Trauer und Dankbarkeit

Predigt von Bischof Ulrich Neymeyr im Requiem für Benedikt XVI. am 3. Januar 2023 im Erfurter Dom

Das Bistum Erfurt trauert um Papst em. Benedikt XVI. Im Bistum Erfurt sind wir Papst em. Benedikt XVI. besonders dankbar für seinen Besuch im Jahr 2011. Er hat nicht nur die Katholiken, sondern alle Christen in der Diaspora Ostdeutschlands in ihrem Glauben bestärkt.

Bei seinem historischen Besuch im Augustinerkloster in Erfurt hat er das Wirken Martin Luthers gewürdigt. Er sagte am 23. September 2011: „Für mich als Bischof von Rom ist es ein tief bewegender Augenblick, hier im alten Augustinerkloster zu Erfurt mit Ihnen zusammenzutreffen. Wir haben es eben gehört: Hier hat Luther Theologie studiert. Hier hat er seine erste heilige Messe gefeiert. Gegen den Wunsch seines Vaters ist er nicht beim Studium der Rechte geblieben, sondern hat Theologie studiert und sich auf den Weg zum Priestertum in der Ordensgemeinschaft des heiligen Augustinus gemacht. Und auf diesem Weg ging es ihm ja nicht um dieses oder jenes. Was ihn umtrieb, war die Frage nach Gott, die die tiefe Leidenschaft und Triebfeder seines Lebens und seines ganzen Weges gewesen ist. „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“: Diese Frage hat ihn ins Herz getroffen und stand hinter all seinem theologischen Suchen und Ringen. Theologie war für Luther keine akademische Angelegenheit, sondern das Ringen um sich selbst, und dies wiederum war ein Ringen um Gott und mit Gott.“

Bei der fast schon familiären Vesper am Wallfahrtsort Etzelsbach im Eichsfeld hat er den Katholiken dort für ihre Glaubenstreue gedankt und gesagt: „Ganz herzlich möchte ich euch alle begrüßen, die ihr hier zu dieser Gebetsstunde nach Etzelsbach gekommen seid. Ich habe seit meiner Jugend so viel vom Eichsfeld gehört, dass ich dachte, ich muss es einmal sehen und mit euch zusammen beten. (… Maria) will uns helfen, die Weite und Tiefe unserer christlichen Berufung zu erfassen. Sie will uns in mütterlicher Behutsamkeit verstehen lassen, dass unser ganzes Leben Antwort sein soll auf die erbarmungsreiche Liebe unseres Gottes.“

Benedikt XVI. war im Jahr 2011 nicht zum ersten Mal in Erfurt. Zu DDR-Zeiten war er mehrmals als Gastprofessor am Philosophisch-Theologischen Studium und hat Vorlesungen gehalten. Die älteren Priester erinnern sich sehr gerne daran. Als Theologieprofessor hat Joseph Ratzinger den Kontakt gepflegt mit der einzig katholisch-theologischen Fakultät im Osten Deutschlands.

Dass Joseph Ratzinger ein großer Theologe war, steht außer Frage. Aber er ist stets bescheiden geblieben: In seiner Jesus-Biographie, die er als Papst vollendet hat,  hat er im Vorwort geschrieben: „Gewiss brauche ich nicht eigens zu sagen, dass dieses Buch in keiner Weise ein lehramtlicher Akt ist, sondern einzig Ausdruck meines persönlichen Suchens ‚nach dem Angesicht des Herrn‘ (vgl. Ps 27,8). Es steht daher jedermann frei, mir zu widersprechen. Ich bitte die Leserinnen und Leser nur um jenen Vorschuss an Sympathie, ohne den es kein Verstehen gibt.“ (Band 1, S. 22)

Dieses Suchen nach dem Angesicht des Herrn prägte Joseph Ratzinger zeit seines Lebens, sei es als Universitätsprofessor, als Präfekt der Glaubenskongregation oder als Papst. Immer wieder ist es ihm gelungen, die Wahrheit des katholischen Glaubens allgemein verständlich in großartigen Formulierungen zum Ausdruck zu bringen.

Lassen Sie mich schließen mit einer Betrachtung Benedikts XVI. zu Weihnachten in seinem Jesusbuch: „Jesus ist in einer genau zu bestimmenden Zeit geboren worden. Zu Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu bietet Lukas noch einmal eine ausführliche und sorgsame Datierung dieser historischen Stunde: das 15. Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius; dazu werden der römische Statthalter jenes Jahres sowie die Tetrarchen von Galiläa, Ituräa und Trachonitis wie auch von Abilene und zudem die Hohenpriester genannt (vgl. Lk 3,1f.). Jesus ist nicht im Irgendwann des Mythos geboren und aufgetreten. Er gehört einer genau datierbaren Zeit und einem genau bezeichneten geographischen Raum zu: Das Universale und das Konkrete berühren einander. In ihm ist der Logos, der schöpferische Sinn aller Dinge, in die Welt hereingetreten. Der ewige Logos ist Mensch geworden, und dazu gehört der Kontext von Ort und Zeit. An diese konkrete Realität ist der Glaube gebunden, auch wenn dann durch die Auferstehung der zeitliche und geographische Raum gesprengt wird und das Vorausgehen des Herrn nach Galiläa (vgl. Mt 28,7.16ff.) in die offene Weite der ganzen Menschheit hineinführt.“