Und wie geht es weiter?

Vortrag von Bischof Joachim Wanke zum Abschluss des Elisabeth-Jahres


Vortrag von Bischof Wanke zum Abschluss des Elisabeth-Jahres

Gehalten am 28. November 2007 bei den Pastoralkonferenzen in Erfurt und Heiligenstadt.


Noch ist die Elisabeth-Wallfahrt im September dieses Jahres uns allen in frischer Erinnerung. Von vielen Seiten, besonders auch von den Gästen der Wallfahrt habe ich ein gutes Echo gehört. Das ist ja das schönste Geschenk von Wallfahrtstagen: wenn alle, durch Freude und Glaubenszuversicht gestärkt, wieder in ihren Alltag zurückkehren können.


Sehr herzlich möchte ich allen in den Gemeinden, Verbänden und Gruppen danken, die sich für die Gestaltung der Wallfahrtstage eingesetzt haben. Das gilt sowohl für die Burgengottesdienste, als auch für die Feiern am Sonntag in Erfurt und das gelungene Bistumsfest rings um den Domberg. Ein herzliches "Vergelt?s Gott" aber auch für den außergewöhnlichen Einsatz im ganzen Jahr mit seinen vielfältigen und so unterschiedlichen Aktivitäten. Da wurde manche Mühe investiert. Umso schöner, wenn diese Mühe so reiche Frucht getragen hat.


In der Predigt zum Abschluss des Elisabethjahres hatte ich gesagt: Ich habe im Elisabethjahr weniger als sonst griesgrämige Christen getroffen. Meine Erfahrung war: Wenn es um das Elisabethjahr ging, etwa die durchaus strapaziösen Vorbereitungen zur großen Elisabethwallfahrt im September, da waren nicht Klagen und Jammern dominierend. Irgendwie waren alle trotz hohen Einsatzes und zeitraubender Vorbereitungen fröhlicher als sonst, die Hauptamtlichen und die Ehrenamtlichen, die Priester und die Laien. Und selbst Nichtchristen ließen sich auf ein Mittun ein, ohne nach ihrem eigenen Nutzen dabei zu fragen. Ob Elisabeth doch so eine Art Wunderwaffe war, mit der die Trägheit unserer erbsündlichen Natur klein gehalten werden konnte?


Nun steht die Frage an: Was bleibt von diesem Fest des Glaubens? Was kann insgesamt vom Elisabethjahr in unser Bistum, in unsere Gemeinden hineinwirken?


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Da nenne ich gleich das, was mir ein Hauptanliegen dieses Jahres mit seinen verschiedenen Aktivitäten war:


Das Ineinander und Miteinander von Caritas und Seelsorge zu befördern.


Zu den inhaltlichen Schwerpunkten des Elisabethjahres gehörten der Pastoraltag im April und der Caritastag im Juli 2007. Beide Tage hatten als Zielsetzung: die Zusammengehörigkeit und das Zusammenwirken von Caritas und Seelsorge - trotz ihrer je eigenen Aufgabenbereiche - als Lebensäußerungen von Kirche ins Bewusstsein der Gläubigen und der Mitarbeiter in Seelsorge und Caritas zu heben. Das ist eine gleichsam programmatische Zielsetzung, die für unsere Erfurter Ortskirche auch in den kommenden Jahren nachhaltig verfolgt werden sollte.


Ich möchte das noch einmal anhand der für diese beiden Tage ausgewählten Evangelientexte in Erinnerung rufen. Der Pastoraltag stellte Lk 10,25-37 (Gleichnis vom barmherzigen Samariter) in den Vordergrund: Wahre Seelsorge ist konkrete Menschensorge. Beim Caritastag haben wir als Evangelium Mk 2,1-12 (Heilung des Gelähmten mit Sündenvergebung) gehört. Jesu Heilungstat ist Heilstat an dem Gelähmten. Die körperliche Heilung ist eingebettet in den Zuspruch der Sündenvergebung, verbunden mit der Einladung zur Umkehr.


Das bedeutet in der Zusammenschau: Es gibt keine Verkündigung des Evangeliums ohne Sorge um die konkrete Not der Menschen - und es gibt keine praktische Sorge um den (hilfebedürftigen) Nächsten ohne Sorge um dessen ewiges Heil.


