"Und reichst du uns den Kelch"

Predigt von Bischof Neymeyr an Gründonnerstag

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Meine lieben Schwestern und Brüder im Herrn,

der Gründonnerstag hat zwei Schwerpunkte: Das Letzte Abendmahl Jesu Christi mit seinen Jüngern und die Ölbergstunde. Es gibt einen Begriff, der beide Schwerpunkte prägt und zu einem tieferen Verständnis dessen führen kann, was wir heute begehen. Es ist der Begriff „Kelch“. In der zweiten Lesung aus dem 1. Korintherbrief haben wir den ältesten Abendmahlsbericht gehört: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut.“ (1 Kor 11,25). Am Ölberg betete Jesus: „Vater, alles ist dir möglich. Trage diesen Kelch an mir vorüber. Doch nicht mein Wille geschehe, sondern der deine.“ (Mk 14,36).
Beim Gebet Jesu am Ölberg ist das Bildwort vom Kelch, der vorüber gehen möge, zwar geläufig, deswegen aber nicht gleich verständlich. Wieso deutet Jesus sein Schicksal mit dem Bild eines ihm gereichten Kelches? Er ist dabei von biblischen Vorstellungen geprägt. An verschiedenen Stellen des Alten Testamentes ist vom Zornesbecher Gottes die Rede, aus dem die Frevler trinken müssen, als Strafe dafür, dass sie sich Gott und seinem Volk widersetzt haben. Im Psalm 75 heißt es: „Ja, in der Hand des Herrn ist ein Becher. Herben, gärenden Wein reicht er dar. Ihn müssen alle Frevler der Erde trinken, müssen ihn samt der Hefe schlürfen.“ (Ps 75,9). Der Kelch, um dessen Vorübergehen Jesus bittet, ist also der Gerichtsbecher, den die Welt wegen ihrer Sünden verdient hat, den aber Jesus genommen und am Karfreitag leer getrunken hat. Die Offenbarung des Johannes entfaltet dieses Bild vom Kelch weiter. Es ist nicht nur ein Zornes- oder Gerichtsbecher, den Gott den Menschen als Strafe für ihre Sünden zumutet, sondern der Becher ist gefüllt mit den Sünden der Menschen und ihren Folgen. Ganz plastisch heißt es, dass dieser Zornesbecher gefüllt ist „mit dem abscheulichen Schmutz ihrer Hurerei.“ (Off 17,4). Der Kelch, um dessen Vorübergehen Jesus am Ölberg betet, ist also kein Zorneskelch, den Gott aus gekränkter Eitelkeit oder primitiven Rachegefühlen reicht, sondern er ist gefüllt mit den Sünden und Verbrechen der Menschen. Diesen Kelch hat Jesus Christus leer getrunken, als er wie ein Verbrecher hingerichtet wurde. Nachfolge Christi kann auch heißen, mit ihm diesen Kelch zu trinken. Bischof Polykarp hat im 2. Jahrhundert kurz vor seinem Martyrium gebetet: „Ich preise dich, dass du mich gewürdigt hast, in der Zahl deiner Märtyrer Anteil zu haben an dem Kelch deines Christus.“ Und Dietrich Bonhoeffer hat an Silvester 1944 gedichtet: „Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern, des Leids gefüllt bis an den höchsten Rand, so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern aus deiner guten und geliebten Hand.“
Der Kelch, von dem beim letzten Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern die Rede ist, ist zunächst ein ganz anderer Kelch. Er ist ein Zeichen für den Segen Gottes. Da der Wein auch immer auch Ausdruck der Lebensfreude ist, ist er Segensbecher beim jüdischen Mahl und ein Zeichen der Freude über die Erwählung durch Gott und ein Zeichen der Glaubensfreude. Im Psalm 116 heißt es: „Ich will den Kelch des Heils erheben und anrufen den Namen des Herrn.“ (Ps 116,13). Wenn man bedenkt, dass Kelch auf Englisch „cup“ heißt, kann man durchaus an jubelnde Fußballmannschaften denken. Die Verbindungslinie zwischen beiden Kelchen, dem Gerichtskelch in der Ölbergstunden und dem Segenskelch des letzten Abendmahls, schafft der Karfreitag. Weil Jesus Christus den Gerichtskelch leer getrunken hat, wird für uns der eucharistische Kelch zum Segen. Jesus Christis, der ohne Sünde ist, vernichtet die Frucht der Sünde, indem er den Gerichtskelch nimmt und leert. In der Gemeinschaft mit ihm, wird ihm Segen und Versöhnung zuteil. Der leergetrunkene Gerichtsbecher ist in der Inhalt des eucharistischen Segensbechers, in dem das Blut Jesu Christi ist, das für uns vergossen wird zur Vergebung der Sünden.