Segnen und gesegnet werden

Predigt von Bischof Dr. Ulrich Neymeyr bei der Eröffnung der Diaspora-Aktion des Bonifatiuswerkes am Sonntag, 5. November 2017 im Erfurter Dom St. Marien

Vermutlich haben Sie schon einmal den rührseligen Film „Der kleine Lord“ gesehen. In diesem Film gibt es eine Szene, in der die Mutter des kleinen Lord zur Kirche geht. Dort begegnet ihr eine alte Frau aus dem Dorf. Diese knickst tief und sagt: „Möge Gott Sie beschützen!“ Die Mutter des kleinen Lord erwidert: „Es besteht kein Grund, vor mir zu knicksen, Madame. Für den Segen aber danke ich von Herzen.“

In der Theologie war das Thema Segen lange Zeit völlig unbeachtet. Im Jahre 1968 klagte Claus Westermann im Vorwort zu seiner Monografie: „Der Segen in der Bibel und im Handeln der Kirche“: „Weder die systematische noch die biblische Theologie hat sich jemals sonderlich für den Segen interessiert. Die Frage nach dem Segen liegt abseits der begangenen Straßen der theologischen Forschung.“  Erst in den letzten Jahren hat das Thema Segen in der Theologie neue Aufmerksamkeit erfahren. Dabei scheint das Thema Segen protestantische Theologinnen und Theologen wesentlich stärker herauszufordern als ihre katholischen Fachkolleginnen und -kollegen. Offenbar gibt es in den Kirchen der Reformation größere Ängste, Segenshandlungen könnten als magische Praktiken oder doch zumindest als der theologisch zu bekämpfende Versuch einer Einflussnahme des Menschen auf Gott missverstanden werden. Im Jahre 1998 erschienen zwei Publikationen zum Thema Segen, die auf großes Interesse stießen.  Wichtige Impulse gingen auch vom ökumenische Kirchentag 2003 aus, der unter dem Thema stand: „Ihr sollt ein Segen sein.“

Für die Segenpraxis der katholischen Kirche wurde die Studienausgabe des Benediktionale maßgeblich, die 1977 zugelassen wurde. Auf die Lebensgemeinschaft zwischen Gott und Mensch weist der eigenartig wechselnde Gebrauch des Begriffes Segen in den antiken Sprachen hin. Sowohl für das griechische Wort eulogein als auch für den lateinischen Begriff benedicere gilt: Spricht es vom Wirken Gottes, dann bedeutet es Segnen - spricht es aber vom Tun des Menschen, dann bedeutet es Lobpreisen. Das Segnen Gottes hat demnach sein Ziel erst dann erreicht, wenn der Mensch auf diesen Segen im Lobpreis Gottes antwortet. Dieser Lobpreis bewirkt wiederum Segen. In diesem Sinn sagt der Hl. Augustinus: „Wir wachsen, wenn uns Gott segnet und wir wachsen, wenn wir Gott preisen. Beides ist gut für uns. Das erste ist, dass Gott uns segnet und weil er uns segnet, können wir ihn preisen. Von oben kommt der Regen, aus unserem Erdreich wächst die Frucht.“

Dieser Satz des Hl. Augustinus beleuchtet das Leitwort der diesjährigen Diaspora-Aktion „Unsere Identität. Segen sein“. Zweifelsohne ist das Bonifatiuswerk ein großer Segen für die Kirche in den Ländern und Gegenden, in denen es nur sehr wenige katholische Christen gibt. Die Unterstützung beim Bau und Erhalt von Gebäuden, beim Kauf von Fahrzeugen, bei pastoralen Projekten, bei der Sicherung des Lebensunterhalts der Priester und pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie die Förderung der Ausbildungsstätten ist wahrhaft ein Segen für die Kirche. Ich spreche hier auch aus der Erfahrung eines Diasporabischofs. Die Spenden und die Unterstützung der großherzigen Förderer und Mitarbeiter des Bonifatiuswerkes ist Ausdruck ihres Gotteslobes. Dieses Gotteslob wird zum Segen für die katholischen Christen in der Diaspora, die dann ihrerseits wieder das Gotteslob verstärken: „Wir wachsen, wenn uns Gott segnet und wir wachsen, wenn wir Gott preisen. Beides ist gut für uns. Das erste ist, dass Gott uns segnet und weil er uns segnet, können wir ihn preisen.“

