Was dem Bischof leid tut

Predigt von Bischof Ulrich Neymeyr bei der Bistumswallfahrt am 20. September 2020, der auch Weltkindertag ist

Bild: Rudi Berzl; In: Pfarrbriefservice.de

(Die Predigt lag vor dem Gottesdienst vor. Es gilt das gesprochene Wort!)

 

Meine lieben Schwestern und Brüder im Herrn,
die Entscheidung, die Domwallfahrt in diesem Jahr in den Dom zu verlegen, ist uns sehr schwer gefallen. Immer wieder müssen die Verantwortlichen in der Corona-Krise abwägen zwischen Vorsicht und Vertrauen. Vorsicht ohne Vertrauen ist Angst und Vertrauen ohne Vorsicht ist Leichtsinn. Es fällt schwer, abzuwägen und Entscheidungen zu fällen.

Allerdings müssen wir auch in unserem Alltag ständig zwischen Vertrauen und Vorsicht abwägen: Nehme ich einen Regenschirm mit? Trage ich beim Fahrradfahren einen Helm? Unterziehe ich mich einer Vorsorgeuntersuchung?  Auch in der Beziehung zu unseren Mitmenschen fragen wir uns immer wieder: Können wir ihm vertrauen oder sind wir besser vorsichtig?

Wozu rät die Bibel? Die Antwort fällt eindeutig aus: Die Waage neigt sich zugunsten des Vertrauens. Die Bibel lädt zum Vertrauen auf Gott ein. Das haben wir besonders schön im Psalm 91 gehört, der uns in der Lesung ganz vorgetragen worden ist: Da wird auch das Vertrauen ausgedrückt, dass Gott uns beschützt „vor der Pest, die im Finstern schleicht, vor der Seuche, die wütet am Mittag“. In der Bergpredigt mahnt Jesus eindrücklich zum Gottvertrauen: „Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, dass ihr etwas zu essen habt.“ (Mt 6,25) „Wer von euch kann mit all seiner Sorge sein Leben auch nur um eine kleine Zeitspanne verlängern?“ (Mt 6,27)

Aber es gibt in den Evangelien aus dem Munde Jesu auch immer wieder Aufforderung zur Vorsicht. Er sagt nicht „Seid vorsichtig!“, sondern „Seid wachsam!“ Allerdings gelten diese Mahnungen Jesu nicht der Wachsamkeit gegenüber einer Infektion oder einem Unfall, sondern Jesus fordert auf, wachsam zu sein für die Wirklichkeit und Wiederkehr Gottes: „Seid wachsam! Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt.“ (Mt 24,42) Es ist natürlich verwegen, die Wachsamkeit gegenüber Gott mit der Wachsamkeit gegenüber einem Virus zu vergleichen, aber Jesus vergleicht die dauernde Wachsamkeit gegenüber Gott mit der ständigen Vorsicht vor einem nächtlichen Einbrecher: „Wenn der Herr des Hauses wüsste, zu welcher Stunde in der Nacht der Dieb kommt, würde er wach bleiben und nicht zulassen, dass man in sein Haus einbricht.“ (Mt 24,43)
Also können wir vorsichtig sein und uns und andere vor dem Virus schützen, aber wir dürfen nicht der Angst erliegen: Gottvertrauen besiegt die Angst!

Liebe Kinder, jetzt möchte ich aber besonders zu Euch sprechen. Ich freue mich über die Kinder, die kommen konnten und grüße alle, die über Medien bei uns im Dom sind. Für Euch war es besonders schlimm, als ab dem 17. März die Schulen geschlossen wurden und auch alles andere, das Ihr sonst gerne miteinander macht, nicht mehr möglich war.

Es tut mir wirklich sehr leid, dass Ihr in dieser Zeit übersehen worden seid. Die Großen haben gefragt: Wie geht es jetzt weiter mit unseren Betrieben? Wie geht es weiter in den Einrichtungen, besonders den Krankenhäusern und Altenheimen? Wie funktionieren die Verwaltung und die öffentliche Versorgung? Was macht die Lufthansa? Wie geht es weiter mit der Bundesliga?

Es dauerte bis nach den Osterferien – geschlagene sechs Wochen –, bis die Bildungspolitiker und die Bildungsjournalisten endlich gehört wurden mit ihrem Ruf: Kindergärten und Schulen sind nicht nur Orte der Betreuung, sondern vor allem Orte der Bildung und der Erziehung, auf die die Kinder ein Recht haben. Ihr habt ein Recht darauf, dass die Gesellschaft Eure Eltern bei Eurer Bildung und Erziehung unterstützen. Dafür gibt es ausgebildete Fachleute in Kindergärten und Schulen. Das muss sich die Gesellschaft etwas kosten lassen. Es kann und darf nicht sein, dass in Sonntagsreden von Bildung und Erziehung gesprochen wird, und werktags der Rotstift angesetzt wird, weil es ja nur um Betreuung geht.

Ich danke von Herzen allen, die das so sehen und sich dafür einsetzen. Ich danke allen Erzieherinnen und Erziehern, die in Kontakt mit Euch geblieben sind und Euren Eltern Tipps gegeben haben, was sie Sinnvolles mit Euch machen können. Ich danke den Lehrerinnen und Lehrern, die Euch mit viel Engagement und tollen Ideen auch zu Hause Bildung ermöglicht haben.

Auch in der Kirche haben wir zu wenig an Euch gedacht. Für uns stand im Vordergrund, wie wir Gottesdienst feiern können, wie wir die kranken und alten Menschen begleiten können und was aus den Erstkommunionfeiern und Firmungen wird. An Euch Kinder hat keiner so recht gedacht. Das tut mir leid.

Ich danke allen, die in Kontakt mit Euch geblieben sind und Euch gezeigt haben, dass die Kirche auch in Corona-Zeiten für Euch da ist. Vor allem aber danke ich Euren Eltern und Erziehungsberechtigten, die neben ihrem Beruf für Euch da waren und sind.
Lasst Euch keine Angst einjagen! Seid nicht leichtsinnig, sondern vorsichtig! Und vertraut auf Gott, bei dem Ihr immer gut aufgehoben seid!

Ich freue mich, dass Ihr heute am Tag des Kindes die Fürbitten formuliert habt und wir alle in Euren Anliegen mitbeten.