"So ist Gott"

Predigt von Bischof Joachim Wanke bei der Erfurter Bistumswallfahrt 2008

Predigt von Bischof Joachim Wanke bei der Erfurter Bistumswallfahrt 2008

Liebe Brüder und Schwestern,


"Umsonst: geliebt". Das Leitwort unserer Wallfahrt ist doppeldeutig. Das hängt mit dem Wörtchen "umsonst" zusammen.


Umsonst kann heißen: Es war alles vergebens. Die Ärzte, die Schwestern auf der Intensivstation: Sie haben sich gemüht - und doch ist der Patient gestorben. Es war alles umsonst. Oder: Ich habe mich so im Betrieb angestrengt - und es hat mir alles nichts gebracht. Ich habe hart gearbeitet - aber ein anderer wurde befördert. Alle Anstrengungen waren umsonst. Oder: Ich hab so viel Mühe und Liebe in den Jungen investiert - und doch ist er schlimm auf Abwege geraten. Mein Einsatz war umsonst. Umsonst geliebt.


Oder eben die andere Bedeutung: Umsonst, das heißt "gratis".


Ihr Eheleute, habt ihr euch das im Stillen nicht auch manchmal gesagt: "Ich staune immer wieder, dass er, dass sie mich mag. Ich bin doch gar nicht so attraktiv, so ein Ü;berflieger, so ein Alleskönner. Im Gegenteil: ich hab meine Kanten und Ecken und fahre so schnell aus der Haut - und dennoch: Ich werde geliebt. Für nichts und wieder nichts! Gratis. Umsonst!"

Ja, selbst in unserer vom Geld beherrschten Zeit gilt: Es gibt Dinge, die bekommt man umsonst. Und das sind nicht die Unwichtigsten.



I.


Ob die Arbeiter im Weinberg, die erst eine Stunde vor Feierabend vom Gutsbesitzer angeheuert wurden, insgeheim diese vermessene Hoffnung gehabt hatten - nämlich auch den Tageslohn zu bekommen, mit dem sie ihre Familie ernähren konnten, einen Denar?


Und wenn dieser Gedanke einen kurzen Moment lang in ihrem Herzen aufgestiegen sein sollte - sie werden ihn schnell wieder unterdrückt haben. Sie werden sich gesagt haben: Warum sollte es hier anders zugehen als sonst? Hier geht es eben gerecht zu! Und die Gerechtigkeit verlangt, dass wir "Zu spät Gekommenen" eben nur einen Teil des Tageslohnes erhalten. Wo käme die Welt sonst wohl hin?


Wer von Ihnen, liebe Wallfahrer, einen Betrieb verantwortlich leiten oder einen Bereich managen muss, der wird dem zustimmen. Wo kämen wir denn hin, wenn der Lohn nicht der Leistung entspräche? Und auch Gewerkschaftler müssten dem innerlich zustimmen: Lohn muss ein Äquivalent von Leistung bleiben - sonst geht in der Wirtschaft alles drunter und drüber.


Und doch: Es gibt im Innersten des Herzens die Sehnsucht, die vermessene Hoffnung, nicht nur nach Leistung bemessen und abgefunden zu werden. Gerechtigkeit: Ja, und nochmals Ja. Wer mehr kriegt als ihm zusteht - über den murren wir auch, den zählen wir an, über den regen wir uns auf. Aber wenn es um uns ganz persönlich geht?


Nun geht es in diesem Gleichnis Jesu nicht um einen Handlungsanleitung für Wirtschaftsbosse. Es heißt nicht: Mit der Marktwirtschaft ist es wie mit einem Gutsbesitzer usw., sondern Jesus sagt: Mit dem Gottesreich verhält es sich so, wie ich euch jetzt anhand der folgenden Geschichte klarmachen will: Dort - im Gottesreich geht es nicht nur gerecht zu, sondern - mehr als gerecht. Dort gibt es das Entscheidende umsonst, gratis. Wie sollen wir das verstehen?


Eine kleine Beobachtung bei der Gleichnisgeschichte lässt uns aufhorchen. Es ist für die Hörer, die wussten, wie es in ihren Dörfern bei der Anwerbung von Tagelöhnern zuging, äußerst verwunderlich, dass der Gutsherr mehrfach auf den Markt ging, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben. Die Leute wussten ja: Da stehen schon früh am Morgen so viele da und warten auf Arbeit - da hätte eine einmalige Anwerbeaktion am Tagesanfang gereicht. Mit keiner Silbe ist ja gesagt, dass der Gutsherr nicht genügend Arbeitswillige gefunden hätte. Nein: Es heißt einfach in der Geschichte: Um die dritte Stunde (also vormittags um neun) ging er wieder auf den Markt... und um die sechste Stunden und um die neunte Stunde (also um zwölf und nachmittags um drei) - ja - und jetzt wird es vollends unwahrscheinlich, was Jesus da erzählt: Der Gutsbesitzer geht sogar nochmals am Nachmittag um fünf Uhr los, um Arbeiter anzuwerben - für ein oder zwei Stunden bis zum Abend!


Immer wenn bei Jesus Geschichten unwahrscheinlich werden, muss man besonders hinhören. Da merkt man, was Jesus sagen will. Ein normaler Gutsbesitzer handelt nicht so. Der ist zufrieden, wenn er morgens seine Truppe zusammenhat - und dann schert er sich einen Dreck um die anderen, die auch noch auf Arbeit warten.


