Wo Kirche lebt

Brief von Bischof Ulrich Neymeyr an haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitende zu Fragen anstehender Veränderungen in Struktur und Organisation im Bistum Erfurt

Liebe Mitbrüder im priesterlichen und diakonischen Dienst,
liebe Gemeindereferentinnen und Gemeindereferenten,
liebe Vorsitzende der Pfarrgemeinderäte und Kirchenvorstände im Bistum Erfurt,

Pfingsten ist der Geburtstag der Kirche. Sie begann als eine kleine Bewegung in Jerusalem. Mit dem Rückenwind des Heiligen Geistes und mit der Überzeugung, im Evangelium und in der Person Jesu Christi die Wahrheit über Gott, den Menschen und die Welt gefunden zu haben, entstand aus diesen kleinen Anfängen eine weltumspannende Organisation mit Ämtern und Strukturen. Das Zweite Vatikanische Konzil wagt einen großartigen Vergleich: So wie sich der göttliche Logos mit dem Menschen Jesus von Nazareth verbunden hat, ist der Heilige Geist mit dem gesellschaftlichen Gefüge der Kirche verbunden. (Kirchenkonstitution "Lumen Gentium" Nr. 8) Unsere Kirche, auch unser Bistum Erfurt, ist ein Werkzeug des Heiligen Geistes, der uns nicht verlässt. Die rückläufige Zahl von Priestern und Gemeindereferentinnen und Gemeindereferenten ist ein großes Problem, aber wir sind nicht von allen guten Geistern verlassen. Was will uns der Heilige Geist sagen?

Beten wir genug um geistliche Berufe? Wie gehen wir mit denen um, die einen Beruf in der Kirche ergriffen haben? Vermitteln wir, dass es dem Leben Sinn gibt, in der Kirche für das Evangelium Christi zu arbeiten? Zeigen wir, wie wichtig es uns ist, dass Mitchristen im Geistlichen Beruf ihr Leben Christus weihen? Diesen Fragen können wir nicht ausweichen. Der Heilige Geist stößt uns darauf.

Für eine weitere Frage öffnet uns der Heilige Geist den Blick: Wo lebt Kirche? Spontan fallen uns als Antwort die Begriffe Pfarrkirche, Gemeindehaus oder Pfarrhaus ein. Doch Kirche lebt in Gemeinschaften von Christen, die sich treffen und ihren Glauben miteinander teilen. Es müssen nicht viele sein. Jesus hat gesagt:
"Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen." (Mt 18,20)

Solche Zellen kirchlichen Lebens nenne ich gerne Kirchorte. Das sind nicht nur Orte, in denen es eine katholische Kirche gibt. Kirche lebt auch in den katholischen Kindertagesstätten, in katholischen Schulen, in katholischen Altenheimen und Sozialeinrichtungen, Kirche lebt in Verbänden und Bewegungen. Kirchorte sind Orte, an denen Christen ihren Glauben miteinander leben, teilen und weitergeben. Der kleinste und wichtigste Kirchort kann die Familie sein. Dieses vielfältige, bunte Leben der Kirche gilt es zunächst einmal wahrzunehmen. Getaufte und Gefirmte leben und gestalten Kirche. Wenn kein Pfarrer mehr am Ort sein kann, ist das bedauerlich und ich möchte diese Situation nicht schönreden. Aber bei meinen Gemeindebesuchen habe auch ich die Bereitschaft der Getauften und Gefirmten erlebt, Kirche vor Ort zu gestalten. Die Erfahrung zeigt, dass sie dazu auch ein Gremium brauchen und dass es gut ist, wenn sie durch eine Wahl beauftragt sind. Das Wort "Filialgemeinderäte" hat sich inzwischen eingebürgert, klingt aber auch etwas geringschätzend. Diese Gremien beleben und gestalten das Kirchesein vor Ort, können aber gar nicht das ganze kirchliche Leben mit Sakramentenkatechese, vollem Gottesdienstprogramm und karitativem Engagement realisieren. Sie brauchen das Miteinander mit anderen Kirchorten. Als einzelne Zellen kirchlichen Lebens brauchen sie den größeren Organismus.

