Religiös - oder doch lieber christlich?

Hirtenbrief von Bischof Joachim Wanke zur österlichen Bußzeit 2008


Bischof Joachim Wanke
Hirtenbrief von Bischof Joachim Wanke zur österlichen Bußzeit

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!


Ich sehe Zeiten kommen, in denen wir auf die Frage: "Sind Sie religiös?" antworten müssen: "Nein. Ich bin nicht religiös. Ich bin ein Christ." Und das bedeutet: Ich benutze keine Tarock-Karten. Ich gehe nicht zur Wahrsagerin. Ich glaube nicht, dass die Sterne mein Schicksal bestimmen. Ich gebrauche keine magischen Steine und Pendel. Und zu Ostern gehe ich zur Heiligen Messe - und nicht in ein Esoterik-Zentrum im Süddeutschen zum Zwecke der meditativen Selbstversenkung.


Allenthalben ist derzeit wieder von Religion die Rede. Die Zeitungen vermelden, die Deutschen seien doch religiöser als man bislang meinte. Es sei durchaus "in", sich mit religiösen Fragen zu beschäftigen. Selbst die Ostdeutschen würden ab und zu mal über religiöse Fragen nachdenken. Man weiß es sogar genau: Jeder Fünfte tue das.


Angesichts solcher Umfragen möchte ich meinen: Diese Art von Religiosität, die sich in modischen Stimmungen und esoterischen Praktiken äußert, hat nichts mit dem Christentum zu tun. Man kann in Deutschland religiös sein - und ist deshalb noch lange kein Christ.


Es reicht nicht, nur irgendwie und ab und zu etwas religiös zu sein.

Wir sollen vielmehr Christen sein - und immer mehr Christen werden.


Dazu gebe ich drei Anregungen.



1. Zum Christen gehört Glaubenswissen.


Im Johannesevangelium lesen wir: "Keiner hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, hat Kunde gebracht" (Joh 1,18).


Das meint: Der Mensch kann sich noch so gründliche und gelehrte Gedanken über Gott und die Welt machen - es bleiben doch nur seine eigenen Gedanken. Und die Philosophie der Vergangenheit und Gegenwart mag noch so tiefe Einsichten in den Sinn des Lebens gewonnen haben und gewinnen - es bleiben irdische Einsichten, mit allen Unsicherheiten behaftet, wie sie eben menschlichen Ü;berlegungen eigen sind.


Das religiöse Gefühl sagt: Die Welt ist mehr als bloße Materie. Sie ist ein unerschöpfliches, faszinierendes Geheimnis. Ich gebe zu: Ein solches religiöses Ahnen kann durchaus ein Anknüpfungspunkt für den christlichen Glauben sein. Es ist zumindest mehr als ein platter Materialismus. Aber warum in der Vorhalle stehen bleiben, wenn man nach dem Zentrum sucht, nach der eigentlichen Mitte aller Weltwirklichkeit? Das religiöse Gefühl kann uns nicht sagen, ob hinter der geheimnisvollen Welt ein Herz schlägt. Es ist stumm für die Frage, ob uns aus dem Urgrund des Seins eine Person entgegenkommt, ein Herz, das uns liebt.


Das christliche Credo dagegen bekennt, dass der unsichtbare, von den Menschen nur erahnte Gott sich uns bekannt gemacht hat, und zwar im Gottmenschen Jesus Christus, der in Raum und Zeit erschienen ist, als Mensch unter Menschen - um unseres Heiles willen. Der Evangelist Johannes schreibt: "Die Gnade und die Wahrheit kamen durch Jesus Christus" (Joh 1, 17). Weil wir Jesus kennen, kennen wir Gott.


Die antike Welt hat diese Eigenart des Christlichen so stark empfunden, dass sie - trotz aller sonst geübten Religionstoleranz - nicht bereit war, das Christentum in das Pantheon der damaligen Religionen einzulassen. Ja, die Christen wurden als "Atheisten" ausgegrenzt, eben als Leute, die sich religiös nicht anpassten.


