Schrifttext: Das Gleichnis Jesu von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20,1-16)
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn! Liebe Gemeinde!
Nach der politischen Wende 1989/90 hat eine ostdeutsche Bürgerrechtlerin, Frau Bärbel Bohley das Wort geprägt: "Wir haben auf Gerechtigkeit gehofft - und haben den Rechtsstaat bekommen!"
In diesem Wort schwingt Enttäuschung mit, ja eine gewisse Resignation. Die Hoffnung der Menschen auf umfassende Gerechtigkeit, auf Wiedergutmachung erfahrenen Unrechts war größer als die nach der Wende erfahrbare Realität.
Nichts gegen den Rechtsstaat. Wir im Osten sind froh, in einem Rechtsstaat leben zu können. In vielen Gegenden der Welt haben Bürger nicht die Möglichkeit, sich ihr Recht vor unabhängigen Gerichten erstreiten zu können, notfalls auch gegen den Staat. Der Rechtsstaat gehört zu den großen kulturellen Errungenschaften der Menschheit. Nein - wir möchten ihn nicht missen.
Aber dennoch: Es schwingt Enttäuschung in dem genannten Diktum mit. Ist die erfahrene Realität, ist das System des freiheitlich-demokratischen Rechtsstaates, in den wir Ostdeutsche eingegliedert wurden, wirklich die Erfüllung aller Wünsche und Erwartungen der Menschen zwischen Werra und Oder?
Ja, es wird Recht gesprochen - aber ist es wirklich gerecht, dass ich nach dreißig Jahren meine Wohnung aufgeben muss, nur weil ich die neue Miete nicht zahlen kann?
Ja, wir sind alle gleich - aber einige scheinen doch "gleicher" zu sein, etwa der Genosse, der damals an der Spitze des Betriebes stand und jetzt - natürlich gewendet - im neuen Aufsichtsrat sitzt?
Ja, die ideologischen Phrasen und Parolen haben ein Ende - aber ist damit wirklich Wahrhaftigkeit in die Gesellschaft eingekehrt?
Vaclav Havel hatte in seiner Dissidentenzeit ein Buch geschrieben, das mich sehr beeindruckt hat: "Versuch in der Wahrheit zu leben". Das Buch ist eine Abrechnung mit dem unwahrhaftigen System des Staatssozialismus, ein Plädoyer für den aufrechten Gang inmitten von Lüge und Anpassung. Aber ist es nach der Wende nicht mehr notwendig, sich um ein Leben in Wahrheit zu mühen - jeder für sich und wir alle gemeinsam?
Nein: Es bleibt dabei. Unsere Erwartungen gehen nie ganz und vollständig in der erfahrenen Realität des Lebens auf. Unsere Sehnsüchte zielen auf mehr als auf "den Spatz in der Hand" - wir wollen die "Taube auf dem Dach"! Wir wollen das Ganze - und nicht nur einen Abglanz davon.
Sollen wir uns aber nun diese Hoffnung abschminken? Ja, so sagen die einen. Besser sich keine Illusionen zu machen - man wird weniger enttäuscht.
Ich freilich möchte zu den anderen gehören, die sagen: Nein! Und wenn nur um der Seligkeit willen, die mich dann - nach Anwandlungen von Kleinmut und Resignation - doch ab und zu einmal sagen lässt: "Das hätte ich nicht zu hoffen gewagt!" (Das habe ich übrigens nach der Wende oft gesagt - und nicht nur einmal!).
Ob die Arbeiter im Weinberg, die erst eine Stunde vor Feierabend vom Gutsbesitzer angeheuert wurden, insgeheim diese vermessene Hoffnung gehabt hatten - nämlich auch den Tageslohn zu bekommen, mit dem sie ihre Familie ernähren konnten, einen Denar?
Und wenn dieser Gedanke einen kurzen Moment lang in ihrem Herzen aufgestiegen sein sollte - sie werden diesen Gedanken schnell wieder unterdrückt haben. Sie werden sich gesagt haben. Warum sollte es hier anders zugehen als sonst? Hier geht es eben gerecht zu! Und die Gerechtigkeit verlangt, dass wir "Zu spät Gekommenen" eben nur einen Teil des Tageslohnes erhalten. Wo käme die Welt dann wohl hin?
