"Wir brauchen Sie auch in Zukunft!"

Festvortrag von Ministerpräsident a.D. Prof. Dr. Bernhard Vogel zur Verabschiedung von Bischof Joachim Wanke





1. Verehrter,

lieber Bischof Wanke, Eminenzen, Exzellenzen, Frau Ministerpräsidentin, Frau

Landtagspräsidentin, Herr Oberbürgermeister, meine Damen und Herren!

2. Wir alle

haben uns heute Abend in Erfurt, in Thüringens guter Stube, dem "Kaisersaal" versammelt, weil wir

Bischof Dr. Joachim Wanke "Leb

wohl!" sagen wollen. Weil wir ihm wünschen, dass er, befreit von der

Last seines Amtes, bei sich bessernder Gesundheit noch viele Jahre unter

uns lebt, vor allem aber weil wir ihm danken wollen. 32 Jahre hat er sein

bischöfliches Amt in wechselvoller Großwetterlage vorbild­lich geführt. Er

ist für uns alle ein Vorbild an Glaubwür­digkeit und Pflichterfüllung. Er

hat Maßstäbe gesetzt. So unterschiedlich auch unser Zugang zu seinem Amt

als Bischof sein mag - darin stimmen wir wohl alle über­ein.

Für die Gläubigen der katholischen Kirche war

er Verkün­der der christlichen Heilsbotschaft, Priester im Gottesdienst, Hirte

in der Seelsorge.

32 Jahre lang haben die Thüringer Katholiken

in jeder heili­gen Messe ihres Bischofs Joachim gedacht. Für die Christen der

Kirchen der Reformation war er ein allzeit aufgeschlosse­ner Gesprächspartner,

vom Wunsch beseelt, der Ökumene zu dienen, erfüllt von der Sehnsucht, die Tren­nung

zu überwinden. Für die Mehrheit unserer Mitbür­ger war er ein glaubwürdiger

Zeitzeuge, der auch ihnen etwas zu sagen hatte. Auf dessen Wort man hörte, auch

wenn man seine Meinung nicht teilte, weil man wusste: hier spricht eine

vertrauenswürdige Persönlichkeit.

3. Das alles

wurde ihm an seiner Wiege nicht gesungen. Als er am 4. Mai 1941 in Breslau

geboren wurde und als Flücht­ling seine Kindheit und Jugend - ohne den

schon 1944 gestorbenen Vater - in Ilmenau verbrachte. Mit 25 Jah­ren -

1966 - wurde er im Erfurter Dom von Bischof Aufder­beck zum Priester

geweiht. Damals gab es noch Kapläne: Wanke wurde Kaplan in Dingelstädt und

anschlie­ßend Präfekt und Assistent am Priesterseminar hier in Erfurt. Aus

dem Lehrbeauftragten und promovierten Dozen­ten für Exegese des Neuen

Testamentes am Philoso­phisch-Theologischen Studium wurde am 1. August

1980 der ordentliche Professor für neutestamentliche Theologie, bevor ihn

Papst Johannes Paul II zwei Monate später zum Weihbischof und Bischof Koadjutor,

das heißt zum vorausbe­stimmten Nachfolger von Bischof Aufderbeck berief.

Für den kirchlichen Jurisdiktionsbezirk Erfurt-Meiningen, wie die auf dem

Territorium der DDR gelegenen Teile der Diözesen Fulda und Würzburg damals

hießen. Anstelle des schon schwer kranken Bischofs Aufderbeck hat ihn

Joachim Meisner - damals noch Bischof von Berlin - geweiht. Er war mit 39

Jahren der jüngste Bischof in der DDR.

Er war fast 10 Jahre Bischof in der DDR, war

Bischof wäh­rend und nach der friedlichen Revolution und in den über 20 Jahren

bis heute; sein bischöflicher Wahlspruch: "Vestigia

Christi sequi" - den Spuren Christi folgen - musste sich unter sehr

unterschiedlichen Bedingungen bewähren.

