Wo ist meine Hoffnung - und wo mein Glück?

Predigt von Bischof Joachim Wanke bei der Männerwallfahrt


Bischof Joachim Wanke
Das fragte Bischof Wanke bei der Männerwallfahrt. Die Predigt im Wortlaut.

Im Folgenden lesen Sie die Predigt von Bischof Joachim Wanke bei der Männerwallfahrt am 21. Mai 2009 (Fest Christi Himmelfahrt) zum Klüschen Hagis, Eichsfeld.

"Weißt Du, mein Leben sehe ich jetzt ein wenig anders als vorher!" - Das sagte mir ein guter Bekannter nach einem schweren Unfall, den er mit großem Glück relativ unbeschadet überstanden hatte. Er wollte damit zum Ausdruck bringen: Danach ist anders als Vorher. Im Gespräch, das sich auf seine Bemerkung hin zwischen uns ergab, ging es genau um diese merkwürdige Erfahrung: Es braucht manchmal einen kräftigen Dämpfer im Leben, um aus Gedankenlosigkeit und Leichtsinn aufzuwachen. Danach ist anders als Vorher.

Ob eine schwere Krankheit, eine Operation, ein Unfall - Danach ist anders als Vorher. Man sieht auf einmal das eigene Leben, die Menschen um sich herum, die Dinge, die man hat und an denen man sich bislang festgehalten hat, mit anderen Augen. Was bislang wichtig war und höchste Priorität hatte - Arbeit, Verdienst, Vorankommen im Beruf - rückt auf einmal in den Hintergrund. Und anderes, was so selbstverständlich und fraglos schien - die Gesundheit, die Familie, die Kinder - erhält neuen Stellenwert.

Wo ist meine Hoffnung - und wo mein Glück? Woran mache ich meine Hoffnung und mein Glück fest?

Krisenzeiten sind Nachdenkzeiten. Wir erleben gerade eine solche Zeit, die uns neu über die Grundlagen unseres Lebens, des eigenen Lebens und des Zusammenlebens in Familie und Gesellschaft nachdenken lässt.

Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Zusammenbruch von Banken, Insolvenzen großer, hochmoderner Betriebe, Schulden gigantischen Ausmaßes belasten die Zukunft. Das Gespenst der Geldentwertung geht um. Ja - das ist eine Krise, vor allem und zunächst eine Krise des Vertrauens, es könne alles so wie bisher gewohnt weitergehen. Nein, es geht eben nicht so weiter wie gewohnt. Es sollte uns nicht überraschen, dass Geldgier und Verantwortungslosigkeit Einzelner auch Unbeteiligte, im Extremfall sogar die Wirtschaft ganzer Staaten schädigen. Das ist einfach eine Lebenserfahrung, die uns auch in unserem Alltag nicht fremd ist. Es gibt keine Sünde, die nur mich allein schädigt. Alles hängt mit allem zusammen - im Guten wie im Bösen. Ein Alkoholiker macht nicht nur sich kaputt - er schädigt auch seine Familie, seine Umgebung und belastet das Leben anderer. Und einer, der Wahrheit, Gerechtigkeit und Solidarität im eigenen Leben hoch hält, der kann vielen Halt und Hilfe sein.

Krisenzeiten sind Nachdenkzeiten. Es wäre ein Segen für uns alle, wenn es auch bei uns, in unserer Gesellschaft, in Wirtschaft und Politik, bei Zeitungen und Fernsehredaktionen - aber auch bei jedem Einzelnen von uns hieße: Das sehe ich jetzt, nach dem Crash, nach dieser Krise alles ein wenig anders als vorher!
Ja: Möge das Nachher anders sein als das Vorher! Können wir dabei helfen?

Ich möchte einmal meine drei Gedanken zum Predigtthema festmachen an dem schlichten Kreuzzeichen, dass wir nach alter Gewohnheit immer vor dem Anhören des Evangeliums machen. Dort zeichnen wir uns dreimal ein kleines Kreuz auf unseren Leib: auf die Stirn, auf den Mund und auf das Herz. Damit sind die drei wichtigsten Fähigkeiten bezeichnet, die uns Menschen auszeichnen: das Denken, das Sprechen, die Kraft zu lieben.

Krisenzeiten sind Nachdenkzeiten. Wir brauchen ein neues Denken. Ein Denken, dass sich nur in den Kategorien des Ökonomischen bewegt, ist falsch. Ich sage bewusst: Nur!

