Am 23. September 2021 wurden durch die 67 anwesenden Bischöfe der Deutschen Bischofskonferenz die Leitlinien zur Jugendpastoral einstimmig verabschiedet. Selten kommt es zu einer solchen Einmütigkeit in der Entscheidung der Bischöfe, aber die mühevolle Arbeit in der Vorbereitung durch die Jugendkommission der Deutschen Bischofskonferenz hat sich gelohnt. Da ich schon seit 2005 in dieser Kommission tätig bin, ist es mir ein besonderes Anliegen, dass nach diesen neuen Leitlinien in der Jugendpastoral gearbeitet wird. Die letzte Fassung war immerhin von 1991, d.h. 30 Jahre alt. Sicherlich war hier auch ein guter Maßstab der Seelsorge gegeben, aber eine Anpassung an die heutige Zeit war nötig und sinnvoll.
Am Beginn eines neuen Jahres schmieden wir meistens neue Pläne. Ich denke, dass uns dann neue Gedanken der jungen Christen helfen können, gute und konkrete Ziele anzustreben. Gleichzeitig ist das Hochfest der Gottesmutter Maria ein guter Anlass, das Neue in den Blick zu nehmen, so wie sie selbst als junge Frau zu dem Neuen, was durch sie in die Welt kommen sollte, ihr JA gesagt hat.
Die drei Leitlinien der Jugendpastoral lauten: Wahrnehmen, interpretieren und wählen. Sie orientieren sich an biblischen Texten und schaffen damit einen Hintergrund, der für uns als Christen maßgeblich ist.
1. Wahrnehmen: Im Hintergrund steht die Frage Jesu an den Blinden: „Was willst du, dass ich dir tue?“ (Lk 18,41). Jesus begegnet dem Blinden, dessen Wunsch man sich sehr gut vorstellen kann. Wenn er einen Wunsch bei einer Zauberin oder in der Lotterie frei gehabt hätte, dann sicherlich dieser Wunsch, den er auch vor Jesus ausspricht: „Herr, ich möchte wieder sehen können.“ Der Beginn eines neuen Jahres ist oftmals mit Klausurtagungen verbunden, bei denen der Plan für das kommende Jahr zusammengestellt und abgestimmt wird. So wird es auch die Bistumsleitung ab dem 3. Januar tun. Entsprechend dem, was uns bekannt ist, wird das Jahr angeschaut und werden Schwerpunkte für die Seelsorge gesetzt. Wichtig ist dabei – wie es auch die Leitlinien der Jugendpastoral vorsehen -, dass die Umwelt und das Umfeld der Seelsorge wahrgenommen werden. Als spiritueller Hintergrund wird in den Leitlinien gesagt: „Eines der wichtigsten Versprechen des christlichen Glaubens ist die Ermutigung, dass man vor der Wirklichkeit nicht weglaufen muss.“ Wir stellen uns im Bistum der Tatsache, dass die Zahl der Gläubigen und der Seelsorger und Seelsorgerinnen rückläufig ist. Wir stellen uns auch der Tatsache, dass die ehrenamtlich Tätigen immer weniger Zeit aufbringen können, weil auch ihre Zahl zurückgeht. Überall geht es um die Frage, was wichtig oder wichtiger ist. Maria hat eine Entscheidung gefällt, die nicht einfach war. Ihr JA zum Willen Gottes hat die bisherigen Lebenspläne mit Josef durcheinander gebracht. Weil sie aber einerseits die Not der Menschen aufgrund der Erlösungsbedürftigkeit durch den Messias und anderseits ihre Erwählung in den Blick genommen hat, waren alle persönlichen Widerstände unbedeutend.
2. Interpretieren: Hier steht der biblische Bericht von der Hochzeit zu Kana im Hintergrund. Maria weist auf die Not des Brautpaares hin und Jesus gibt den Auftrag, die 6 Krüge von jeweils 100 Litern mit Wasser zu füllen, damit er es zu gutem Wein verwandeln kann. Das eigentlich Unmögliche wird durch Jesus Christus möglich gemacht und die Hochzeit damit gerettet. In den Leitlinien der Jugendpastoral wird Sören Kierkegaard zitiert, der gesagt hat: Glauben ist die Leidenschaft für das Mögliche. Glaubende Menschen aktivieren bereits heute, was sich morgen bewährt haben wird. Sie erzeugen Zukunft, weil sie schon heue wagen, auf sie zu setzen. Sie leben aus Versprechen und indem sie das tun, provozieren und bezeugen sie, dass sie wahr sind.“ Was ist möglich in diesem Jahr 2022? Wir fragen als Christen, die aus dem Wunsch leben, dass für sie und für alle, die ihnen wichtig sind, das Leben aus dem Glauben zur großen Freude wird. Manchmal haben wir dafür vielleicht nur das Wasser zu liefern, aber dieser Dienst ist sehr wichtig, damit Jesus Christus daraus etwas Kostbares machen kann. Wir dürfen niemals sagen: „Wir haben ja nur Wasser!“ Bei der Hochzeit zu Kana war das die Voraussetzung für das Wunder. Alles, was uns begegnet, kann dieses „Wasser des Lebens“ sein. Ich denke an Personen mit den unterschiedlichsten Charakteren, die ich gern in die Seelsorge integrieren möchte. Dabei hoffe ich aber auch auf die Offenheit aller Gläubigen und die Akzeptanz von Neuem, was es bisher nicht gab.
