Vieles ist möglich

Predigt von Bischof Ulrich Neymeyr bei der Männerwallfahrt am 13. Mai 2021

Bild: Peter Weidemann; In: Pfarrbriefservice.de

Liebe Mitchristen,

Komm, Herr, segne uns, dass wir uns nicht trennen,
sondern überall uns zu dir bekennen.
Nie sind wir allein, stets sind wir die Deinen.
Lachen oder Weinen wird gesegnet sein

Diese Liedstrophe ist eine Aufforderung, dass wir uns zum Herrn bekennen. Das ist zunächst die Mahnung, dass wir dem Herrn einen Platz in unserem Leben einräumen. Seit unserer Taufe wohnt sein Geist in uns, wie der Apostel Paulus schreibt. (1 Kor 6,19) Wo lassen wir ihn wohnen? Im Keller oder im Speicher? In der Einliegerwohnung? Oder im Wohnzimmer, im Esszimmer oder im Schlafzimmer? Zeigt ein Kruzifix in der Wohnung, dass hier Christen leben, die sich zum Herrn bekennen? Erinnert das Tischgebet daran, dass wir unser ganzes Leben Gott verdanken? Beginnen wir den Tag mit Gott und legen wir ihn am Abend in seine Hand zurück? Das Bekenntnis zum Herrn muss in unserem Alltag vorkommen und nicht nur eine Stunde am Sonntag. Sonst hat Corona leichtes Spiel, auch den Glauben zu schwächen oder auszulöschen. Im Lied heißt es: „Komm, Herr, segne uns, dass wir uns nicht trennen.“

Das Bekenntnis zum Glauben richtet sich aber nicht nur nach innen, in unser Herz, sondern auch nach außen, in unsere Lebenswelt. Im Lied heißt es: „sondern überall uns zu dir bekennen“. Überall. Das fängt zu Hause in der Familie an, geht über den Kreis der Freunde und der Kollegen, bis hin zur Öffentlichkeit. Die Männerwallfahrt stärkt ja nicht nur den Glauben der Teilnehmer, sondern ist auch ein beeindruckendes Zeichen in die Öffentlichkeit: Auch junge und gestandene Männer verbringen den Männertag mit einer Wallfahrt. Wir sollen den Herrn bekennen, nicht die Kirche. Wir sollen davon Zeugnis geben, wie uns der Glaube trägt und stärkt, wie er uns tröstet, aber auch korrigiert. Wir dürfen nicht in die Falle laufen, immer nur die Kirche zu verteidigen. Paulus schreibt, dass wir den Schatz des Glaubens in zerbrechlichen Gefäßen tragen. (2 Kor 4,7) Die Kirche ist eine Kirche der Menschen, in der es Fehler und Verbrechen gab und gibt, aber die Kirche ist auch das Sakrament des Heiligen Geistes, das die Botschaft des Evangeliums bewahrt und uns in den Sakramenten mit dem dreifaltigen Gott verbindet.

Keiner kann allein Segen sich bewahren.
Weil du reichlich gibst, müssen wir nicht sparen.
Segen kann gedeihn, wo wir alles teilen,
schlimmen Schaden heilen, lieben und verzeihn.

Mit dieser Liedstrophe verbinde ich zurzeit eine Entscheidung, um die wir im Bistum zwei Jahre lang gerungen haben: die Entscheidung, für die Bergschule in Heiligenstadt einen Neubau zu wagen, der Gymnasium und Regelschule unter einem Dach vereint. Das Bistum investiert damit in die Bildung junger Menschen, deren sehr große Bedeutung in der Corona-Pandemie allen bewusst geworden ist. Außerdem investiert das Bistum in die Zukunft der katholischen Kirche im Eichsfeld. Gerade jetzt darf sich die katholische Kirche nicht aus der Gesellschaft zurückziehen, sondern muss jungen Menschen den Wert des christlichen Menschenbildes und die Bereicherung des Lebens durch den christlichen Glauben nahebringen. Nach allem, was in unserer Kirche Kindern und Jugendlichen angetan wurde, ist diese Investition auch ein Ausdruck unserer echten Liebe zu Kindern und Jugendlichen. Wir brauchen für dieses Projekt viel Unterstützung: von Lehrerinnen und Lehrern, von Eltern, von der staatlichen Seite, aber auch von den Kirchensteuerzahlern und von Spendern. Die Liedstrophe „Weil du reichlich gibst, müssen wir nicht sparen.“ ermutigt mich zu diesem Projekt und den Mutigen gehört die Zukunft.
Uns alle fordert die Liedstrophe dazu auf, schlimmen Schaden zu heilen, zu lieben und zu verzeihen. Das sind große Herausforderungen. Es ginge ein großer Segen von dieser Wallfahrt aus, wenn jeder einzelne sich vornehmen würde, mitzuhelfen einen konkreten schlimmen Schaden zu heilen, die Liebe zu einem bestimmten Menschen wieder zu neuem Leben zu erwecken oder eine konkrete Verletzung herunterzuschlucken und die Hand zu Versöhnung zu reichen.

Frieden gabst du schon, Frieden muss noch werden,
wie du ihn versprichst, uns zum Wohl auf Erden.
Hilf, dass wir ihn tun, wo wir ihn erspähen,
die mit Tränen säen, werden in ihm ruhn.

In seiner Enzyklika „Fratelli tutti“ vom 3. Oktober 2020 beschreibt Papst Franziskus als Voraussetzung für den Frieden die politische Liebe: „Es ist keine pure Utopie, jeden Menschen als Bruder oder Schwester anerkennen zu wollen und eine soziale Freundschaft zu suchen, die alle integriert. Dazu braucht es Entschiedenheit und die Fähigkeit, wirksame Wege zu finden, die sie real möglich machen. Jegliches Bemühen in diese Richtung wird zu einer anspruchsvollen Ausübung der Nächstenliebe. Denn ein Einzelner kann einer bedürftigen Person helfen, aber wenn er sich mit anderen verbindet, um gesellschaftliche Prozesse zur Geschwisterlichkeit und Gerechtigkeit für alle ins Leben zu rufen, tritt er in das Feld der umfassenderen Nächstenliebe, der politischen Nächstenliebe ein.“ (Nr. 180) Der Papst formuliert dazu ganz konkrete Fragen, die jeden Einzelnen zum Nachdenken anregen sollen: „Wie viel Liebe habe ich in meine Arbeit gelegt? Wo habe ich das Volk vorangebracht? Welche Spur habe ich im Leben der Gesellschaft hinterlassen? Welche realen Bindungen habe ich aufgebaut? Welche positiven Kräfte habe ich freigesetzt? Wie viel sozialen Frieden habe ich gesät? Was habe ich an dem Platz, der mir anvertraut wurde, bewirkt?“ (Nr. 197)