Revitalisierung und Abgrenzung

Interview mit dem Kirchenhistoriker Arno Wand, der ein Buch über die Thüringer katholische Kirchengeschichte von 1785 bis 1914 geschrieben hat.

Der Eichsfelder Priester und promovierte Kirchenhistoriker Rektor Arno Wand präsentiert am Montag, 5. September um 19.30 Uhr in der Propsteikirche St. Marien in Heilbad Heiligenstadt sein neuestes Buch "Geschichte der Katholischen Kirche in Thüringen (1785-1914)", das im Verlag F.W. Cordier erscheint. Im Mittelpunkt der Darstellung stehen vorrangig das Eichsfeld und die Stadt Erfurt, deren Entwicklung anhand der Archivalien des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz Berlin dargestellt werden. In Wands Buch finden sich viele Originalquellen erstmals publiziert und für eine breitere Öffentlichkeit themenbezogen ausgewertet.

??? Ihr Buch beschäftigt sich mit der Kirchengeschichte von 1785 bis 1914 und richtet den Fokus auf das Eichsfeld und die Stadt Erfurt. Wie kommt es zu dieser zeitlichen Begrenzung und den geographischen Schwerpunkten?

Wand: Katholische Kirche gab es in Thüringen nach der Reformation bis weit in das 19. Jahrhundert nahezu ausschließlich im kurmainzischen Eichsfeld und Erfurt sowie im Reichsstift Nordhausen. Es handelt sich dabei um Territorien, die nach 1802 an Preußen fielen. Alle thüringischen Territorialherren hatten im 16. Jahrhundert die Reformation, die "Neue Lehre", als bindende Landesreligion eingeführt.

Um die seit 1802 einsetzenden Umbrüche im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation und das einsetzende dramatische Ende der "Reichskirche" besser verstehen zu können, setzt die Darstellung vor der Französischen Revolution und den sich anschließenden deutsch-französischen Kriege ein, die letztendlich zu einem Auslöser für die Neuordnung in Europa werden sollten. Die Archivalien im Geheimen Staatsarchiv sind für die Zeit bis 1802, in der der Mainzer Erzbischof die Landesherrschaft ausübte, allerdings noch relativ wenige. Das änderte sich schlagartig, nachdem das kurmainzische Thüringen und die Reichsstädte Mühlhausen und Nordhausen dem preußischen Staat einverleibt worden waren.

Das Buch endet mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges (1914) als einer historischen Zäsur. Auch hatte die Kirche in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihren Freiraum in Preußen vergrößern können. Die Kirche ging gestärkt und romtreu aus dem Kulturkampf. Zudem ist, was die Quellenüberlieferung im Geheimen Staatsarchiv betrifft, danach ein gewisser Rückgang zu verzeichnen.

Wenn man den Zeitraum überblickt, scheint die Thüringer Geschichte überall gemacht worden zu sein, nur nicht in Thüringen und von den Thüringern selbst. Täuscht der Eindruck?

Ich beziehe diese Frage auf die Katholische Kirche in Thüringen. Sie war (bis 1994) nie eine eigenständige, in sich stehende Größe. So war sie von ihren Anfängen im Frühmittelalter bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts Teil der Kirche von Mainz. Jedoch verfügte sie - die Bischofsstadt Mainz war weit entfernt -  über eigene sowie durchaus tragfähige Seelsorgeeinheiten und Verwaltungsstrukturen, die sogar die "Mainzer Zeit" überdauerten.
In den Zeiten des Umbruchs und der Neuordnung (1802 bis nach 1815) schien die Kirche in gewisser Weise "bischofslos" zu sein. Stattdessen gab es nur die kirchlichen Autoritäten vor Ort, die, soweit es die Umstände zuließen, staatliche Eingriffe abwehrten und die Interessen der Kirchengemeinden verfochten. Nach 1820 wurde die Katholische Kirche im preußischen Thüringen in das "preußische Bistum" Paderborn integriert (bis 1930). Die sich ab dem der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter schwierigsten Bedingungen bildenden Diasporagemeinden in den thüringischen Territorien wurden dem Bistum Paderborn oder Fulda (so das Großherzogtum Sachsen -Weimar) zugewiesen. In den Akten des Geheimen preußischen Staatsarchivs wurden kirchliche Vorgänge in den thüringischen Territorien, die nicht zu Preußen gehörten, vielfach unter dem Aspekt der "Religionspolitik" der ausländischen Staaten behandelt, um gegebenenfalls auf sie Einfluss zu nehmen.

