Zwei Karteikarten und eine Lebensgeschichte

Ein Fund im Bistumsarchiv, der bis Kalifornien reicht

Buch: Hanna Shay: Aufwachsen in bedrohlichen Zeiten / Growing Up in Threatening Times. Herausgegeben von Andrea Wittkampf, mit Illustrationen von Simon Schwartz. Hentrich & Hentrich Verlag

Es waren hunderte Karten und Dr. Andrea Wittkampf, Archivarin im Bistumsarchiv Erfurt, nahm eine nach der anderen vom Stapel. Schülerkarteikarten der Ursulinenschule in Erfurt, Namen, Daten, Zeiträume. Das gehört zu ihrer ganz normalen Archivarbeit. Bei zwei Karten, die direkt hintereinander lagen, stand auf der Rückseite ein Vermerk: nach Holland gegangen. Sie wusste, dass diese Karten aus den 1930er Jahren waren und dachte sofort an Anne Frank.

Auf der Vorderseite der Karten stand der Name und daneben die Religionszugehörigkeit: jüdisch. Zwei Fragen kamen ihr in den Sinn, sagt sie: Warum gehen sie nach Holland? Und warum sind überhaupt jüdische Schülerinnen an dieser Schule?

Die Karten gehörten Eva und Hanna Herzberg, zwei Schwestern aus Erfurt. Hanna, die jüngere, war zu diesem Zeitpunkt neun Jahre alt. Was mit diesen beiden Karten anfing, sind inzwischen Jahre der Recherche geworden, zwei Bücher und seit August 2026 sechs Stolpersteine in Erfurt.

Was auf der Karte nicht stand und was Andrea Wittkampf im Zuge ihrer Recherche erst später erfuhr: Der Vater der Mädchen, Louis Herzberg, war promovierter Jurist, Atheist, Pazifist und ein politisch aktiver Gegner Hitlers. Er wusste, wie gefährdet er war, und floh schon im Frühjahr 1933 aus Deutschland. Die beiden Töchter kamen 1935 zu den Ursulinen, ein paar Monate später ging die Familie ihm in die Niederlande nach.

 

Ein Archivbestand, den niemand mehr betreute


Die Ursulinen hatten ihr Klosterarchiv 2016 an das Bistumsarchiv abgegeben; es gab im Konvent niemanden mehr, der sich darum kümmern konnte. Andrea Wittkampf hat den Bestand über mehrere Jahre erfasst und verzeichnet. Historikerin ist sie ohnehin, promoviert hat sie über das Erfurter Weißfrauenkloster, ihre Diplomarbeit schrieb sie einst über die Bamberger Hexenprozesse. Themen, bei denen sie wissen wollte, wie Menschen dazu kommen, ihren Nachbarn Böses zu wünschen oder gar zu tun.

Nach dem Fund ging sie die Karteikiste noch einmal komplett durch. Am Ende hatte sie fünfundzwanzig jüdische Mädchen gefunden, die zwischen 1933 und 1938 bei den Ursulinen in Erfurt zur Schule gingen. Dass es jüdische Schülerinnen gegeben hatte, war in Erfurt vage bekannt gewesen. Genaues wusste niemand. Die Ordensfrauen selbst hatten vieles aus dieser Zeit vernichtet oder so abgelegt, dass sie sich damit nicht selbst in Gefahr brachten.

Wichtig ist Andrea Wittkampf, dass daraus keine Heldengeschichte wird. Von Widerstand könne keine Rede sein, sagt sie. Aber fünfundzwanzig Mädchen, denen der Unterricht an staatlichen Schulen verwehrt wurde, konnten hier weiter lernen. Bis die Schule 1938 zwangsweise von den Nationalsozialisten geschlossen wurde.

 

Nächte am Küchentisch mit einem Tablet


Von der Historikerin Jutta Hoschek erfuhr sie, dass im Erfurter Stadtarchiv die Lebensgeschichte einer dieser Schülerinnen liegt, auf Englisch, von einer Verwandten dort abgegeben. Hanna Herzberg hatte ihre Erinnerungen mit sechzig Jahren aufgeschrieben, auf Bitten ihrer Tochter Cathy, unter ihrem späteren Namen Hanna Shay. Andrea Wittkampf traute sich die Übersetzung zu; vor ihrer Zeit im Bistumsarchiv hatte sie bei den amerikanischen Streitkräften in Bamberg gearbeitet.