Es geht nicht an, dass der Wert eines Kindes sich nur nach seinen möglichen Kosten berechnet.
Es geht nicht an, dass die Pflege kranker und hilfloser Menschen nur von einem erbarmungslosen wirtschaftlichen Wettbewerb bestimmt wird.
Es geht nicht an, dass nur jene Berufe im Ansehen sind, bei denen das große Geld gemacht wird.

Vieles wäre in diesem Zusammenhang zu bedenken. Wir Christen bringen in das Nachdenken zur Krise vor allem eines ein: das Wissen um einen Gott, der um unsretwillen keine Kosten gescheut hat. Christus ist für uns arm geworden, damit wir reich werden - an Hoffnung, an Zuversicht, an Lebensmut, an neuem Mut zum Ü;berwinden der Sünde, reich an Lebensglück.

Lasst euch nicht irre machen an einem neuen, z. T. aggressiven Atheismus, der meint, der religiöse Glaube zerstöre das Lebensglück. Das ist Unsinn. Eine Religion wie das Christentum hält es mit der Bergpredigt unseres Herrn: Die Gewaltlosen, die Friedensstifter, die Demütigen und Solidaritätsbereiten werden das Land erben - sprich: Zukunft und Leben gewinnen.

Das haben wir inzwischen eingesehen, selbst die Unreligiösen unter den Zeitgenossen: Wer Raubbau an der Natur betreibt, treibt die Erde in den Ruin. Aber was ist mit denen, die Raubbau an der Gerechtigkeit, an der Solidarität, an der Wahrheit über unser Leben betreiben - die uns z. B. verschweigen, dass zum Leben auch das Kranksein und zum Glück auch die Selbstbeherrschung gehört, und zum Gelingen einer Ehe auch die Treue?

Schaltet nicht euer Denken aus, wenn euch heute wieder neue Glücksparolen das Paradies auf Erden verheißen. Wir hatten es doch damals erlebt, wie es bei der alten Staatspartei hieß: Religion verdirbt das Denken. Nein: Umgekehrt war es: Die Ideologie verdarb den Verstand, verkleisterte die Augen, schnitt Zukunft ab und ließ den Menschen mit seinem Glücksverlangen ins Leere laufen.

Und jetzt fallt nicht auf das Gegenteil herein, als ob gleich um die Ecke die neue schöne Welt wartet, bloß weil wir auf Wirtschaftswachstum um jeden Preis setzen und der Konsum uns retten könnte. Ja - Wachstum durchaus, aber mit Augenmaß. Auch so, dass die Menschen in den armen Ländern etwas davon haben, und auch die Arbeitslosen, die bekanntlich nicht für höhere Löhne auf die Straße gehen können.

Wir brauchen ein neues Denken, weg vom Fetisch der Besitzstandswahrung, hin zum Bedenken des Wertes und der Würde jedes einzelnen Menschen, auch des ungeborenen, des behinderten Menschen. Weg vom Statusdenken, als ob die höhere Gehaltsklasse und das größere Auto das Lebensglück herbeizaubern könnten - hin zur einer neuen Bewertung solcher Tugenden wie Wahrhaftigkeit, Bescheidenheit, Unbestechlichkeit und die Gabe, auch im Kleinen verlässlich zu sein. Ob nicht weniger manchmal mehr ist - und Entschleunigung des Lebens größeres Glück verheißt als zu jedem Marktfest zu fahren, bloß weil da möglicherweise ein Schnäppchen zu ergattern wäre?

Und das Zweite: das Kreuz auf den Mund. Beides kann gleich schlimm sein: Zu viel reden und stumm bleiben, wo etwas gesagt werden müsste.

Krisenzeiten rufen nach Menschen, die etwas zu sagen haben. Nicht viele Worte retten die Welt, sondern das Wort, auf das man bauen kann, das die Wahrheit sagt, auf das es hier und jetzt ankommt.

Ein unerschöpfliches Thema. Unsere Sprache, das Kostbarste, was wir haben, die Gabe der Kommunikation, der gegenseitigen Verständigung, scheint einer Inflation zu erliegen. Werbesprüche allenthalben, halbseidene Parolen auf vielen Kanälen. Die Wahrheit wird verbogen, die Wirklichkeit halbiert, die Verhältnisse je nach eigenem Gutdünken und Interesse schön oder schlecht geredet. Worauf kann man sich wirklich verlassen?

