Predigt bei der Frauenwallfahrt zum Kerbschen Berg/Dingelstädt am 28.Mai 2000

Predigt von Bischof Dr. Joachim Wanke

Leitwort der Wallfahrt "Ich brauch dich!"

Ich habe überlegt: Wann habe ich diese Worte: Ich brauch dich! zum letzten Mal gesagt? Da fiel mir ein: Als mir jüngst in meinem Computer ein Text verschwand. Ich hatte schon einiges für einen Vortrag geschrieben und wollte nur etwas am Format verändern - und da, beim Suchen nach der richtigen Taste, da war auf einmal der Text weg! Was tun? Die Sekretärin schon zu Hause, das Computerhandbuch viel zu umfangreich - Ich ging ins Büro nebenan, wo noch der Generalvikar Dr. Jelich arbeitete (ein Computerfachmann!), und sagte: "Georg, ich brauch dich!"

(Er hat übrigens den Text auch nicht mehr auf den Bildschirm bekommen. Ich hatte schon zu viel falsch gemacht!)

"Ich brauch dich!" Ja, das haben wir alle schon oft in unserem Leben zu jemandem gesagt, zu Menschen an unserer Seite, dem Mann, den erwachsenen Kindern, zur Mutter, zum Vater! "Ich brauch dich - Ja, gerade jetzt. Ich komme allein damit nicht zurande. Kannst Du mir nicht einmal helfen?" - Wohl dem, der dann jemanden hat, der sagt: Na klar! Ich helfe Dir.

Ja, wir Menschen sind bedürftige Wesen. Wir brauchen viele Dinge: Nahrung, Kleidung, Luft und manchmal auch Tabletten. Aber am meisten brauchen wir Menschen, nicht nur wegen mancherlei Dienstleistungen, von den Eisenbahnern über den Busfahrer bis hin zur Verkäuferin im Edeka-Laden.

Noch mehr brauchen wir Menschen, die uns einfach gut sind, die uns mögen, die ein Herz für uns haben.

Wie sehr wir solche Menschen brauchen, merken wir am ehesten, wenn sie uns fehlen. "Dass du damals nicht da sein konntest ...! Wie sehr hätte ich dich damals gebraucht!"

- um jemanden zu haben, der mich getröstet hätte, - der mir einen guten Rat gegeben hätte, oder: - mit dem ich hätte meine Freude teilen können

Das ist mein erster Predigtgedanke:

1. Beim Menschsein gehören Geben und Nehmen zusammen.

Jesus - die Jünger - die Volksmenge. Die fatale Situation: Sie haben nichts zu essen. Jesus wendet die Not, aber er braucht dazu die Jünger. Sie teilen aus - und alle werden satt.

Noomi und ihre beiden Schwiegertöchter in der alttestamentlichen Geschichte. Sie lässt beide Töchter frei, aber Rut bleibt bei ihr - und beide gewinnen zusammen eine neue Zukunft.

Wie leicht könnten wir diese Situationen mit eigenen Erfahrungen untersetzen. Wir sind aufeinander verwiesen. Keiner lebt für sich allein. Und wenn er für sich allein lebt oder leben muss - dann lebt er doch von sichtbaren und unsichtbaren Hilfen, Dienstleistungen und Zuwendungen anderer, ob er es wahrhaben will oder nicht.

Und auch wir selbst sind für andere wichtig - durch unsere Berufsarbeit, durch unseren Dienst, durch die Nähe und Zuwendung, die wir anderen schenken können. "Dass du da bist - darüber bin ich aber froh!" Das ist ein Satz, den wir selbst nicht nur anderen schon öfters gesagt haben. Das ist ein Satz, den wir selbst sicherlich schon als an uns gerichtet gehört haben.

Geben und Nehmen gehören zusammen. Beides macht unser Menschsein aus, macht unser Leben erst menschlich.