Welche Bedeutung hatte die Katholische Kirche, die sich in einem weitgehend protestantischen Umfeld bewegen musste?

Die Situation im Eichsfeld als einer weithin katholischen Region ist von der in der bikonfessionellen Stadt Erfurt zu unterscheiden. Beide Gebiete zehrten von einer reichen Geschichte bzw. Tradition, wenn auch in Folge der Säkularisation sämtliche Klöster und Stifte aufgelöst und säkularisiert waren. Was die Außenwirkung der Kirche im Eichsfeld und in Erfurt betrifft, so ging es nicht zuletzt um die Selbstbehauptung gegenüber der protestantischen preußischen Landesmacht, die über Jahrzehnte in die Geschicke der Kirche administrativ eingriff. Die Kirchen vor Ort zeichneten sich in diesen Auseinandersetzungen durch einen enormen Ü;berlebenswillen aus.

"Römisch-katholische Kirche und protestantisches Preußen im 18./19. Jahrhundert ist per se ein Themenkomplex voller Spannung und Dialektik", schreiben Sie in Ihrem Vorwort. Was bedeutet das mit Blick auf Thüringen?

Die verschiedenen Territorien im Reich waren Konfessionsstaaten, es gab eine dominierende Landesreligion. Evangelische Landesherren verstanden sich zudem, was dem katholischen Kirchenverständnis gänzlich widerspricht, als Kirchenoberhaupt. Daher erklärt sich der Begriff "Landeskirche". Das Denken war allseits prinzipiell konfessionell ausgerichtet, Toleranz wurde gewährt unter dem Aspekt der Nützlichkeit des Staates. So gründete Preußen in der Grafschaft Hohnstein bereits im 18. Jahrhundert die katholische Arbeiterkolonie Friedrichslohra (bei Nordhausen).

Für das Eichsfeld und Erfurt war die politische Neuordnung nach dem Ende der Reichskirche insofern brisant, da sie nunmehr in ihrer Geschichte erstmals nicht nur einen weltlichen, sondern einen protestantischen Landesherrn erhielten. Preußen übertrug wiederum seine Gesetzeslage auch auf die ihm zugefallenen katholischen Gebiete in Thüringen, so wie auch im Rheinland und in Ostpreußen. Das konnte nicht konfliktfrei ablaufen.

Waren die Katholische Kirche und die Katholiken im preußischen Thüringen ein Fremdkörper? Oder sahen Sie sich ebenfalls als Staatsangehörige wie andere auch?

Die Katholiken empfanden sich weitgehend als benachteiligt bzw. zurückgesetzt und gaben das auch kund. So beklagten die Eichsfelder, dass sie keine katholischen Beamten erhielten (Landräte) und Eingriffe in das katholische Schulwesen hinnehmen mussten. Die Säkularisation des Kirchengutes war kompromisslos erfolgt, sodass der Eindruck beim Klerus entstand, man wolle die Kirche und ihre Institutionen ausbluten lassen. Nur dem Domstift in Erfurt wurde ein gewisser zeitlicher Aufschub gewährt. Die Säkularisation fand übrigens auch in katholischen Territorien statt.

Von den Schikanen des Kulturkampfes abgesehen, kann aber von keiner von Staatswegen verfolgten Kirche die Rede sein.