Lasst euch nicht einreden, dass ein neuer Nationalismus uns rettet und Fremdenfeindlichkeit alle Probleme löst. Macht den Mund auf, wenn dumpfe extremistische Parolen, die an längst vergangene Zeiten erinnern, in eurem Umfeld laut werden. Deutschland gehört zu Europa und Europa ist Teil einer Weltgemeinschaft, die nur gemeinsam Zukunft gewinnen kann.
Und ebenso wendet euch gegen eine Rundum-Beschimpfung von Wirtschaft und Politik, die Bauchgefühle und Ressentiments wecken will, um daraus politisches Kapital zu schlagen. Wir brauchen eine leistungsstarke Wirtschaft und fähige Unternehmer und einen kapitalkräftigen Mittelstand - aber wir brauchen auch gerechte und mit Strafen sanktionierte Rahmenbedingungen, die in Wirtschaft und Finanzwelt leichtsinnige Hasardeure an die Kette legen und chancengerechte und soziale Verhältnisse garantieren. Das kann nur eine von der Mehrheit der Vernünftigen getragene Politik - und zu dieser Mehrheit gehört auch ihr. Zeigt es bei den kommenden Wahlen! (Ich stehe ausdrücklich zu der Wahlinitiative unserer katholischen Verbände "Wählen? Na klar!")

Aber auch in anderer Hinsicht gilt: Mut zum rechten Wort am rechten Platz - etwa beim Bekennen des Glaubens, dort wo er lächerlich gemacht wird oder wo ihr merkt, dass Kollegen im Begriff sind, sich von Gott und religiöser Praxis zu verabschieden.

Unsere Zeit ist auch eine religiöse Krisenzeit. Und die ruft nach Zeugen des Glaubens, nach dem persönlichen Beispiel einer überzeugenden christlichen Alltagspraxis - als Vater in der Familie, als Mann in der Gemeinde, als Bürger in einem Eichsfeldort oder anderswo. Was mich echt besorgt macht, ist der sinkende Gottesdienstbesuch an Sonn- und Feiertagen. Brauchen wir wieder die kommunistischen Verhältnisse, um Gott und seine Verheißungen nicht zu vergessen? Haben wir unsere Kirchen und Kapellen in der Flur so gut hergerichtet und schön herausgeputzt, damit sie nun zu Museen werden? Oder ist es doch so, dass man im Wohlstand das Beten verlernt? Ich meine: Man muss auch im gewachsenen Wohlstand nicht das Beten verlernen. Man verlernt es nur, wenn sich das Herz verfettet und man meint, es gehe ohne Gott bequemer als mit ihm.

Denkt daran: Danach ist anders als Vorher. Viele leben noch im Vorher. Möge Gott ihnen barmherzig sein, dass der Ü;bergang zum Nachher nicht zu hart und bitter für sie werde.

Wo machst Du deine Hoffnung fest - wenn der Arzt sagt: bösartig? Wenn Arbeitslosigkeit dich ereilt oder das Scheitern einer Beziehung? Wenn die Kräfte nachlassen und das große Loslassen-Müssen in den Blick kommt, das keinem von uns erspart bleibt?

Dann mach deinen Mund auf. Bete das "Vater unser" neu und tief im Herzen mit neuem Glaubensmut: Ja, Dein Reich komme. Unser Reichtum ist und bleibt trügerisch, auch das kleine Konto, auf das ich gebaut habe und das nun bei Lehmann & Brothers im Orkus der Börsenkrise verschwunden ist. Mach dein Glück an anderen Dingen fest: dass du heute leben kannst, dass du heute gesund bist, dass du Kinder hast, die dein Herz erfreuen - und dass du lieben kannst, weil es jemanden gibt, der in dir die Liebe geweckt hat.

Und da bin ich beim Dritten angelangt: beim Kreuz, mit dem wir unser Herz bezeichnen.

Was mich besorgt macht ist, dass so viele Ehen zerbrechen. Manche scheinen deshalb sogar Angst vor einer Trauung zu haben. Mir sagen die Pfarrer: Die leben halt so zusammen und wagen erst nach dem dritten Kind sich das Ja-Wort vor dem Altar zu sagen.