Lasst mich diesen Gedanken speziell noch auf unsere Ehen und Familien ausziehen. Ich habe den Eindruck: In unserem Land sind nicht nur manche Betonbrücken altersschwach und einsturzgefährdet, sondern auch manche unserer Ehen, der Zusammenhalt unserer Familien.

Poröser Beton. Da heißt es: Brücke sofort sperren! Sanierung unbedingt erforderlich!

Was ist mit unseren Ehen los? Es gibt sicherlich mancherlei Gründe dafür, dass heute Ehen, - wenn sie überhaupt noch geschlossen werden! - gefährdeter sind als früher: Berufsarbeit, längere zeitliche Dauer der Ehen, wirtschaftliche Unabhängigkeit der Partner. Auch solche Gründe: lockere Sitten, Wegfall gesellschaftlicher Stützen, schwächere Belastbarkeit der Menschen besonders in Krisensituationen und vieles andere mehr

Aber ob es nicht auch daran liegt, dass viele Menschen vergessen, dass Ehen und Familien nur "funktionieren", wenn beides geübt wird: Nehmen und Geben? "Ja, wir wollen beisammenbleiben, aber nur solange es gut geht!" Ich weiß, es gibt bittere Not in manchen Beziehungen: Alkohol, Gewalt, psychische Krankheit. Manchmal gibt es keinen anderen Ausweg als eine Trennung. Aber: Soll denn beim Standesamt den Brautleuten schon das Formular für die Scheidung mitgegeben werden? Oder darf man jungen Leuten heutzutage nicht Mut machen und ihnen sagen: Wagt es miteinander! Habt Vertrauen, dass eure Ehe gelingt! Aber denkt daran:

Nehmen und Geben gehören zusammen. Ihr dürft nicht nur fordern, sondern müsst auch etwas füreinander einsetzen. "Ich brauch dich!" und "Ich bin für dich da!" So gelingt Ehe. So kann Familie zusammenhalten.

Ich möchte in dieser Öffentlichkeit der Frauenwallfahrt an unsere Politiker appellieren: Helft durch eine kluge Gesetzgebung und durch konkrete Hilfen für die Familien mit, dass junge Leute Mut haben zu heiraten und Kinder zu haben. Es gereicht uns allen zum Vorteil! Und an unsere katholischen Gläubigen appelliere ich: Macht jungen Leuten Mut auch zur sakramentalen Ehe, vor und mit Gott, am besten durch eigenes gutes Vorbild einer Ehe, in der der Herrgott mit im Bunde ist!

"Ich brauch dich!"

2. Lasst mich ein zweites Feld ansprechen, wo dieses Wort zu hören ist: Gott sagt es uns, so wie Jesus es den Jüngern sagte: Haltet euch bereit. Ich brauche euch! - zum Austeilen dessen, was Gott den Menschen schenken will.

Merkwürdig: Es ist eine gute Erfahrung, gebraucht zu werden. Nicht: verbraucht, "untergebuttert". Nein, das meine ich nicht. Gott gebraucht Menschen nie so, dass am Ende Ruinen übrigbleiben, ausgebrannte Existenzen. Maria sagt, nachdem sie ihr JA zu Gottes Plänen gesagt hat: Selig preisen mich alle Geschlechter! Großes hat er an mir getan. Er hat mich gebrauchen können!

Vielleicht gibt es manche unter euch, die gerne für jemanden, für etwas da sein würden - aber keiner hat Erwartungen an sie. "Mich braucht ja keiner!" Das kann bitter sein: Nach dem Tode des Ehepartners, wenn die Kinder auf einmal aus dem Haus sind und es so merkwürdig still um einen wird, oder: wenn man alleinstehend ist, nicht so kontaktfreudig und agil wie Frau Mayer von nebenan, der scheinbar wie von selbst sich die Herzen öffnen, oder: wenn man plötzlich abeitslos wird. "Ich würde ja so gerne etwas tun - aber keiner braucht mich!"