Hier aber ist einer, der anders ist. Der anders handelt. Er schaut nach den Leuten. Und zwar nicht nur einmal am Tag. Alle drei Stunden geht er auf den Markt. Und sogar noch vor dem Feierabend - und alle erhalten einen Lohn, mit dem sie sich und ihre Familien einen Tag lang ernähren können, die Vollzeitarbeiter und die Zu-spät-Gekommenen - wider alle Erwartung.


Das schlägt der Erfahrung der Leute, die Jesus zuhören, ins Gesicht. Ihre Erfahrung ist: Es gibt die, die Glück haben, die einen Job ergattern - und es gibt die anderen, die eben kein Glück haben, die leer ausgehen - und mit knurrendem Magen nach Hause gehen müssen. So geht es eben in der Welt zu. Pech gehabt. Bist eben nicht dabei gewesen!


Nochmals: Jesus gibt hier keine Anweisungen für Arbeitgeber. Für die Sicherung der sozialen Gerechtigkeit müssen wir selbst Sorge tragen. Aber können wir allein von Gerechtigkeit leben? Wir brauchen den Rechtsstaat - und wir brauchen Tarife. Aber kann unser Herz allein davon satt werden? Und unsere Gesellschaft menschlich bleiben?


Der Gutsbesitzer im Gleichnis Jesu handelt anders als die Zuhörer es aus ihrem Alltag wissen. So handelt Gott, will Jesus sagen - ohne es auszusprechen. Er ist gerecht - aber er ist noch mehr als gerecht. Er belohnt - aber er gibt mehr als wir erwarten dürften. Er gibt umsonst, er gibt gratis. Er schaut nach uns aus, wo wir abbleiben. Er schaut aus, was mit den Zurückgelassenen wird. Er schaut danach aus, ob alle heimkommen - die Leistungsstarken und die Leistungsschwachen, und die, die es überhaupt nicht verdient haben, zu Hause - bei ihm - einen Platz zu haben.


Mir fällt spontan das andere Gleichnis Jesu vom verlorenen Sohn ein. Wir kennen es alle. Der Vater hat sich nicht zufriedengegeben, dass der jüngere Sohn davonzog. Die Wunde, die der trotzige Weggang ihm zugefügt hat, blieb in seinem Herzen.


Der Vater hat den Sohn, der wegwollte, gerecht behandelt. Er erhielt sein Erbteil. Er brauchte sich nicht zu beklagen.


Aber war der Vater verpflichtet, den Gescheiterten, den Heruntergekommenen, den Schandfleck der Familie, der sein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hatte, wieder in Ehren aufzunehmen? Nein, er war es nicht. Und doch hat er es gemacht. So "töricht" ist die Liebe, so überschwänglich. So sieht Gottes Gerechtigkeit aus. Sie gibt "umsonst". Sie ist gratis. Es ist Gerechtigkeit, die nicht uns, sondern die ihn bluten lässt.



II.


Liebe Schwestern und Brüder!

Die erste Botschaft dieses Gleichnisses lautet: So ist Gott. Er schaut nicht weg, sondern er schaut nach uns. Nach jedem. Auch nach Dir, der du meinst: Ich bin abgeschrieben. Ich tauge zu nichts mehr. Für mich interessiert sich keiner.


Die zweite Botschaft dieses Gleichnisses ist aber ebenso wichtig: Liebe ist niemals umsonst. Wir dürfen der heute herrschenden Ökonomie-Mentalität widersprechen: Es gibt Dinge, die sich nicht rechnen müssen:

  • dass ein Kind angenommen wird,
  • dass ein Sterbender liebevoll gepflegt wird,
  • dass Lehrer sich auch um die schwierigen Schüler mühen,
  • dass Eheleute in Treue zueinander stehen,
  • dass einer einem Kollegen, einer Kollegin hilft, obgleich er es nicht müsste,
  • dass wir stellvertretend für die Menschen dieses Landes Sonntag für Sonntag Heilige Messe feiern und im Gotteslob nicht nachlassen.

Heute ist ja auch der Caritas-Sonntag, der diesen Gedanken hochhält: Wir stehen für andere ein.


Liebe ist niemals umsonst. Das will uns der Herr heute neu sagen. Und daraus erwächst die Einladung an uns alle: dieses "Umsonst Gottes" im eigenen Leben nachzuahmen.


Das haben wir im vergangenen Jahr an der hl. Elisabeth von Thüringen neu buchstabieren gelernt. Es war ein gesegnetes Jubiläumsjahr - voll guter Impulse bis zum Höhepunkt des Bistumsfestes hier am Domberg genau vor einem Jahr. So dankbar ich dafür immer noch bin - dieses Jahr soll keine bloße Erinnerung bleiben.


Wirkt diese Elisabeth-Gesinnung weiter unter uns? Zeigt sie sich in konkreten Taten, bei mir persönlich, in unseren Gemeinden und Gruppen, in einem Projekt, in einer Initiative? Hier auf dem Platz wird gleich auf einer Bühne das zum Thema werden: Elisabeth will uns weiter begleiten.


Seht, so fangen wir an, Bürger des Gottesreiches zu werden, von dem Jesus im Gleichnis spricht. Seiner Botschaft trauen heißt: das Unmögliche zu erhoffen, und in der Kraft dieses festen, auf Gott gerichteten Glaubens in dieser Welt das uns Mögliche zu wagen, um die Welt barmherziger, menschlicher zu machen.


Liebe Brüder und Schwestern! Ihr wisst: Wenn die Liebe erkaltet, fängt meist das große Rechnen an. Schenken wir uns gegenseitig mehr als nur den gerechten Lohn! So geht Gott mit uns um. Vor Ihm sind wir alle "Zu spät Gekommene". Amen.

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