Sehnsucht nach Leben

Osterwort von Bischof Ulrich Neymeyr

Die staatlich verordneten Kontaktbeschränkungen sind für viele Menschen kaum noch erträglich. Die meisten fügen sich mühsam. Manche haben die Notwendigkeit erlebt, weil sie selbst erkrankt waren oder Erkrankte kennen, vielleicht auch, weil sie einen lieben Angehörigen verloren haben oder Angehörige Verstorbener kennen. Andere sehen keine große Gefahr. Nur kurzfristig waren Krankhäuser in Deutschland überfordert. Wieder andere sind einfach nur leichtsinnig. Alle verbindet eine Sehnsucht: „Ich möchte mein altes Leben wieder haben.“
 
Leben ist mehr als Existieren. Es ist sehr unterschiedlich, was Menschen an ihrem alten Leben vermissen: Kindergartenkinder vermissen die anderen Kinder und die unerschöpflichen Ideen der Erzieherinnen, was sie spielen können. Schulkinder vermissen ihre Mitschüler und das strukturierte Lernen. Junge Erwachsene vermissen die Gemeinsamkeit in der Ausbildung und im Feiern. Alle vermissen Begegnungen mit Angehörigen und Freunden, das reiche kulturelle Leben, gemeinsamen Sport, unbeschwerten Urlaub, Begegnungen ohne Mundschutz usw. Es ist eine interessante, aber auch persönliche Frage: „Was an deinem alten Leben vermisst du am meisten?“
 
Wir Christen ersehnen nicht nur das alte Leben. Gerade an Ostern feiern wir das Leben mit Gott, das unvergänglich ist. Wir hoffen, dass es einen Gott gibt, der unser Leben behütet, auch wenn wir sterben müssen. An Ostern ist unser Zeichen für diese Hoffnung und für dieses Leben eine Kerze. Eine Kerze ist keine Fackel. Sie ist leicht auszulöschen, aber eine einzige Kerze kann auch einen großen Raum so erhellen, dass man die Gesichter der Menschen erkennen kann. Eine Kerze wärmt und tröstet unser Herz. Das erleben viele, die für ihre lieben Verstorbenen eine Kerze entzünden, die in der Zeit der Pandemie gestorben sind und von denen sie oft nur in ganz kleinem Kreis Abschied nehmen konnten. In diesem Jahr ist Ostern in ganz besonderer Weise das Fest der Sehnsucht nach Leben.