Das lässt sich auch an der "Urformel" jener Verkündigung ablesen, die der Evangelist Markus programmatisch, gleichsam wie eine Ü;berschrift, an den Anfang des Wirkens Jesu stellt, an Mk 1,15. Dort lesen wir: "(Jesus) verkündete das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium."


Der eine und ganzheitliche Akt des Glaubens enthält beide Momente:

  1. die Bejahung der göttlichen Heilstat in Christus (das Anerkennen des "Indikativs" des Heils: "Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe". Und
  2. die Bereitschaft zu einer Umkehr ("kehrt um!"), die im Loslassen des eigenen Ichs samt seiner Sicherungsbedürfnisse und in der Erfüllung des Gebots der Nächstenliebe konkret wird.

Die christliche Frömmigkeitsgeschichte hat diesen Zusammenhang immer bewahrt, wenngleich es Zeiten gab, in denen das intellektualistische Verständnis von Glauben (korrektes Festhalten am Glaubensgut, am Inhalt des "Katechismus", die Theologen sagen: an der fides quae) dominanter war als ein ganzheitliches und personales Glaubensverständnis, das den Glaubensvollzug in der Nachahmung Christi als Existenzhingabe verstand (der Glaube als Vollzug der ganzen Person, als fides qua). Die großen Heiligen der Nächstenliebe (wie etwa Elisabeth) haben diese letztere Sicht immer neu bekräftigt. Eine eindrückliche Illustration dafür ist etwa das Beispiel des exkommunizierten Mathematikers und Philosophen Blaise Pascal, der sich, weil er nicht kommunizieren konnte, Sterbende in die Wohnung bringen ließ und sie eigenhändig pflegte, um so mit Christus auf diese Weise "kommunizieren" zu können.


Das bedeutet: Caritas (auch mit der Akzentsetzung: "gemeinschaftliche, institutionell organisierte Nächstenliebe") ist keine pastorale Vorfeldarbeit. Sie ist die andere Seite von Seelsorge. Sie ist "Verkündigung mit den Händen". Sie ist (nach Hans Urs von Balthasar) "Sakrament der Schwester und des Bruders", das "vor den Kirchentüren" gespendet wird. Und umgekehrt ist Seelsorge mit ihren Vollzügen nur denkbar auf dem Hintergrund einer glaubhaften Sorge um den konkreten Menschen mit seinen Bedürfnissen und Nöten.


Das ist meines Erachtens die wichtigste Herausforderung, der wir uns als Gemeinden und als Caritas, als Bistumskirche insgesamt im Nachgang des Elisabethjahres zu stellen haben: das Ineinander und Miteinander von Verkündigung und Seelsorge einerseits und Caritas - ehrenamtlich und verbandlich - andererseits im Bistum über 2007 hinaus nicht aus dem Blick zu verlieren. Das fügt sich auch ein in den missionarischen Akzent, den wir unserem ortskirchlichen Leben geben wollen. Das Licht auf dem Leuchter wird nur ausstrahlen und einladend wirken, wenn es leuchtet und (!) wärmt, also die Klarheit der Botschaft mit der praktischen Lebenssolidarität von Mensch zu Mensch verknüpft.


Die Bistumsleitung hat sich vorgenommen, am 1. März 2008 einmal eine Klausurtagung des Seelsorgeamtes und der Leitung des Caritasverbandes durchzuführen, um genau diese Fragen einer engeren Verzahnung von Seelsorge und Caritas (auf allen Feldern) zu bedenken. Vieles geschieht hier schon - gottlob. Nicht zuletzt die Caritasreferenten in den Dekanaten sind hier hilfreiche Vermittler gegenseitiger Anliegen und Sichtweisen. Aber wenn wir ehrlich sind: Vieles läuft doch noch nebeneinander.


