Um Heil(ung) bitten

Predigt von Weihbischof Reinhard Hauke bei der Elisabethwallfahrt am 09. Juni in Leinefelde

Bild: Peter Weidemann; in: Pfarrbriefservice.de

Thema: Was willst du, das ich dir tun soll (Lk 18, 41)

„Bitte, mache meinen Mann wieder gesund!“ „Bitte hilf, dass wir wieder zueinander kommen!“ „Bitte lass mich diese Prüfung bestehen.“  An vielen Orten, an denen Menschen beten, finden wir in den ausgelegten Fürbittbüchern solche und ähnliche Bitten. Sie sind sehr konkret. Es handelt sich um das konkrete Leben und Überleben. Diese Bitten sind anders als oftmals Fürbitten in den Gottesdiensten, wo es ganz allgemein um das Leben und Überleben geht. Hier werden konkrete Namen und Anlässe genannt. Das lässt deutlich werden: Die Menschen setzen auf Gott konkrete Hoffnungen. Die Fürsprache der Heiligen soll helfen. Die Fürsprache der Gottesmutter Maria wird hier in besonderer Weise in Anspruch genommen. Wenn sicherlich bei den allgemeinen Bitten auch konkrete Situationen mitschwingen können, so ist es doch besser, direkt zu sprechen, wie wir es in vertrauten Kreisen auch gern tun.
 
Die Heilige Schrift berichtet in unterschiedlicher Weise von Heilungen der Kranken. In der Apostelgeschichte wurde berichtet, wie die Apostel Petrus und Johannes beim Tempel einen Gelähmten heilen, der eigentlich von ihnen eine Geldspende erhofft hatte. Seine Hoffnung war auf das Überleben ausgerichtet, weil ihm die Hoffnung auf  ein gesundes Leben widersinnig und unrealistisch erschien.

Im Evangelium hören wir die konkrete Bitte des Blinden: „Ich möchte wieder sehen können.“  Nicht nach Geld hat er gerufen, sondern nach körperlicher Heilung. Jesus sieht darin einen Beweis seines Glaubens und heilt ihn daraufhin. Vielleicht könne wir auch den Gedanken und die Bitte fortführen: „Herr, gib mir das ewige Leben!“
 
Wir sehen also einen Unterschied in der Erwartung an Jesus Christus oder an seine Apostel. Man könnte denken, dass sich die Menschen bei Jesus Christus eher die Heilung erwarten als bei den Aposteln. Erwartungen an Heilung durch uns gibt es vermutlich nicht. Kann denn der Weihbischof heilen? Ich bin nicht sicher, ob es möglich ist. Ich bin auch nicht sicher, ob es unmöglich ist. Kürzlich besuchte ich eine Familie mit sieben Kindern und das jüngste Kind lag mit Fieber auf einer Liege. Die Mutter sagte mir: „Fast 40 Fieber hat er ganz plötzlich.“ Ich habe ihn daraufhin  gesegnet. Letzten Sonntag traf ich die Mutter und sie sagte mir: Das Fieber war ganz schnell wieder weg, nachdem ich ihn gesegnet hatte. Bin ich ein Heiler – ein Heiland? Es war von mir her eine Bitte an Gott um Heilung. Dann können schon Wunder passieren – denke ich. Das geht aber nicht auf mein Konto, sondern auf das Konto Gottes.
 
Als wir unseren lieben Weihbischof Hans-Reinhard bestattet haben, war gerade ein Pfarrer sehr krank – sterbenskrank. Er war schon versehen worden und alle in der Gemeinde und im Krankenhaus hofften, dass die Medikamente anschlagen. Heute ist er in der REHA und es geht ihm immer besser. Ich sage: Weihbischof Koch hat geholfen, denn allein auf menschliche Kraft konnten wir uns nicht verlassen.

Wenn Christen heiliggesprochen werden sollen, muss es einen Nachweis von Wundern geben, deren Wirkung anhält. Meistens sind es dann Heilungswunder. Von der heiligen Elisabeth wurde schon zu ihren Lebzeiten berichtet, dass sie heilen konnte – sicherlich zuerst von Hunger und Durst, aber auch von körperlichen Gebrechen. Die Kranken sind zu ihren Lebzeiten und darüber hinaus zu ihr gekommen und wurden getröstet und geheilt. Das hat sich herumgesprochen und ihre Verehrung befördert.

Haben wir Mut, um Heilung zu bitten? Natürlich muss dann erst die Heilungsbedürftigkeit erkannt werden. Das erscheint mir heute ein ernstes Problem zu sein. Krankheiten des Leibes und der Seele zu erkennen und anzuerkennen, fällt uns Menschen sehr schwer.

Ich freue mich, dass unsere Diözesanwallfahrt nach Lourdes mit Bischof Ulrich und 111 Wallfahrern stattgefunden hat, die gestern (8. Juni) zu Ende ging. Mitbrüder und Mitschwestern haben erkannt, dass sie Hilfe brauchen und mit einer Wallfahrt zum Marienerscheinungsort ihre Hoffnung zum Ausdruck bringen, Heil und Heilung zu erlangen.

