Heiligenstadt (BiP). Unbekannte, nach Zeugenaussagen vermutlich Jugendliche, haben in der Nacht zum Sonntag, dem 9. September, den Klosterfriedhof des Redemptoristenklosters in Heiligenstadt geschändet. Im Folgenden dokumentieren wir ein Schreiben von Propst Heinz Josef Durstewitz, Bischöflicher Kommissarius in Heiligenstadt, zum Vorfall:
Boshafte Zerstörung trübte die Freude des Stadtfestes
Das Stadtfest in Heiligenstadt war gut zu Ende gebracht. Allerdings scheint die Menschenansammlung immer wieder auch zerstörerische Kräfte und abgrundtiefe Bosheit zu wecken. Neben anderen Zeichen von Gewalt ist dies wohl die bemerkenswerteste: Auf dem Friedhof der Redemptoristen innerhalb der Klostermauern wurde die Totenruhe schwer gestört. Von mehreren Gräbern waren die festen Kreuze abgebrochen oder herausgerissen. Auf dem weiteren Weg durch den Klostergarten wurden fünf Kreuzwegstationen mit ungeheurer Kraftanwendung zerstört. Sitzbänke wurden in den kleinen Fischteich geworfen. Der materielle Schaden ist mit 15.000, - DM leicht zu benennen, zugleich für das Kloster nicht leicht aufzubringen. Dass die Täter in ein Grundstück einbrachen, das ihnen nicht gehörte, mag von manchen als Kavaliersdelikt bezeichnen werden. Aber wir müssen feststellen: Wir leben mit Menschen zusammen, die das brutal zerstören, was anderen unendlich kostbar und heilig ist. Die Wunden, die sie den Seelen anderer Menschen schlagen, interessiert sie offenbar nicht. Es mag sein, dass man irgendwann junge Leute als Täter feststellt. Mit Verweis auf ihr Alter sind nicht betroffene Leute schnell bereit, Entschuldigungen für diesen Frevel auszusprechen. Aber kann es sich unsere Gesellschaft wirklich leisten, dass Fremden oder Andersdenkenden - also geistig fremde für die Täter - das Leben mit ihren hohen Werten unerträglich gemacht wird? Zu Recht sind wir betroffen, wenn jüdische Friedhöfe und Gotteshäuser angegriffen werden. Zu Recht empört uns Hass und Gewalt gegen Ausländer. Es wird Zeit, dass wir auch die höchste Toleranz und den effektivsten Schutz für Christen und die Zeichen ihres Weltverständnisses einfordern. Es verwundert nicht, dass solches Tun gerade die Älteren unter uns an den Terror der braunen Banden erinnert. Mit Tränen in den Augen sagen sie: Wir dachten, dass diese Zeit vorbei sei und so etwas heute unmöglich ist. Dieser Fall ist durchaus keine Ausnahme. Ein Tagebuch des Hasses und der Gewalt würde auch im Eichsfeld schon einige hundert Seiten füllen. Kann man sich noch aufeinander verlassen? Oder ist jeder froh, wenn es ihn nicht trifft? Leider ist diese unsolidarische Haltung in den letzten 70 Jahren offiziell allein gepflegt worden. Wie können wir das Steuer herum reißen? Wie können wir die dumme und boshaft Gewalt auf den Straßen und in unserem Lebensraum mindern und die Toleranz innerhalb in unserer Gesellschaft mehren helfen? Das ist nicht zuerst eine Frage an die Ämter und Institutionen; das ist zuerst eine Frage, die jeder für sich und jeder mit jedem behandeln soll.
Heinz Josef Durstewitz
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