Wer von Ihnen, meine Zuhörer, einen Betrieb verantwortlich leiten oder managen muss, der wird dem zustimmen. Wo kämen wir denn hin, wenn der Lohn nicht der Leistung entspräche? Und selbst Gewerkschaftler müssten dem innerlich zustimmen: Lohn muss ein Äquivalent von Leistung bleiben - sonst geht alles in der Wirtschaft drunter und drüber.
Und doch: Es gibt im Innersten des Herzens die Sehnsucht, die vermessene Hoffnung - nicht nur nach Leistung bemessen und abgefunden zu werden. Gerechtigkeit: Ja, und nochmals Ja. Wer mehr kriegt als ihm zusteht - über den murren wir auch, den zählen wir an, über den regen wir uns auf.
Aber wenn es um uns ganz persönlich geht???
Nun geht es in diesem Gleichnis Jesu nicht um eine Handlungsanleitung für Wirtschaftsminister. Es heißt nicht: Mit der freien Marktwirtschaft ist es wie mit einem Gutsbesitzer usw., sondern Jesus sagt: Mit dem Gottesreich verhält es sich so, wie ich euch jetzt anhand der folgenden Geschichte klarmachen will: Dort - im Gottesreich geht es nicht nur gerecht zu, sondern - mehr als gerecht.
Mehr als gerecht? Wie sollen wir das verstehen?
Lasst mich mit einer kleinen Beobachtung einsetzen, die uns bei der Gleichnisgeschichte aufhorchen lässt. Es ist für die Hörer, die wussten, wie es in ihren Dörfern bei der Anwerbung von Tagelöhnern zuging, äußerst verwunderlich, dass der Gutsherr mehrfach auf den Markt ging, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben. Die Leute wussten ja: Da stehen schon früh am Morgen so viele da und warten auf Arbeit - da hätte eine einmalige Anwerbeaktion am Tagesanfang gereicht. Mit keiner Silbe ist ja gesagt, dass der Gutsherr nicht genügend Arbeitswillige gefunden hätte. Nein: es heißt einfach in der Geschichte. Um die dritte Stunde (also vormittags um neun) ging er wieder auf den Markt ... und um die sechste Stunden und um die neunte Stunde (also nachmittags um drei) - ja - und jetzt wird es vollends unwahrscheinlich, was Jesus da erzählt: Der Gutsbesitzer geht sogar nochmals nachmittags um fünf Uhr los, um Arbeiter anzuwerden - für ein oder zwei Stunden bis zum Abend!
Immer wenn bei Jesus Geschichten unwahrscheinlich werden, muss man besonders hinhören. Da beginnt man zu merken, was Jesus sagen will. Ein normaler Gutsbesitzer handelt nicht so. Der ist zufrieden, wenn er morgens seine Truppe zusammenhat - und dann schert er sich einen Dreck um die anderen, die auch noch auf Arbeit warten.
Hier aber ist einer, der anders ist. Der anders handelt. Er schaut nach den Leuten. Und zwar nicht nur einmal am Tag. Alle drei Stunden geht er auf den Markt. Und sogar noch vor dem Feierabend - und alle erhalten einen Lohn, mit dem sie sich und ihre Familien einen Tag lang ernähren können, die Vollzeitarbeiter und die Zu spät Gekommenen - wider alle Erwartung.
Das schlägt der Erfahrung der Leute, die Jesus zuhören, ins Gesicht. Ihre Erfahrung ist: Es gibt die, die Glück haben, die einen Job ergattern - und es gibt die anderen, die eben kein Glück haben, die leer ausgehen - und mit knurrendem Magen nach Hause gehen müssen. So geht es eben in der Welt zu. Pech gehabt. Bist eben nicht dabei gewesen!