Natürlich hat das auch seine Gründe. Die fachspezifischen Anforderungen einer institutionellen Sozialarbeit sind mit der Pastoral oft nicht kompatibel. Aber muss der "Duft des Evangeliums" nicht auch in die Caritas hinein, mag sie noch so fachlich die Not der Menschen begleiten? Und muss nicht "der Blick des barmherzigen Samariters" in unserer Verkündigung und Pastoral zur Geltung kommen, damit das Evangelium überhaupt im Herzen der Menschen ankommen kann? Hier tut sich ein weites Feld auf, zumal wenn wir auch die ehrenamtliche caritative Tätigkeit in den Gemeinden, Verbänden und kirchlichen Bewegungen noch als Möglichkeiten des Handelns einbeziehen.


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In den Ü;berlegungen und Gesprächen dieses Jahres, besonders beim Pastoraltag und Caritastag, dann auch bei einem kleineren Treffen von PGR- und Caritasleuten am 3. November dieses Jahres, traten zwei konkrete Anliegen in den Vordergrund, die gleichsam der Umsetzung des soeben skizzierten Grundanliegens dienen könnten:

  • die Bildung von stabilen Caritasteams auf Gemeindeebene, und
  • die Praxis, einen jährlichen Sozialreport in der Gemeinde zu veröffentlichen, aus dem sich ein konkretes soziales Projekt der Gemeinde ergibt.

Nun fangen wir auf diesem Feld ja nicht beim Punkt Null an. In vielen Gemeinden gibt es ja Sachgruppen "Diakonie", nicht zuletzt angeregt durch die Beschlüsse der Dresdener Pastoralsynode von 1973/74. Diese Gruppen tragen unterschiedliche Namen, meist werden sie "Elisabethgruppe", manchmal auch "Vinzenzkonferenz" oder "Sachausschuss Caritas" genannt.


Es ist übrigens durchaus lohnend, sich noch einmal den Beschluss der Pastoralsynode von Dresden "Diakonie der Gemeinde" und dort den Abschnitt 4: Caritativ tätige Gruppen und Sachgruppe "Diakonie" anzuschauen. Es gibt dort Anregungen, die auch heute noch bedenkenswert sind.


Deutlicher als damals in DDR-Zeiten mit ihren Beschränkungen für ein öffentliches, gesellschaftliches Wirken von kirchlichen Gemeinden müsste es freilich heute darum gehen, den Blick über die Gemeinde selbst hinaus zu weiten. Es ist ja kein Geheimnis, dass unsere Pfarrgemeinden zumindest in ihren Kernen oft Menschen sammeln, die eher der Mittelklasse angehören. Das gilt natürlich nur unter Vorbehalt, denn heutige wirtschaftliche Erschütterungen gehen auch an Lebenslagen nicht vorbei, die vormals als saturiert galten. Gerade Selbstständige ohne Kapitalrückhalt, Auszubildende, Alleinerziehende, kinderreiche Familien, Menschen mit Zeitarbeitsplätzen oder solchen im Niedriglohnbereich, aber selbst auch Rentner, die meist als abgesichert gelten, sind heute nicht vor dem Abgleiten in Armut geschützt.


Ich könnte mir die Zusammensetzung eines Caritasteams so vorstellen:

  • der Pfarrer (oder ein anderer hauptamtlicher pastoraler Mitarbeiter),
  • ein Vertreter aus dem PGR;
  • und ein Vertreter aus einer caritativen Einrichtung im Pfarrbereich.
  • Ferner könnten Personen dem Team angehören, die berufliche Kompetenz in sozialen Fragen einbringen.
  • Das Team sollte höchstens 5-6 Personen umfassen.



Die Zielstellung der Arbeit der Caritasteams sähe ich in folgenden zwei Punkten:

  • Das Caritasteam hat die Aufgabe, den "Sozialreport" für den PGR vorzubereiten und der Gemeinde vorzustellen.
  • Es erarbeitet einen konkreten Vorschlag für ein soziales Projekt, dass sich als Folge des Sozialreports als wichtig und machbar erweist.

Es ginge bei einem solchen Bericht nicht in erster Linie um einen umfassenden, hochwissenschaftlichen Bericht zur sozialen Lage in der Region. Das ist von uns nicht zu leisten. Es ginge aber darum, (1) die Sensibilität der Gemeindemitglieder für die tatsächliche Lage, in der sich Menschen befinden, zu wecken bzw. zu verstärken und (2) sich als Pfarrgemeinde zu fragen, ob eine spezifische Not von der Gemeinde als solcher bewusst einmal in einem Projekt aufgegriffen werden sollte.