Doch - einer braucht dich bestimmt: Gott, der Herr! Er hat dich ja geschaffen dafür, dass er durch dich etwas in der Welt bewegen will! Du sollst seine "Ministerin" sein - nicht über ein großes Ministerium mit vielen Millionen Jahresetat; aber vielleicht

--- als Ansprechpartnerin für die verbitterte Person von nebenan,

--- als Tochter für die pflegebedürftige Mutter,

--- als Caritashelferin in deinem Wohnviertel, in deinem Ort,

--- als Mitglied einer Frauengruppe, eines Gemeindegremiums, einer Selbsthilfegruppe, einer sozialen Initiative - und wenn es nur ein Krankenbesuchsdienst ist!

Was heißt hier nur? Wer bewirkt wohl mehr: Der Arzt, der den Tod nur hinausschiebt - oder dein Wort, aus christlicher Hoffnung dem Kranken zugesprochen, das ihm hilft, im Vertrauen, nicht verzweifelt zu sterben?

Täuschen wir uns nicht: Gott gebraucht uns auf vielfältige Weise für seine Heilspläne. Wir sind füreinander - nicht nur "Leibsorger", sondern auch "Seelsorger", Helfer und Begleiter auf Gott hin.

"Ich brauch dich!" sagt Gott zu dir. Frag ihn noch heute: "Herr, ausgerechnet mich brauchst Du? Wo soll ich Dir wohl nützlich sein?" Ich meine, du wirst eine Antwort hören, wenn du aufmerksam auf Gottes leise Stimme hörst. Er spricht! Wir sind nur manchmal zu laut, um ihn zu verstehen.

Gott braucht z. B. nicht nur Priester, er braucht auch tüchtige, fromme und kluge Frauen als Ordensschwestern, als Gemeindereferentinnen, ja: auch als Haushälterinnen, die einem Pfarrhaus einen guten Geist einflößen und dass die Leute beim Klingeln nicht nur einen Zettel sehen oder den Anrufbeantworter hören! Euch Frauen im besonderen kirchlichen Dienst, ihr Schwestern und Frauen in der Seelsorge, in unseren kirchlichen Häusern und Aufgaben! Habt Dank für euren Einsatz! Ohne ihn wäre unsere Kirche arm dran!

Füreinander da sein (1) - für Gott da sein (2) und

3. Immer neu sprechen und bekennen: Gott - ich brauche Dich! Wie sagt es der Herr in der Versuchungsgeschichte? "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt" (Mt 4,4).

Ich muss ehrlich sagen: Manchmal komme ich angesichts der vielen Worte, in der Flut von Meinungen und Ansichten selbst ganz durcheinander. Was soll nun gelten? Ist vielleicht ein Kind im Mutterleib doch weniger wert als ein Kind, das schon geboren ist? Ist ein Behinderter vielleicht doch weniger Mensch, weil er weniger schaffen kann und angeblich nur eine Belastung ist? Ist das Leben vielleicht doch nur Essen und Trinken, Arbeiten und Sich-Vergnügen, und mit dem Tod ist alles aus?

Liebe Wallfahrerinnen! Auch heute leben wir in einer öffentlichen Luft, die dem Christentum so fern steht wie damals die sozialistische Luft der alten DDR. Man ist heute meist nur etwas höflicher, etwas liberaler. Täuschen wir uns nicht: Auch heute, ja gerade heute, in einer freiheitlichen Gesellschaft, müssen wir uns in jeder Lebensphase immer neu den "Mehrwert" des christlichen Glaubens vor Augen halten, weil wir die alternativen, nichtchristlichen Verhaltensweisen um uns herum ständig erleben, manchmal sogar in der Gemeinde!

Nein: "Gott - ich brauche Dich! Nicht nur das Brot - das auch, aber noch mehr brauche ich Dein Wort, Deine Verheißung, Deine Tröstung, Deinen Zuspruch! Komm Herr, und halte mich. Ohne Dich gehe ich in dieser "Fernseh- und Spaßgesellschaft" unter!"