Das haben sich die Arbeitslosen, die nicht im öffentlichen Dienst organisiert sind, wohl auch gesagt - bei der letzten Tariferhöhung. Pech gehabt. Wir sind jetzt nicht dabei gewesen. Wir, die wir keine Arbeit haben - und jetzt sogar noch mit unserer Arbeitslosenunterstützung gedeckelt werden sollen.
Nochmals: Jesus gibt hier keine Hilfestellung für die Rürup-Kommission. Für die Sicherung der Gesundheitsfürsorge z. B., überhaupt für soziale Gerechtigkeit müssen wir selbst Sorge tragen. Aber können wir allein von Gerechtigkeit leben? Wir brauchen den Rechtsstaat - und wir brauchen Tarife. Aber kann unser Herz allein davon satt werden? Und unsere Gesellschaft menschlich bleiben?
Der Gutsbesitzer im Gleichnis Jesu handelt anders als die Zuhörer es aus ihrem Alltag wissen. So handelt Gott, will Jesus sagen - ohne es auszusprechen. Er ist gerecht - aber er ist noch mehr als gerecht. Er schaut nach uns aus, wo wir abbleiben. Er schaut aus, was mit den Zurückgelassenen wird. Er schaut danach aus, ob alle heimkommen - die Leistungsstarken und die Leistungsschwachen, und die, die es überhaupt nicht verdient haben, zu Hause - bei ihm - einen Platz zu haben.
Mir fällt spontan das andere Gleichnis Jesu vom verlorenen Sohn ein. Wir kennen es alle. Der Vater hat sich nicht zufriedengegeben, dass der jüngere Sohn davonzog. Die Wunde, die der trotzige Weggang ihm zugefügt hat, blieb in seinem Herzen.
Der Vater hat den Sohn, der wegwollte, gerecht behandelt. Er erhielt sein Erbteil. Er brauchte sich nicht zu beklagen.
Aber war der Vater verpflichtet, den Gescheiterten, den Heruntergekommenen, den Schandfleck der Familie, der sein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hatte, wieder in Ehren aufzunehmen? Nein, er war es nicht. Und doch hat er es gemacht. So töricht ist Gott. So sieht seine Gerechtigkeit aus. Es ist eine Gerechtigkeit, die nicht uns, sondern die ihn bluten lässt.
Liebe Schwestern und Brüder!
Die erste Botschaft dieses Gleichnisses lautet: So ist Gott. Er schaut nicht weg, sondern er schaut nach uns. Nach jedem. Auch nach Dir, der du meinst: Ich bin abgeschrieben, von wem auch immer.
Die zweite Botschaft dieses Gleichnisses ist aber ebenso wichtig: Wer sich so angeschaut weiß, der fängt an, anders zu leben.
Wer gerecht behandelt wird, sagt vielleicht: Ich erhalte nur mein Recht. Gut so - ich hatte übrigens auch ein Anrecht darauf!
Wer aber Erbarmen gefunden hat, der fängt an, selbst Erbarmen zu üben.
Und das fängt nicht erst im Himmel an, so wie der alte Bauer meint, von dem eine schöne bayerische Geschichte erzählt. Er ist nahe dran, den letzten Schnaufer zu tun. Der Pfarrer kommt. Er mahnt den Bauern, der ständig mit seinem Nachbarn im Streit lag, sich doch wenigstens auf dem Sterbebett mit ihm auszusöhnen. Der willigt nach langem Hin und Her endlich ein, beichtet ordentlich, erweckt Reue und Vorsatz und kriegt die Lossprechung - und als der Pfarrer gehen will, ruft der Sterbende ihm nach: "Aber gelt, Herr Pfarrer, wann ich wieder gesund werd` - da gelt?s net, was wir besprochen haben!"
