt

Einer der weitsichtigen Kirchenleute der letzten Jahrzehnte war der Theologe und Soziologe Alfred Delp SJ (1907-1945), der einen hohen Preis für seinen Widerstand gegen die Barbarei des Nationalsozialismus zahlen musste.
In einem Vortrag am 22. Oktober 1941 in Fulda sagte er: "Wir sind ein Missionsland geworden. Diese Erkenntnis muss vollzogen werden. Die Umwelt und die bestimmenden Faktoren alles Lebens sind unchristlich." Daraus folgt für ihn die klare Einsicht, aus der Defensive herauszutreten: "Missionsland darf man nur betreten mit einem echten Missionswillen."

Wie können wir zu solch "echtem Missionswillen" finden? Das ist die Frage.
Wir sind all der Analysen und Diagnosen der Glaubens- und Kirchenkrise längst müde und suchen nach Therapie. Wo aber finden wir die Medizin? Ich sollte wohl noch deutlicher fragen: Wie finden wir sie im ökumenischen Miteinander, da wir Christinnen und Christen in unserem Milieu allesamt vor dem gleichen Grundsatzproblem stehen? Wenn es nämlich um das Evangelium Jesu Christi als probates Heilmittel geht, wird das in der Gemeinsamkeit unserer Mission ihren Ausdruck finden müssen. Darum ist es gut, sich auf Ausgangspositionen zu verständigen und sich dann von gemeinsamen Perspektiven anziehen zu lassen.

Die pastorale Herausforderung ist, wie ich es sehe, nicht so sehr der überzeugte Atheismus, mit dem man diskutieren und Argumente tauschen kann, sondern der maßlose Indifferentismus und die uns umgebende lähmende Gleichgültigkeit. Wo jede religiöse Antenne weg ist, da fehlt auch jeder Anknüpfungspunkt.

Die eigentliche Krise in unserer Kirche und in der Gesellschaft ist der Gottesverlust. Friedrich Nietzsche, den viele als den Propheten der gegenwärtigen geistigen Situation ansehen, hat die Folgen vorausgesehen: "Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegen wir uns? Stürzen wir nicht fortwährend? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts?"

Was mich persönlich zudem noch bedrängt, ist das verkürzte Gottesbild, das auf weite Strecken in unserer Verkündigung vermittelt wird. Oft ist es vage, flach, ja banal geworden. So leistet es der Aushöhlung des Gottesbegriffes kaum Widerstand.

Mit Recht sagt man mit dem 1. Johannesbrief, dass Gott Liebe ist (4, 8.16). Verharmlosend rückt man aber oft so sehr den "lieben Gott" in den Vordergrund, dass darüber andere Seiten, welche für die Bibel ebenfalls wichtig sind, unterschlagen werden: die Heiligkeit Gottes, auch der Zorn Gottes und sein Gericht.

Doch nur wenn wir auch diese sozusagen "dunkle Seite" Gottes ernst nehmen, können wir die Frage, die angesichts des unsäglichen Leidens in unserer Welt viele Menschen bewegt, zwar nicht rational beantworten, denn das ist uns versagt, aber doch im Glauben aushalten, können mit offenen Fragen sinnvoll leben.

Ich bin mir ganz sicher: Weit vor der Kirchenfrage ist die Gottesfrage heutzutage zentral. Sie muss endlich in den Mittelpunkt unserer Verkündigung rücken und die Tagesordnungen unserer Konferenzen bestimmen.

Ausgehend von diesem grundsätzlichen Ansatz möchte ich im folgenden ein paar konkrete Schritte nennen, mit denen wir dieser Aufgabe einigermaßen gerecht werden können.
Es geht nicht allein darum, dass das Gottesbild in unseren Köpfen wieder stimmt. Es geht mir ganz besonders um die Erschließung des Weges zu Gott. Es gilt, die Spuren Gottes in dieser Welt und in unserem Leben zu entdecken.

Gottes Spuren entdecken — z. B. in Lichtgestalten wie Bonifatius, in überzeugten und überzeugenden Menschen, die zeigen, dass der Glaube an Jesus Christus die Kraft zum missionarischen Bekenntnis und Aufbruch schenkt.

Als junger Mann im benediktinischen Geist in Exeter erzogen, begeistert sich Winfrid-Bonifatius für die Botschaft des Evangeliums. Nachdem er in seinem Heimatland segensreich gewirkt hat, fühlt er sich - auf Wunsch des Papstes - gedrängt, im 8. Jahrhundert in den Missionsgebieten Frieslands, Hessens und Thüringens den Glauben zu verkünden. Mit gut über 40 Jahren brach er als Wanderprediger auf, bestimmt von einer Verheißung.

Wäre es nicht an der Zeit, so frage ich Sie, diesen missionarischen Geist heutzutage wieder entsprechend zu entdecken: Dass wir nicht ängstlich und defensiv unsere Grenzen abstecken, uns in die sakrale Nische unserer Tradition zurückziehen und den allgemeinen Niedergang beklagen, sondern selbstbewusst an die Öffentlichkeit gehen, bereit, "jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach dem Grund unserer Hoffnung fragt" (vgl. 1 Petr 3. 15)?

Mit meinem bischöflichen Mitbruder Joachim Wanke habe ich jedenfalls die Vision einer Kirche in Deutschland, die sich endlich darauf einstellt, wieder neue Christinnen und Christen willkommen zu heißen.

