Was Corona sichtbar macht(e)

Predigt von Bischof Ulrich Neymeyr zur Frauenwallfahrt am 24. Mai 2020 - auch als Podcast

Bild: Peter Weidemann; in: Pfarrbriefservice.de

Das Leitwort für die diesjährige Frauenwallfahrt lautet: „Du machst den Unterschied.“ Dies gilt nicht nur für Einzelne, sondern auch für die Gemeinschaft der Christen und klingt in den berühmten Sätzen der Bergpredigt an: „Ihr seid das Salz der Erde. Ihr seid das Licht der Welt.“ (Matthäus  5,13-16) Diese Zusage Jesu ist zugleich eine Aufforderung, dass wir uns als Christen einmischen sollen in unsere Welt und uns mit unserem Engagement und unserer Meinung einbringen sollen in die Gesellschaft.

Daher möchte ich auf einige gesellschaftliche Wirklichkeiten und Entwicklungen hinweisen, die durch das Corona-Virus und die damit verbundenen Infektionsschutzmaßnahmen zutage getreten sind:
Von einem auf dem anderen Tag konnten die Kinder nicht mehr in den Kindergarten oder die Schule gehen. Für alte Familienmitglieder waren Einrichtungen der Tagespflege plötzlich geschlossen. Viele Familien hat dies an den Rand ihrer Möglichkeiten gebracht, zumal die Erwerbstätigen häufig von zuhause aus ihrer Berufstätigkeit nachgehen mussten. Es zeigte sich, wie umfangreich die Familien durch Kinderkripppen, Kindergärten, Kinderhorte, betreute Schulen sowie Altenheime und Altenpflegeeinrichtungen entlastet sind, sodass die Erwerbstätigen ihrer Berufstätigkeit nachgehen können. Beinahe hätte ich gesagt: damit die Erwerbstätigen ihrer Berufstätigkeit nachgehen können. Die Familien haben sich nach den Bedingungen der Berufs- und Arbeitswelt zu richten. Nur in Mangelberufen sind Arbeitgeber bereit, sich auch nach den Bedürfnissen der Familie zu richten. Aus meiner Sicht ist hier dringend ein Umdenken nötig - nicht nur als Lehre aus der Corona-Pandemie.


Die Pandemie hat die Wirtschaft in eine große Krise gebracht, denn sie offenbart die Schwächen des globalen Kapitalismus, indem die einzelnen Teile der Produktion von Waren in aller Welt gefertigt und durch Lieferketten zusammengefügt werden. Dies macht die Wirtschaft anfällig und bringt eine enorme Belastung der Umwelt mit sich. Es wird dort produziert, wo die Löhne am niedrigsten und die Umweltstandards am großzügigsten sind. Wo die Produktion nicht verlagert werden kann, nämlich in der Bauwirtschaft und der Landwirtschaft, werden Arbeitskräfte geholt, die ohne ihre Familien in anderen Ländern in Sammelunterkünften hausen, die auch bei uns zu Brennpunkten der Virusinfektion geworden sind.
Die berechtigte Sorge, dass durch die Infektionen das Gesundheitssystem überlastet werden könnte, wie es in anderen hochzivilisierten Ländern geschehen ist, offenbart ein Problem unseres Gesundheitswesens. Das Gesundheitswesen ist bei uns nämlich den Gesetzen des Marktes unterworfen. Es zählt die Effizienz. Das hat sich in diesen Zeiten als eine große Schwäche erwiesen.


Ich möchte nicht nur auf Bedenkliches hinweisen, das durch das Corona-Virus zutage getreten ist, sondern auch auf sehr Positives: In unserer so differenzierten Gesellschaft, in der die Menschen in verschiedenen Milieus leben, wurde schlagartig bewusst, dass wir als Menschen zusammengehören und dass das Virus keinen Unterschied zwischen Lebenswelten macht. Dass die Menschen die Infektionsschutzmaßnahmen beachten, ist auch ein Ausdruck dafür, dass sie die gleiche Würde aller Menschen respektieren.


Es ist sogar noch mehr: Eine ganze Gesellschaft nimmt Rücksicht auf alte und kranke Menschen, die durch das Virus besonders bedroht sind. Der Satz eines Politikers, man könne nicht so viel Rücksicht nehmen auf Menschen, die in einem halben Jahr sowieso sterben, hat bundesweiten Protest vorgerufen. Das hätte ich an Aschermittwoch nicht für möglich gehalten, als das Bundesverfassungsgericht assistierten Suizid legalisierte. Der Bundestag lag mit seinem Sterbehilfegesetz vom 10. Dezember 2015 in der Beurteilung dessen, was Menschen empfinden, richtig.


Schließlich hat mich auch die Entschlossenheit beeindruckt, mit der die verantwortlichen Politiker und die Menschen in unserem Land das Virus bekämpft haben und bekämpfen. Solch eine Entschlossenheit würde ich mir auch für den Kampf gegen den Hunger wünschen. Nach den Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO sterben täglich 24.000 Menschen an den Folgen von Hunger, dreiviertel davon Kinder unter fünf Jahren. Am Corona-Virus sind bisher etwa 2.000 Menschen täglich verstorben. Wenn alle gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen und militärischen Kräfte mitwirken würden, könnte der Hunger in der Welt wirksam besiegt werden. Wir müssten vielleicht in unserem Wohlstand einige Abstriche machen. Wir könnten aber dann das, was wir haben, guten Gewissens genießen. Möge die Entschlossenheit im Kampf gegen das Virus ein Vorbild sein für die Entschlossenheit im Kampf gegen andere Krankheiten der Menschheit.


Ich bedaure es sehr, dass wir in diesem Jahr nicht gemeinsam auf dem Kerbschen Berg zusammenkommen und unseren Glauben feiern können. Mögen Sie und Ihre Lieben behütet bleiben.

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