Die biblischen Texte unseres Wallfahrtsgottesdienstes erzählen von der Fülle des Himmels: In der Hungersnot waren die Witwe Sarepta und ihr Sohn so hungrig, dass sie davon ausgingen, dass sie nur noch einmal etwas essen können und danach sterben. Doch dann kam der Prophet Elija. Mit einem Wunder sorgte er dafür, dass die beiden ihm eine Mahlzeit zubereiten konnten und selbst genug zu essen hatten. Ja, er sorgte dafür, dass der Mehlkrug niemals wieder leer und die Ölkanne niemals versiegen würde: Der Überfluss des Himmels!
Bei der Hochzeit zu Kana gab es nicht nur genügend Wein für den Rest des Festes, wenn man den weniger guten Wein servieren kann. Nein, es gab sechs große Wasserkrüge voll besten Weines: Der Überfluss des Himmels! Oder denken Sie an die Berichte von der wunderbaren Brotvermehrung, bei der nicht nur tausende Menschen satt geworden sind, sondern noch so viel übriggeblieben ist, dass es der Evangelist eigens erwähnt: Zwölf Körbe voll! Der Überfluss des Himmels!
Unser Wallfahrtsthema lautet heute: „Wer, wenn nicht wir“. Wer, wenn nicht wir, kann großzügig sein, generös, und nicht immer nur das geben, was unbedingt nötig ist. Wir sollten dabei nicht nur an Essen und Getränke denken, sondern vor allem auch an etwas sehr Kostbares: unsere Zeit. Wer, wenn nicht wir, kann sich Zeit nehmen für einen Jugendlichen, dem gerade danach ist, von sich und seinem Leben zu erzählen. Wer, wenn nicht wir, kann sich Zeit nehmen, um mit einem alten Menschen zu sprechen und seine Geschichte vielleicht schon zum dritten Mal zu hören. Wer, wenn nicht wir, kann sich Zeit nehmen für Gott, um ihm im Gebet unsere Welt anzuvertrauen.
Das Wallfahrtsplakat weist noch auf eine andere Aufforderung hin, die das Wallfahrtsthema „Wer, wenn nicht wir“ anspricht: Es zeigt eine sogenannte Buhne, die an einem Strand errichtet ist, um die Wellen zu brechen und uferparallele Strömungen aufzuhalten. Auf dem Wallfahrtsplakat ist die Buhne aus Baumstämmen errichtet. Sie stehen fest und sie stehen zusammen. Nur so können sie die Wellen brechen und die Strömungen aufhalten.
Diese Buhne sollte ein Bild für uns sein, dass wir feststehen im Glauben und in Liebe zusammenhalten in der gemeinsamen Hoffnung. So können wir eine große Welle brechen, die unsere Gesellschaft zur Zeit überrollt: die Welle der Resignation.
Sogar junge Menschen haben manchmal den Eindruck, dass es ohnehin nichts bringt, wenn sie sich anstrengen. Sie haben das Gefühl, dass ihr Handeln zwecklos ist. Der Resignation kann schnell wie eine schwere graue Decke werden, die sich über den Alltag liegt. Wir resignieren meist dann, wenn wir Probleme betrachten, die wir alleine nicht lösen können: die großen Probleme der Weltpolitik, die brisante Herausforderung des Klimawandels oder die globalen Krisen, die uns immer wieder mit Sorge erfüllen. Wer, wenn nicht wir, kann dagegen angehen: Wir leben aus der Hoffnungskraft des Glaubens, dass Gott unsere Welt erschaffen hat und dass er uns Menschen befähigt, sie menschenwürdig zu gestalten und so mit ihr umzugehen, dass wir sie bebauen und nicht berauben, dass wir sie pflegen und nicht zerstören. Wir können uns selbst aber auch anderen sagen: „Was liegt heute in meiner Macht?“ Wie kann ich Umweltbelastungen reduzieren? Weniger Benutzung des Autos, ein Grad weniger im Haus, ökologisch bewusst einkaufen, es gibt viele Möglichkeiten. Wir haben in unserem Bistum das Projekt „öko + fair“. Es ist erfreulich, wie viele Kirchengemeinden und Einrichtungen sich überlegen, wie sie die Schöpfung schonen können durch Blumenwiesen rund um die Kirche, durch bewussten Einkauf bei Veranstaltungen, durch Fahrgemeinschaften und vieles mehr.