Viele Gemeindemitglieder wissen ja oft nicht, was es an sozialen Problemfeldern in unmittelbarer Umgebung des Kirchturmes gibt. ("Bei uns gibt es doch keine Armut!"). Sind erst einmal Menschen von einer konkreten Not berührt, lassen sie sich oft auch zum Helfen bewegen.


Es wäre ein Anliegen des Sozialreports, den Blick auch auf die Lage der Menschen außerhalb des Gemeindebereichs zu lenken. Noch einmal: Es geht nicht um ein sozialwissenschaftliches Erfassen und Bewerten aller Daten. Es geht vielmehr um das Erfassen und Darstellen von konkreten Lebenssituationen, die mit wirtschaftlicher Schwäche, sozialer Isolation und existentiellen Notlagen (z.B. Verwahrlosung, Scheidungsproblemen, psycho-somatische und andere Dauerschädigungen, aber auch etwa mit der Lage der Familien (dazu gleich unten) u. a.) zu tun haben.


Natürlich wird man sich bei der Erstellung eines solchen - durchaus nicht langen - Berichtes helfen lassen können: etwa durch Daten und Materialien der städtischen Behörden (Sozialamt), durch die Mitarbeiter des Caritasverbandes (Bereich: allgemeine Sozialarbeit), auch durch Fachreferate wie etwa die Beratungsstellen etc., aber auch durch das Wissen derer, die in kirchlichen bzw. auch kommunalen Sozialeinrichtungen tätig sind.


Vor allem aber ging es dann darum zu fragen, ob angesichts der konkreten Notlagen von Menschen in der Region eine spezielle Hilfeleistung von der Pfarrgemeinde ins Auge gefasst werden könnte.


Der Nebeneffekt eines solchen "Berichtes" wäre: Die Kenntnis und das Know-how der Fachcaritas und die Pfarrgemeinden rücken näher aneinander. Es würde in der Pfarrgemeinde ein Verständnis dafür wachsen, dass es so etwas wie ein "Caritasteam" geben sollte, also Menschen, die über die Aktivitäten unserer Vinzenz- und Elisabethkreise hinaus den Blick auf die konkrete Not vor Ort lenken und Anregungen geben, evtl. selbst als Gemeinde an einer Stelle helfend tätig zu werden.


Ein solcher "Bericht zur sozialen Lage im Gebiet der Gemeinde" würde (ähnlich wie ein "Bericht zur Lage der Nation" durch einen Regierungschef oder Präsidenten) nachhaltig das Denken und Empfinden, gewiss auch das Handeln einer Gemeinde verändern im Blick auf die "Armen", die wir ja - gemäss des Wortes Jesu - immer unter uns haben.


Ü;ber all das gilt es sicher noch weiter nachzudenken, vor allem mit unseren Fachleuten vom Caritasverband und anderen Experten, die die heutige soziale Lage der Bevölkerung besser kennen. Die Grundintention der Caritasteams ist nicht, eine noch bessere Sozial-Diagnose zu erstellen. Die ist ja meist vorhanden. Es geht um beispielhafte Therapie auf ausgesuchten, überschaubaren Feldern.


Hier sähe ich übrigens auch ein besonderes Betätigungsfeld für unsere Diakone - aber sicher nicht ausschließlich für sie. Könnte es so etwas wie einen "sozialen Tag" in der Gemeinde geben, an dem dieses Anliegen öffentlich wird? Etwa im Vorfeld von Fronleichnam?


Ich meine: Die "Armen" müssen mehr in den Blick auch der normalen Gottesdienstgemeinde treten. Mk 3,3 heißt es: "Jesus sagte zu dem Mann mit der verkrüppelten Hand: Steh auf und stell dich in die Mitte!" Der Kranke soll nicht am Rand stehen. Er soll in die Mitte kommen, also zumindest einmal in den Blick aller im Gotteshaus kommen.


Ich bin überzeugt: Das würde zu einer nachhaltigen Bewusstseinsänderung in der Gemeinde beitragen. Und das wäre eine gute Frucht des Elisabethjahres!



