Systemische Defekte der Kirche sind offenkundig

Erfurter Dogmatikerin spricht zu den deutschen Bischöfen beim Studientag der Frühjahrs-Vollversammlung 2019 in Lingen

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Einführung von Prof. Dr. Julia Knop (Erfurt)auf dem Studientag „Die Frage nach der Zäsur. Studientag zu übergreifenden Fragen, die sich gegenwärtig stellen“ zur Frühjahrs-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz am 13. März 2019 in Lingen

Sehr geehrte Herren Bischöfe,

Sie haben sich heute drei Themen auf die Tagesordnung gesetzt, die je für sich und in Kombination Nachrichtenwert haben: Die deutschen katholischen Bischöfe beschäftigen sich mit Macht in der Kirche, mit dem Zölibat als verpflichtender priesterlicher Lebensform und mit der kirchlichen Sexualmoral. Man stelle sich die Schlagzeile dazu vor –die klänge noch viel besser. Aber das können wir getrost dem Temperament der Zeitungen und Boulevardblätter überlassen. Allein dassSie diese Themen in Angriff nehmen, wird öffentliche Resonanz finden – vorausgesetzt, Sie geben diesem Tag, seinen Ergebnissen und Konsequenzen die nötige Öffentlichkeit.

Sie haben sich diese Themen nicht ausgesucht. Im Gegenteil, es handelt sich samt und sonders um Themen, die seit Jahrzehnten auffällig nicht behandelt werden. Nicht weil sie nicht aufgerufen worden wären. Sondern weil ihre Debatte in der Kirche nicht gewünscht, sogar tabuisiert war. Ich gehe davon aus, dass einige von Ihnen diese Tradition der Tabuisierung gern fortgeschrieben hätten. Ich hoffe, dass Sie heute Abend dennoch froh sein werden, dass diese Debatte stattgefunden hat. Dass die Debatte endlich auch unter Bischöfen eröffnet worden ist.

Wie gesagt: Sie haben sich die heutigen Themen nicht ausgesucht. Sie sind Ihnen angetragen worden – allerdings von Fachleuten, die Sie selbst beauftragt haben. Die MHG-Studie hat grauenhafte und widerwärtige Untaten von Klerikern in einem Ausmaß ans Licht gebracht, dass die katholische Kirche in Deutschland jeglichen Kredit verloren hat. Und wir wissen alle, dass lediglich eine untere Schätzgröße priesterlicher Gewaltdelikte beziffert wurde.

Die MHG-Studie hat keine Einzelfälle gefallener Kleriker aufgelistet. Es geht hier nicht um priesterliche Sünden gegen die Keuschheit oder den Zölibat. „Die Braut Christi“ ist nicht „in flagranti erwischt worden“ (Franziskus). Es geht um Gewalt. Um physische und psychische, sexuelle und geistliche Gewalt. Um Gewalt und ihre Vertuschung im Raum und im Namen der Kirche.

Die MHG-Studie hat systemische Risiken der Institution katholische Kirche, also spezifisch katholische Faktoren, identifiziert, die solche Gewalt, solchen Amtsmissbrauch von Klerikern begünstigen und seine Ahndung erschweren.

Sexueller Missbrauch liegt nicht in der DNA der Kirche. Sexueller Missbrauch hat vermutlich auch nichtursächlich mit dem Zölibat zu tun. Sexueller Missbrauch hat auch nichts damit zu tun, dass homosexuelle Männer im katholischen Klerus weit überdurchschnittlich vertreten sind.
Aber was mit der DNA der Kirche zu tun hat, was tief in ihren ekklesialen Code eingeschrieben ist,
• ist die religiöse Aufladung von Macht,
• die Immunisierung kirchlicher Deutungshoheit,
• die Sakralisierung des Weiheamtes,
• die Auratisierung des Amtsträgers,
• die Stilisierung von Gehorsam und Hingabe,
• die geistliche Überhöhung der priesterlichen Lebensform,
• die Dämonisierung von Sexualität,
• die Tabuisierung von Homosexualität,
• die Paradoxie asexueller Männlichkeit.

„Das Amt“, schrieb neulich ein westdeutscher Generalvikar, „ist ein Dienst an der Kirche und ein Dienst an den Menschen in dieser Kirche“. Das würden Sie vermutlich alle unterschreibenund sich auf den Leib schreiben. „Im Moment“ aber, schreibt dieser Generalvikar weiter, „scheinen eher Gefahren vom Amt in der gegenwärtigen Gestalt auszugehen“.

Macht – Zölibat - Sexualmoral:  Keines der drei Themen, mit denen Sie sich heute beschäftigen, ist neu. Aber neu ist, dass ihr destruktiver Zusammenhang nicht mehr zu leugnen ist. Dass sie nicht mehr als Lieblingsthemen der katholischen Linken abgetan werden können. Dass sie nicht mehr tabuisiert werden können. Neu ist die Erkenntnis, dass diese Themen im Verbund besprochen werden müssen. Dass eine ernsthafte kirchliche Selbstkorrektur nötig ist. Dass eine substanzielle Entwicklung nötig ist. Dass man dazu theologische Expertise braucht.

Wenn Sie heute über diese Themen reden, tun Sie das in einem gewissen Schutzraum. Sie bleiben unter sich. Sie reden miteinander. Wir wissen alle, dass so ein inner-circle-Gespräch natürliche Grenzen hat. Bliebe es auf kirchlicher Leitungsebene bei einem closed shop, wäre das nur ein weiteres Symptom der gravierenden Strukturkrise unserer Kirche. Aber wahrscheinlich ist es nötig und sicher ist es hilfreich, dass Sie zuerst untereinander und miteinander reden, um dann die offene, öffentliche, im besten Sinne kirchliche Debatte mitzutragen. Sie wird ja längst geführt.

Macht – Zölibat – Sexualmoral: Das sind Themen, die Sie in mehrfacher Hinsicht betreffen:
•als Kleriker, die mit einer enormen Machtfülle ausgestattet wurden,
•als zölibatspflichtige Männer der Kirche,
•als Vertreter der kirchlichen Glaubens- und Sittenlehre.

Sie werden heute über Themen sprechen, für die Sie amtliche und persönliche Verantwortung tragen. Sie tun dies als Bischöfe, nicht als wissenschaftliche Theologen. Ihre Rolle ist nicht die der wissenschaftlichen Expertise, der methodischen Distanz, des gepflegten akademischen Diskurses.

Sie sind in den Themen, die heute auf der Tagesordnung stehen, nicht Beobachter, sondern  Beteiligte. Sie bekleiden in dieser Kirche einen Leitungsposten. Sie repräsentieren eine Kirche, deren systemische Defekte offenkundig geworden sind. Sie repräsentieren eine Kirche, in der unzählige Biographien von jungen Leuten, von Eltern, von Ordensschwestern, von Hauptamtlichen, von Theologinnen und Theologen durch klerikalen Missbrauch von Amtsgewalt, durch sexuelle Übergriffe und geistliche Manipulation durch Priester, beschädigt, manchmal zerstört worden sind.

Die Debatte muss weiter geführt werden. In der Bischofskonferenz und in der ganzen Kirche in Deutschland.

 

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