"Projekt Europa"

Vortrag von Annette Schavan im Wortlaut

Foto: Magdalene Skala, Bistum Erfurt

RESPEKT. VIELFALT. INNOVATION.
Über eine neue Perspektive für Europa
Vortrag von Annette Schavan bei einer Veranstaltung des Katholischen Forums im Land Thüringen am 20. März 2019

Europa hadert mit sich. Nationalen Interessen wird wieder Vorrang vor dem europäischen Gemeinwohl gegeben. Es droht in Vergessenheit zu geraten, dass die Gründung der Europäischen Union vor 61 Jahren ein großes Friedenswerk gewesen ist. Als die Römischen Verträge unterschrieben wurden, war damit die Überzeugung verbunden, dass die großen Zukunftsaufgaben künftig nur gemeinsam bewältigt werden können. Wie sehr gilt das für unsere heutige Zeit!
Konrad Adenauer sagte damals: „Wenn Europa sich einigt, dient es nicht nur sich und seinen Staaten, es dient der ganzen Welt.“ Europa hat mit dieser Entscheidung in den folgenden Jahrzehnten an Attraktivität gewonnen.

Die heutigen Parolen für die Priorität nationaler Interessen  sind schädlich für Europa und für jedes Mitgliedsland. Parolen können Politik nicht ersetzen. Sie bieten keine Perspektive für eine europäische Zukunft und auch keine Lösung für Probleme in den Mitgliedsländern der Europäischen Union. Parolen verunsichern, grenzen aus und verführen zu nationaler Abschottung, die in einer globalen Welt über kurz oder lang dazu, isoliert zu sein
Papst Franziskus hat diese Situation in der Kirche San Bartolomeo in Rom bei einem Gedenkgottesdienst für die Märtyrer des 20. Jahrhunderts mit scharfen Worten kommentiert: „Europa hat keine Kinder. Europa schottet sich ab. Das nennt man gewöhnlich Selbstmord.“
 
Es bringt auf eine kurze Formel, dass die jetzige Perspektive vieler Mitgliedsländer auf das europäische Gemeinwohl gefährlich ist, ganz besonders für künftige Generationen. Gewiss ist die jetzige Lage nicht die erste Krise der Europäischen Union. Wir erinnern uns daran, dass in den 80er Jahren von „Eurosklerose“ gesprochen wurde. Damals diskutierte man bereits einen „Britenrabatt“ im Blick auf Finanzbeiträge Großbritanniens an die EU. Eine Europäische Union zu gründen war ein anspruchsvolles Projekt, kein Selbstläufer. Krisensituationen sind in der über 60 Jahre währenden Geschichte nicht durch Absatzbewegungen, sondern durch beherzte Reformen überwunden worden.
 
Bevor ich zu Papst Franziskus zurückkehre, will ich an einen Transformationsprozess in Europa erinnern, der mit dem Fall der Mauer 1989 ermöglicht wurde. Michael Gorbatschow schreibt in seinen Memoiren, dass es die Wiedervereinigung Deutschlands und Europas nicht ohne Papst Johannes Paul II. gegeben hätte. Er hat die polnische Gewerkschaftsbewegung Solidarno?? zur friedlichen Revolution ermutigt. Viele Christen in den mittel- und osteuropäischen Ländern wurden von ihm inspiriert, auf die Wende hinzuarbeiten.

Wenn wir heute fragen, was denn Christen zu politischen Veränderungen beitragen können, dann sollten wir uns an diese friedliche Revolution erinnern. Die Christen damals hatten einen langen Atem. Sie haben 10 Jahre für die Freiheit gebetet. Sie sind mit Kerzen auf die Straßen gegangen. Sie haben dafür gesorgt, dass die Revolution friedlich geblieben ist.
 
Ihr Glaube, ihre Zivilcourage und ihr Durchhaltevermögen haben dazu beigetragen, die politischen Verhältnisse grundlegend zu verändern und den großen Transformationsprozess in Europa zu ermöglichen.
 