Im Stadtarchiv waren Handyfotos damals noch nicht erlaubt, sie musste also im Lesesaal sitzen und dort übersetzen, ohne Internet, ohne Hilfsmittel. Das werde nie klappen, dachte sie. Dann schickte ihr Hannas Ehemann, der noch lebte, den Text auf CD-ROM. Den zog sie sich auf ein Tablet, stellte es neben den Laptop und arbeitete zu Hause weiter, oft auch nachts. Viel Zeit war nicht, denn das Geld der Stadt für das Buch reichte nur bis zum Jahresende. Übersetzen sei etwas anderes als Lesen, sagt sie, man müsse tiefer hinein. Was ihr nahegegangen ist, waren nicht die brutalen Bilder, sondern wie banal alltäglich das alles anfing. Eine siebenjährige Hanna, die auf der Straße von fremden Jungen angebrüllt wird.

2019 erschien der erste Band, herausgegeben von der Stadtverwaltung Erfurt und dem Netzwerk Jüdisches Leben Erfurt. Der Titel stammt aus einem Bericht der Schulaufsicht von 1937: „Wie außerdem bekannt ist, gehören verschiedene Jüdinnen der Schule an.“ Seit einigen Jahren ist das Buch vergriffen.

 

Was die Digitalisierung ans Licht brachte


Damit hätte die Sache zu Ende sein können. Sie war es nicht, weil die niederländischen Archive inzwischen große Teile ihrer Bestände online gestellt haben. Auf einmal lagen Schulunterlagen aus Hannas Zeit in Amsterdam vor ihr.

Dann kam ein Fund, den sie selbst kaum glauben konnte. An einem Samstagabend sah sie sich einen Film über das Durchgangslager Westerbork an, wo die Familie Herzberg interniert war, aufgenommen 1944. Gegen Ende des zweieinhalbstundenlangen Films eine kurze Sequenz im Labor des Lagers. Menschen mit Reagenzgläsern und Pipetten. Sie schaute noch einmal hin, denn aus Hannas Aufzeichnungen wusste sie, dass sie dort gearbeitet hatte. Und auf den Bildern entdeckte sie das Mädchen.

Sie schickte Hannas Tochter in den USA erst nur einen Screenshot, vorsichtig, weil sie nicht wusste, wie sie das vermitteln sollte. Bewegte Bilder von der eigenen Mutter als junger Frau, aufgenommen in einem Lager. Dann bat sie sie, den Film selbst anzusehen, wegen der Bewegungen. Die Antwort kam prompt: das ist unsere Mutter. 

In den Beständen des niederländischen Instituts für Kriegs-, Holocaust- und Genozidstudien fand sie später drei Fotos von Hannas Vater, den sie von Familienbildern längst kannte. Auf einem steht er mit Judenstern hinter der Theke des Lagerladens, den er geleitet hat. Wenig später wurde er in Auschwitz ermordet. Es sind vermutlich die letzten Aufnahmen, die es von ihm gibt.

Und sie fand die Familie im niederländischen Baarn, bei der die Herzbergs unterkommen mussten, nachdem deutsche Truppen sie aus ihrem Haus vertrieben hatten. Diese Familie hat ihre Fotos und Besitztümer über die Kriegsjahre aufbewahrt. Deshalb gibt es die Bilder überhaupt noch. Und weil Andrea Wittkampf nachgefragt hat, haben die Nachkommen beider Familien heute wieder Kontakt.

 

Sechs Steine zum hundertsten Geburtstag


Hanna Herzberg wäre am 25. Juli 2026 einhundert Jahre alt geworden. Sie hat überlebt, ihre Mutter Lotte und ihre Schwester Eva auch. Getrennt voneinander, über Zwangsarbeit in Freiberg, das Lager Lenzing in Österreich und das KZ Mauthausen, wo Hanna und ihre Mutter im Mai 1945 befreit wurden. 1947 gingen die drei Frauen nach Kalifornien, dort ist Hanna 2003 gestorben.