4. Zur

besonderen Bewährungsprobe wurde für ihn die Zeit von 1980 bis zum Fall

der Mauer 1989. Als Bischof im real existierenden Sozialismus in einem

Land, das systematisch einer atheistischen Indoktrination unterzogen wurde

und in dem Religion und kirchliche Lebenspraxis im öffentlichen Leben

nicht vorkamen, in dem religiöser Glaube als rückstän­dig, als Relikt der

Vergangenheit galt. Er prägte die katholische Kirche im Osten Deutschlands

wie kaum ein anderer "mit theologischem Sachverstand und pastoralem

Einfühlungsvermögen" (Deutsche Bischofskonferenz zum Abschied). Er stellte

die Distanz der katholischen Kirche zum sozialistischen Staat nicht in

Frage, aber er setzte neue Akzente und bewies Mut und Tapferkeit. Als

Brücken­bauer nicht nur zwischen den Konfessionen, sondern auch zwischen

Christen und Nichtchristen. Er appellierte an die Katholiken, im Land zu

bleiben und die DDR nicht zu verlas­sen und scheute den Vorwurf, dadurch

das System zu stabilisieren nicht. Und er bekannte sich deutlicher als

seine Vorgänger dazu, "seiner gesellschaftlichen Umwelt zuge­hörig und

verpflichtet" zu sein. "Dieses Land ist nicht mein Los, sondern meine

Heimat". Er ermutigte dazu, sich ein­zubringen für das Wohl der

Gesellschaft, denn es sei besser, "eine kleine Kerze anzuzünden als

dauernd über die Dunkelheit zu klagen".

5. Zu seiner

zweiten Bewährungsprobe wurde die Zeit der fried­lichen Revolution.

Mauerfall, deutsche Einheit und die wie­der gewonnene gesellschaftliche

und politische Freiheit empfand er als großes Geschenk. Aber er erkannte

sehr bald auch, dass eine neue Bewährungsphase zu bewältigen war. Er sah

die Aufgabe, mit der neu gewonnenen Freiheit zurechtzukommen und die

Verpflichtung, zur innerdeutschen Verständigung beizutragen. Die geistigen

Schäden, die das untergegangene System angerichtet hatte, hielt er für

schwerwiegender als die ökonomischen Probleme. Und er sagte voraus, dass

es noch ein sehr "lan­ger Weg sei, in der Breite der Bevölkerung eine

wachsende Akzeptanz für die parlamentarische Demokratie, für eine

Staatsform mit klarer Gewaltenteilung und mit ökonomi­scher

Leistungsvorstellung zu schaffen".

Tausende von Kilometern hat Bischof Wanke

zurückgelegt, um den westdeutschen die Befindlichkeit der ostdeutschen

Katholiken zu erklären. Gerade dadurch hat er entschei­dend dazu beigetragen,

dass wir mehr voneinander erfah­ren haben und uns besser kennenlernten, unsere

westdeutsche und ostdeutsche Biographie austauschten.

6. Und

schließlich die Bewährungsprobe der letzten 20 Jahre. Die Bewährung auf

dem langen Weg durch die mitunter dürre, trockene Ebene.

In diesen Jahren sind wir uns - er als

Repräsentant der Kirche, ich als Repräsentant des wieder erstandenen Frei­staats

- unzählige Male begegnet; bei freudigen, aber auch bei bedrückenden, traurigen

Anlässen. Auf dem Domplatz zum Beispiel, bei der Gedenkfeier für die Opfer des

Guten­berg-Gymnasiums.

Zwischen Kirche und Staat kam es zu einer

völligen Neuord­nung der Beziehungen. Schon im April 1992, also zwei Jahre

bevor es eine Landesverfassung gab, beschloss das Landeskabinett den

Religionsgemeinschaften den Abschluss von Staats-Kirchen-Verträgen anzubieten.