3. Wählen: Dem jungen und reichen Mann, der Jesus folgen möchte und noch an seinem Reichtum hängt, schlägt Jesus vor, diese Wahl zur Nachfolge zu treffen, um auf diesem Weg auch innerlich frei zu werden. Gerade junge Menschen suchen nach einem erfüllten Leben und sehen die vielen Möglichkeiten, die sich ihnen heute bieten. Innerhalb und außerhalb des bisherigen Lebensumfeldes werden junge Ideen gesucht. Die Lehrstellen sind nicht alle besetzt und Studienmöglichkeiten im Ausland bieten sich an. Wichtig ist dabei nur, dass diese Wahl so getroffen wird, dass sie der eigenen Berufung entspricht. Diese Wahl des eigenen Weges hat immer auch mit dem Mitmenschen zu tun, denn nur dann, wenn ich mit mir und meiner Wahl zufrieden bin, kann ich auch für andere Menschen hilfreich werden. Eine Krankenschwester in der derzeitigen angespannten Situation der Krankenhäuser wird nur durchhalten können, wenn sie ihre Entscheidung für den Beruf und Dienst mit ganzem Herzen gefällt hat. Weiterhin wird es dann nötig sein, diese Entscheidung mit Leben zu erfüllen, aber der Grundstein ist gelegt.
Maria hat mit Sicherheit im Laufe ihres Lebens mit Jesus Christus immer wieder diese Grundentscheidung hinterfragt und neu beantwortet. Sie wurde geprüft und hart getestet – besonders unter dem Kreuz Jesu. Mit den Aposteln war ihre Freude über die Auferstehung dann groß und grenzenlos.
Die Leitlinien der Jugendpastoral sprechen auch die besondere Berufung junger Menschen zur ausdrücklichen und öffentlichen Jüngerschaft Christi an, die aus dem Wort des Apostels Paulus im Galaterbrief lebt: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“ Herzlich bitte ich alle Eltern und Erziehenden darum, solche Berufungen zu unterstützen. Ich bin mir bewusst, dass sie durch die Mehrheit der Bevölkerung und auch vieler Katholiken nicht mehr ohne Weiteres befürwortet werden. Noch muss man sich für eine Entscheidung zur Ehelosigkeit nicht entschuldigen, aber angefragt wird diese Entscheidung schon. Vielfältig sind die Formen, Christus seine Liebe und Treue zu zeigen. Was sich bewährt hat, sollte auch seine Beachtung behalten. Ich bin auf Neues gespannt. Gerade in den geistlichen Bewegungen junger Menschen wie „Jugend 2000“, „Nightfever“ und „Emanuel“ uvam. sehe ich Potential für neue Formen der Christusnachfolge. Ich hoffe, dass Kirche dadurch ein frohes Gesicht bekommt, das zum Mitmachen einlädt.
Was nehmen wir Neues in 2022 wahr, was müssen und können wir gut deuten und was werden wir dann wählen? Für uns alle gilt die Zusage, dass wir freigekauft sind vom Gesetz, das lediglich einen Rahmen für ein gottgefälliges Leben bieten kann, aber nicht das Leben ausfüllt. Wir sind nun Söhne und Töchter Gottes geworden. Mehr geht nicht! Auch in diesem Neuen Jahr 2022 gilt die Zusage der Freundschaft mit Jesus Christus und der Fürsprache der Gottesmutter Maria für unseren Weg als Christen im Bistum Erfurt. Große Herausforderungen deuten sich mit dem Katholikentag 2024 in Erfurt an, zu dem Bischof Ulrich beim Katholikentag 2022 in Stuttgart einladen wird. Wir wollen dann zeigen, dass es auch heute noch die staunenden Augen und wachen Ohren gibt, von denen in Bethlehem die Rede ist, als die Hirten berichteten, was ihnen die Engel über das Kind gesagt haben. Es ist gut, die Mitmenschen zu segnen und ihnen damit zu sagen: „Gott sagt zu dir etwas Gutes: Er liebt dich!“
Uns allen gilt und für alle erbitten wir für das Jahr 2022:
Der Herr segne euch und behüte euch. Der Herr lasse sein Angesicht über euch leuchten und sei euch gnädig. Der Herr wende sein Angesicht euch zu und schenke euch Frieden. Amen.