An Bonifatius fallen mir seine Standhaftigkeit und Furchtlosigkeit auf. So sehr es ihm um das Gewinnen der Menschen für Christus geht, biedert er sich nicht an, schließt keine faulen Kompromisse. Wo es um die Substanz seiner Botschaft geht, ist er klar und unnachgiebig. Da muss z. B. die Donareiche bei Fritzlar gefällt werden, um eindeutig zu machen: Es gibt keine anderen Götter außer dem EINEN.

Eine Entscheidung für Gott und gegen die Götzen unserer Zeit ist auch heute eine Entscheidung gegen den Trend. Es ist nicht leicht, im Freundes- oder Kollegenkreis im Abseits zu stehen, weil man an der eigenen Glaubenspraxis, an christlichen Werten und Überzeugungen festhält. Mir macht der Pragmatismus und Populismus Sorge, mit dem in der Gesellschaft, in Medien, Wissenschaft und Politik insbesondere das menschliche Leben an seinem Anfang wie an seinem Ende in Frage und zur Disposition gestellt wird.

Ich möchte allen danken, die als Christen auch in der Öffentlichkeit Rückgrat zeigen und für ihre Glaubensüberzeugung einstehen.

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben! Auf der Suche nach Gottes Spuren in diffuser Zeit ist uns in unseren Bistümern Erfurt und Fulda die begleitende Hand des Hl. Bonifatius geschenkt. Nehmen wir dieses Geschenk an — nicht nur in diesem Jubiläumsjahr!

Bitte lassen Sie mich noch zu einem mir wichtigen Punkt kommen:

Unser Glaube ist ein Geschenk zum Weitergeben. Wir müssen unbedingt neu lernen, über unseren Glauben zu sprechen. Wir sollen anderen sagen, woraus und wofür wir leben, was uns der Glaube an Gott persönlich bedeutet, wie er uns Kraft, Mut, inneren Frieden und Hoffnung schenkt. Vor allem in den Familien sollte der Glaube wieder mehr zum Thema werden. Wir dürfen unsere Kinder nicht um Gott betrügen.

"Kinder nicht um Gott betrügen" — so ist ein Buch des Tübinger Religionspädagogen Albert Biesinger überschrieben. Darin fand ich ein erschütterndes Vorwort, aus dem ich Ihnen einige Zeilen vorlesen möchte. Nach dem Tod eines vierzehnjährigen Mädchens fand eine Krankenschwester dessen Brief an seine Mutter, kurz vor dem Tod geschrieben und unter eine Bettdecke geschoben. Sie schreibt:

"Liebe Mutter! Seit einigen Tagen kann ich nur noch eine halbe Stunde täglich im Bett sitzen, sonst liege ich fest. Das Herz will nicht mehr. Heute früh sagte der Professor etwas - es klang so nach 'gefasst sein'. Worauf? Die Schmerzen wühlen fast unerträglich; aber wirklich unerträglich dünkt es mich, dass ich nicht gefasst bin. Das Schlimmste ist, wenn ich zum Himmel aufblicke, ist er finster. Es wird Nacht, aber kein Stern glänzt über mir, auf den ich im Versinken blicken könnte...

Du hast mir gesagt, wie ich mich kleiden muss und wie ich mich im Leben verhalten muss, wie man isst, wie man so durchs Leben kommt. Du hast für mich gesorgt; Du wurdest nicht müde über allem Sorgen...

Warum hast Du uns von so vielem gesagt und nicht - von Jesus Christus? Warum hast Du mich nicht bekannt gemacht mit dem Klang seines Schrittes, dass ich merken könnte, ob er zu mir kommt in dieser letzten Nacht und Todeseinsamkeit? Dass ich wüsste, ob der, der da auf mich wartet, ein Vater ist! Wie anders könnte ich sterben!"

Sollten wir unsere Kinder wirklich um Gott betrügen, würden wir ihnen das Wichtigste und Wesentliche für ihr Leben vorenthalten. Da ich weiß, dass das vielfach geschieht, müssen wir hier einen wichtigen ersten Schritt für Missionierung und Neuevangelisierung setzen. Was hindert uns eigentlich daran, gleich damit zu beginnen? Ob wir das schaffen, ist ein Zeichen "echten Missionswillens".

Der Glaube hat den Generationen vor uns Halt und Inhalt für ihr Leben geschenkt. Das zeigt uns die Glaubensgeschichte unserer Kirche durch die Jahrhunderte hindurch. Wir sind es unseren Kindern und Kindeskindern schuldig, dass wir ihnen den Glauben als Schatz weitergeben, damit sie für ihr Leben Halt und Stütze finden. Die Glaubensweitergabe in der Familie und in unseren Gemeinden ist die wesentliche pastorale Aufgabe für die nächsten Jahre und Jahrzehnte.

Wohin will Gott die Kirche in unserem Land führen?

Diese Frage führt dann nicht zur tiefen Ratlosigkeit, wenn wir in Jesu Nachfolge bleiben. Jesus Christus ist unter uns. Er ist bei uns alle Tage, bis zum Ende der Welt. Er ist das Haupt des Leibes, der die Kirche ist. Weil ER die Kirche führt, wie wir bei der Deutung der Erfurter wie der fuldischen Kirchengeschichte feststellen können, haben wir Zukunft. Er ist derselbe, gestern, heute und in Ewigkeit (vgl. Hebr 13. 8). Amen.