Im November 1993 wurde ein Vertrag mit der jüdischen Landesgemeinde Thüringen

abgeschlossen. Die anderen jun­gen Länder sind später unserem Beispiel gefolgt.

Mit der evangelischen Kirche wurde der Staatsvertrag im März 1994 abgeschlossen.

Die Verhandlungen mit der katholi­schen Kirche dagegen zogen sich fast bis zum

Ende meiner Amtszeit - bis Ende 2002 - hin und führten schließlich in drei

Stufen zum Erfolg. Dass sie tatsächlich zustande kamen, ist im hohen Maße das

Verdienst von Bischof Wanke - und was den Vertrag über die Ü;bernahme der

kirchli­chen Hochschule als theologische Fakultät in der wieder begründeten

Universität Erfurt betrifft, der tatkräftigen Unter­stützung von Kardinal

Lehmann als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. 

Bereits im Schuljahr 1991/92 war der

Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach eingeführt worden. Das traf

sowohl in der evangelischen wie in der katholischen Kirche zunächst auf

Vorbehalte. Auf evangelischer Seite fürchtete man eine Gefährdung der

Christenlehre, auf katholischer Seite war man besorgt, der regelmäßige Kontakt

zur Jugend könne verlorengehen, wenn sie nicht mehr- wie gewohnt - wöchentlich

zum Religionsunterricht in der Pfarrge­meinde käme. Außerdem fehlte es zunächst

natür­lich an Religionslehrern. Mit der Wiedervereinigung wurde sehr bald auch

die Frage einer Neugliederung der Diözesen auf dem Territorium der ehemaligen

DDR akut. Nachdem die katholische Kirche bis zum Fall der Mauer keine Verände­rung

vornehmen wollte, um die Einheit der Kirche in Deutschland nicht in Frage zu

stellen, kämpf­ten wir nun gemeinsam um die Errichtung eines eigen­ständigen

Bistums Erfurt. Schließlich konnte im Juni 1994 der Errichtungsvertrag des

Vatikans mit dem Frei­staat Thüringen unterzeichnet werden. Fast vollständig

decken sich heute die Bistumsgrenzen mit unseren Landes­grenzen (Ausnahme: das

Dekanat Geisa, Gera und Alten­burg). 

Der 17. September 1994 dürfte zu den für

Bischof Wanke besonders erfreulichen Tagen seiner langen Amtszeit zäh­len. Das

742 von Bonifatius gegründete, bald darauf aller­dings für mehr als ein

Jahrtausend dem Erzbistum Mainz unterstellte Bistum war wieder erstanden. 

Noch langwieriger erwies sich der Kampf um

den Fortbe­stand des Philosophisch-Theologischen Studiums, das seit 1952 unter

großen Opfern Hervorragendes geleistet und sich große Verdienste erworben hatte,

und seine Ü;bernahme als Fakultät der wieder gegründeten Universität Erfurt. In

West­deutschland fürchtete man die zusätzliche Konkurrenz. In Berlin hoffte

man, den seit der Weimarer Republik beste­henden Wunsch nach einer

katholisch-theologischen Fakultät an einer der jetzt drei Universitäten

verwirklichen zu können. Im ersten Fall half uns erneut Kardinal Leh­mann, im

zweiten der Berliner Senat, der dafür kein Geld zur Verfügung stellen wollte.

Aber auch Rom konnte nur müh­sam überzeugt werden. Johannes Paul II. war kein

beson­derer Freund staatlicher Fakultäten. 

In diesen Tagen wurde erfreulicherweise 60

Jahre katholi­sche Theologie in Erfurt und 10 Jahre Zugehörigkeit zur Uni­versität

Erfurt gefeiert. Die Reform-Universität hat allen Grund dazu, auf diese

Fakultät stolz zu sein. 