Wir leben wieder in Zeiten, in denen wir uns der Besonderheit des christlichen Glaubens neu bewusst werden müssen. Natürlich sind auch wir Christen religiös - aber wir sind es nicht so, wie es heute manchmal in den Medien dargestellt wird. Das vage Fühlen einer überirdischen Macht ist noch nicht Erkenntnis des wahren Gottes, und die gelegentliche Versenkung in das eigene Innere ist noch kein christlicher Gottesdienst. Und vor allem: Der bunte Mantel religiöser Esoterik, der unseren nüchternen, von Wissenschaft und Technik geprägten Alltag so abwechslungsreich und interessant überdeckt, ist noch nicht "Recht tun, Güte und Treue leben und in Ehrfurcht den Weg zu gehen mit deinem Gott", wie der Prophet Micha seinen wohl auch religiösen Landsleuten in Jerusalem im 6. Jahrhundert vor Christus mahnend zugerufen hat.


Ich leite daraus die Pflicht ab, sich solide und verlässlich über den katholischen Glauben zu informieren. Die Schriften unseres derzeitigen Papstes beispielsweise sind dazu eine gute Hilfe, auch die Teilnahme an einem Glaubensseminar oder das Glaubensgespräch unter Christen, bei dem über den Glauben nicht nur unverbindlich geredet wird, sondern Erfahrungen mit einem Leben aus dem Glauben ausgetauscht werden. - Und das berührt schon eine zweite Folgerung:



2. Zum Christsein gehört entschiedenes Handeln.


Das Wort des Herrn ist heute aktueller denn je: "Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr! wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt" (Mt 7,21). Einen Christen erkennt man nicht am Religionsvermerk auf der Lohnsteuerkarte - den interessiert höchstens das Finanzamt. Einen Christen erkennt man daran, dass er "gute Früchte" hervorbringt, wie Jesus sagt, und Paulus nennt diese konkret: Liebe, Freude, Friede, Geduld, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung (vgl. Gal 5,22f). Und der Apostel wagt in diesem Zusammenhang sogar zu sagen, dass wir das Fleisch samt seinen Leidenschaften und Begierden kreuzigen sollen.


Es gehört zu den Glaubensirrtümern der heutigen Zeit zu meinen, das Treuegebot für christliche Eheleute sei abgeschafft, weil irgendwelche Fernsehstars ja auch beliebig oft neu heiraten. Und weil Gott eben doch ein "lieber Gott" sei, könne man den Gottesdienstbesuch und das persönliche Gebet auf ein paar symbolische Akte einschränken. Gott werde damit schon zufrieden sein. Wir machen uns etwas vor, wenn wir uns die Mahnungen der Schrift, die diesbezüglich eindeutig sind, nach eigenem Gutdünken zurechtlegen. Die Fastenzeit lädt uns ein, neu nach Gottes Willen zu fragen - und ihn zu erfüllen.


Liebe Brüder und Schwestern!

Wer heutzutage nach Religiosität sucht, soll sie bei uns finden - in einem Leben, das mit dem lebendigen Gott rechnet und nicht nur mit einer vagen Idee eines jenseitigen Wesens, von dem man nichts Genaues weiß, außer, dass es mich nichts angeht. Gottes heiliger Wille geht mich etwas an! Er verlangt von mir Entschlossenheit und gegebenenfalls Kraft zum Widerstand. Wer immer nur alles mitmacht, vergisst mit der Zeit das Wichtigste: seine Berufung zum Himmel. Im Blick auf diese Berufung gilt es entschlossen das Böse zu meiden und das Gute zu tun - und das nicht nur in der Fastenzeit.

Und ich nenne ein weiteres Merkmal des Christlichen, auf das es heute verstärkt ankommt:



3. Zum Christsein gehört der Vorbehalt gegenüber dem Irdischen.


Im Evangelium zeigt der Versucher dem Herrn alle Reiche der Welt und ihre Pracht. Das ist wahrlich nichts Geringes. Man kann von dieser Pracht, dem Reichtum des Irdischen, der Faszination des Lebens, seinen Möglichkeiten, seinen Versprechungen und Genüssen mehr als angetan sein. Es gibt auch heute die Versuchung, die Welt anzubeten und seine Seele an sie zu verkaufen.


