Nicht nur zurückschauen

Predigt von Bischof Ulrich Neymeyr bei der Bistumswallfahrt am 15. September 2019, bei der 25 Jahre Bistum Erfurt gefeiert werden

Blick zurück

Meine lieben Schwestern und Brüder im Herrn,

am 4. September 1989 wurden die Themen der Friedensgebete in der Leipziger Ni-kolaikirche in die Öffentlichkeit getragen: Katrin Hattenhauer und Gesine Oltmanns trugen ein Plakat auf die Straße mit der Aufschrift „Für ein offnes (sic!) Land mit freien Menschen“. Der Ruf nach Freiheit aber auch nach Einheit wurde immer lauter auf den Straßen und Plätzen der DDR. Heute – 30 Jahre später – steht unsere Bistumswallfahrt unter dem Leitwort „miteinander frei“. Beide Worte stehen in einer Spannung zueinander: Das Miteinander ist nämlich nicht nur der Ort, die eigene Identität zu entdecken und zu entfalten, das Miteinander schränkt nämlich die Freiheit auch ein. In Gemeinschaft kann der Einzelne nicht immer das tun, was er gerade möchte. Das wird besonders in der Familie erlebbar.

Deswegen rückt das Leitwort „miteinander frei“ für mich zunächst die Familie in den Blickpunkt. Die Lebensschule, in der wir Menschen lernen, Freisein und Miteinander in Einklang zu bringen, ist die Familie. Für mich ist die Sorge um die Familien die große Zukunftsherausforderung für unsere Gesellschaft und für unsere Kirche. Für uns Katholiken ist das Miteinander in der Familie nicht darauf gegründet, dass Menschen defacto miteinander leben, sondern auch darauf, dass Gott im Sakrament der Ehe Mann und Frau miteinander verbindet, und dass die Kinder, die sie bekommen, ihnen von Gott anvertraut sind. Ich bin Papst Franziskus dankbar, dass er die Bedeutung der Ehe- und Familienpastoral hervorgehoben hat durch die beiden Bischofssynoden zu Beginn seines Pontifikats und das großartige nachsynodale Schreiben „Amoris laetitia“. Diese wichtige Aufgabe darf nicht verdrängt werden durch andere ebenso wichtige Herausforderungen. Daher danke ich allen, die in unserem Bistum die Eheleute und Familien unterstützen in den Kirchengemeinden, Familienbildungsstätten, Familienberatungsstellen, im Familienbund und besonders in den Kindergärten. Dieses Engagement ist auch ein wichtiger Beitrag für unsere Gesellschaft. Wache Zeitgenossen bemerken die enormen psychischen Belastungen, denen die Kinder aber auch die Eltern ausgesetzt sind, wenn eine Familie zerbricht.

Das Leitwort „miteinander frei“ ist natürlich entstanden im Blick auf die Gründung unseres Bistums vor 25 Jahren. Die Bistümer Fulda und Würzburg entließen das „Bischöfliche Amt Erfurt-Meinigen“ in die Freiheit einer selbstständigen Diözese. Auch das Bistum Hildesheim darf nicht vergessen werden. Wir grüßen alle, die aus Ellrich gekommen sind, das zum Bistum Hildesheim gehörte. Bischof Wanke hat die Gründung des Bistums Erfurt so beschrieben: „Der Heilige Stuhl und die anderen deutschen Bischöfe haben gleichsam anerkannt, daß hier gewachsenes Leben jetzt nicht strukturell „zurückgebaut“ werden darf, sondern modifiziert, den neuen Verhältnissen angepaßt weiterentwickelt werden sollte. Und diese Entscheidung ist angesichts der bekannten Zähigkeit und Langsamkeit kirchlicher Denk- und Entscheidungsprozesse erstaunlich schnell und vor allem erstaunlich einmütig in allen entsprechenden Gremien gefallen.“  Nach 25 Jahren sind wir den Bistümern Fulda und Würzburg immer noch dankbar und ich bitte Herrn Bischof Jung und Herrn Weihbischof Diez das auch zu Hause zu sagen – und wir grüßen alle Wallfahrer aus der thüringischen Rhön: Sie sind uns hier immer willkommen.