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Ich sehe freilich auch die Notwendigkeit, die herkömmliche Arbeit der Pfarrcaritas in den Gemeinden nicht abbrechen zu lassen. Bei den Zusammenkünften der Elisabethfrauen (und gottlob: auch -männer!) in Erfurt und Heiligenstadt spüre ich, wie segensreich diese in den Gemeinden im Sinne der Vernetzung und Zusammenführung der Menschen wirken. Zudem haben wir - wie oben gesagt - durchaus auch in unseren Gemeinden selbst materielle und geistige Notlagen, die der Zuwendung bedürfen. Aber vielleicht bedürfte es für diese Arbeit eines neuen Impulses.


Ich möchte Folgendes anregen: Eine besondere Aufmerksamkeit der Elisabethgruppen könnte der Lage der Familien mit Kindern gelten. Was heute oftmals "unter die Räuber" fällt und "verwundet am Wegrand liegt", sind die Familien. Die Gesellschaft will zwar Familien, besonders Familien mit Kindern, aber sie macht es den Menschen sehr schwer, solche Familien aufzubauen und stabil zu halten. In dieser Hinsicht gibt es schon manche gute Ideen (Oma- und Opa-Dienste, Nach- und Lesehilfen, Kinderbeaufsichtigung u. ä.). Die zunehmenden Nachrichten von Kindesvernachlässigungen in Familien erschrecken uns derzeit sehr.


Als Einstiegsort für solche Initiativen böten sich unsere kirchlichen Kindertagesstätten an. Sie könnten noch mehr sein als nur Kindergärten, in denen es um die Erziehung und Förderung der Kinder geht. Unsere kirchlichen Kindertagesstätten haben das Zeug dazu, kleine "Zentren für starke Familien" zu sein. Hier könnten über die unmittelbar betroffenen Familien mit deren Vorschulkindern und den Mitarbeiterinnen hinaus auch andere Gemeindemitglieder und evtl. sogar Fernstehende für das Anliegen "Stärkung der Familien" eingebunden werden.


Darüber freilich müsste noch nachgedacht werden. Nur eines scheint mir sicher: Unsere Kindertagesstätten, deren finanzielle Absicherung uns jetzt so viel Nerven gekostet hat, sind zu schade, um nur als lästiges Anhängsel der Pastoral betrachtet zu werden. Hier liegen echte Chancen für eine missionarische und soziale Pastoral. Manche Gemeinden haben das auch begriffen, aber leider noch nicht alle.


Ein Signal, das das Elisabethjahr aussenden könnte, wäre: Die hl. Elisabeth motiviert unsere Gemeinden, sich für "Familie stark zu machen". Elisabetharbeit als Einsatz für "starke Familien"? Das würde vielleicht auch jüngere Gemeindeglieder für unsere Elisabethgruppen aktivieren.


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Was ich als weiteren Punkt hier zu dem Thema: Elisabethjahr - und wie weiter? nur andeuten kann, ist Folgendes:

Das Jahr hat eine breite Fülle von guten Initiativen, Aktionen, Projekten, auch von Texten und Gottesdienstelementen hervorgebracht, die es verdienten, nicht vergessen zu werden. Im Seelsorgeamt wird derzeit überlegt, wie man diesem Material, soweit es zur Verfügung gestellt wird und gesichert werden kann, in einen Austausch in den Gemeinden bringen kann.


Es könnte so etwas geben wie eine "best-practice-Sammlung". Aber auch bestimmte Tage in den Dekanaten könnten diesem Anliegen gewidmet sein, die guten Erfahrungen und Beispiele aus dem Elisabethjahr für andere zugänglich zu machen. Was hat angesprochen? Was darf als geglückt gelten? Was lohnt sich, auch anderweitig aufgegriffen zu werden? Hier geht es also darum, gelungenen Aktionen, Texten, Liedern usw. eine Verbreitung zu geben, ohne damit zu ermüden. Manches geschieht hier ja auch informell und durch "Mund-zu-Mund-Propaganda". Und das ist gut so!