Zu den besonderen Verdiensten Bischof Wankes

gehört darüber hinaus der geglückte Neubau des katholischen Kran­kenhauses. 

Ein absoluter Höhepunkt seiner Amtszeit war

aber ohne Frage der Besuch des Heiligen Vaters in Thüringen und damit bei den

ostdeutschen Katholiken im vergangenen Herbst. Das konnte Joachim Wanke vor 38

Jahren nicht voraussehen als er 1974 am Steuer eines Trabanten Profes­sor

Ratzinger über die Thüringer Straßen fuhr. 

Zu den Mühen der Ebene, die Bischof Wanke zu

durchwan­dern hatte, gehörte die bittere Erfahrung, dass auch in sei­ner

Diözese Missbrauchsfälle vorgekommen sind. Er leidet dar­unter, dass sich

Schuld in den Reihen des Klerus und dar­über hinaus gezeigt hat. Auch wenn es

im Bistum Erfurt nur wenige Einzelfälle waren. Vertrauen ist verloren gegan­gen

und muss zurück gewonnen werden. Der regelmäßige Kir­chenbesuch lässt nach, die

Austrittswelle ist deutschlandweit noch nicht zum Stillstand gekommen, der

Priesternachwuchs geht zurück. Auch er stellt sich die Frage, wie es mit der

katholi­schen Kirche in Deutschland weiter geht, aber er wäre nicht Bischof

Wanke, wüsste er keine Antwort: "Heute braucht die Kirche eine Hebung des

geistigen Grundwasser­spiegels im Gottesvolk und es sind kluge Reform­schritte

notwendig". "Der Wandel ist eine geistliche Herausforderung. Er verweist auf

das II. Vatikanische Kon­zil und die Synode. Beide dürften nicht "zurückgeschraubt" werden. Sie sind für ihn ein Aufbruch zu neuen Ufern - und

er zitiert die programmatischen Anfangssätze der Pastoralkon­stitution "gaudium et spes" des Konzils: dass der

Kirche die Freude und Hoffnung, die Trauer und Angst der Menschen von heute

nicht fremd bleiben darf".

7. Mit seinem

Abschied vom Erfurter Bischofsstuhl verlässt Bischof Wanke auch die

deutsche Bischofskonferenz. Seine Persönlichkeit und sein Wort hatten auch

dort großes Gewicht. In ihr hat er über Jahrzehnte der Pastoralkommis­sion

angehört und sie von 1998 bis 2010 selbst geleitet. Seit 2008 leitet er

dort ein Gremium, das im Auftrag der deutschsprachigen Bischöfe eine

Revision der "Einheitsüberset­zung" des Neuen Testamentes vorbereitet. Und

schließlich war er von 1995 bis 2010 Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft

christliche Kirchen in Deutschland.

8.Wenn wir

uns heute von ihm verabschieden, verbinden wir das mit guten Wünschen für

den Diözesanadministrator, Weih­bischof Hauke und der Hoffnung, dass die Sedisvakanz

nicht zu lange dauern möge. Dass die zu erwar­tende römische Dreierliste

bald eintrifft und daraus das Erfurter Domkapitel eine gute Wahl treffen

kann.

"Den Himmel über Thüringen offenhalten und

sich um die Men­schen in Not kümmern, ihnen zuzuhören, mit ihnen ein Stück

ihres Weges zu gehen" - so hat Bischof Wanke es gehalten. So wünschen wir es

auch von seinem Nachfolger. 

Bischof Wanke - und das ist wichtig - bleibt

mitten unter uns. Außer Dienst, aber nicht im Ruhestand. Wir brauchen Sie auch

in Zukunft. In unübersichtlichen Zeiten braucht es des Ratgebers und des

Wegweisers. 

Ich erlaube mir mit dem Satz zu schließen:

Bischof Wanke hat sich nicht nur um seine Kirche, Bischof Wanke hat sich um

Thüringen verdient gemacht.

20.11.2012