St. Michael bietet eine
Wohnung mit Altarblick
Pfarrer Dräger hat eine Wohnung mit Garten zu vermieten. Doch bei diesem Objekt muss der Mieter einige Voraussetzungen erfüllen...
Wernshausen (BiP). Pfarrer Ludger Dräger hat eine Wohnung mit Garten zu vermieten. Drei Zimmer, Küche, Diele, Bad. Nichts Aufregendes, sollte man denken. Solche Wohnungen gibt es dutzendweise. Doch Pfarrer Drägers Mietobjekt verfügt über Besonderheiten, die es aus dem allgemeinen Angebot des Wohnungsmarktes herausheben: Die 75 Quadratmeter-Behausung ist im Gebäude der katholischen Kirche von Wernshausen integriert. Und: Vom Wohnzimmer aus kann man durch ein Fensterchen direkt in die Kirche und auf den Altar blicken.
Obwohl der rührige Pfarrer die Vorteile der Wohnung nicht genug preisen kann, hat er bislang noch keinen Mieter gefunden. "Zentrale, aber dennoch ruhige Lage, frisch renoviert, Parkettboden. Der fünfzehn mal zehn Meter große Garten bietet genug Raum zur Erholung bei geringem Zeitaufwand für die Pflege", zählt Ludger Dräger auf. Der Zugang zum ersten Stock, wo die Wohnung liegt, erfolgt durch den Kirchturm. "Die Treppe ist großzügig angelegt", beeilt er sich, der Vorstellung von krummen Stiegen und wackeligen Leitern vorzubeugen. Alles in allem handele es sich um ein attraktives Wohnangebot in Top-Lage, um das sich die Leute eigentlich reißen müssten, meint der Pfarrer.
Wenn es nicht jenes Fenster gäbe, und den Kirchturm.
Pfarrer Dräger sieht sich deshalb genötigt, gewisse Anforderungen an seine neuen Mieter zu stellen. "Kinder und Haustiere sind überhaupt kein Problem", winkt Dräger ab. Aber wer in die Wernshäuser Kirche einzieht, sollte eine positive Beziehung zur kirchlichen Liturgie haben. Die St. Michaels-Kirche ist zwar nie eine Pfarrkirche gewesen, doch Gottesdienste finden dort nach wie vor statt. "Wir feiern jeden Sonntag um 9 Uhr die Heilige Messe und läuten dazu unsere Glocken im Turm", sagt der Pfarrer. Unruhige Schläfer müssten daher unter Umständen eine Unterbrechung der sonntäglichen Ausschlafphase in Kauf nehmen. Auch verbiete sich wegen des Wohnzimmerfensters, durch das in die Kirche geschaut werden kann, laute Musik während des Gottesdienstes. "Das könnte man in der Kirche hören", erklärt Dräger.
Ansonsten sieht er für den Mieter keine großen Probleme mit dem 30 mal 50 Zentimeter großen Fenster in der Wohnzimmerwand. "Ein Blumentopf genügt, und es ist zugestellt", empfiehlt der praktische denkende Pfarrer. Aus der Kirche könne ohnehin niemand in die Wohnung hineinsehen, weil das Fenster etliche Meter über dem Kirchenfußboden die Mauer durchbricht. "Und wer nicht durch das Fenster in das Innere des frisch gestrichenen Gotteshauses schauen will, hat durch die anderen Fenster einen schönen Ausblick auf Bäume, Rathauspark und die Stadt."
Beim Mietpreis will Pfarrer Dräger möglichen Interessenten entgegen kommen. "Hauptsache, Mieter und Wohnung passen zusammen", sagt er und verweist auf den letzten Bewohner. Der sei mit der Kirchenwohnung sehr zufrieden gewesen. Kein Wunder: Es war ein Priester.