Seit 2024 dürfen in Erfurt Stolpersteine verlegt werden. Andrea Wittkampf ging auf die Initiative zu, überlegte mit, was auf den Steinen stehen soll und suchte im Freundes- und Bekanntenkreis die Paten, die die Steine finanzieren. Am 3. August lagen sechs neue Steine im Gehweg, vier in der Gustav-Adolf-Straße für Louis, Lotte, Eva und Hanna Herzberg, zwei in der Alfred-Hess-Straße für Hannas Großeltern Hedwig und Siegfried Pinthus, die das Kaufhaus Römischer Kaiser am Anger mitgegründet hatten.

Siebzehn Angehörige waren aus den USA angereist. Was sie am meisten berührt habe, erzählten sie hinterher, seien all die Erfurterinnen und Erfurter gewesen, die einfach dabeistanden, ohne irgendeine Verbindung zur Familie. Andrea Wittkampf selbst sagt, sie sei viel zu aufgeregt gewesen, um das in dem Moment mitzubekommen. Der Dank, der danach kam, hat sie dann eingeholt.

Fotos: Juliane Körber

 
Das neue Buch


Einen Tag vor der Verlegung bekam die Familie den neuen Band in die Hand, frisch aus dem Druck. Er heißt „Hanna Shay. Aufwachsen in bedrohlichen Zeiten“ und enthält Hannas Erinnerungen vollständig, deutsch und englisch nebeneinander, damit auch die Nachfahren und amerikanische Schulklassen sie lesen können. Illustriert hat das Buch der Zeichner Simon Schwartz, ein gebürtiger Erfurter. Eingeleitet wird es von der Historikerin Annegret Schüle, die Hannas Bericht als Bereicherung für die Erfurter Stadtgeschichte einordnet. Das Nachwort haben Hannas Kinder Cathy Miller und Ken Shay geschrieben, damit die Geschichte nicht 1945 endet. Die Kurzbiografien der Erfurter Familien Herzberg und Pinthus stammen von Jutta Hoschek. Bezahlt haben die Ausgabe Hannas Kinder selbst. Übersetzt hat wieder Andrea Wittkampf, abends und an Wochenenden.

Ihren Anfang nahm die Geschichte an einer Schule, und dorthin ist sie zurückgekehrt. Beim Schuljahresanfangsgottesdienst im Erfurter Dom hat eine Gruppe von Schüler:innen der Edith-Stein-Schule drei Szenen aus Hannas Leben gezeigt. Das habe sie sehr berührt, sagt Andrea Wittkampf, weil die Geschichte genau dorthin gehöre. Als Hanna Herzberg 1935 dort ankam, hieß das Gymnasium noch Ursulinenschule.

Fotos: Edith-Stein-Schule Erfurt

Weiter geht es am 7. Oktober. Beim Patronatsgottesdienst der Schule wird Hannas Geschichte fortgesetzt und mit Edith Stein verknüpft, der Namenspatronin der Schule, die 1942 in Auschwitz ermordet wurde. Die Schüler:innen bemalen dafür gerade Erinnerungssteine, angelehnt an die Stolpersteine. Aus jedem Jahrgang nimmt Schulseelsorgerin Christiane Hennig-Schönemann einen davon mit nach Auschwitz und legt ihn dort am 12. Oktober ab, dem Geburtstag von Edith Stein. Drei Exemplare des Buches hat Andrea Wittkampf der Schule geschenkt, sie werden dort inzwischen in mehreren Fächern gelesen.

Fertig ist Andrea Wittkampf mit dem Thema noch nicht. Ein Aufsatz ist in Arbeit, mit all den Archivalien, die im Buch keinen Platz mehr hatten. Und im November ist in Erfurt eine Gedenkveranstaltung geplant.

Hanna Shay: Aufwachsen in bedrohlichen Zeiten / Growing Up in Threatening Times. Herausgegeben von Andrea Wittkampf, mit Illustrationen von Simon Schwartz. Hentrich & Hentrich Verlag, Berlin und Leipzig 2026, ISBN 978-3-95565-781-9. 
Kann u.a. hier erworben werden.