Sehnsucht nach dem Paradies

Begrüßungsansprache von Bischof Joachim Wanke beim Kulturempfang des Bistums Erfurt

Ich freue mich, dass heute Abend Menschen hier zusammenkommen, die in ganz unterschiedlichen Bereichen von Kunst und Kultur tätig sind. Zum Beispiel im Bereich der Bildenden Kunst und dem Theater, als Schriftsteller oder Galeristen, im Bereich des Denkmalschutzes oder als Architekten, als Kulturwissenschaftler und als Theologen.


Den Letzteren ergeht es schon manchmal merkwürdig. Da geht uns der Begriff "Paradies", über Jahrhunderte hinweg fester Bestandteil unserer Verkündigung, nur noch schwer über die Lippen und dann taucht dieser Begriff z. B. selbstbewusst als Ü;berschrift im Kulturprogramm 2005 der Stadt Erfurt auf: "Sehnsucht nach dem Paradies".


Diese Formulierung knüpft an eine interessante Zeit der neueren Kunstgeschichte an. Von Paul Gauguin bis Max Pechstein bestimmte diese Sehnsucht nach dem heilen Leben Kunst und Alltag. Zugleich war es ein Versuch an ursprünglichen und einfachen künstlerischen Aussagen neu anzuknüpfen. Dieser scheinbare Rückbezug war auch mit der Ahnung verbunden, auf das scheinbar Grundsätzliche des Religiösen gestoßen zu sein. Da war die Magie, die von den afrikanischen Masken ausging und Maler wie Ernst Ludwig Kirchner oder Pablo Picasso angeregt hat. Aber es war auch das Aufgreifen der Bedeutung von Ikonen, die selbst keine Realität abbildeten, aber eine göttliche Kraft vergegenwärtigten, wie bei Kasimir Malewitsch mit seinem "Schwarzen Quadrat".


Der Begriff "Paradies" lässt uns nicht los. Er bleibt erhalten, selbst in der Formulierung: "Das Paradies gibt es heute nicht." oder "Das Paradies ist dort, wo man sich am wohlsten fühlt, wo es einem gut geht." - Bemerkungen in Zusammenhang mit einem Projekt der Spurensuche von Schülern der Erfurter Malschule in diesem Jahr.


Diese Spurensuche setzt fort, was bereits im Meister Eckhartjahr fassbar wurde: das Wissen, dass es für uns als Menschen notwendig ist, den Raum des Transzendenten, den Himmel, offen zu halten. Ob dies - ein Blick nach vorn -vielleicht auch im Elisabethjahr 2007 so sein wird?


Wer das Kulturprogramm der Stadt Erfurt erwähnt, darf natürlich erst recht nicht das Schillerjahr 2005 übersehen. Vielleicht hätte Schiller gerade die letztere Aussage: "Das Paradies ist dort, wo man sich am wohlsten fühlt, wo es einem gut geht," durchaus unterschrieben. Nein, verdrängt hat Schiller den Begriff "Paradies" sicher nicht. Er bedauert durchaus die Entzauberung und die Entseelung der Welt durch Rationalismus und nüchterne, bürgerliche Wirtschafts-gesinnung. Dabei ist Friedrich Schiller sicher nicht der Zeuge für Glauben und Religion. Dem Geltungsanspruch und der Verbindlichkeit eines Offenbarungsanspruchs hat er sich entzogen. Aber die Religion, besonders der Monotheismus lässt ihn nicht los, wie seine Vorlesung "Die Sendung Moses" 1789 in Jena belegt. Nein - Friedrich Schiller ist kein Kronzeuge der Theologen, aber vielleicht ist er ein gutes Beispiel dafür, wie in einer rationalen und säkularen Welt noch um den Ort der Transzendenz gewusst werden kann, ohne zu wissen wie, oder gar zu wagen diesen Ort zu besetzen. In der 1803 - zwei Jahre nach Maria Stuart - geschriebenen Vorrede zur "Braut von Messina" heißt es: "Unter der Hülle aller Religionen liegt die Religion selbst, die Idee eines Göttlichen, und es muss dem Dichter erlaubt sein, dies auszusprechen, in welcher Form er es jedes Mal am bequemsten und am trefflichsten findet."