Als zusätzliche "Dienstleistung" für die Gemeinden hat sich das Seelsorgeamt vorgenommen, eine kleine Erinnerungsbroschüre von der Elisabethwallfahrt mit Bildern und Texten herauszugeben. Eine kleine FOTO-CD für den ersten Gebrauch steht inzwischen zur Verfügung. Zudem sind manche Texte und Hinweise auch online auf der Website des Bistums und mancher Pfarreien abrufbar.



Zum Abschluss


Ich erinnere mich noch an den Kabarett-Abend beim Pastoraltag. Da wurde uns humorvoll ein Spiegel vorgehalten: So sieht es in unseren Gemeinden aus. Da wird kräftig georgelt und gesungen, gebetet und gewallfahrtet - aber wird auch die alltägliche Not um uns herum gesehen und angepackt, zumindest ab und zu, hier und da? Wird überhaupt akzeptiert, dass es "Arme" in der Gemeinde und außerhalb der Gemeinde gibt? "Nehmt einander an!" sagt uns der Apostel Paulus. Das fängt beim Aufnehmen und Einladen an und hört beim Aushalten und Lindern von geistiger und körperlicher Not auf. (Von einer Gemeinde hörte ich, sie habe bewusst zu einem Gemeindefest auch einige stadtbekannte Obdachlose und "Sandler" eingeladen).


Das ist die bedrängende Anfrage dieses Elisabethjahres: Haben wir wirklich ein Recht, Elisabeth als große Heilige der Nächstenliebe zu feiern? Stehen wir in ihrer Nachfolge? Teilen wir die Gesinnung unserer Bistumspatronin, ihre Aufmerksamkeit, ihre phantasievolle, praktische Art, Not zu lindern? Sind wir nicht nur eine liturgische Gemeinde, sondern auch eine liebende, die Herzen der Menschen erwärmende Gemeinde? Gibt es unter uns Liebe, die zur Gottesverkündigung wird und so zum Glauben an den sich erbarmenden Gott bewegt?


Ein Christ, der nur Glaubensbekenntnisse rezitiert, aber die Liebe zum Nächsten vergisst, wird vom Herrn kein Lob erfahren! Eine Gemeinde, die nur Gottesdienst feiert, aber die Caritas vergisst (oder diese allein dem Caritasverband überlässt), vernachlässigt, was ihr eigentlich aufgetragen ist. Wenn du Gott bekennen und lieben willst: "Geh hin - und handle genauso!


Papst Benedikt hat uns zum Elisabethjahr eine großartige Steilvorlage gegeben: seine Enzyklika DEUS CARITAS EST. Er denkt dort über den engen Zusammenhang von Gottes- und Nächstenliebe nach, oder mit den Leitworten des Pastoraltages und des Caritastages ausgedrückt: über den Zusammenhang des Glaubens, der liebt ... und der Liebe, die (Gott) verkündet.


Im Anschluss an den 1. Johannesbrief beschreibt der Papst die enge, gleichsam notwendige Wechselwirkung zwischen Gottes- und Nächstenliebe, und fährt dann fort: "Wenn die Berührung in meinem Leben mit Gott ganz fehlt, dann kann ich im anderen immer nur den anderen sehen und kann das göttliche Bild in ihm nicht erkennen. Wenn ich aber die Zuwendung zum Nächsten aus meinem Leben ganz weglasse und nur ?fromm? sein möchte, nur meine ?religiöse Pflicht? tun, dann verdorrt auch die Gottesbeziehung. Dann ist sie nur noch ?korrekt?, aber ohne Liebe. Nur meine Bereitschaft, auf den Nächsten zuzugehen, ihm Liebe zu erweisen, macht mich auch fühlsam Gott gegenüber. Nur der Dienst am Nächsten öffnet mir die Augen dafür, was Gott für mich tut und wie er mich liebt" (Nr. 18).


Ein anderer Satz aus dieser Enzyklika lautet: "Liebe - Caritas - wird immer nötig sein, auch in der gerechtesten Gesellschaft" (Nr. 28 b). Wir wissen: Der Sozialstaat, der notwendig bürokratisch agieren muss, lässt viele Lücken an menschlicher Zuwendung offen. Dort gilt es anzusetzen. Hier sind wir gemeinsam und auf Dauer herausgefordert.



www.bistum-erfurt.de/elisabeth