Sich von der Gottes- und Nächstenliebe leiten lassen

Predigt von Weihbischof Reinhard Hauke am Fest der heiligen Elisabeth, 19. November, im Erfurter Dom

 

Bild: Bistum Erfurt / Barbara Neumann; In: Pfarrbriefservice.de

Lesungen: 1 Joh 3, 14-18; Lk 6, 27-38


Dr. Arno Wand, ein Historiker aus dem Bistum Erfurt, schreibt in seinem Buch „Die Geschichte der Kirche Thüringens. Von Radegunde bis Elisabeth“:

„Im Jahr 1217 übernahm Ludwig die Regierung in Thüringen. In diesem Jahr rüstete sich das bayerisch-österreichisch-ungarische Herr, um unter König Andreas II., Elisabeths Vater, von Split nach Akkon in das Heilige Land aufzubrechen. Diese Expedition gegen die Sarazenen scheiterte, der ungarische König musste den Rückweg antreten.1218 kam es wegen Besitzrechten an hessischen Kirchenlehen zu einer Auseinandersetzung zwischen dem Landgraf und dem Mainzer Erzbischof. Erzbischof Siegfried von Eppstein drohte dem Landgraf  Ludwig mit dem Bannspruch. Ludwig überfiel daraufhin die erzbischöflichen Besitzungen in Thüringen und Hessen und das Erfurter Stadtgebiet. Dank der Vermittlung der Äbte von Hersfeld und Fulda kam es 1219 zum Friedensschluss….


Im Frühjahr 1226 kam auf die Landgräfin Elisabeth eine große Herausforderung zu. Es herrschte große Hungersnot. Ludwig war zu dieser Zeit vier Monate außer Landes. Er nahm an dem vom Kaiser nach Cremona einberufenen Reichstag teil. Zuvor hatte er Elisabeth die Regierungsgeschäfte übertragen…. Elisabeth ordnete Almosenverteilung an. Sie setzte die Vorräte des Landes für die leidenden Untertanen ein und konnte eine zerstreute, dezentrale Verteilung der Tagesrationen ermöglichen.“


Es war nicht selbstverständlich, dass sich die Landgräfin um die leibliche Not ihres Volkes kümmerte. Es muss sie dazu etwas bewogen haben, das als außergewöhnlich für die damalige Zeit in ihrem Stand bezeichnet werden kann: Ihre wenigen Worte, die überliefert sind, lassen es uns ahnen. Es heißt, dass sie gesagt haben soll:
„Gern müssen wir Leiden erdulden, sind wir doch wie ein Schilf, das am Flussufer wächst. Schwillt der Fluss, so beugt sich das Schilf und taucht unter, und das Wasser fließt darüber hinweg, ohne es zu verletzen. Hört aber das Hochwasser auf, so richtet sich das Schilf wieder empor und wächst in seiner Kraft fröhlich und erquickt weiter.“


Welchem Fluss mit Schilf am Ufer hat Elisabeth zugeschaut? War es die Werra bei Creutzburg oder die Unstrut am Fuß der Neuenburg, einer Besitzung des Landgrafen von Thüringen? War es ein Fluss aus ihrer ungarischen Heimat bei Sárospatak oder die Donau bei Bratislava, wo Elisabeth einmal bei Verwandten wohnte? Sie beobachtet das Schilf am Ufer und nicht den Fluss. Sie sieht eher die Wirkungen des Wassers, als das Wasser selbst. Die Folgen vom mächtigen Tun des Wassers sind bei ihr im Blick. Wir wissen, dass sie sich öfter über die Folgen von Macht und Machtmissbrauch Gedanken gemacht hat. Ungerecht Erworbenes hat sie nicht gegessen oder getrunken. Ihr Mann Ludwig wusste davon, dass sie sehr eigen war in dieser Entscheidung, aber er hat sie respektiert.


Hochwasser haben zu allen Zeiten verschiedene Namen. In unserer Zeit ist es die Pandemie und wir sehen das Schilf am Rand des Flusses gebeugt oder sogar schon unter der Wasseroberfläche. Wir wissen nicht, ob das Hochwasser noch steigen wird und ob das Ufer nicht noch überschwemmt wird. Es gibt zwar schon das Licht am Ende des Tunnels seit der Mitteilung, dass ein Impfstoff gefunden wurde, der 90% Wirkung zeigt. Es fragen schon die Ersten: Und warum nicht 100%-Wirkung? Wir wünschen uns immer 100%ige Wirkung und vergessen dabei, dass es ja schon gut sein kann, wenn das Schilf aus dem Wasser herausschaut.