Schiller hat den Ort der Transzendenz leer, aber offen gelassen. Wissen wir heute noch um diesen Ort? Mir steht hier ein drittes Ereignis in diesen Jahr noch lebhaft vor Augen, der Weltjugendtag in Köln. Die Wirklichkeit des christlichen Glaubens in den Ausdrucksformen junger Menschen war in diesen Tagen lebendig und oft ausdrucksstark mit Händen zu greifen. An die große europäische Tradition der Glaubensgeschichte wurde in der Ausstellung "Ansichten Christi" im Wallraf-Richartz-Museum erinnert. Und dennoch sprach Papst Benedikt XVI. von der "merkwürdigen Gottvergessenheit" unserer Tage. Eine Gottvergessenheit, die durchaus den heute festzustellenden Boom des Pseudo-Religiösen mit hervorgerufen haben kann. Glaube ist aber mehr als Wellness. Er ist Antwort auf Begegnung, er ist Zumutung und bleibt fortwährend Herausforderung zur Entscheidung. Er erinnert uns an das Unverfügbare, das man sich nicht nehmen, sondern höchstens schenken lassen kann.


Es könnte vielleicht sein, dass diese Leere, diese Gottvergessenheit, ihren Grund im Ausfall des Bewusstseins für Schuld hat. Der israelische Schriftsteller Amos Oz hat dies in seiner Ansprache in der Frankfurter Paulskirche anlässlich der Verleihung des Goethe-Preises so formuliert: "Irgendwann im 19. Jahrhundert kam (...) eine neue Denkweise auf, die das Böse beiseite schob, ja sogar seine bloße Existenz leugnete".


Es muss uns Theologen und Seelsorger nachdenklich machen, von dieser Seite daran erinnert zu werden, dass die Moderne - vielleicht in Folge der Gottvergessenheit, des Unschuldswahns - auch das Böse und den Bösen entlassen hat. Schuld sind heute immer die anderen oder die Strukturen oder unsere "neurotrale Verschachtelung" (wie die Hirnphysiologen sagen) und nicht zuletzt die Gesellschaft. "Es begann", sagt Oz, "die große Weltmeisterschaft im Opfersein". Dort, wo die Freiheit zum Bösen geleugnet wird, gibt es bald auch keine Freiheit zum Guten. Dort erlischt das, was den Menschen zum Menschen macht.


Können hier Theologen Hilfe durch die Kunst erhalten? Ist der Judas in der Aufführung bei den diesjährigen Domstufen-Festspielen nicht nur eine der nachdrücklichsten Gestalten der Rockoper sondern auch künstlerische Widerspiegelung lebendiger Realität? Wer ist heute in der Literatur der Sekretär Worm aus "Kabale und Liebe", der noch weiß, "dass ein Gran Hefe hinreicht, die ganze Masse in eine zerstörerische Gärung zu setzen"? Wie wird heute das Gegenüber von Unfreiheit des Menschen auf der einen und der Hoffnung auf Heil auf der anderen Seite dargestellt, das Max Beckmann 1932/1933 in seinem Triptychon "Abfahrt" in überzeugender Weise malte?


Wer nicht um die Möglichkeit von Schuld und die Realität des Bösen weiß, kennt auch keine Sehnsucht nach dem Paradies.


Dass Sie, liebe Damen und Herren, immer wieder in Wort und Bild, in Musik und Darstellung, in Theatern, Galerien und Museen einen Ort freihalten, der es möglich macht die Endlichkeit des Menschen, aber eben auch das Paradies zu bedenken, dafür möchte ich Ihnen heute und hier einmal ausdrücklich danken.



(Erfurt, 6.10.2005)



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