Was kann der einzelne Mensch für den Weltfrieden tun? Das kann schon ein freundliches Wort zu einem Nachbarn sein oder ein Gebet um Frieden. Diejenigen, die in dieser Zeit völlig zurecht zu Friedensgebeten einladen, sind mitunter enttäuscht, wie wenige kommen und mitbeten. Wir können uns selbst, aber auch andere dafür sensibel machen, kleine Ziele zu setzen, Ziele, die so klein sind, dass sie auch realisiert werden können. Und wir sollten uns nicht nur schlechte Nachrichten erzählen, sondern auch gute. Wir sollten andere, aber auch uns selbst motivieren, uns gemeinsam zu engagieren, uns als Teil von etwas Größerem zu erleben, das die Welt menschenfreundlicher, gemeinschaftlicher und fröhlicher macht. Vielleicht können wir so die Welle der Resignation brechen und neuen Mut und Optimismus schöpfen. Wer, wenn nicht wir, hat dazu aus der Hoffnungskraft des Glaubens die Energie und die Motivation!
Die Buhne auf dem Wallfahrtsplakat bricht auch uferparallele Strömungen. Solche Strömungen schwemmen den Sand fort und zerstören den Strand. In vielen Ländern der Welt gibt es zurzeit populistische Strömungen, die die Menschen dazu auffordern, nur sich selbst und ihr eigenes Land zu sehen. Da wird jedes Verständnis für Migranten weggeschwemmt, auch für diejenigen, die wir geholt haben, damit sie bei uns die nötige Arbeit verrichten. Da wird jedes Verständnis dafür weggeschwemmt, wie schwer es ist, seine Heimat zu verlassen, um anderswo für seine Arbeit einen gerechten Lohn zu bekommen, wie schwer es ist, die andere Sprache zu lernen und sich in der anderen Kultur zurechtzufinden. Wer, wenn nicht wir, kann für Verständnis werben, dass wir in unserer alternden Gesellschaft Arbeitskräfte von außerhalb brauchen und dass viele nicht freiwillig ihre Heimat verlassen haben, sondern vertrieben wurden oder geflüchtet sind, um ihr Leben zu retten. Wer, wenn nicht wir, kann dafür einstehen, dass alle Menschen vor Gott gleich sind, weil alle Menschen Geschöpfe Gottes sind. Wir haben allen Grund, uns für die Würde eines jeden Menschen einzusetzen. Das heißt nicht, dass jeder, der möchte, in unser Land kommen kann. Aber es heißt, dass wir uns interessieren für die Lebensbedingungen der Menschen in anderen Ländern, für ihre Situation als Neuankömmlinge in unserem Land und dass wir Entwicklungshilfeprojekte unterstützen. Ich danke allen, die die kirchlichen Hilfswerke unterstützen. Und ich danke allen, die aus eigener Initiative Hilfsprojekte in aller Welt gegründet haben und organisieren.
„Wer, wenn nicht wir“ dieses Leitwort will uns ermutigen und das Foto von der Buhne ruft uns zu, dass wir zusammenstehen gegen Wellen und Strömungen, die das Land der Hoffnung gefährden, das Land der Zuversicht, dass Gott mit uns ist, wie wir im Lieblingslied von Bischof Wanke singen:
Wer nur den lieben Gott lässt walten
und hoffet auf ihn allezeit,
den wird er wunderbar erhalten
in aller Not und Traurigkeit.
Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut,
der hat auf keinen Sand gebaut.
Sing, bet und geh auf Gottes Wegen,
verricht das Deine nur getreu
und trau des Himmels reichem Segen,
so wird er bei dir werden neu;
denn welcher seine Zuversicht
auf Gott setzt, den verlässt er nicht.