Die Unterstützung durch das Bonifatiuswerk, seine Gönner und Mitarbeiter ist aber für die Kirche in der Diaspora nicht nur ein Segen, sie ist auch ein wichtiges Zeichen der Solidarität und eine Ermutigung. Durch meine Erfahrung als Weihbischof in Mainz und als Bischof in Erfurt weiß ich wohl, dass es ein sehr großer Unterschied ist, ob die Diasporakirche in einem Umfeld mit einer überwältigenden Mehrheit von Christen (eben anderer Konfession) lebt oder ob die Mehrheit der Mitmenschen seit Generationen keine Religion kennt und als Folge staatlicher ideologischer Indoktrination Vorbehalte gegenüber Religion hat. Wir brauchen hier die Solidarität der großen Kirchen, finanziell und personell, aber auch spirituell. Als ich hierher kam, hat es mich erstaunt zu erfahren, dass die Priester 1 % ihres Gehaltes an das Diaspora-Kommissariat der deutschen Bischöfe spenden, ein Hilfswerk der deutschen Priester, die damit Priester für ihren Dienst in Nord- und Osteuropa unterstützen, da sie dort dringend auf finanzielle Hilfe angewiesen sind. Ich dachte: sie arbeiten unter den erschwerten Bedingungen der Diaspora und spenden dafür noch. Aber diese Gabe ist ein Ausdruck der Dankbarkeit für die erfahrene Solidarität. So freuen wir uns sehr, dass die diesjährige Diaspora-Aktion des Bonifatiuswerkes bei uns eröffnet wird.

Wir können hier auch von Bedeutung des Segens für die Menschen von heute berichten: Immer wieder begegnen uns hier Menschen, die fragen, ob es doch etwas gibt hinter den Dingen, die nach der Wahrheit hinter dem Augenscheinlichen suchen und nach Gott fragen. Der Weg bis zu Taufe ist ein langer Weg. Auf diesem Weg erfahren die Menschen die Kraft des Segens, den sie anstelle der Kommunion oder bei anderen Gelegenheiten empfangen. Wir sollten uns nicht scheuen, Menschen zu segnen. Es ist wichtig, immer wieder einmal daran zu erinnern, dass nicht nur Amtsträger andere Menschen segnen können, sondern auch jeder getaufte und gefirmte Christ. Dieser Segen ist mehr als ein Wunsch oder ein Gebet, weil der Segnende sein Segenswort sagt und vielleicht auch durch ein Kreuzzeichen zum Ausdruck bringt. Der Gesegnete erlebt, dass Gottes Sorge für ihn größer ist als die Sorge dessen, der ihn segnet. Es wird ihm zugesagt, dass dieser große und sorgende Gott mit ihm ist. Das große Heil und Leben Gottes wird so mitten im konkreten Alltag des Lebens erfahren. Die christlichen Eltern sollten immer wieder ermutigt werden, ihre Kinder mit einem Kreuzzeichen auf die Stirne zu segnen, damit sie geöffnet werden für diese so grundlegende Glaubenserfahrung.
Wir sind gerne Segen für die Menschen hier und wir sind dankbar für den Segen, der das Bonifatiuswerk für uns ist.

Predigt von Bischof Dr. Ulrich Neymeyr bei der Eröffnung der Diaspora-Aktion des Bonifatiuswerkes am Sonntag, 5. November 2017 im Erfurter Dom St. Marien