Liebe vertreibt Furcht

Predigt von Bischof Ulrich Neymeyer bei der Frauenwallfahrt auf dem Kerbschen Berg, deren Motto lautet: "Fürchte dich nicht!"

Dingelstädt/Kerbscher Berg. Im heutigen Evangelium klingt ein Element der christlichen Gottes- und Glaubenserfahrung an, das heute weitgehend in den Hintergrund getreten ist: die Gottesfurcht. Wir haben eben im Evangelium die Erzählung vom Gang Jesu auf dem Wasser gehört. In den synoptischen Versionen des Matthäus und des Markus wird die Furcht der Jünger im Boot damit erklärt, dass sie meinten, ein Gespenst zu sehen. Der Evangelist Johannes lässt diese Erklärung weg. Die Jünger haben auf dem See eine Epiphanie-Erscheinung. Sie erleben unmittelbar die göttliche Seite Jesu Christi und das ruft in ihnen Furcht hervor, eben Gottesfurcht. Diese Furcht angesichts der Epiphanie Gottes spielt im Neuen Testament eine wichtige Rolle in den Berichten über die Taten und das Geschick Jesu. In den synoptischen Evangelien klingt dieses Motiv 420-mal an.

Gottesfurcht ist etwas anderes als Angst vor Gott, etwa weil Gott Anfang und Ende des Lebens bestimmt, weil unser Schicksal in seiner Hand liegt oder weil er uns für unsere Sünden bestrafen könnte. Die Tradition der Kirche nennt diese Angst vor Gott timor servilis, also knechtliche Furcht. Diese Form der Gottesfurcht hat durchaus ihre Berechtigung gerade in einer Zeit, in der der Mensch sich anmaßt, Anfang und Ende des Lebens selbst bestimmen zu können, oder in einer Zeit des Sicherheitswahns, der glaubt, alle Lebensrisiken ausschließen zu können, oder in einer Zeit, die meint, letztlich niemandem Rechenschaft schuldig zu sein.

Aber solche knechtliche Furcht ist nicht das Ziel christlicher Gottesverehrung, wie Paulus schon im Römerbrief schreibt: "Ihr habt nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht, so dass ihr euch immer noch fürchten müsstet". (Röm 8,15) Auch Jesus ruft seinen Jüngern im Boot zu: "Ich bin es. Fürchtet euch nicht." In den synoptischen Evangelien wird deutlich, dass die Furcht angesichts der Epiphanie Jesu Christi bei den Jüngern keine Verzweiflung weckt und sie auch nicht in der Angst belässt, sondern sie vielmehr hinführt zu Verehrung und Anbetung. So berichtet der Evangelist Matthäus, dass sich die Jünger bei der Verklärung Christi auf dem Berg mit dem Gesicht zu Boden warfen (Mt 17,6) und dass die Frauen am Ostermorgen vor dem auferstandenen Jesus Christus niederfielen (Mt 28,9). Auch die Sterndeuter aus dem Osten fielen vor dem neugeborenen Jesuskind nieder (Mt 2,11).

Im Griechischen steht das Wort proskynein, das niederfallen und Anbetung zugleich heißt. Es ist der Ausdruck der reinen Gottesfurcht, die als eine der sieben Gaben des Hl. Geistes über die Empfänger der Firmung erbeten wird und die die Tradition der Theologie als timor filialis bezeichnet, als kindliche Furcht, die Gottes Größe und Unbegreiflichkeit und Allmacht respektiert, die Gott Gott sein lässt und sich ihm mit der ganzen Existenz anvertraut.
Die Menschen, die vor 70 Jahren aus ihrer Heimat vertrieben wurden, haben dieses Gottvertrauen gebraucht, sowohl bei der beschwerlichen Flucht als auch bei dem nicht minder beschwerlichen Weg, sich hier eine neue Existenz aufzubauen. Sie sind nicht nur auf Befürchtungen der Einheimischen gestoßen, sondern auch auf zum Teil offen geäußerte Ablehnung - obwohl sie Christen waren und Deutsche. Ihr Schicksal sollte uns heute sensibel machen für die Not derer, die heute zu uns flüchten und Asyl suchen in einer Gesellschaft, die immer mehr überaltert und junge Menschen braucht.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass der Evangelist Johannes nur an dieser einen Stelle, nämlich bei der Begegnung der Jünger mit Jesus auf dem See, von der Furcht angesichts der Epiphanie Jesu Christi spricht, denn der erste Johannesbrief bringt eine grundsätzliche Skepsis gegenüber der Gottesfurcht zum Ausdruck: "Furcht gibt es in der Liebe nicht, sondern die vollkommene Liebe vertreibt die Furcht". (1 Joh 4,18). Das neue österliche Leben der Erlösten lebt ganz aus dem Vertrauen auf Gott und lässt keinen Platz mehr für die Gottesfurcht. So können wir im Benedictus beten: "Er hat uns geschenkt, dass wir aus Feindeshand befreit, ihm furchtlos dienen in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinem Angesicht all unsre Tage." (Lk 1,74)

17.05.2015