Ein Vierteljahrhundert danach spricht im Jahre 2014 Papst Franziskus vor dem Europaparlament. Er ist der erste Papst, der nicht aus Europa kommt. Seine Rede macht deutlich, dass er davon überzeugt ist, Europa bleibe unter seinen Möglichkeiten. Er empfindet den Kontinent als alt, müde und nicht kreativ genug. Seine Vorstellungen von einer neuen Lebendigkeit und Verantwortung formuliert er im Rückgriff auf die Schule von Athen, die auf den berühmten Fresken Raffaels in den heutigen vatikanischen Museen dargestellt sind. Er sagt: „In ihrem Mittelpunkt stehen Platon und Aristoteles. Der erste deutet mit dem Finger nach oben, zur Welt der Ideen, zum Himmel, könnten wir sagen; der zweite streckt die Hand nach vorne, auf den Betrachter, zur Erde, zur konkreten Wirklichkeit.“ Er verbindet damit die Feststellung, dass, wenn Europa die „Öffnung zum Transzendenten“ vergesse, es seine Seele verliere. Über die Seele Europas ist viel gesprochen worden in den vergangenen Jahrzehnten. Mag nicht die Angst Europas heute vor Veränderung auch damit zu tun haben, dass Europa seine Seele gar nicht mehr sucht?
 
Papst Franziskus hat in den ersten 5 Jahren seines Pontifikates 5 Reden zu Europa gehalten, sich leidenschaftlich an die Staats- und Regierungschefs gewandt und 2016 den Internationalen Karlspreis der Stadt Aachen in Rom entgegengenommen. In seiner Dankesrede beschreibt er drei besondere Fähigkeiten Europas: die Fähigkeit zur Integration, die Fähigkeit zum Dialog und die Fähigkeit, einen neuen Humanismus hervorzubringen. Er plädiert dafür, nicht nur auf Krisen zu schauen, sondern auf das Potential, das Europa hat und das seine Attraktivität weltweit ausmacht; das Potential, das in der Begegnung der Kulturen in Europa steckt und den Kontinent zu einem Kontinent der Freiheit, der Vielfalt und der Toleranz hat werden lassen. Diese Toleranz dürfe nicht aufs Spiel gesetzt werden. Sie gehöre zum kulturellen Gedächtnis der Europäer.
 
Papst Franziskus erinnert daran, dass die Flucht in die nationale Abschottung keine Antwort auf die Probleme der Welt ist. Ein Vierteljahrhundert nach dem Fall der Mauer werden neue Mauern und Grenzzäune niemanden schützen können. Sie gefährden bislang erreichte Stabilität und schwächen unseren kulturellen, sozialen und ökonomischen Wohlstand. Sie gefährden vor allem die Perspektiven kommender Generationen. Er versteht den „neuen europäischen Humanismus“ als die Kraft, die Ausgrenzung und Abschottung vermeidet. Er setzt auf Integration und Inklusion. „Das Gesicht Europas unterscheidet sich nämlich nicht dadurch, dass es sich anderen widersetzt, sondern dass es die Züge verschiedener Kulturen eingeprägt trägt und die Schönheit, die aus der Überwindung der Beziehungslosigkeit kommt.“ Der Papst benennt Europa im Blick auf seine Geschichte als eine Quelle des Humanismus.
 
Kardinal Walter Kasper hat in seiner Predigt bei der Festmesse zur Karlspreisverleihung im Petersdom gesagt: „Doch jede Krise ist auch eine Entscheidungssituation. Sie kann zum Kairos werden und zum Guten führen; sie kann auch in einer Katastrophe enden. Es kommt darauf an, was wir daraus machen. Es kommt auf uns an, ob wir uns von der Angst treiben lassen, oder von dem ‚Fürchte Dich nicht!‘ leiten lassen.“

Die Botschaft von Papst Franziskus an die Europäer ist klar: Nutzt Eure Möglichkeiten und besonderen Fähigkeiten des Dialogs, der Integration und eines neuen Humanismus!  Zerstört nicht, was die Generation vor Euch aufgebaut hat!  Erkennt Eure Verantwortung für den Frieden in Europa und in der globalen Welt! Riskiert nicht die Isolierung Europas durch Abschottung und nationalistische Parolen!
 
In anderen Zusammenhängen spricht Papst Franziskus oft von einem notwendigen Perspektivenwechsel. Den brauchen auch die Europäer. 

Es braucht eine andere Perspektive. Was kann dazu beitragen?
 
