Dreißig Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer stellte sich die Veranstaltungsreihe „Theologie im Gespräch mit Politik“, eine Kooperationsveranstaltung der Katholisch-Theologischen Fakultät und des Katholischen Forums im Land Thüringen, mit zwei Podiumsdiskussionen der Frage: Was bleibt von der Friedlichen Revolution? Was von den Gesprächen am 30. Oktober und am 13. November bleibt, ist ein Appell: Mehr Stolz, mehr Engagement, weniger Angst! Ein Rückblick.
Der Rückblick: Vermächtnis und Auftrag der Friedlichen Revolution
Menschen und ihren Geschichten widmete sich das Podium am 30. Oktober: Moderiert von Steffen Zimmermann, Berliner Korrespondent von katholisch.de, diskutierten der Bildungsminister der ersten freigewählten DDR-Regierung, Hans-Joachim Meyer (CDU), der Oberbürgermeister der Stadt Erfurt in der „Nach-Wende-Zeit“, Manfred Ruge (CDU), der evangelische Jugendpfarrer Lothar König, der Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr sowie der Erfurter Historiker Patrice G. Poutrus und der Fundamentaltheologe Michael Gabel über „Vermächtnis und Auftrag der Friedlichen Revolution“.
Sie würdigten den großen Mut all jener, die sich in der DDR um eine aktive Bürgerrechtsbewegung verdient gemacht und damit den Weg für die Ereignisse im November 1989 geebnet hatten. „Die Menschen können stolz sein, dass es ihnen gelungen ist, eine Diktatur abzuschütteln, ohne einen einzigen Tropfen Blut vergossen zu haben”, erklärte Bischof Neymeyr, der als gebürtiger Wormser die „westdeutsche“ Perspektive auf die Geschehnisse von 1989 einbrachte. Auch Manfred Ruge unterstrich, dass viele Leute damals etwas gewagt hätten.
Über die generelle Bedeutung zivilen Engagements äußerte Lothar König, der bis heute als Menschenrechtler aktiv in Jena wirkt: „Wir brauchen ein paar Aufrechte, die etwas wollen.“ Dem widersprach Hans-Joachim Meyer: „Nicht die Wenigen machen Geschichte, sondern die Menschen. Doch einige wenige können Vorbilder sein.“
Die Diskussion ging auch auf die Thüringer Landtagswahl ein, bei der wenige Tage zuvor fast 24% der Wähler für eine rechtspopulistische Partei mit rechtsextremen Strömungen gestimmt hatten. Patrice Poutrus, zum Zeitpunkt des Mauerfalls 29 Jahre alt, kritisierte die AfD scharf dafür, dass sie in ihrem Wahlkampf eine „Wende 2.0“ gefordert hatte. Die Verwendung eines solchen Begriffes bedeutet eine Gleichsetzung Deutschlands mit der DDR, erklärte er. Das sei eine ganz spezifische Form der Infamie. Mit Blick auf das zunehmende Erstarken populistischer Parteien rief er zur Wachsamkeit auf: “Man sollte immer bedenken, dass die gewonnene Freiheit auch wieder verloren gehen kann!”
Bischof Neymeyr erinnerte daran, dass es die deutsche Einheit nie gegeben hätte, „wenn nicht die Alliierten davon überzeugt gewesen wären, dass die Deutschen aus ihrer Geschichte gelernt hätten.“ Daher sei es problematisch, wenn nun ein Politiker wie Björn Höcke, den man laut Gerichtsurteil als „Faschisten“ bezeichnen darf, zunehmend an gesellschaftlicher Popularität gewinne.
Der Ausblick: Wohin mit Thüringen in Deutschland und Europa?
Den Bogen zwischen Vergangenheit und Zukunft spannte die zweite Diskussion am 13. November unter dem Titel „Thüringen heute in Deutschland und Europa“. Auf dem Podium saßen der ehemalige Thüringer Justiz- und Innenminister Holger Poppenhäger (SPD), die Erfurter Stadträtin Laura Wahl (Bündnis 90/Die Grünen), der Theologe und DDR-Oppositionelle Ehrhart Neubert sowie der Neutestamentler der Universität Erfurt Thomas Johann Bauer. Die Moderation übernahm Jan Hollitzer, Chefredakteur der „Thüringer Allgemeine“.
Laura Wahl als jüngste Podiumsteilnehmerin sprach von einer „Transformationserfahrung“, die auch in ihrer Generation noch spürbar sei. Eine Jugendbewegung wie „Fridays for Future“ bringe eine beständige Hoffnung auf Wandel zum Ausdruck. An eine “Transformationserfahrung” knüpfte auch Erhart Neubert an: „Revolutionen sind Prozesse – und wir wissen noch nicht, wo es hingeht.“ Gleichzeitig verursachten Umbruchsituationen wie jene von 1989/90 auch immer Schäden, deren Heilung über mehrere Generationen andauere. Holger Poppenhäger betonte, dass der gesellschaftliche Konsens, der der Wiedervereinigung zugrunde läge, seinen Ausdruck in der Verfassung finde und dass die Thüringer Verfassung eine bewusst “offene” sei, die ganz bewusst differenzierte Meinungs- und Stimmungsbilder zulasse.
Auf die Frage, ob sich die deutsche Gesellschaft für die Wiedervereinigung nicht genügend Zeit gegeben habe und die Debatte damit vielleicht zu schnell beendet worden sei, entgegnete Neubert: „Zur Demokratie gehört immer das eigene Engagement. Wer denkt, dass er bedient werden muss, ist unmündig!“ Thomas Johann Bauer hob den freiheitlichen Staat als ein hohes Gut hervor. Zur Demokratie gehöre aber auch, dass die eigenen Rechte dort endeten, wo die eines anderen begännen. „Wut kann und darf nicht das Prinzip sei, das unsere Gesellschaft leitet“, unterstrich er.
Der gebürtige Regensburger Bauer wies darauf hin, dass es nach der Wiedervereinigung von West- und Ostdeutschland nicht nur auf Seiten der neuen Bundesländer einen Wandel gegeben habe. Deshalb sei die heutige Bundesrepublik Deutschland nicht die alte Bonner Republik. Auch Neubert betonte, dass die Friedliche Revolution einen “Paradigmenwechsel” eingeleitet habe. Zu erkennen sei dieser auch in der europäischen Idee und dem freiheitlichen Rahmen, den sie ihren Mitgliedern biete, etwa durch die Reisefreiheit. Vor Abschottung und politischer Stimmungsmache gegen „Fremde“ warnte er: „Stabil wird ein Staat nicht, indem er auf Feinbilder aufbaut.“
Von Europa zurück nach Deutschland und Thüringen blickten Laura Wahl und Holger Poppenhäger. Wahl betonte dabei, dass für junge Menschen häufig gar nicht die „west-„ oder „ostdeutsche Herkunft“ relevant sei, sondern welchem Wohnviertel Kinder und Jugendliche entstammten. Poppenhäger sah die größten Probleme für den Freistaat dort, wo demografische Probleme lägen. Zur selbsterfüllenden Prophezeiung werde die Rede vom Schrumpfen des Freistaats Thüringen, wenn Menschen aus Unmut abwanderten, weil sie sich ihre eigenen Leistungen und den damit verdienten Stolz nicht gebührend vor Augen hielten.
Text: Desiree Haak/Niklas Wagner