Wespen im Kampf gegen den Holzwurm erfolgreich

Experiment im Erfurter Dom führt zu neuen Methoden in der Schädlingsbekämpfung am Kunstgut

Erfurt (BiP). Die Wespen-Aktion im Erfurter Dom ist gelungen. Der Praxisversuch zur Bekämpfung des Gemeinen Nagekäfers im Cranach-Altar konnte mit Hilfe von 3.000 Lagererzwespen erfolgreich durchgeführt werden.


Das weltweit erstmalig durchgeführte Verfahren hatte internationales Aufsehen erregt, weil man Holzwürmer, wie die Larven des Gemeinen Nagekäfers im Volksmund heißen, bis dahin nur durch Begasung oder Hitze vernichten konnte. Durch das Erfurter Experiment deutet sich dazu eine Alternative an, die Umwelt wie Kunstwerk gleichermaßen schont und obendrein weniger Geld kostet.


Die Lagererzwespe, wissenschaftlich Lariophagus distinguendus, kam bisher vor allem in der Vernichtung von Getreideschädlingen zum Einsatz. Es war Erhard Heinemanns Idee, die Wespe im Kunstgutbereich einzusetzen. Das Bischöfliche Bauamt, das zum Jahresende 2004 über die Bekämpfung von eben erst entdeckten Holzwürmern im Cranach-Altar nachdachte, gab seine Einwilligung, die neue Methode im Erfurter Dom auszuprobieren. "Wir hatten nichts zu verlieren, aber die Kunstwelt viel zu gewinnen", erläutert Bauamtsleiter Andreas Gold seinen Entschluss. Im Falle des Misslingens hätte man den Altar immer noch begasen können. Heinemann konnte zudem schon auf erste Erfahrungen hinweisen: In der Kulissenbibliothek der Franckschen Stiftungen in Halle hatte er zuvor Brotkäfer in den historischen Buchbeständen auf ähnliche Weise erfolgreich bekämpft.


Die nur zwei Millimeter großen Weibchen der Lagererzwespe spüren mittels Geruchssinn Käferlarven auf, etwa aus den Familien der Rüssel-, Nage- oder Diebkäfer. Ein Stich lähmt die Larve und beendet deren Existenz als Schädling. Biologisch dient der Vorgang, die eigene Art zu vermehren. Die Wespe legt neben der gelähmten Larve ein Ei ab, um ihrer eigenen Brut die Nahrungsgrundlage zu sichern.


Freilich konnte zu Beginn des Wespen-Experimentes niemand wissen, ob sich dieser natürliche Ablauf auch in den Bohrgängen der Käferlarven im Cranach-Altar ergeben würde. Dort deuteten in der Einfassung des wertvollen Tafelbildes "Die mystische Verlobung der heiligen Katharina" von Lucas Cranach dem Älteren zahlreiche Spuren auf den Appetit der Holzwürmer hin. "Darüber, ob die Larve des Gemeinen Nagekäfers der Art Anobium punctatum als Wirtstier für den Nachwuchs der Lagererzwespe geeignet ist, lagen bis zum Experiment in Erfurt keine Informationen vor", beschreiben Dr. Matthias Schöller und Sabine Prozell von der Biologischen Beratung in Berlin das Ausgangsproblem.


Die Biologische Beratung, eine Firma, die in der biologischen Schädlingsbekämpfung arbeitet und von Heinemann um wissenschaftliche Begleitung gebeten worden war, startete einen Laborversuch. In Erfurt begann man derweil, den Cranach-Altar in ein Folienzelt einzuhausen, dessen Inneres aufgeheizt und mit der nötigen Luftfeuchtigkeit versehen wurde. "Lagererzwespen stammen aus dem Mittelmeerraum und benötigen entsprechende klimatische Verhältnisse, die der winterkalte Dom nicht bieten konnte", sagt Prozell.


Am 27. Januar stimmten die Bedingungen, und der Holzsachverständige Heinemann setzte 2000 von der Biologischen Beratung gezüchtete Wespen aus. Vierzehn Tage später kamen weitere Tausend hinzu. "Der erste Eindruck schien günstig. Die Wespen waren binnen weniger Minuten verschwunden", berichtet Heinemann. Das hätte vermuten lassen, dass die Insekten die Witterung der Käferlarven aufgenommen hatten und in den Bohrlöchern verschwunden waren. "Ein gutes Zeichen", meldete Heinemann an das Bischöfliche Bauamt und nach Berlin. Allerdings durfte man sich auf solchen Augenschein allein nicht verlassen.