Was sind die identitätsstiftenden Charakteristika des Bistums Erfurt? Ich bin erst mit 57 Jahren ins Bistum Erfurt gekommen. Nach fast fünf Jahren fügen sich viele Begegnungen zu einem Bild zusammen: Der Erfurter Mariendom ist das geistliche Zentrum des Bistums. Dass hier fast alle Priester und ständigen Diakone geweiht, alle Gemeindereferentinnen und Gemeindereferenten gesendet und alle Diakonats- und kommunionhelfer und -helferinnen beauftragt wurden und werden, schafft eine geistliche Mitte, die bei der Bistumswallfahrt auch in großem Rahmen erlebbar wird. Dazu gehört natürlich auch das Amt des Bischofs, der seine Kathedra, seinen Bischofsstuhl hier hat.
Für die Älteren gibt es eine gemeinsame Identität, die sie verbindet: das Leben unter der Diktatur der SED. Über manches können sie heute lachen, vieles belastet sie für immer. Als ich im Kreis der Mitbrüder einmal gesagt habe, dass ich die Hälfte meines Lebens in einem anderen politischen System verbracht habe, sagte einer spontan: Das ist kein Mangel. Die Erfahrung der politischen Repression verbindet sich für katholische Christen mit der Erfahrung der Dankbarkeit für die Einbindung in die Weltkirche, die auch für die unterdrückten Katholiken in aller Welt heute nicht selten eine Lebensversicherung ist.

Es gibt eine weitere Identität der katholischen Christen in der Diaspora – aber auch im Eichsfeld: Das Bewusstsein, dass wir als Christen eine Minderheit in unserer Gesellschaft bilden. Im „Westen“ glauben viele, sie lebten in einer christlichen Gesellschaft. Der Rheinländer lebt in der irrigen Meinung, katholisch zu sein sei normal. Hier wissen die Christen, dass es normal erscheint, ohne Glaube, Religion und Kirche zu leben. Das macht dankbar für das Geschenk des Glaubens und der Freiheit der Religionsausübung, das macht sensibel für die Fragen der Atheisten und fördert eine weitere spezifische Identität in unserem Bistum:
Die Selbstverständlichkeit des ökumenischen Miteinanders. Konfessionsverbindende Ehen und Familien und viele ökumenische Kontakte auf allen Ebenen sind Zeugnisse für das gelebte gemeinsame Christsein aus der einen Taufe. Wir freuen uns, dass in diesem Festgottesdienst die Augustinerkantorei singt und dass der neue Bischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland Friedrich Kramer die Schlussstunde der Bistumswallfahrt mit uns feiern wird.
Ich möchte noch erwähnen, dass es in unserem Bistum ein selbstverständliches Miteinander von Bistum und Caritas gibt. Nach der Wende konnte die Caritas als Verband gegründet und in der Gesellschaft verwurzelt werden. Das hat aber nicht das Bewusstsein dafür getrübt, dass Caritas Kirche ist und einen wesentlichen Grundauftrag der Kirche verwirklicht.

Vor 25 Jahren standen hier viele „wetterfeste Gläubige“, wie Bischof Wanke sie im strömenden Regen nannte. Sie haben 25 Jahre Kirche in Thüringen gestaltet mit Engagement und Gebet, mit persönlichem Glaubenszeugnis und Treue zur Kirche auch in Krisenzeiten, mit Spendenbereitschaft und Unterstützung der Kirche auf allen Ebenen. Ihnen allen rufe ich zu: Vergelt’s Gott!

Doch jetzt genug zurückgeschaut! Man kann kein Auto fahren, wenn man nur in den Rückspiegel schaut. Wir schauen im Jubiläumsjahr nach vorne. Wie geht es weiter? Bei der Suche nach einem biblischen Leitwort für unseren weiteren Weg habe ich mich inspirieren lassen vom Apostel Paulus, der die Gemeinde in Korinth mit einem Bauwerk verglichen hat, an dem immer weiter gebaut wird. Er hat die Korinther gemahnt hat: „Jeder soll darauf achten, wie er weiterbaut.“ (1 Kor 3,10) „Achtsam weiterbauen“ das ist unsere Aufgabe! Was bauen wir neu? Was müssen wir abbauen? Was bauen wir zusammen? Wir überlegen gemeinsam, wie wir die Zukunft gestalten. Ich danke allen, die an den Pastoraltagen zu Beginn des Jahres teilgenommen haben und sich auch weiter einbringen in den verschiedenen Arbeitskreisen. In den Zwischenveranstaltungen können Sie alle sich heute informieren über den Weg der Kirchenentwicklung in unserem Bistum.