Schwer war es jedoch für die Katholiken, sich im protestantischen Umfeld zu etablieren. Ü;ber Jahrzehnte mühten sich die zugezogenen Katholiken in Mühlhausen um einen Kirchbau, der auf Betreiben des Stadtrates bzw. der Bürger verhindert und erst durch Intervention des Paderborner Bischofs bei der preußischen Regierung um 1850 zustande kam. Das Entstehen von katholischem Gemeindeleben in der Diaspora wurde teils durch den Umstand gefördert, dass Preußen die Seelsorge für katholische Soldaten forcierte wie in Mühlhausen und Langensalza. Militärseelsorge lag im Staatsinteresse. Im protestantischen Nordhausen konnte sich, in Abwicklung der aufgelösten katholischen Stiftspfarrei, die Pfarrseelsorge rasch ungehindert etablieren.

Wie gelang es den Katholiken, ihre Identität zu wahren?

Es ist in diesem Zusammenhang von zwei wichtigen Institutionen bzw. Ämtern zu reden: dem Bischöflichen Kommissariat Heiligenstadt und dem Geistlichen Gericht Erfurt. In diesen Ämtern manifestierte sich Kirche. Das Geistliche Kommissariat Heiligenstadt umfasste die nahezu hundert Gemeinden des Eichsfeldes, das Geistliche Gericht die Stadt Erfurt und ihre katholischen
"Küchendörfer" sowie die sich mühsam herausbildende thüringische Diasporakirche, übrigens eine Kirche der "kleinen und armen Leute". Das Eichsfeld und die Stadt Erfurt bedeuten die historischen Kerne des 1994 gegründeten Bistums Erfurt.

Ihre Quellen-Analyse basiert auf den Archivalien des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz Berlin. Das hört sich nach Verwaltungsakten an und lässt trockene Kost vermuten. Dennoch versprechen Sie Ihren Lesern Ü;berraschungen und unerwartete Neuigkeiten?

In der Tat, es handelt sich um nahezu ausschließlich handschriftliche Akten der obersten Staatsbehörde, beispielsweise dem Kulturministerium und dem Außenministerium, die es aufzubereiten galt. Eine wegen der unterschiedlichen Handschriftenqualitäten und des Kanzleistils mitunter nicht nur trockene, sondern auch harte Kost.

Den Gegenstand des Aktenmaterials bildeten aber vielfach Eingaben der Erfurter Regierung oder des Oberpräsidenten der Provinz Sachsen in Magdeburg, mit konkreten, die katholische Gemeinden oder bestimmte Amtspersonen betreffenden Vorgängen oder Lebensbezügen. Für die Thematik sehr aufschlussreich erwiesen sich Berichte oder Beschwerden von kirchlichen Autoritäten mit ihrer Situationsbeschreibung. Selbst Details, wie der Gesangbuchstreit der Eichsfelder Gemeinden, finden in den Berliner Akten ihren Niederschlag.

Nicht zu übersehen sind die aufschlussreichen Protokolle sowohl der Klostersäkularisation nach 1802 als auch die minutiösen staatlichen Nachforschungen zu nach 1850 zunehmend einsetzenden Neugründungen von karitativ und sozial ausgerichteten Frauenorden in Thüringen ("Klosterfrühling"). Die Kirche bekam Verstärkung aus Fulda, Aachen und selbst aus Breslau.

Heute leben die Thüringer in einem geeinten Freistaat und kirchlicherseits im Zeitalter der Ökumene. Können aus der Zeit 1785-1914 dennoch Lehren für die Zukunft gezogen werden?

Für das 19. Jahrhundert ist es ein charakteristisches Muster, dass die Revitalisierung des Religiösen mit konfessioneller Abgrenzung einherging. Für die Kirche im 21. Jahrhundert ist ein geschwisterliches Neben- und Miteinander der christlichen Konfessionen unaufgebbar. Die Gründung des "inländischen" Bistums Erfurt im Jahr 1994 erwies sich als Gewinn für das Land Thüringen und die Kirche.

Fragen: Peter Weidemann

Arno Wand, Die Katholische Kirche in Thüringen (1785-1914). Forschungen im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz.Verlag F.W. Cordier: Heilbad Heiligenstadt 2011, 512 Seiten mit vielen, bisher unveröffentlichten Dokumenten aus dem Geheimen Staatsarchiv Berlin, Fotos und Auflistungen von Ordensangehörigen. Preis: 19,90 Euro. ISBN 978-3-939848-29-5.