Bischof Wanke würdigt Arbeit der Ackermann-Gemeinde...
Die Ackermann-Gemeinde tagt nicht zum ersten Mal hier in Erfurt, wie mir meine Erinnerung sagt. Schon 1991 - kurz nach der politischen Wende - weilten Sie mit Ihrer Hauptversammlung in unserer Stadt. Es freut mich, Sie anlässlich Ihrer 30. Bundesversammlung wiederum in der Hauptstadt Thüringens zu begrüßen, heute hier auf dem neuen Messe-Gelände und morgen im Mariendom zum festlichen Hochamt.
In diesem Jahr schauen Sie auf 60 Jahre Versöhnungsarbeit Ihrer Organisation zurück. Das Thema des diesjährigen Bundestreffens "Versöhnung leben - Frieden gestalten" kennzeichnet in der Tat die Zielsetzung Ihrer Arbeit von Anfang an, wie es im Einladungsschreiben Ihres Vorstandes zur heutigen Tagung heißt.
In dem Grundgesetz der 1946 in Ingolstadt gegründeten Ackermann-Gemeinde - ein Text aus dem Jahr 1948 - lese ich: "Wenn wieder Friede und Ordnung unter den Völkern einkehren sollen, müssen die Fehler überwunden werden, die uns alle in das gegenwärtige Elend geführt haben". Unter diesen Fehlern wird sodann der "übersteigerte Nationalismus" genannt, der die föderativen Grundlagen des jahrhundertelangen Zusammenlebens der Völker im Raum Mitteleuropas zerstört hat. Und im Blick auf die Zukunft der sudetendeutschen Vertriebenen heißt es am Ende dieses Textes: "Letzten Endes ist unser Schicksal verbunden mit dem Schicksal des Volksganzen und darüber hinaus mit einer Neuordnung Europas."
Das sind prophetische Worte. Niemand konnte damals wissen, welcher Anstrengungen es bedurfte, um die Konturen einer solchen Neuordnung Europas entstehen zu lassen. Für Jahrzehnte versank der Osten Europas und ein Teil unseres eigenen Vaterlandes selbst wieder in eine politische Erstarrung, in der echte Versöhnungsarbeit zwischen Ost und West unmöglich war. Sie haben als Ackermann-Gemeinde aber, geleitet auch von Ihren christlichen Grundüberzeugungen, an dem Ziel von Versöhnung zwischen dem deutschen und tschechischen Volk festgehalten. Dafür gebührt Ihnen und allen, die vor Ihnen die Ackermann-Gemeinde getragen haben, Dank und Anerkennung.
Heute weitet sich der Horizont der notwendigen Versöhnungsarbeit über den Raum der ehemaligen Grenzen zwischen Ost und West hinaus auf eine Versöhnung zwischen Kulturen und Religionen weltweit. Das Echo auf die Vorlesung unseres Hl. Vaters auf seine Vorlesung jüngst in Regensburg zeigt, welche gewaltigen Aufgaben noch vor uns liegen. Was für die weltweite Begegnung der Religionen und Kulturen gilt, gilt auch für die Aufgabe, der sich die Ackermann-Gemeinde verschrieben hat: Auch die Völker Europas können ihre Zukunft nur sichern, wenn sie auf alle Formen von Gewalt verzichten und einer der Wahrheit verpflichteten Versöhnung und Zusammenarbeit Raum geben.
Dabei können uns die großen geistlichen Patrone Europas einen Weg weisen, Gestalten wie Benedikt, Cyrill und Method, die hl. Birgitta von Schweden, die selige Edith Stein. Wir hier in Thüringen dürfen im kommenden Jahr den 800. Geburtstag der hl. Elisabeth von Thüringen feiern, die ja nicht nur uns Thüringern gehört, sondern ebenso dem ungarischen Volk, ja allen Völkern Europas. Und um noch eine andere große Gestalt unserer näheren Heimat zu nennen, der gegenwärtig eine Ausstellung in unserer Stadt gewidmet ist: die ehemalige Thüringer Königstochter Radegundis, die sich durch die Not ihrer eigenen Verschleppung in das Frankenreich des 6. Jahrhunderts nicht in ihrer Liebe zu Gott und den Menschen beirren ließ. Sie wird heute nicht nur in Thüringen, sondern auch in Frankreich, näher hin in Poitiers als Patronin selbstloser Nächstenliebe verehrt. Solche Frauen und Männer, die sich dank ihres eigenen Versöhntseins mit Gott dem Versöhnungswerk unter Menschen und Völkern verpflichtet wissen, braucht es auch heute. Sie alle gehören dazu! Gottes Segen begleite Sie weiter bei diesem Werk.
Ich wünsche Ihrem Bundestreffen einen guten Verlauf und freue mich auf den gemeinsamen Gottesdienst morgen im Mariendom!
Erfurt, 7. Oktober 2006
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