"Was geht?!"

Predigt von Bischof Joachim Wanke bei der Jugendwallfahrt zum Erfurter Domberg am 11. Mai 2003

Als ich das Motto des heutigen Wallfahrtstages zum ersten Mal hörte, dachte ich sofort an diese Möglichkeit. Wenn dich einer mal grüßen sollte mit den Worten: "Was geht?" - dann bekommt er von mir diese Antwort: "Mehr als du denkst!" Ich vermute: Das verhilft zu einem segensreichen Stutzen. Das ist ja meist so locker dahingesagt: "Was geht?" Große Antwort erwartet man darauf nicht. "Geht überhaupt was?" Vermutlich nicht. Also: Wie immer - nix los!


Mein Vorschlag also: Antwortet einfach auf "Was geht?" - mit: "Mehr als du denkst!" Ich wette - zumindest eine Nachfrage wird dabei herauskommen. "Es geht mehr, als du denkst, als du dir vorstellen kannst, als scheinbar drin ist ...!"


So verstehe ich auch Jesus, wenn er uns das Gleichnis von den anvertrauten Talenten erzählt. Er will offensichtlich provozieren. Zum einen mit dem Hinweis auf die Tatsache, dass es Unterschiede zwischen den Menschen gibt. Der eine hat mehr, der andere weniger.


Die eigentliche Provokation ist aber das Ende der Geschichte. Es kommt gar nicht darauf an, wieviel einer hat, sondern, was er aus dem, was er hat, macht! Ob fünf oder zwei oder nur ein Talent - auf die Anzahl kommt es offensichtlich nicht an. Auch der mit dem einen Talent hat seine Chance - aber er hat sie nicht genutzt. "Sein Talent vergraben" - diese Redeweise ist sprichwörtlich geworden. Das war offensichtlich einer, der auch so auf den Gruß "Was geht!" reagierte: "Nichts geht - mir fällt zumindest nichts ein - und außerdem hab ich ohnehin "keinen Bock" auf irgendetwas!"


Schade: Er hätte einen gebraucht, der so pfiffig war wie der erste oder der zweite im Gleichnis, der ihm geantwortet hätte: "Es geht mehr als du denkst!"



Das ist das Erste, was ich gern aufspießen möchte: diese Mentalität, diese Haltung, auf andere Leute zu warten, die was "los"machen. Das wäre eigentlich für katholische Jugend ein schlechtes Markenzeichen: Hände in den Hosentaschen, abwarten - und denken: Den anderen soll etwas einfallen. Oder nur herummeckern: "Hier ist nix los. Kein Kaplan! Keine Gemeindereferentin - noch nicht mal ein Jugendförderplan von der Kommune - also: Ich hab ein Recht darauf, richtig sauer zu sein!"


Liebe Jugend! Wer so an eine Sache herangeht, der hat im Ansatz schon verloren. Natürlich ist gut, wenn ein paar Leute die Initiative ergreifen - aber könntest du nicht dazugehören? Warum musst du, müsst ihr immer auf andere warten? Es ist langweilig, sich alles vormachen zu lassen. Selber machen ist die halbe Miete. Und macht zudem mehr Spaß.



Das ist das zweite, was das Gleichnis uns sagen will: Entdecke deine Talente! Der eine malt ganz leidlich, der andere ist auf der Gitarre fit. Der eine macht im Sport eine gute Figur, die andere versteht etwas von Kleidern und Blumen, weil sie einfach einen guten Geschmack hat.


Nein - es gibt viele Talente unter euch. Das erlebe ich selbst, wenn ich euch in den Gemeinden und im Jugendhaus begegne. Ich denke etwa an die jungen Leute, die jetzt das Video für den Pastoralkongress im Oktober gemacht haben - oder die seinerzeit in der Schönstatt-Jugend das Musical "Widerstand und Liebe" aufgeführt hatten ... oder die heute diese Wallfahrt mitgestalten. Ich denke an die vielen Initiativen in unserer Verbandsjugend - bei den Pfadfindern, Maltesern, der Kolpingjugend und anderen Gruppen.


Entdecke deine Begabung - und bringe dich damit ein! Das ist in unsere Hand gegeben. Es muss ja nicht jeder gleich bei Dieter Bohlen ein Superstar werden. Aber ich freue mich stets, wenn ich junge Leute erlebe, die anderen zur Freude etwas losmachen - ob Musik, Theater, eine Fahrt organisieren - oder einfach mithelfen, dass ein Fest gelingt, eine RKW stattfinden kann, ein Gottesdienst schöner wird, ein Jugendabend Spaß macht.


Uns Älteren fällt manchmal nichts mehr ein. Es ist euer Vorrecht, mit Phantasie und Einfallsreichtum das Leben reich zu machen - euer Leben und unser aller Leben! Ich rechne mit euch!



Und noch eine dritte Bitte habe ich: Zeigt eure Talente und die, die ihr hinzugewonnen habt, immer wieder dem Herrn! Das ist ja das Schöne an dem Gleichnis: Der Herr freut sich über die beiden ersten Diener, die aus ihren Talenten etwas machen und er belohnt sie überreich.


Mir geht es oft so: Wenn ich weiß, ein anderer freut sich mit, dann geht es leichter, mich einzubringen, mir was einfallen zu lassen, mich zu etwas aufzuraffen. Habt ihr mal Kinder erlebt, die aufgeregt und mit roten Backen Vater oder Mutter ein selbstfabriziertes Bild vorzeigen? Die Freude quillt ihnen gleichsam aus dem Herzen - weil sie spüren: Da freuen sich die Eltern mit - und wenn die Zeichnung noch so windschief ist. Wirkliche Freude gib es - merkwürdigerweise - nur als gemeinsame Freude.


Ich denke: So geht auch christliches Leben. Gott vorzeigen, was wir aus den Talenten machen, die er uns geschenkt hat! Er, der Herr will sich mitfreuen. Ich lasse keinen Tag zu Ende gehen, ohne im Abendgebet meinem Herrn den vergangenen Tag zu zeigen. "Herr, sieh alles an, was gelungen ist, was mir Freude bereitet hat ... aber auch was schief und krumm war." Das vertraute Gespäch mit dem, der uns liebt - das ist der schönste Lohn für einen gelungenen Einsatz. Von dorther empfange ich auch immer wieder die Kraft, jeden Morgen neu zu beginnen. Heute, bei dieser Hl. Messe am Wallfahrtstag ist zu diesem Gespräch mit IHM, unserem Herrn Gelegenheit. Verpasst es nicht - und sucht diese Zwiesprache mit Christus, etwa nach der Hl. Kommunion.




Also:

1. nicht auf andere warten, selbst die Initiative ergreifen

2. die eigenen Talente entdecken, sie nicht vergraben, sondern entfalten

3. und sie "zeigen", "vorzeigen", den anderen und unserem Herrn.



Das sind Markenzeichen katholischer Jugend. Aus solchem Holz sind junge Leute geschnitzt, mit denen ich als Bischof in unserem Bistum rechnen möchte. Also: "Was geht?!" -"Mehr als du denkst!"



link