Das Leitwort „miteinander frei“ beschreibt eine der großen Herausforderung, nämlich das Miteinander der Kirchorte unter dem Dach der Pfarrei zu gestalten. Das Wort „achtsam“ könnte man wörtlich übersetzen mit „sehen“, also zunächst einmal sehen, welche Kirchorte unter dem Dach der Pfarrei leben. Es sind nicht nur die Kirchorte um ein Kirchengebäude herum, sondern auch Kindergärten, Schulen, katholische Einrichtungen, Caritasstellen, Verbände, Gebetskreise in den Dörfern der Diaspora oder Ordenskonvente. Was haben sie miteinander zu tun? Wie könnten sie im Kirchspiel miteinander spielen? Was kann einer für alle machen? Was kann man auch sein lassen? Gibt es neue Ideen? Machen Sie mit! Tauschen Sie Ideen aus!

Bei den Pastoraltagen wurde deutlich, dass auch das Miteinander von Haupt- und Ehrenamtlichen gut gestaltet sein muss. Es braucht den gegenseitigen Respekt. Im September habe ich bei der Priesterkonferenz den Mitbrüdern gesagt, dass unsere Entscheidung für Jesus Christus und für das priesterliche Leben nicht angewiesen sein dürfe auf die Unterstützung und Anerkennung durch andere innerhalb und außerhalb der Kirche. Manche Priester haben mich getröstet und gesagt, sie würden in ihrem Dienst und in ihrem Leben schon von den Mitchristen getragen. Dafür danke ich Ihnen von Herzen, liebe Schwestern und Brüder!

Wir werden achtsam weiterbauen. Das heutige Sonntagsevangelium ermutigt uns: Katholische Kirche in Thüringen ist keine Massenveranstaltung. Bei uns zählt auch die kleine Zahl. Es zählt das eine Schaf und die eine Drachme. Wir freuen uns über einen großen Wallfahrtsgottesdienst im Eichsfeld und wir freuen uns über eine kleine Gemeinde, die den Sonntag mit einer Wort-Gottes-Feier begeht. Ich freue mich über 200 Jugendliche beim Bistumsjugendtag und über zwei Messdiener an einem kleinen Kirchort. Ich sehe nicht nur das, was wir mit unseren Möglichkeiten und Kräften nicht mehr können, sondern ich sehe das, was wir können und was wir tun. Uns ist nicht verheißen, dass die ganze Welt christlich wird, aber uns ist verheißen, dass der Bau unserer Kirche ein Fundament hat: kein Lehrgebäude und keine Ideologie, sondern eine Person: Jesus Christus. Paulus schreibt an alle, die achtsam weiterbauen: „Einen anderen Grund kann niemand legen als den der gelegt ist: Jesus Christus.“ (1 Kor 3,11)

Zum Schluss noch ein weiterer Gedanke: Das Leitwort „miteinander frei“ ist natürlich auch inspiriert von der Grenzöffnung vor 30 Jahren. Viele Menschen wollten nicht nur die Freiheit, sondern auch die Einheit. Es wird noch viel über den Weg bis zum 3. Oktober 1990 diskutiert und geschrieben werden. Ich möchte nur kurz an einen Aspekt erinnern: Ohne die Zustimmung der Alliierten hätte es keine Einheit Deutschlands gegeben. Die Alliierten haben zugestimmt, weil sie uns Deutschen zugetraut haben, die Freiheit bzw. die Souveränität unseres Landes im Miteinander der Völker zu leben und nicht wieder in Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus zu verfallen. In unserem Bistum arbeiten Priester aus Nigeria und Indien. Wir freuen uns, dass wir Verstärkung bekommen durch die Katholiken, die aus Polen nach Thüringen gekommen sind. Wir freuen uns über Besuche aus der Weltkirche, und ich hoffe doch, dass Sie bei Reisen ins Ausland auch dort den Gottesdienst mitfeiern und die Katholiken kennenlernen.

„Miteinander frei“: Wir danken Gott für das Geschenk der Freiheit für unser Bistum und für unser Land und nehmen in Freiheit den Auftrag zum Miteinander an in der Familie, in der Pfarrei, im Bistum, in unserer Gesellschaft, in unserem Land und in unserer Welt.