Im Zelt waren darum so genannte Prüfkörper ausgelegt, 13 Holzstücke, die mit insgesamt 49 Käferlarven infiziert waren. Nach vier Wochen unter ständiger Temperatur- und Feuchtigkeitskontrolle kamen die Prüfkörper nach Berlin ins Labor der Biologischen Beratung. Die Ergebnisse der eingehenden Untersuchung stellten Heinemann, Prozell und Schöller auf einer Pressekonferenz des Bistums Erfurt am 16. März in Erfurt vor.


Nur eine der 49 Larven in den Prüfkörpern hatte den Angriff der Lagererzwespen überstanden. Das sei eine Erfolgsquote von 98 Prozent, führte Schöller vor den Journalisten aus. Alle anderen Larven seien im Puppen- oder Larvenstadium abgestorben. Die Ergebnisse des Laborversuches wiesen in die gleiche Richtung. "Damit ist bewiesen", so Prozell, "dass der Gemeine Nagekäfer als Wirt für die Lagererzwespe geeignet ist." Der Praxisversuch habe zudem ergeben, dass Temperatur und Luftfeuchte eine besondere Rolle spielten. "Die Parasitierung erfolgt vollständig, wenn die Temperatur über 19? Celsius bei einer Luftfeuchtigkeit von 55 bis 65 Prozent liegt". In diesem Fall entwickelt sich die Lagererzwespe vom Ei bis zur völlig ausgebildeten Wespe.


Als Holzsachverständiger zog Erhard Heinemann die Konsequenzen aus den Untersuchungsergebnissen. "Neben Gift, Gas und der Vernichtung durch Hitze bieten sich uns völlig neue Methoden der Schädlingsbekämpfung im Kunstgutbereich: Der Mensch kann unter Ausnutzung natürlicher Mechanismen des biologischen Gleichgewichts den lachenden Dritten spielen und, der Lehre der Schöpfung folgend, ein Rendezvous biologischer Schädlingsfeinde im Holz arrangieren. Und genau das haben wir am Cranach-Altar erfolgreich praktiziert", unterstrich Heinemann. Auf chemische Bekämpfungsmaßnahmen könne man sicherlich nicht generell verzichten, aber die biologische Schädlingsbekämpfung werde im Holzschutzbereich sicherlich einen sehr hohen Stellenwert bekommen, zeigte sich Heinemann überzeugt.


Die Experten deuteten noch andere Möglichkeiten an, die sich durch das Erfurter Experiment geradezu aufdrängen würden. "Wir denken über die Möglichkeit nach, Lagererzwespen in holzwurmverseuchten Gebäuden auszusetzen, in denen nicht mit Gas oder Stickstoff gearbeitet werden darf", führte Heinemann aus. "Und da Lagererzwespen für den Menschen völlig ungefährlich sind, ist es ebenfalls denkbar, die Insekten in Gebäuden wie Kirchen gewissermaßen zu beheimaten - sozusagen als ständige Holzwurmprophylaxe", meinte Schöller. Freilich müssten dann die klimatischen Verhältnisse dauerhaft optimal sein. Gedankenspiele, die vielleicht einmal Wirklichkeit werden, stimmten Heinemann, Prozell und Schöller überein.


Andreas Gold, der Leiter des Bischöflichen Bauamtes, kann sich für solche Spekulationen begeistern. Im Moment aber interessiert ihn vor allem eines: Die Rettung des Cranach-Altars. "Aufgrund der vorliegenden Ergebnisse gehe ich davon aus, dass die Holzwurmpopulation im Cranach-Altar wesentlich reduziert ist", sagt Gold, alle Risiken abschätzend. Der Altar werde in den nächsten Wochen daraufhin intensiv beobachtet, denn bei keiner Methode der Schädlingsbekämpfung könne mit letzter Sicherheit gesagt werden, ob alle Schädlinge beseitigt sind. "Dazu müsste man das Kunstwerk zersägen, und wer will das schon, besonders beim Cranach-Altar", unterstreicht Gold. Er geht auf Nummer sicher: "Wir setzen die Lagererzwespen in jedem Fall ein zweites Mal ein, voraussichtlich im Sommer, wenn das Raumklima im Dom besser ist." Jetzt aber sei die Stunde der Restauratoren: "Die müssen schauen, was ansonsten noch für den Cranach-Altar zu tun ist", so Gold.


Weiterführende Informationen:

www.biologische-beratung.de/Neues.html

www.heinpa.de (Link: Biologische Schädlingsbekämpfung I-IV)


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