(BiP). Im Folgenden dokumentieren wir ein Interwiev der Tageszeitung "Freies Wort", Suhl, mit Bischof Joachim Wanke, das am 8. April 2005 erschienen ist. Das Interview führte Katharina Schuler.
Heute wird in Rom Papst Johannes Paul II. beigesetzt. Freies Wort sprach mit dem Erfurter Bischof Joachim Wanke über die Rolle des verstorbenen Papstes für die Kirche und darüber, wie es nach ihm weitergehen könnte und sollte.
Herr Bischof, Thüringen ist ja traditionell eine sehr protestantische Gegend, hat es trotzdem auch hier eine besondere Betroffenheit über den Tod des Papstes gegeben?
Wanke: Doch, das kann ich sagen, es gibt allenthalben eine große Anteilnahme, über die ich mich sehr freue, auch von nichtkatholischen Menschen. Ich habe am Montagabend gestaunt, wie viele Menschen im Dom waren, von denen sicher einer ganze Reihe nicht unserer Kirche angehören. Bis Mittwoch haben sich "500 Menschen in unser Kondolenzbuch im Dom eingetragen.
Haben Sie die Hoffnung, dass sich von diesem neuen Interesse an der Kirche langfristig etwas retten lässt?
Wanke: Ganz nüchtern muss man damit rechnen, dass das Interesse am Papst wieder abklingen wird. Jetzt interessiert die Menschen zunächst einmal das, was in Rom geschieht, auch hat man Interesse an dem fremden und unbekannten Modus, wie ein Papst gewählt wird. Doch wird man auch in Zukunnft sehr aufmerksam wahrnehmen, welche Akzente ein neuer Papst setzen wird. Die katholische Kirche muss sich jetzt viel stärker auf die Globalisierung einlassen, das steht außer Frage. Wir haben bisher eine europäische Kirche mit weltweiter Ausbreitung gehabt, aber die katholische Kirche wird mehr und mehr eine Kirche, die wirklich auch in den verschiedenen Erdteilen mit ihren Kulturen heimisch ist. Da stehen große Herausforderungen bevor.
Sind Sie dem Papst auch persönlich begegnet?
Wanke: Ja, mehrfach, sowohl in Rom als auch in Deutschland. Dabei ist mir immer aufgefallen, dass er sehr gut informiert war über die Situation in der DDR. Er hat ja 1978 die Ostpolitik von Paul VI. abgebrochen und aus seinem Wissen über die Situation von Kirche in solchen Systemen eine andere Linie gefahren. Eine kirchenpolitische Anerkennung der DDR wollte er verhindern. Ich habe den Papst als herzlichen Mann kennen gelernt. Er sprach übrigens sehr gut deutsch. 1975 war er ja auch schon mal als Kardinal in Erfurt, daran erinnerte er sich immer, wenn er mich traf. Er nannte dann spontan den Namen meines Vorgängers, Bischof Hugo Aufderbeck, den er gut im Gedächtnis hatte. Dieses Gefühl: Da ist einer, der unsere Situation kennt, tat sehr gut.
Nach der ersten Betroffenheit sind ja jetzt auch zunehmend kritische Stimmen laut geworden. Die einen würdigen den Papst als charismatische Persönlichkeit und Kämpfer für Frieden und Freiheit, die anderen sehen in ihm einen Blockierer und Reformverhinderer.
Wanke: Man kann den Papst schwer einordnen in die Kategorien liberal oder konservativ. Er war in Glaubensdingen ein Bewahrer der Tradition, das muss man ganz klar sagen. Und es ist ja die Frage, ob die Abschaffung alter Dinge in jedem Fall eine Reform ist oder einfach eine Verschleuderung von wichtigen Werten. Das wollte dieser Papst auf keinen Fall. Auf der anderen Seite hat er viele Tabus gebrochen. Er hat ein öffentliches Schuldbekenntnis für Sünden von Christen in der Vergangenheit gesprochen, er hat als erster Papst eine Synagoge, auch eineMoschee besucht, er war der erste Papst, der in einem evangelischen Gotteshaus war. Er hat diplomatische Beziehungen mit Israel aufgenommen. Er hat sich mit den Religionsführern der Welt in Assisi getroffen und für Verständigung und Frieden geworben. Das sind Dinge, wo er ganz unkonventionell gehandelt hat.
Dennoch hat der Papst etwa in der Frage des Frauenpriestertums oder auch des Zölibates trotz des großen Priestermangels jede Diskussion abgelehnt. Besteht hier nicht Nachholbedarf?
Wanke: Erstmal möchte ich unsere deutsche Perspektive relativieren. Priestermangel ist vor allem ein Problem in Wetseuropa und Nordamerika, weltweit sieht das zum Teil anders aus. Diskutieren über die Frage kann man immer. Der Zölibat ist keine dogmatische Entscheidung, also in dem Sinne, dass er wesensmäßig zur Kirche gehört. Wir haben z.B. auch verheiratete Diakone. Den Zölibat für Priester gibt es etwa seit rund 1000 Jahren. Es gibt gute geistliche Erfahrungen mit dieser Lebensform. Daran wird sich wohl auch ein künftiger Papst halten.
Und Frauen endlich zum Priesteramt zulassen?
Wanke: Auch da wird sich meines Erachtens nichts ändern. Hier hat der verstorbene Papst sicherlich ein sehr starkes Votum für die Tradition gegeben, auch im Wissen darum, dass eine Änderung sehr starke innerkirchliche Spannungen hervorrufen würde. In allen anderen kirchlichen Bereichen können und sollen Frauen zunehmend leitende Funktionen übernehmen. Hier ist sicher noch vieles möglich.
Wo sehen Sie Reformbedarf in der Kirche?
Wanke: In Zukunft muss das Verhältnis zwischen weltkirchlicher Leitung und der Eigenverantwortung der Ortskirchen noch deutlicher ausbalanciert werden. Die internationalen Bischofssynoden müssten noch stärker ein Ort des echten Dialoges werden. Da hat es sicherlich unter dem letzten Pontifikat sehr stark zentralistische Tendenzen gegeben. Es braucht in den verschiedenen Kulturen Spielräume der Freiheit für die dort wirkenden Ortskirchen. Was nicht unbedingt gemeinsam gelöst werden muss, sollte regional geklärt werden.
In den letzten Tagen sind ja sehr viele Menschen nach Rom gepilgert, um einen letzten Blick auf den toten Papst zu erhaschen. Andere empfanden die Zurschaustellung des Leichnams eher als makaber. Wie sehen Sie das?
Wanke: Wir Menschen nördlich der Alpen sollten zurückhaltend über das Empfinden der Südländer urteilen. Ein Norweger ist anders katholisch als ein Sizilianer. Ich selbst werde nicht in Rom beim Begräbnis dabei sein, aber dennoch hier zusammen mit vielen Gläubigen in unseren Gemeinden für den verstorbenen Papst beten.
Was wünschen Sie sich von dem neuen Papst?
Wanke: Ich wünsche mir einen Seelsorger, der ein Herz hat für die Kleinen und die Schwachen. Er sollte eine pastorale Einstellung haben, mitfühlen können und nicht nur ein technokratischer Verwalter sein. Dann wünsche ich mir natürlich auch einen guten Theologen, dialogbereit und weltoffen. Ob das nun ein Nichteuropäer ist oder nicht, ist dann letztlich nicht so von Belang.
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