"Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester
und Mutter" (Mk 3, 35)
Mit einer solchen internationalen Gemeinde Gottesdienst zu feiern ist für mich eine große Freude. Sehr herzlich grüße ich euch alle, die Jugendlichen aus den verschiedenen Ländern Europas und anderer Kontinente, die jungen Christen aus unserem Bistum, aber auch Sie alle, liebe Schwestern und Brüder, die Sie aus den Pfarrgemeinden heute nach Heiligenstadt gekommen sind. Ein besonderer Gruß und vor allem auch Dank an jene, die Gastgeber unserer ausländischen Weltjugendtags-Teilnehmer sind!
Unsere Gemeinde ist heute sehr bunt - und doch gehören wir alle zusammen! Uns verbindet, trotz aller Unterschiede in der Sprache und in der Kultur, die Gemeinschaft des katholischen Glaubens. Wir erfahren uns als Glieder der einen, weltweiten Kirche, schon hier in Heiligenstadt und dann vor allem auch in Köln.
Die innerste Mitte unserer Gemeinschaft ist unsere Verbundenheit mit Jesus Christus. Wir könnten das Bild aus dem Evangelium aufgreifen und sagen: Wir gehören alle zur Familie Jesu. Die Mitglieder einer Familie sind bekanntlich oft sehr unterschiedlich. Und doch gehören sie zusammen, sie halten zusammen, sie stehen einander bei, eben - weil sie miteinander verwandt sind.
Wie geht das - mit Jesus verwandt werden? Der Herr gibt uns ein entscheidendes Kriterium, wen er als seine "Verwandten" akzeptiert: Wer - wie er - Gott an die erste Stelle rückt. Jesus sagt: Diejenigen, die den Willen Gottes erfüllen, also tun, nicht nur davon reden die sind für mich wichtiger als leibliche Verwandtschaft.
Wer zur Familie Christi gehören will, muss also eine entscheidende Horizontveränderung vornehmen. Er muss von sich weggehen und sich auf Gott hin ausrichten.
Ich gebrauche einmal ein Bild: Im Schloss des Preußenkönigs Friedrich in Potsdam gibt es ein sogenanntes Spiegelkabinett. Das ist ein Zimmer, dessen Wände bestehen nur aus Spiegeln. Wenn man da hineintritt - und das ist zunächst sehr lustig -, sieht man sich nur selbst. Von allen Seiten kommt einem das eigene Spiegelbild entgegen. Mit der Zeit wird das freilich etwas bedrückend und auch langweilig, und man ist froh, wenn man das Zimmer wieder verlassen kann.
So ähnlich ist es mit der Perspektivveränderung, zu der uns Jesus einlädt. Wir müssen heraus aus dem "Spiegelkabinett" eines Lebens, das dauernd nur auf sich selbst fixiert ist. Wir müssen lernen, das eigene Ich nicht mehr groß zu schreiben, sondern klein. Das ist nicht einfach.
Ihr wisst, wie sehr wir gern alles auf uns selbst beziehen. "Dazu habe ich keine Lust!" "Das macht mir keinen Spaß!" "Und im übrigen: Was habe ich davon?" Wer so redet, ist mit Sicherheit nicht mit Jesus verwandt. Ü;brigens - so haben weder der hl. Franziskus, noch die hl. Elisabeth, noch die heilige Maria Postel geredet. Die haben nicht auf sich gestarrt, ihr eigenes Wohlbefinden, sondern auf das, was Gott von ihnen wollte. So sind sie heilig geworden. Und sie haben die Welt verändert!
Was ist Gottes Wille für dich und für mich? Das ist die entscheidende Frage, die sich jeder stellen sollte. Die Weltjugendtage in Köln sind eine Gelegenheit, neu nach dem eigentlichen Ziel meines Lebens Ausschau zu halten. Gott - was willst Du von mir?
Dazu braucht man Bereitschaft, im Gebet auf Gott zu hören. Jesus hat seine Jünger mehr geschätzt als seine Verwandten - eben, weil sie bereit waren, mit ihm zusammen den Menschen das Evangelium zu verkünden. Gott braucht heute junge Menschen, die anderen helfen, Gott, seine Schönheit, seine Liebe, sein wunderbares Leben zu entdecken. Vielleicht will Gott dich sogar zu einem solchen Beruf hinführen, in dem du das zum Hauptinhalt deines Lebens machen kannst: der Priesterberuf, der Beruf des Ordensmannes, der Ordensfrau.
Zur Familie Jesu gehören - das ist ein Lebensziel, für das es sich einzusetzen lohnt. Zu Jesus Christus gehören, mit ihm geistig verwandt zu sein, von den gleichen Idealen und Zielen wie er bewegt und begeistert! Dazu wollen wir uns gemeinsam auf den Weg nach Köln machen, so wie die drei Weisen aus dem Morgenland. Wir wollen Jesus begegnen, ihn tiefer kennen- und lieben lernen - und uns von ihm wieder senden lassen in unsere jeweilige Heimat.
Ihr kennt und singt sicher gern das muntere - international verbreitete Lied: "O when the saints go marching in....", das Lied von der Wiederkunft Christi, wenn er am Ende der Welt alle, die zu ihm gehören, seine "Verwandten" , in den himmlischen Festsaal einlädt. Dem Lied spürt man richtig die Freude an, die dann uns alle, die Familie Jesu erfüllen wird, eine Freude, die jetzt schon als Vorfreude uns ergreifen kann. Ja, dann - wenn du kommst, zusammen mit all deinen Heiligen, dem hl. Franziskus, der hl. Elisabeth, der hl. Maria Postel und den unzähligen Frauen und Männern, die zu deiner großen Familie zählen... dann "lass auch uns dabei sein!"
Let us be among them! Alleluja. Amen.
Heiligenstadt, 13. August 2005
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