Meine lieben Schwestern und Brüder im Herrn,
es gibt wohl kein Sterben und keinen Tod, der die Menschheit so umfassend und so nachhaltig umtreibt wie das Ereignis des Karfreitags: verraten und verkauft, einem Justizirrtum zum Opfer gefallen, gefoltert und verspottet, öffentlich entehrt und qualvoll gestorben: grausam und schlimm, aber nicht einmalig – unzählige Male wurde und wird Solches und Ähnliches Menschen angetan. Und doch sind die letzten Stunden im Leben des Jesus von Nazareth in einmaliger Tiefe und Breite bedacht, dargestellt, durchlitten und verarbeitet worden. Die Theologen versuchen den Sinn dessen zu ergründen, was geschehen ist. Alle künstlerischen Ausdrucksformen versuchen das Geschehen zu begreifen: Musik, Malerei, bildende Kunst, Literatur, Film: Sie stellen es dar, sie fragen, sie klagen an, sie stellen in Frage, sie machen sich lustig.
Und wir feiern einen Gottesdienst, inspiriert und umrahmt von Kunst und Kultur. Wir lassen uns auf das ein, was uns unser Glaube sagt: Das Geschehen des Karfreitags hat einen Sinn. Die Voraussetzung dafür ist der gerade am Karfreitag un-glaubliche Grundsatz unseres Glaubens: Jesus von Nazareth ist der Sohn Gottes. Dass Jesus von Nazareth gekreuzigt wurde, dass Pontius Pilatus für das Todesurteil verantwortlich ist, ist kein Glaubenssatz, sondern eine historische Tatsache. Aber die Worte des römischen Hauptmanns nach dem Tod Jesu fassen den Glauben der Christen ins Wort: „Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn.“ (Mk 15,39)
Das Leiden Jesu war nicht Folge einer Krankheit oder eines Unfalls, sondern es war eine gerichtlich verhängte Strafe. Der Sohn Gottes wird bestraft. Das ist in der Tat unglaublich. Er erleidet diese Strafe stellvertretend für die Menschen, das ist der christliche Sinn des Karfreitags. Er hat seinen Ursprung in den Deuteworten Jesu beim Letzten Abendmahl, dass sein Leib für uns hingeben wird und dass sein Blut für uns und für alle vergossen wird. Paulus hat dieses christliche Verständnis des Kreuzestodes Jesu in viele Richtungen durchdacht. Paulus beginnt seinen Briefes an die Galater so: „Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus, der sich für unsere Sünden hingegeben hat, um uns aus der gegenwärtigen bösen Welt zu befreien, nach dem Willen unseres Gottes und Vaters. Ihm sei Ehre in alle Ewigkeit. Amen.“ (Gal 1,3-5)
Diese Sicht auf das Leiden und Sterben Jesu ermöglicht uns Christen etwas, das in unserer Zeit besonders ist: Wir können dem Leiden und Sterben einen Sinn abgewinnen. Es ist nicht bloß sinnlos und unbedingt zu vermeiden. Christen verstehen vielmehr ihr Leiden als eine besondere Form der Nachfolge Christi. Auch dies hat Paulus in unüberbietbarer Weise formuliert im Brief an die Kolosser: „Jetzt freue ich mich in den Leiden, die ich für euch ertrage. Ich ergänze in meinem irdischen Leben, was an den Bedrängnissen Christi noch fehlt an seinem Leib, der die Kirche ist.“ (Kol 1,24) Dieser Gedanke des Apostels Paulus ist ein Ausdruck der mystischen Haltung, die das Leiden als besondere Form der Nachfolge Christi annehmen kann. Allerdings heißt das nicht, dass Christen das Leiden suchen sollen, um dem Schmerzensmann nachzufolgen. Wenn Jesus von Nazareth der Sohn Gottes ist, dann fehlt seinem Leiden nichts, dann kann das Leiden der Christen das Leiden Christi nicht vervollkommnen, es kann sich dieses Leiden aneignen. Aber wenn Christen das Leiden schicksalhaft trifft, dann kann der Blick auf den gefolterten Herrn am Kreuz eine Quelle der Kraft werden, sei es durch den Trost, dass Christus das Kreuz mitträgt, sei es durch die geistliche Haltung, das Kreuz mit ihm zu tragen.
Diese Gedanken sind spezifisch christlich und einer für die Medien erforderlichen allgemein verständlichen Sprache kaum zu vermitteln, obwohl sie für die Christen zentral sind. Lassen Sie mich das bitte in der aktuellen Situation erläutern:
Das Corona-Virus ist schlimm und die Bischöfe unterstützen die Maßnahmen zu seiner Bekämpfung. Sie mahnen zu Infektionsschutzmaßnahmen und zur Impfung. Aber das Leiden der Menschen an Covid 19, der einsame Tod der vielen, vielen Menschen, die daran gestorben sind, und die untröstliche Trauer der Angehörigen, sind für uns nicht Ausdruck absoluter Sinnlosigkeit, sondern sie sind für Christen die Herausforderung, dieses Leiden in der Kreuzesnachfolge Jesu Christi zu tragen.
Eine weitere Aktualisierung: Die Bischöfe und viele katholische Christen setzen sich gegen assistierten Suizid ein. Für die Allgemeinheit verständlich weisen wir darauf hin, dass der Suizidwunsch häufig psychische Ursachen hat, dass Lebensmüdigkeit eine Anklage an die Gesellschaft darstellt oder dass die Palliativmedizin die allermeisten Schmerzen nehmen kann. Die eigentlich maßgeblichen Gründe gegen den Suizid erschließen sich aber nur vor dem Horizont des Glaubens, der Gott als den Herrn über Leben und Tod respektiert und der – damit komme ich wieder zum Thema der Karfreitagspredigt – das Leiden nicht als pure Sinnlosigkeit betrachtet, sondern als eine existentielle Weise der Nachfolge Christi.
Georg Thurmair hat es 1943 in einem Lied geschrieben:
„Sei gelobt, Herr Jesus Christ.
Du hast dich am Kreuz ergeben,
uns zur Sühne, uns zum Leben,
und die Schuld der Welt gebüßt.
Sei gelobt, Herr Jesus Christ.
Nimm zum Dank auch unser Leben,
das wir ganz zum Opfer geben,
bis es deiner würdig ist.“ (GL 783)

