"Suche nach Leben"

Osterwort von Dompfarrer Dr. Reinhard Hauke, Erfurt, für die Thüringische Landeszeitung vom 19.4.03

Ob aus Schokolade oder aus Marzipan, ob gekocht oder ausgeblasen und buntgemalt - Ostereier sind an den Ostertagen überall beliebt. Es sind richtige Kunstwerke darunter - auch von Künstlern, die noch nicht lesen und schreiben können. Die ganze schöne Frühlingswelt ist dort abgebildet. Ein schwarzes Osterei mit Totenkopf habe ich noch nicht gesehen, denn für alle Menschen ist das Ei ein Symbol des Lebens.


In der Schatzkammer des Erfurter Domes gibt es ein besonderes Osterei. Es ist aus Kristall, steht auf einem Fuß und hat am oberen Ende ein Kristallkreuz. Unser Bischof bekam es von einem Bischof aus Russland geschenkt. Anfangs dachte ich, es wäre ein Gefäß mit Deckel, in das vielleicht besondere Gaben am Osterfest gelegt werden können, z.B. gesegnetes Brot aus der Osternacht, aber dann merkte ich: Dieses Osterei lässt sich nicht öffnen. Es ist einfach ein kostbarer Kristallkörper mit Fuß und Kreuz. Schnell ist man dabei, ein solches Kunstwerk als sinnlos zu bezeichnen. Aber es ist kostbar geschliffen und geformt. Der Sinn des Kunstwerkes ergibt sich nicht durch den Gebrauch, sondern aus seinem einfachen Dasein, aus seiner Symbolik: Leben ist an sich kostbar und es muss nicht erst einen Sinn erfüllt haben, um als kostbar angesehen zu werden.


Wenige Tage nach Ostern ist das Gedenken an die Opfer des Attentats im Gutenberg-Gymnasium. Ü;ber die Gestaltung des 1. Gedenktages haben vor allem die Schüler und Lehrer des Gutenberg-Gymnasiums nachgedacht. In der Zeit nach dem Attentat gab es manchmal die Frage nach dem, was das Leben des Menschen wertvoll macht. Ist der Mensch auch noch etwas wert, wenn er keinen Schulabschluss oder guten Beruf hat? Es ist gut, dass nach dem Attentat in dieser Richtung Neuregelungen erfolgt sind. Dennoch bleibt die Frage: Was macht mein Leben sinnvoll und wertvoll?


Ich denke beim Suchen nach einer Antwort gern an das Osterei aus Kristall. Man kann es eigentlich zu nichts gebrauchen. Es steht einfach da und ist schön und kostbar. Ist es mit unserem Leben nicht auch so? Natürlich wünsche ich jedem jungen Menschen eine gute Schul- und Berufsausbildung. Natürlich soll jeder Anerkennung in der Familie, unter Freunden und bei der Arbeit finden. Aber was ist, wenn all das nicht geschieht? Hat der kranke und behinderte Mensch auch eine Würde und Kostbarkeit in sich?


Am Osterfest hören wir Bibeltexte, die von der Suche nach dem Leben berichten, das bedeutet: Von der Suche nach dem, der nicht mehr im Grab ist. Die Apostel und Freunde Jesu, Frauen und Männer, die Jesus auf seinen Wegen gefolgt sind, suchen nach dem, den sie ins Grab gelegt hatten. Engel haben ihnen gesagt, dass er nicht mehr da ist, sondern zu seinem Vater in den Himmel gegangen ist. Ab und zu zeigt er sich seinen Freunden. Dabei sind sie vielfach eher verunsichert als erfreut, denn das hatten sie nicht gedacht: Der, den sie in das Grab gelegt hatten, lebt nun neu und auch auf eine neue Art. Er lädt dazu ein, von seinem Leben und Sterben und Auferstehen überall in der Welt zu erzählen und damit zu sagen: Wer das Leben sucht, kann es auch finden. Aber auf die Suche muss er sich machen - wie auch auf die Suche nach Ostereiern. Sie werden nicht einfach vor mich hingestellt. Ich muss danach forschen und mich auch bücken, um sie zu finden. Und jede Frau und jeder Mann kann dieses Leben kostenlos erhalten. Es ist eine kostbare Gabe für alle Menschen. Mancher mag sagen: Damit kann ich nichts anfangen. Das gehört ins Museum. Damit sollen sich die Alten und Frommen beschäftigen!


Darauf sage ich: Ich erkenne in diesem Geschenk des Lebens die Liebe Gottes, die alle Menschen guten Willens erreichen will. Ich muss nur zugreifen und achtsam damit umgehen, damit nichts zerbricht. Schade, dass der Attentäter Robert das kostbare Kristallei nie zu sehen bekam. Ich bin sicher: Es hätte ihn zum Nachdenken über das kostbare Geschenk des Lebens gebracht.


Ich wünsche Ihnen von Herzen Freude am Leben, aber auch den Mut, es zu schützen - das eigene und das fremde.



Was in der Karwoche und an Ostern gefeiert wird