(S)ein gutes Wort teilen

Predigt von Bischof Ulrich Neymeyr bei der Frauenwallfahrt am 2. Juni auf dem Kerbschen Berg / Dingelstädt

Bild: Peter Weidemann; in: Pfarrbriefservice.de

Liebe Mitchristen,

einen Behindertenseelsorger habe ich einmal gefragt, was aus seiner Sicht schlimmer sei: Wenn jemand nicht sehen kann oder wenn er nicht hören kann. Ich war erstaunt, wie spontan er antwortete: „Es ist schlimmer gehörlos zu sein als blind!“ Er sagte, der Blinde könne, sobald er mit anderen Menschen an einem Tisch sitzt, vollumfänglich mit ihnen kommunizieren. Er könne hören, an welchem Platz derjenige sitzt, der gerade spricht und er wisse, welche Miene dieser beim Sprechen mache.

Daran musste ich denken, als mir bei der Ausbildung zum Sprecher für Verkündigungssendungen im Radio beigebracht wurde, immer zu lächeln. Der Radiohörer könne „sehen“, ob man lächelt, sagte der Ausbilder. All dies macht deutlich, wie wichtig für uns Menschen die Kommunikation über Sprache und Worte ist.

Jede von Ihnen wird sich an Worte erinnern, die Sie bis ins Mark verletzt haben. Und an Worte, die Sie aufgebaut und getröstet haben. Sie werden sich an Worte erinnern, die Sie gerne wieder zurücknehmen würden. Und an solche, die Sie in einer bestimmten Situation leider nicht gesagt haben.
Wir erleben zurzeit einen unglaublichen Missbrauch der Sprache in der Politik: Es werden Begriffe erfunden, die ganze Menschengruppen aufs Gemeinste diskriminieren. Es werden ganz bewusste Begriffe verwendet, die durch ihren nationalsozialistischen Hintergrund vergiftet sind. Parolen ersetzen Worte.

Bei all dem Unheil, das Worte im privaten und öffentlichen Bereich anrichten können, können wir den Satz gut verstehen, dass der Körperteil, mit dem am meisten gesündigt wird, die Zunge ist. Das weiß übrigens schon die Bibel. Im neutestamentlichen Jakobusbrief heißt es: „Denkt an die Schiffe: Sie sind groß und werden von starken Winden getrieben und doch lenkt sie der Steuermann mit einem ganz kleinen Steuer, wohin er will.“ (Jak 3,4-5). Auf dem Hintergrund dieser Erkenntnisse gibt der Epheserbrief in der Lesung, die wir heute gehört haben, den guten Rat: „Über eure Lippen komme kein böses Wort, sondern nur ein gutes, das den, der es braucht, stärkt und den, der es hört, Nutzen bringt!“ (Eph 4,29).

Das Leitwort der diesjährigen Frauenwallfahrt heißt: „Sein gutes Wort teilen“. Es erinnert uns daran, dass wir auch mit unserem Gott in einer Kommunikation stehen, die sich der Worte bedient. Das, was Menschen mit dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs erlebt haben, haben sie niedergeschrieben in dem Teil der Bibel, den wir als Altes Testament bezeichnen. Die Worte Jesu wurden aufbewahrt in den Evangelien des Neuen Testamentes. Auch wenn diese Worte vor langer Zeit niedergeschrieben wurden, sind sie Worte, die uns heute noch ansprechen. Daher sagt der Lektor im Gottesdienst nach der Lesung: „Wort des lebendigen Gottes.“ In den unterschiedlichen Lebenslagen, in denen wir Menschen sind, werden uns dieselben Worte der Bibel immer wieder aufs Neue und manchmal überraschend andere Art und Weise ansprechen.

Wir kennen unsere Reaktionen auf das Wort Gottes und fühlen uns durch das Evangelium des heutigen Tages vielleicht auch ein wenig ertappt: Auch bei uns verblasst die Begeisterung über eine ansprechende Predigt, die wir gehört haben, sehr schnell. Das Wort, das uns so beeindruckt hat, schlägt keine Wurzeln und geht schnell vergessen. Manchmal geht es uns beim Beten so, dass die Sorgen der Welt sich vordrängen und wir mehr über unsere persönlichen Probleme nachdenken, als über die Begegnung mit dem lebendigen Gott. Aber wir kennen auch die Erfahrung, dass eine Lesung in der Bibel, die Teilnahme an einem Bibelkreis oder am Bibelteilen oder das Hören einer guten Predigt uns bis ins Innere trifft und verwandelt. Dann wirken solche Worte als Samenkörner des Glaubens und bringen Frucht.

Mich beeindruckt am Gleichnis vom Sämann, dass der  Sämann so großzügig aussät. Er nimmt in Kauf, dass manche Körner auf den Weg fallen, auf felsigen Boden oder in die Dornen. In der heutigen modernen Agrartechnik kann dies nicht mehr geschehen. Der Boden wird mit Sensoren abgetastet und Samenkörner fallen nur auf gut vorbereiten Boden. Gott dagegen ist großzügig uns Menschen anzusprechen, sein gutes Wort mit uns zu teilen. Damit ist er uns ein gutes Vorbild, damit auch wir, wie es im Epheserbrief hieß, nicht mit guten Worten sparen. Mit Worten, die den, der sie braucht, stärken und den, der sie hört, Nutzen bringen.

Wir werden uns nachher wie bei jeder Eucharistiefeier darauf vorbereiten, dass Jesus Christus durch den Empfang der Heiligen Kommunion in Lebensgemeinschaft mit uns eintritt, dass uns sein gutes Wort erreicht. Wir werden die berühmten Worte des römischen Hauptmanns nicht nur sagen, sondern auch singen: „Herr, sprich nur ein Wort und meine Seele wird gesund.“ Ich habe mich einmal gefragt, was dieses eine einzige Wort sein könnte, durch das Gott meine Seele gesund macht. Ich glaube, es ist mein Name. Deswegen ist es auch wichtig, dass bei den Sakramenten, die nur einmal gespendet werden, der Name des Empfängers genannt wird. Mit diesem Namen sind wir von Gott gerufen und wenn wir uns innewerden, dass Gott uns mit unserem Namen persönlich anspricht, dann werden wir von innen heraus heil.