Meine lieben Schwestern und Brüder im Herrn,
am Gründonnerstag gedenken wir nicht nur des letzten Abendmahles, bei dem Jesus das Sakrament der Eucharistie eingesetzt hat, sondern dieser Tag ist auch dem Gedächtnis der Verhaftung Jesu gewidmet, mit der seine Passion begann.
Dazwischen berichten die Evangelisten vom Gebet Jesu im Garten Gethsemani. Jesus blickt in den Abgrund der bevorstehenden Passion und bittet den himmlischen Vater, dass dieser Kelch an ihm vorüber gehen möge. Der Ausdruck, dass der Kelch vorüber gehen möge, ist heute eine gebräuchliche Redewendung, war für Jesus aber mit einer tiefen biblischen Erfahrung verbunden. Im Psalm 75 heißt es: „Ja in der Hand des Herrn ist ein Becher, herben gärenden Wein reicht er dar. Ihn müssen alle Frevler der Erde trinken, müssen ihn samt der Hefe schlürfen“ (Psalm 75,9). Dieser Becher ist der Gerichtsbecher, in dem sich alle Sünden, Vergehen und Verbrechen angehäuft haben.
Jesus ist sich seiner Sendung bewusst, die Menschen von ihren Sünden zu befreien, in dem er selbst unter die Verbrecher gezählt wird, ohne eine Sünde begangen zu haben. Im Matthäus- und Markusevangelium fragt er die Apostel Jakobus und Johannes, ob sie den Kelch trinken können, den er trinken wird (Matthäus 10,22; Markus 10,38). In einem existentiellen Kampf ringt Jesus sich dazu durch, den Willen des Vaters anzunehmen und leer zu trinken. Er durchlitt psychische Grenzerfahrungen der Traurigkeit und der Angst und körperliche Belastungsphänomene eines Schweißausbruchs.
Umso unverständlicher ist es, dass er seine Jünger im Garten Gethsemani schlafend antrifft. Die Evangelisten Matthäus und Markus erzählen, dass er drei Mal zu ihnen gegangen ist und sie dann erst geweckt hat mit den deutlichen Worten: „Schlaft Ihr immer noch und ruht Euch aus?“ (Matthäus 26,45; Markus 14,41).
Mich hat sehr bewegt, dass der emeritierte Papst Benedikt XVI. in seinem Schreiben vom 6. Februar 2022, in dem er zu seiner Verantwortung als Erzbischof von München steht, diese Szene im Garten Gethsemane erwähnt: „Immer mehr verstehe ich die Abscheu und die Angst, die Christus auf dem Ölberg überfielen, als er all das Schreckliche sah, dass er nun von innen her überwinden sollte. Dass gleichzeitig die Jünger schlafen konnten, ist leider die Situation, die auch heute wieder von neuem besteht und in der auch ich mich angesprochen fühle. So kann ich nur den Herrn und alle Engel und Heiligen und Euch, liebe Schwestern und Brüder, bitten, für mich zu beten bei Gott unserm Herrn.“ Diesen Wunsch werden wir dem emeritierten Papst gerne erfüllen, auch in Dankbarkeit dafür, dass er uns wachrüttelt für all das, was wir heute schlafend übersehen.
Wir wissen heute um das Leiden der Opfer sexualisierter Gewalt, müssen uns aber dennoch fragen, welche Schicksale uns nicht anrühren und beunruhigen: Die Opfer der Kriege, die es weltweit gab und gibt; die Menschen, die in größter Armut leben, weil die Reichen nicht bereit sind, die Güter der Erde gerecht zu verteilen; die vielen Menschen, die auf der Flucht sind und sich weit weg von ihrer Heimat eine neue Existenz aufbauen müssen; die Menschen, die unter den Folgen des Klimawandels leiden; die nachfolgenden Generationen, denen wir einen geschundenen Planeten hinterlassen. Auch wir müssen die Worte Jesu hören: „Schlaft Ihr immer noch und ruht Euch aus?“ Die Bibel schildert den Schlaf nicht nur als eine Haltung, in der wir die Herausforderungen unseres Lebens nicht wahrnehmen.
Der Schlaf kann auch eine Zeit der Hellhörigkeit für Gott sein. Josef entschließt sich im Schlaf, zu Maria und ihrem Kind zu stehen und fällt im Schlaf die Entscheidung, nach Ägypten zu fliehen. Die Sterndeuter aus dem Osten kehren nach einer Schlaferfahrung doch nicht zu König Herodes zurück. Die Frau des Pontius Pilatus erfährt im Schlaf, dass die Hinrichtung Jesu ein großes Unrecht ist (Matthäus 27,19) und Paulus erhält im Schlaf den Auftrag, nach Europa zu gehen (Apostelgeschichte 16,9). Das sind offensichtlich Schlaferfahrungen, die nicht der Wirklichkeit entfliehen wollen, sondern die in die Wirklichkeit hineinführen. In dieser Wirklichkeit Gottes konnte Jesus auch mitten in einem Seesturm schlafen, als seine Jünger von der Angst befallen wurden, sie könnten mit ihrem Bott untergehen. Sie mussten sich den Vorwurf Jesu gefallen lassen: „Warum habt Ihr solche Angst? Habt Ihr noch keinen Glauben?“ (Markus 4,40). So kann der Schlaf Ausdruck des Vertrauens auf Gott sein, der es den Seinen im Schlafe gibt, wie es im Psalm 127 heißt.
Der Bericht vom Gebet Jesu im Garten Gethsemane ist aber eine bleibende Mahnung zur Wachsamkeit und Sensibilität für die Nöte, Sorgen und Ängste der Menschen.