Die Politikerin Elisabeth hat ein Herz für die Armen. Sie handelt aus dem Geist der Gottes- und Nächstenliebe. Sie sieht in den Untertanen Menschen, die um ihr Überleben kämpfen müssen. Sie erkennt, dass sie allein die Macht hat, hier Not zu lindern und vielleicht auch zu beseitigen. Hungersnöte sind bisweilen auf menschliches Versagen zurück zu führen. Weil Kriege tobten, konnten Felder nicht bestellt werden oder wurden Tiere willkürlich bei Plünderungen weggeführt und geschlachtet. Sicherlich gab es auch Pandemien, die nicht menschengemacht waren. Hygienische Missstände haben vielleicht noch zu größerer Verbreitung beigetragen – das wiederum war menschengemacht. Aber es gab immer schon die Naturkatastrophen, die ganze Landstriche entvölkert haben. Sie haben bisweilen dazu geführt, dass Wissenschaftler Gegenmittel erfinden mussten, um Pandemien wie Pest und Cholera zu beseitigen. Viele Mittel wurden auch gefunden und liegen bis heute bereit, da bisweilen auch besiegte Krankheiten wieder auftauchen.

Wir erleben derzeit, wie Wissenschaft und Wirtschaft zusammenarbeiten, um ein Gegenmittel gegen Corvid19 zu finden. Ich bin froh, dass es viele Institute gibt, die sich der Aufgabe gestellt haben, möglichst zeitnah einen Impfstoff zu finden. Das Ringen um die gerechte Verteilung hat schon begonnen und es geht dann wiederum um den Menschen, der Prinzipien der Gerechtigkeit schaffen und durchsetzen muss. Hier ist die Macht des Menschen gefragt, die am besten von der Gottes- und Nächstenliebe sich leiten lassen muss, wenn alles gut werden soll.


Die Nächstenliebe wird nach den Worten des 1. Johannesbriefes als eine Brücke bezeichnet, über die wir vom Tod zum Leben gehen können. Wer die Nächstenliebe nicht hat, gilt als tot und wird im Tod verbleiben. Schon der Hass des Bruders und der Schwester gilt als Tötungsdelikt. Der 1. Johannesbrief beschreibt auf diesem Hintergrund aber auch das Leben und Wirken Jesu, das allein aus Nächstenliebe bestanden hat und deshalb uns dazu anregt und ermutigt. Auch sollen wir nicht nur von der Nächstenliebe reden, sondern sie auch tun.


Das Evangelium fordert uns durch die Worte Jesu über das schon Gesagte hinaus zur Feindesliebe als eine besondere Form der Nächstenliebe auf. Dabei denke ich immer wieder an ein Gespräch mit einem Taufbewerber. In einem Gespräch über die Nächstenliebe fragte er nach der Obergrenze von Nächstenliebe. Ich sagte ihm daraufhin, dass es diese nicht gibt, sondern sogar die Feindesliebe von Jesus darauf gesetzt wurde. Daraufhin kam er nicht mehr zu den Gesprächen. Wir haben vielleicht sogar Verständnis für eine solche Reaktion, denn wir wissen um die besondere Herausforderung, die dahinter steckt. Hier müssen wir Emotionen in den Griff bekommen, die fast übermenschlich erscheinen.

Für meine Mutter, die als Vertriebene von einem russischen Soldaten mit einem Gewehrkolben geschlagen wurde, weil sie für uns Kinder Lebensmittel erbat, war es eine besondere Herausforderung, ohne Hass an einer Kaserne vorbei zu gehen, die in der Nähe der katholischen Kirche in Weimar lag. Es war eine besondere Herausforderung für sie mitzuerleben, wie wir Kinder die russische Sprache in der Schule lernen mussten.

Es ist bis heute eine große Herausforderung unserer Kirche, die Tatsache des sexuellen und geistlichen Missbrauchs in der Kirche wahrzunehmen und zu bearbeiten, was ja auch bedeutet: Täter zu ermitteln, anzuzeigen und zu bestrafen. Wir hören in den Nachrichten von Entscheidungen des Papstes, dass Kardinäle sämtliche Würdigungen und Privilegien aberkannt bekommen, was bisher undenkbar gewesen ist. Dennoch bedarf es aber auch der seelsorglichen Sicht auf diese Verbrechen, wie es unsere Gefängnisseelsorgerinnen und –seelsorger immer wieder versuchen müssen. Auch innerhalb des Klerus erleben wir die Diskussionen um einen seelsorglichen Umgang mit Tätern, wo gefordert wird, doch auch die Barmherzigkeit Gottes ins Spiel bringen zu können. Derjenige, der dazu die Macht hat, muss entscheiden, wie er damit umgeht. Auch der Feind muss zu essen und zu trinken bekommen. Das ist eine Seite der Verpflichtung Jesu. Ob das schon ausreicht, um der Aufforderung Jesu nach Nächstenliebe nachzukommen, ist eine Frage, die jeder und jede für sich beantworten muss. Diese Frage muss wie ein Stachel im Fleisch bleiben und uns unruhig machen, wenn wir von Ungerechtigkeit, Krieg, Hunger und Katastrophen erfahren.