Heilungen geschehen an diesen Orten bisweilen schon dadurch, wenn erlebt wird: „Es gibt so viele Kranke und es geht manchem Kranken noch schlechter als mir.“ Wir dürfen aber auch feststellen, dass derzeit zwei Heilungen in Lourdes durch die Ärzte als „außergewöhnlich“ bezeichnet wurden. Es handelt sich um eine Frau, die seit 1982 mehrere Operationen wegen zu hohen Blutdrucks über sich ergehen lassen musste und nach einer Wallfahrt 1989 bis heute beschwerdefrei ist. Weiterhin handelt es sich um eine Ordensfrau, die Lähmungen in einem Bein hatte und 1965 bei einer Lourdeswallfahrt spontan geheilt wurde. Seit 2006 prüft ein Ärztekomitee die Heilungsberichte in drei Stufen: Zunächst wird festgestellt, ob es sich um eine unerwartete Heilung handelt, in einem zweiten Schritt wird geprüft, ob es sich um eine bestätigte Heilung handelt und im dritten Schritt spricht man dann erst von der außergewöhnlichen Heilung. 67 Heilungen sind von der Kirche offiziell bestätigt. 6000 sind dokumentiert und 2000 gelten als medizinisch unerklärlich.

Auch in Fatima werden bis heute Wunder berichtet. Am 3. März 2013 fiel der 5jährige Lucas beim Spielen aus einem Fenster  in Höhe von 6,50 Meter. Der Zustand war besorgniserregend. Das Kind lag im Koma. Die Eltern beteten zur Gottesmutter von Fatima. Nach 6 Tagen erwachte der kleine Lucas. Heute ist er völlig gesund. Wissenschaftlich ist seine Heilung nicht erklärbar.

Alle Wallfahrer werden immer mit Erwartungen nach Lourdes fahren. Heilungen sind jedoch in unterschiedlicher Weise denkbar. Ausschließen darf man sie nicht.
Manchmal werden wir zu Heilungsgottesdiensten eingeladen. Sicherlich haben Sie solche Ankündigungen schon gesehen. Besonders für Kranke und ihre Helfer sind diese Gottesdienste gedacht. Wichtig erscheint mir nur, dass wir sie als Bittgottesdienste sehen und nicht als eine Technik: „Ich muss nur reingehen als Kranker und komme als Gesunder wieder heraus!“ Die Bitte um Heilung darf jedoch sehr intensiv sein. Der Glaube daran muss vorhanden sein. Nur dann ist Heilung möglich und wird nicht als Zufall oder Schicksal eingeordnet.

Trauen wir Gott zu, dass er bis heute wirksam sein kann an Gesunden und Kranken? Wenn ich das Sakrament der Firmung spende und den Jugendlichen sage, dass sie die Zukunft der Kirche sind und der Heilige Geist durch sie und mit ihnen die Kirche gestalten will, dann kann es durchaus Verwunderung geben. Aber für mich ist es eine Tatsache: Ohne das Vertrauen in die Kraft Gottes, die bis heute wirkt, kann es keinen Fortschritt der Kirche geben.

Berufungen in der Kirche und der Mut, sich das Ja-Wort für das Leben zu geben, basieren für mich auf dem Wirken Gottes in unserer Zeit. Ohne die Kraft Gottes sind wir hilflos.

„Herr, mache mit mir, was du willst. Mache mich gesund, wie du willst. Gib mir die Kraft, die Krankheit und das Alter zu tragen, wenn du es so willst.“ Haben wir Mut, so zu beten und Gott zu bitten. Diese Offenheit für Gott ist der Anfang des Heiles. Die Fürsprache der heiligen Elisabeth wird uns dabei begleiten. Amen.

Text der Lesung (Apg 3, 1-10)

Petrus und Johannes gingen um die neunte Stunde zum Gebet in den Tempel hinauf. Da wurde ein Mann herbeigetragen, der von Geburt an gelähmt war. Man setzte ihn täglich an das Tor des Tempels, das man die Schöne Pforte nennt; dort sollte er bei denen, die in den Tempel gingen, um Almosen betteln. Als er nun Petrus und Johannes in den Tempel gehen sah, bat er sie um ein Almosen. Petrus und Johannes blickten ihn an und Petrus sagte: Sieh uns an! Da wandte er sich ihnen zu und erwartete, etwas von ihnen zu bekommen. Petrus aber sagte: Silber und Gold besitze ich nicht. Doch was ich habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi, des Nazoräers, geh umher! Und er fasste ihn an der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich kam Kraft in seine Füße und Gelenke; er sprang auf, konnte stehen und ging umher. Dann ging er mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott. Alle Leute sahen ihn umhergehen und Gott loben. Sie erkannten ihn als den, der gewöhnlich an der Schönen Pforte des Tempels saß und bettelte. Und sie waren voll Verwunderung und Staunen über das, was mit ihm geschehen war.

Text des Evangeliums (Lk 18, 35-43)

Als Jesus in die Nähe von Jericho kam, saß ein Blinder an der Straße und bettelte. Er hörte, dass viele Menschen vorbeigingen, und fragte: Was hat das zu bedeuten? Man sagte ihm: Jesus von Nazaret geht vorüber. Da rief er: Jesus, Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir! Die Leute, die vorausgingen, wurden ärgerlich und befahlen ihm zu schweigen. Er aber schrie noch viel lauter: Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir! Jesus blieb stehen und ließ ihn zu sich herführen. Als der Mann vor ihm stand, fragte ihn Jesus: Was soll ich dir tun? Er antwortete: Herr, ich möchte wieder sehen können. Da sagte Jesus zu ihm: Du sollst wieder sehen. Dein Glaube hat dir geholfen. Im gleichen Augenblick konnte er wieder sehen. Da pries er Gott und folgte Jesus. Und alle Leute, die das gesehen hatten, lobten Gott.