Nicht der sauberen Füße wegen

Predigt von Bischof Ulrich Neymeyr am Gründonnerstag (2. April 2026) in St. Severi, Erfurt

 

Bild: M. Karolewski

Es ist uns leider nicht überliefert, worüber der Herr beim letzten Abendmahl mit den Aposteln gesprochen hat. Allerdings ist es möglich, manches aus der biblischen Überlieferung zu erschließen. Das Neue Testament überliefert im Johannes-Evangelium den Bericht von der Fußwaschung und in den synoptischen Evangelien sowie im ersten Korintherbrief den Bericht von den Worten über das Brot und den Kelch, die wir heute als Einsetzungsbericht bezeichnen. Jesus wollte mit diesen Worten eine Tradition beginnen, die ihm sehr wichtig war, weil sie die Erinnerungen an ihn wachhalten soll. Diese Worte sind uns in sehr verdichteter Form überliefert. Man kann durchaus vermuten, dass Jesus sie während des letzten Abendmahles näher erläutert hat.

Er könnte damit begonnen haben, die Zeichenhandlung der Fußwaschung zu Beginn des Mahles näher zu erläutern. Es kam ihm nicht nur darauf an, dass die Jünger saubere Füße hatten, die vom Schmutz der Straße gereinigt waren. Es kam ihm nicht nur darauf an, ein Zeichen der Nächstenliebe zu geben. Es ist gut möglich, dass er seinen Jüngern erläutert hat, dass er sie auch innerlich reinigen möchte, dass er alles Sündhafte, alles Unaufrichtige, alles Gottferne von ihnen abwaschen möchte. Und dass er das nur erreichen kann, wenn er sich selbst hingibt und aufopfert. Es genügt nicht, dass Menschen als Zeichen ihrer Reue und ihres Sühnewillens Gott Opfer darbringen, wie es im Tempelgottesdienst üblich war. Jesus war bereit, selbst das Lamm Gottes zu sein, das die Sünde der Welt hinwegnimmt. Vielleicht hat er im Abendmahlsaal sogar dieses prophetische Wort Johannes des Täufers aufgegriffen, das ganz am Anfang seines öffentlichen Wirkens stand. Ganz verdichtet ist das dann im Satz aus dem ersten Korintherbrief zusammengefasst, den wir in der Lesung gehört haben: „Das ist mein Leib für euch.“ (1 Kor 11,24)

Für die Apostel war dies vielleicht leichter verständlich als für uns heute, denn für sie war es vertraut, Gott Sühneopfer darzubringen zur Reinigung von den Sünden. Und sie kannten die Prophezeiung des Propheten Jesaja über den künftigen Gottesknecht: „Er wurde durchbohrt wegen unserer Vergehen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Züchtigung auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (Jes 53,4) So konnten die Apostel vielleicht schon während des letzten Abendmahls erahnen, welche Bedeutung das Wort Jesu über das Brot hatte. In seiner ganzen Tiefe werden wir auch nach 2.000 Jahren Theologiegeschichte dieses Wort wohl nie in seiner ganzen Tiefe begreifen können. Seit der Kreuzigung wissen wir Christen, wie Jesus sich aufgeopfert hat. Wie ein Verbrecher wurde er mit anderen Verbrechern hingerichtet. Er hat sich ganz tief in menschliche Schuldgeschichte begeben, um uns Menschen von innen heraus das Angebot der Erlösung zu machen. Paulus schreibt im zweiten Korintherbrief: „Er hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes würden.“ (2 Kor 5,21) Vielleicht haben die Apostel geahnt, dass hier etwas geschieht, das weit über den Abendmahlsaal hinausreicht. Überall auf der Welt wird seitdem an die Worte Jesu beim letzten Abendmahl erinnert und die versammelten Gläubigen begrüßen voll Dankbarkeit den Herren in ihrer Mitte, der sein Leib für sie hingegeben und sein Blut für sie vergossen hat. 

Bei den Kelchworten nach dem Mahl hat Jesus den Horizont des Abendmahls auch mit seinen Worten geöffnet. Im Matthäus-Evangelium sind uns die Worte überliefert: „Das ist mein Blut des Bundes, der für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.“ (Mt 26,28) Wenn heute im Aussetzungsbericht der Heiligen Messe die Worte so wiedergegeben werden: „Das ist mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird,“ so steht dies nicht im Widerspruch zur biblischen Überlieferung im Matthäus- und im Markus-Evangelium. Das Erlösungswerk Christi, ist ein Angebot für alle Menschen, seine konkrete sakramentale Zuwendung erreicht aber nur diejenigen, die am Abendmahl teilnehmen.

Wir erleben bei der Feier der Heiligen Eucharistie mit größerer Freude und Dankbarkeit, dass die erlösende Liebe Christi eine jede und einen jeden von uns ganz konkret umschließt. Seine erlösende Liebe, die bereit ist, den Tod auf sich zu nehmen, wird zunächst den am Abendmahlstisch versammelten Aposteln zuteil. Mit den Kelchworten weitet sich der Kreis. Die Türen des Abendmahlssaals öffnen sich, der Tisch vergrößert sich, unser Altar ist ein Teil des Abendmahlstisches, um den wir uns versammeln. Die erlösende Liebe Jesu Christi bezieht auch jeden und jede von uns mit ein. Jesus ist nicht für die ganze Menschheit gestorben, sondern für jeden Einzelnen – für dich und mich. Die erlösende Liebe Christi ist auch eine menschliche Liebe der Sympathie und der Zuwendung. Wenn wir uns dies bewusst machen, können wir nicht aufhören, darüber zu staunen.