Für diesen größeren Organismus bietet sich das bewährte Modell der Pfarrei an. Die Entstehung der Pfarrei reicht bis in die frühe Kirche zurück. Das Tridentinische Konzil entwickelte im 16. Jahrhundert die Idee, dass es keinen Flecken auf der Erde geben darf, der nicht einer Pfarrei zugeordnet ist, sodass es keinen pfarrlosen Katholiken mehr gibt, und jeder Pfarrer weiß, für welches Gebiet und für welche Menschen er zuständig ist. Die Pfarrei war also zunächst eine Ordnungsgröße mit festen Strukturen (Pfarrer, Pfarrkirche, Pfarrbücher). Erst seit den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als es eine sehr große Zahl von Priestern gab, entwickelte sich bei uns das Verständnis, dass jede Pfarrei eine Gemeinde, ein Kirchort ist. Der Begriff Pfarrgemeinde bringt das zum Ausdruck. Dabei gab es schon immer in großen Pfarrgemeinden Außenstationen und andere Kirchorte. Je größer eine Pfarrei wird, desto deutlicher wird, dass sie in vielen Kirchorten lebt. Das gilt auch für die großen Pfarreien, die im nächsten Schritt der Strukturreform in unserem Bistum entstehen werden. Die Strukturreform wird wie geplant und veröffentlicht realisiert werden. Als Termin für die Fusionen ist der 1. Januar 2017 vorgesehen. Ab dem Sommer 2016 sollen bereits die Stellen der Pfarrer und der hauptamtlichen pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie die Struktur der Gremien den künftigen Pfarreien entsprechen, um so die Fusionen vorbereiten zu können. Die größeren Pfarreien, die dabei entstehen, sind keine mächtig aufgeblasenen Pfarrgemeinden, sondern ein Dach, unter dem viele Gemeinden leben und sich ergänzen. Im evangelischen Bereich, aber auch in der katholischen Kirche Norddeutschlands gibt es den Begriff Kirchspiel, der viele Kirchorte umfasst. Mir gefällt der Begriff, weil er das Miteinander als Spiel beschreibt. Die große pastorale Einheit, die in unserem Bistum eine Pfarrei sein wird, braucht neben dem Pfarrer und den hauptamtlichen pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Getaufte und Gefirmte im Ehrenamt, die das Miteinander und das Gemeinsame gestalten. Wie die kleinen Kirchorte braucht auch die große Pfarrei, die alle Kirchorte unter ihrem Dach vereint, ein pastorales Gremium. Wie soll es heißen? Der Name Pfarrgemeinderat wird der Situation nicht gerecht, dass es in der großen Pfarrei viele Kirchorte und damit viele Gemeinden gibt. Ein neuer Name, etwa Pfarreirat, würde verdeutlichen, dass das Gremium eine neue Aufgabe hat. Wie kommt dieses Gremium zustande? Nach bisheriger Ordnung durch Wahl. Künftig soll es ermöglicht werden, dass die pastoralen Räte der Kirchorte, die vielerorts Filialgemeinderäte heißen, Mitglieder in den Pfarreirat delegieren und es können zusätzlich Mitglieder in den Pfarreirat berufen werden, die wichtige Kirchorte, wie z.B. katholische Einrichtungen, vertreten. Das Seelsorgeamt wird dazu gerne nach den Erfahrungen fragen, die vor Ort gemacht werden.

Im Blick auf die Kirchenvorstände macht das Kirchenvermögensverwaltungsgesetz die Vorgabe, dass die Kirchenvorstandsmitglieder von allen Pfarreimitgliedern gewählt werden. Sie sind ja auch für die verwaltungsmäßigen und baulichen Belange der ganzen Pfarrei zuständig.

Jetzt sind wir wieder ganz bei den Strukturen! Leben braucht Strukturen, auch das kirchliche Leben. Sie sind nicht Selbstzweck, sondern Werkzeuge des Heiligen Geistes. Gerade an Pfingsten beten wir um die Gaben des Heiligen Geistes: Um geistliche und kirchliche Berufe, um die Erweckung von Getauften und Gefirmten zum Glaubenszeugnis und zur Mitgestaltung der Kirche, um die Hinwendung der Suchenden zur Botschaft des Evangeliums und zu unserem Bruder und Herrn Jesus Christus. Lassen Sie uns miteinander in dieser Weise Kirche sein.


Dr. Ulrich Neymeyr
Bischof

21.05.2015