Ein Prediger wie ich muss hier behutsam sein. Die Grenze zwischen berechtigter Freude über wachsende Lebensqualität einerseits und einer falschen Anhänglichkeit an die Welt andererseits ist nicht immer leicht zu erkennen. Die Grundfrage lautet: Welchen Preis darf etwas in meinem Leben haben?


Mich beeindruckt, wenn jemand sagt: Jetzt braucht mich mein kranker Mann - meine kranke Frau - die alten Eltern, und deswegen ein Amt oder seine Arbeit aufgibt. Oder wenn ein Jugendlicher als "Missionar auf Zeit" für ein Jahr mit einem Taschengeld in ein Entwicklungsland geht, um dort für Arme und Notleidende dazusein. Oder wenn einer, dem Ruf Gottes folgend, den Priester- oder einen Ordensberuf wählt, auch wenn das derzeit nicht sonderlich Anerkennung findet.


Ich denke an die vielen, die sich in einem Ehrenamt einsetzen - auch in unseren Pfarrgemeinden und Verbänden. Dank und Anerkennung dafür sind gut und hilfreich. Aber davon allein kann ehrenamtliche Tätigkeit nicht leben. Es braucht ein Wissen darum, dass ich durch Nächstenliebe, durch tätigen Einsatz und praktische Solidarität zum Bürger des anbrechenden Gottesreiches werde. Ob Ehrenamt oder Berufsarbeit - in Gottes Augen ist nicht allein wichtig, was ich tue, sondern wie ich es tue.


Genau dieses Wissen um den Gotteshorizont allen irdischen Daseins zeichnet den Christen aus. Diese Welt, in der wir leben, ist nicht das Ziel, sondern der Weg. Das macht mich als Christen einerseits gelassen und unabhängig. Ich muss nicht alles haben. Ich muss nicht meine Seele an irdische Güter hängen. Der Apostel Paulus sagt: "Wer sich die Welt zunutze macht, soll sich so verhalten, als nutze er sie nicht; denn die Gestalt dieser Welt vergeht" (1 Kor 7,31).


Und zum anderen lehrt uns der Glaube: Diese Welt ist nicht das letzte Wort Gottes. Sie ist sein erstes. Sie ist eine Verheißung. Sie ist Einübungsfeld für eine andere Welt, die nicht von dieser Erde stammt. Wir sollen Bürger des Gottesreiches werden. Was nicht heißt, dass wir nicht auch gute EU-Bürger werden sollen. Vielleicht werden wir das gerade, wenn wir das Gottesreich nicht vergessen.


Liebe Schwestern und Brüder!

Lassen wir uns vom Religionsboom der Gegenwart nicht täuschen. Nicht alles, was religiös aussieht, ist immer auch ernst zu nehmen. Es gibt auf dem Feld des Religiösen manche Dummheit - und auch Verführung. Es gibt Leute, die mit religiösen Sehnsüchten anderer Geld verdienen wollen. Wer das Credo der Kirche kennt und bekennt, wer mit der Kirche lebt und der Führung des Heiligen Geistes vertraut, wird auch die Versuchungen eines religiös verbrämten Neuheidentums durchschauen.


Und zudem: Der militante Atheismus feiert ja durchaus auch fröhliche Urständ - mit ebenso primitiven Parolen wie einst zur Zeit der alten kommunistischen Einheitspartei. Es braucht auch heute die Kraft, die Geister zu unterscheiden, ob sie nun religionsfreundlich daherkommen oder nicht.



Gehen wir selbstbewusst und in Gelassenheit unseren Weg als Christen:

  • über unseren Glauben solide informiert,
  • für das Gute entschieden
  • und mit der nötigen Skepsis, was die Versprechungen dieser Welt betrifft.

Die vor uns liegende Fastenzeit will uns darin kräftigen.


Dazu segne und stärke euch alle der dreifaltige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. Amen.


Euer Bischof


Joachim Wanke



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