Trauen wir wie den Bankern und der Wirtschaft auch der Liebe nicht mehr? Liegt es daran, dass wir auch die Eheschließung als ein ökonomisches Ding ansehen? "Herr Pfarrer, die Trauung kommt uns zu teuer! Wir können uns das nicht leisten!"

Und - so frage ich zurück - was leistet ihr euch denn sonst so alles? Ist das nicht das lächerlichste Argument, mit dem ein Getaufter und Gefirmter die Ehe vor Gott meint ablehnen zu können?

Nein: Solche Leute trauen nicht mehr der Liebe. Ihnen fehlt etwas, was unsere Eltern, unsere Großeltern hatten - in Krisenzeiten, Kriegs- und Nachkriegszeiten: Sie trauten sich, sich zu trauen, weil sie ihrer Liebe trauten und nicht mit einer Rücktrittpolice im Lebensrucksack ihren Weg zu Zweit begannen.

Nein: Nicht die Trauung ist altmodisch, sondern unsere Angst vor der Liebe, unser Egoismus, der meint, er komme zu kurz, wenn er sich um des anderen willen, um möglicher Kinder willen einschränken muss. So wird gerade das Glück, dem wir nachjagen, zerstört.

Ich möchte euch jungen Leuten Mut machen, eurer Liebe zu trauen und euch auch in der Öffentlichkeit und vor Gott zu ihr zu bekennen. Investiert zuerst in eure Ehe, und dann vielleicht in einen Hausbau. Schenkt euren Kindern Zuwendung und Zeit, und sorgt euch weniger um eure Bankguthaben. Solche Investitionen sind lohnender und Zukunft versprechender! Und - sie machen auch glücklicher.

Meine Pfarrer und die Sozialarbeiter sagen mir: Die Not bei den Kindern und Jugendlichen ist vielfach keine materielle. Sie haben alle ihre Markenklamotten, sie alle haben ihr Handy. Und sie haben oft auch erstaunlich viel Geld. Die Not besteht vielmehr in einer seelischen Verwahrlosung. Sie sind oft schrecklich allein, sich selbst überlassen und wachsen ohne Ordnung, ohne Kultur, ohne warmes Essen am Tag auf.

Wir leben in einer Krise der elementarsten menschlichen Beziehungen: zwischen Mann und Frau, zwischen Kindern und Eltern. Wir wagen nicht mehr selbstlos zu lieben - und verlieren dabei uns selbst, unsere Hoffnung, unser Glück!

Liebe Wallfahrer,
Krisenzeiten sind Nachdenkzeiten. Das Nachher sollte anders sein als das Vorher.
Diese Impulse möchte ich euch von der heutigen Wallfahrt mitgeben:

  • Behaltet die Kraft zu einem klaren Denken und Urteilen. Die Ideologien von damals und auch die von heute erkennt man daran: Sie sind verkürztes Denken.
  • Wagt das Wort, das richtig stellt und der Wahrheit dient - im Politischen wie beim Bekennen des Glaubens.
  • Und: Traut der Liebe! Sie ist eine Gotteskraft. Ja: Gott ist die Liebe - und wer auf sie setzt, behält immer den längeren Atem. Eure Ehe, Eure Familie, die in andere auch von Unverheirateten investierte Liebe ist unbezahlbar - im wahrsten Sinne des Wortes, auch wenn solche Hingabe öffentliche Anerkennung und Unterstützung bekommen sollte - bis hin zum Finanziellen.

Doch da bin ich mir sicher: Im Himmel gibt es keine Bankkonten und die Ewigkeitsrente, die wir von der Gnade Gottes ausgezahlt bekommen, besteht nicht aus Geld und Gut. Sie besteht in der Liebe, die uns umso mehr umfangen wird, je mehr wir uns auf Erden auf sie eingelassen haben.

Wo ist meine Hoffnung - und mein Glück?
Ich lade euch ein - damit ihr euch meine drei Predigtpunkte gut merkt, jetzt mit mir dieses alte Kreuzzeichen auf die Stirn, auf den Mund und auf das Herz zu machen und dabei still zu beten: "Gott, halte meinen Verstand wach, öffne mir den Mund zum rechten Wort und mutigen Bekennen, und vertreibe aus meinem Herzen alle Angst, zu kurz zu kommen - durch Deine unermessliche göttliche Liebe. Amen.



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