Wem wenden wir uns zu und geben von dem, was wir geben könnten? Hilft das wirklich dem Bettelnden oder unterstützen wir damit nur sein Unvermögen, das Leben zu meistern? Nehmen wir damit nicht anderen die Verantwortung ab, Gutes zu tun, Not zu beseitigen? Im Hinblick auf die kälter werdende Jahreszeit wird bei mir wieder die Frage nach ausreichender Hilfe für Obdachlose in Erfurt und Thüringen wach. Ich wurde schon darüber belehrt, dass es Wohnungslose und Obdachlose gibt und man sie unterscheiden muss. Nicht jeder will ein Dach über dem Kopf haben und dadurch vielleicht eine Kontrolle über sein Leben zulassen.

Dennoch bleibt meine Unruhe bezüglich aller, die gern ein Dach über dem Kopf und ein warmes Bett haben würden. Sind alle Verantwortlichen in Kirche und Gesellschaft sicher, dass alles dafür getan wurde, diese Möglichkeit zu eröffnen? Zumindest können wir unruhig werden angesichts der Flüchtlingssituation, die sich in den Lagern Moria und anderswo zeigt. Wir hören von den Bemühungen und auch von Bedenken. Wir wissen, dass nicht jeder Flüchtling ein Heiliger ist. Dennoch bleibt die Frage, ob nicht doch in Großzügigkeit alle bekannten Probleme bearbeitet werden müssen, damit Unschuldige nicht unnötig leiden. Daher unterstütze ich alle Bemühungen um die großzügigere Aufnahme von Flüchtlingen aus den Lagern am Mittelmeer. Wir kennen die kirchlichen Herausforderungen der Seelsorge, die damit verbunden sind.

Gottesdienste in der Tradition der Eritreer sind für uns hier auf dem Domberg, in anderen Kirchen der Stadt oder auch in anderen Städten immer noch befremdlich, aber sie zeigen die Verbindung von Kult und Kultur eines Volkes. Das Interesse, die heimatliche Tradition in Kirche und Gesellschaft lebendig zu erhalten, kenne ich durch meine eigene Familiengeschichte und durch meine Arbeit als Vertriebenenbischof zur Genüge. Manche Tradition verliert sich und geht in anderer Tradition auf. Manches aber bringt neue Farbe in den Farbenkanon unserer römisch-katholischen Kirche in Thüringen und Deutschland. Da kommt nicht immer gleich ein Hochwasser auf uns zu, wenn sich Veränderungen durch Kulturen und Religionen zeigen.

Die Kraft der Gottes- und Nächstenliebe vermag es, hier gute Wege zu Gerechtigkeit und Frieden zu finden.
Wir hoffen auf die Mitwirkung des Gottesgeistes, dass wir auch nach dem Abschwellen des Flusses „fröhlich und erquickt“ unsere Arbeit machen können.

Bei allen Veränderungen wünsche ich mir großes Gottvertrauen, wie wir es auch am letzten Sonntag im Evangelium von den Talenten gehört haben, die der Geldgeber im Vertrauen ausgeteilt hat, dass jeder nach seiner Fähigkeit das Optimale und vielleicht auch Maximale an Gewinn erwirtschaftet. Das Geldstück in der Erde vergraben, hilft niemandem. Die eigenen Fähigkeiten und Kräfte nur begrenzt einzusetzen, bringt keinen Fortschritt. Wir wollen nicht nur auf die Folgen des Hochwassers achten, sondern bemühen uns ebenso, den Fluss des Stromes zu erforschen und zu beeinflussen. Hilfreich ist für uns, wenn wir die Fachleute in Fragen der Theologie und Caritas befragen.

Hilfreich ist auch genauso, wenn wir mit Dank den Dienst der Haupt- und Ehrenamtlichen in der Seelsorge und Caritas begleiten. Dadurch kann Hochwasser vermieden werden. Und wenn es dann doch kommt, dann bleibt uns das Vertrauen, dass uns zugesagt wurde: Gott lässt uns nicht allein! Wo die Not am größten ist, da findet sich mit Sicherheit eine Spur Gottes. Seien wir wachsam für diese Spuren hier in unserem Bistum. Vielleicht kreuzen sie sich manchmal mit denen, die die heilige Elisabeth gegangen ist.