Lasst euch nicht verwirren, wenn andere sagen: "Gott? Kenne ich nicht! Brauch ich nicht!" Ich bin gar nicht so pessimistisch im Blick auf die Rolle des christlichen Glaubens im Blick auf die Zukunft unserer Gesellschaft. Irgendwie schielen alle auf die Kirche: Die Grünen, weil wir noch wissen, was Schöpfung ist. Die SPD - weil wir noch etwas von Nächstenliebe halten. Die CDU - weil wir noch Werte kennen, die andere längst abgeschrieben haben, die FDP, weil unsere christliche Balance von Freiheit und Selbstbindung interessant ist.

Ob es daran liegt, dass wir Jesus Christus kennen? Sein Wort, sein Evangelium? Wir müssen nur wirklich ihn und seine menschenfreundliche Wahrheit den Menschen präsentieren, nicht selbstgestrickte Weisheiten.

Darum meine Bitte: Sucht den Herrn immer neu, sucht ihn täglich in eurem Gebet, im Wort der Heiligen Schrift, in der Eucharistie! "Herr, ich brauche Dich, sonst lebe ich bald wie ein Heide!"

Aus einer solchen Ausrichtung auf den Herrn erwächst dann auch die Kraft, für andere weiter Lasten tragen zu können. Gerade an euch Frauen hängen ja so viele, die sagen: Ich brauch Dich. Ich sehe sie jetzt unsichtbar um euch herumstehen, eure Sorgenkinder, kleine und große. Ihr tragt sie nicht allein. Der Herr trägt mit. Euch und sie!

Ein junges Mädchen hat mir nach einem Jahr USA-Aufenthalt einmal eine englische Bibel mitgebracht, darin - auf englisch! - diese schöne Parabel hineingeschrieben: Ein Mensch sieht hinter sich im Sand nur eine Fußspur. Er hadert mit Gott: "Wo warst Du Herr? Ich war so müde und erschöpft - warum warst Du nicht bei mir? Warum hast Du mich allein gelassen?" Und wie dann Gott antwortet: "Kind, dort, wo du meintest, du seiest allein gewesen, wo du nur eine Spur im Sande siehst - da habe ich dich getragen!"

Denkt auch manchmal an diese Zeiten eures Lebens, wo Gott euch getragen hat. Er lässt uns nicht im Stich. "Herr, meine Seele hängt an Dir. Deine rechte Hand hält mich fest!" (so sagt es Ps 63). Nehmt solche und ähnliche Gebetsworte in euren Alltag hinein. Das sind Kraftquellen - wie Brot, Nahrung für die Seele!

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"Ich brauch dich!" Ja, das dürfen wir einander sagen. Gott sei Dank! Geben und Nehmen gehören zusammen. Nur so bleibt unser Leben menschlich - und bleibt es schön. Es gibt nichts Schöneres, als gemeinsam etwas zu bestehen, zu tragen, zu ertragen. Dankt für solche Erfahrungen!

"Gott braucht dich!" Ja, er, der Gewaltige und Allmächtige. Er will uns einbeziehen in seine Heilspläne. Fragt, wo er an eure Lebenstür klopft und euch bittet: "Komm heraus aus deinem Gehäuse. Komm: Ich brauche Dich!" Selig, wer sich von Gott gebrauchen lässt!

Und schließlich: "Gott, ich brauche dich!" Heute und jeden Tag. Wie ein "Lebensmittel". Nur - "Du, mein Gott, kannst mehr als nur Hunger stillen. Du vermagst mein Herz jubeln zu lassen!" - so wie Maria, unsere liebe Mutter, im Dienen ganz groß, im durchgetragenen Leid die ganz Freie und Frohe wurde. Ihr hat Gott zugetraut, "Christusträgerin" zu werden. Warum sollten nicht auch wir zu gleichem Dienst fähig sein? Amen.



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