Nein, liebe Schwestern und Brüder: Wer Gottes Handeln mit uns Sündern begriffen hat, der fängt schon jetzt an, nicht nur gerecht mit seinem Mitmenschen umzugehen. Ja, auch gerecht - in der Ordnung dieser Welt, soweit wir dazu verpflichtet sind. Aber eben - so wie Gott - auch mehr als gerecht, und zwar besonders dort, wo wir nicht dazu verpflichtet sind:
gegenüber dem Ehepartner, wenn es gilt, einen Neuanfang zu machen,
gegenüber den Kindern, besonders den schwierigen,
gegenüber dem ungeborenen Kind, dass sich so äußerst unpassend in mein Leben hineindrängt,
gegenüber dem Kollegen, der Kollegin, der oder die nicht mithalten kann und auf meine Hilfe angewiesen ist - obwohl ich nicht helfen müsste.
gegenüber dem früheren Genossen, der sich hat taufen lassen und jetzt beim Gottesdienst auftaucht - und einige in der Gemeinde rümpfen die Nase.
Ihrer Phantasie, liebe Zuhörer, sind keine Grenzen gesetzt. Wer weiß, dass er in einem letzten Sinn sich selbst, sein Leben und sein Heil einem unbegreifbaren Erbarmen verdankt, das mit Kategorien der Gerechtigkeit nicht erklärt werden kann, der fängt an, ein Bürger des Gottesreiches zu werden. Der fängt an, das Unmögliche zu hoffen, und in der Kraft dieser festen, auf Gott gerichteten Hoffnung in dieser Welt das uns Mögliche zu wagen, um die Welt gerechter, wahrhaftiger, menschlicher zu machen.
Und darum hat es durchaus mit unserem Gleichnis zu tun, wenn Christen in Wirtschaft und Politik bei ihrem Agieren nicht nur an die Arbeitsplatzbesitzer denken, sondern auch an jene, die keine Arbeit haben und gerne Arbeit hätten -
wenn die Wirtschaft und der Handel nicht nach völliger Freigabe des Ladenschlusses verlangt, sondern auch an die denkt, die einen Feierabend brauchen, um bei ihren Familien zu sein -
wenn wir im immer noch reichen Deutschland an jene Völker denken, die darauf warten, dass wir unseren Reichtum mit ihnen teilen, wie ADVENIAT beispielhaft für viele andere Initiativen das versucht -
wenn wir den später zum Westen hinzugekommenen Thüringern und Sachsen nicht übel nehmen, dass sie auch nach dem streben, was sie bei Euch hier in Nordrhein-Westfalen sehen und erleben.
Natürlich, das geht nicht: Sich nicht regen, und doch gesegnet werden wollen (nach einem bösen Wort der alten DDR-Zeit: Was ist der größte Wunsch des DDR-Bürgers? Arbeiten wie in Karl-Marx-Stadt - und leben wie in Düsseldorf!). Die Thüringer und die Sachsen wollen sich ebenso regen wie Ihr - aber ihnen fehlen oft noch die Turngeräte und manchmal auch noch die Sicherheitsnetze, die man als ungeübter Artist in der Marktwirtschaft braucht.
Kann man Solidarität mit Paragraphen verordnen? Ein wenig schon - ich wünschte, es gelänge uns in Deutschland, ehe unsere Gesellschaft vollends in rivalisierende Indianerstämme auseinander fällt.
Aber mehr als verordnete Solidarität brauchen wir das, was der Gutsbesitzer tat, der nicht nur einmal, sondern mehrmals am Tag auf den Markt ging - und nach denen Ausschau hielt, die am Tagesende ihren Denar brauchten.
Frau Bohley hatte doch recht, als sie eine Hoffnung ansprach, die unsere Alltagsrealität übersteigt. Der Rechtsstaat ist etwas sehr wertvolles und wichtiges - aber er stillt nicht unsere Sehnsucht nach einer Gerechtigkeit, die keinen vor der Türe stehen lässt, die keinen abschreibt, die uns nicht nur allein, sondern gemeinsam selig macht.
Liebe Brüder und Schwestern! Ihr wisst: Wenn die Liebe erkaltet, fängt das Rechnen an. Schenken wir uns gegenseitig mehr als den gerechten Lohn! Gott geht auch so mit uns um. Vor Ihm sind wir alle "Zu spät Gekommene". Amen.
link