1. Wir müssen die weit verbreitete Verunsicherung überwinden! 
2. Wir brauchen eine Grundhaltung des Respektes!
3. Wir sollten die Stärke von Vielfalt und Toleranz wieder entdecken!
4. Europa braucht mehr Neugierde und die Bereitschaft zur Innovation!
5. Europa braucht den Willen zur EU in den Zivilgesellschaften der Mitgliedsländer!
6. Europa braucht den erkennbaren Willen zu europäischen Überzeugungen!

Unsere eigene Verunsicherung über unsere Quellen führt dazu, dass politisch jene auf Zustimmung stoßen, die versprechen, den Europäern die Fremden fernzuhalten. Selbstbewusstsein geht anders.
 
Respekt ist eine Voraussetzung für den Dialog über unterschiedliche Interessen. Adolf Muschg, Schweizer Schriftsteller, hat gesagt, Europa dürfe kein „Bündnis von Egoisten“ werden. Die Sehnsucht nach Freiheit und der Respekt vor der Würde des Menschen - gegen staatlichen Paternalismus - hat Mauern in Europa zum Einsturz gebracht. Alle haben davon profitiert, und alle haben dazu einen Beitrag geleistet.
 
Europa ist ein Kontinent der Vielfalt, nicht der Uniformität. Zu seiner Attraktivität gehört die Vielfalt der Sprachen, der Mentalitäten und der kulturellen Ausprägungen. Das ist Stärke einerseits und Anstrengung immer dann, wenn es darum geht, einen europäischen Weg zu finden. Es braucht einen langen Atem. Europäische Wege werden immer erst nach langen Debatten möglich. Sie müssen dann auch für alle gangbar sein. Wer den europäischen Weg aber gar nicht will, der zerstört die Gemeinschaft von innen.
 
Die Europäer sind nicht neugierig genug. Sie haben sich eingerichtet mit dem, was geschaffen wurde. Innovation und Kreativität sind mehr und mehr anderswo zu Hause. Der Skandal, dass 25% der jungen Erwachsenen in Europa im Alter bis 25 Jahren ohne Berufsperspektive sind, scheint irgendwie als unabänderlich angesehen zu werden. Das kann doch nicht sein! Die Erasmusgeneration ist die am besten ausgebildete Generation in Europa. Sie kann für Europa nur gewonnen werden, wenn sie Signale bekommt, dass sie gebracht wird.

„Pulse of Europe“ ist ein kleines Zeichen der Hoffnung, dass sich in den Zivilgesellschaften Europas etwas bewegt. Vielleicht kommt dadurch auch wieder die Erinnerung an die Ausdauer, die Courage und Überzeugungskraft derer, die die Mauer vor 30 Jahren zu Fall gebracht haben. Christen können nicht zuschauen, wie sich das Gift von Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit ausbreitet. Sie sollten sich bei „Pulse of Europe“ stark einbringen und damit auch deutlich machen, dass den Christen Europa am Herzen liegt. Christliche Prägungen in Europa gehören zu dem, was Europa stark gemacht hat. Das dürfen wir Europa auch in Zukunft nicht vorenthalten.
 
Eine neue Perspektive ist nicht die Wiederkehr von etwas, das einmal war. Wir können nicht auf die Wirklichkeit vergangener Tage zurückgreifen. Europäische Nostalgie ist unangebracht. Es ist auch nicht zu erwarten, dass sich rasch wieder mehr Konsens in der Europäischen Union einstellt. Eher werden die Auseinandersetzungen noch härter, zumal ein Wahlkampf bevorsteht. Gerade deshalb braucht es die, die an europäischen Überzeugungen arbeiten. Es braucht nicht weniger, sondern mehr Gemeinsamkeiten - bei den wirklich wichtigen Dingen. Es braucht vor allem eine Fähigkeit Europas zum globalen Dialog. Wo stehen wir da heute? Vielleicht lassen sich ja Seele und Spiritualität übersetzen mit dem, wovon wir überzeugt sind, wovon wir uns provozieren lassen und woran wir uns binden. Darüber müssen wir sprechen - in den Zivilgesellschaften Europas, in den Gemeinden, Verbänden und Orden. Wo das geschieht - davon bin ich überzeugt - lässt sich viel humanes Potential entdecken und möglicherweise auch das, was Platon und Aristoteles uns in den Stanzen des Raffael anbieten: Menschen zu sein, die den Himmel im Blick behalten und für die Welt Verantwortung übernehmen.

Copyright Annette Schavan


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