Plädoyer für jüdisches Leben in Deutschland

Statement von Bischof Dr. Ulrich Neymeyr bei der Kundgebung gegen Antisemitismus am 30. Mai in Erfurt

Bild: Christian Raabe; In: Pfarrbriefservice.de

Zunächst möchte ich nicht gegen Antisemitismus sprechen, sondern für jüdisches Leben in Deutschland. Das Themenjahr „Tora ist Leben“ ist ein Ausdruck der Freude über 900 Jahre jüdisches Leben in Thüringen. Es ist schön, dass es jüdische Menschen, jüdische Kultur und jüdische Religion unter uns gibt. Als Deutscher freue ich mich über den großen Beitrag, den Juden für die Kultur, die Medizin und den Fortschritt ihres und unseres Landes Deutschland geleistet haben und leisten. Als Katholik sind die Juden für mich Verbündete, die im Bund mit demselben Gott stehen, an den ich glaube. Seit Papst Johannes Paul II. bezeichnen wir die Juden als unsere älteren Geschwister.

Wenn ich jetzt gegen Antisemitismus spreche, bin ich mir bewusst, dass von der Hand, mit der ich auf die Fratze des Antisemitismus in unserem Land zeige, drei Finger auf mich zeigen. Der Antisemitismus hat christliche Wurzeln. In unseren Kirchen wurde Judenhass gepredigt. Papst Johannes XXIII. hat kurz vor seinem Tod 1963 gebetet: „Wir erkennen, dass ein Kainsmal auf unserer Stirn steht. Im Laufe der Jahrhunderte hat unser Bruder Abel in dem Blute gelegen, das wir vergossen, und er hat Tränen geweint, die wir verursacht haben, weil wir Deine Liebe vergaßen.“

Auch wegen dieses Bekenntnisses setzt sich die katholische Kirche vehement gegen jede Form von Antisemitismus ein. Papst Franziskus hat klar und deutlich gesagt: „Ein Christ kann kein Antisemit sein.“ Mit Schrecken höre ich von neuen Formen des Antisemitismus: von chiffrierten Hassbotschaften gegen Juden bis zu offen ausgeübter Gewalt. Ich hatte gehofft, dass es solches nach der Schoa nicht mehr geben würde, aber meine Befürchtung wurde bestätigt: Von der Verharmlosung des Holocaust ist es nur ein kurzer Schritt zu seiner Gutheißung, und aus der Gutheißung erwächst die Bereitschaft zur Wiederholung, wie wir beim Anschlag auf die Synagoge in Halle am Jom Kipur entsetzt feststellen mussten.

Die Ausschreitungen, die durch die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Israel und Palästina veranlasst wurden, haben einen für unsere jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger tragischen Fehlschluss offenbart: Sie werden für die Politik des Staates Israel verantwortlich gemacht, obwohl sie deutsche Staatsbürger sind. Diese Synagoge ist nicht eine Einrichtung des Staates Israel, sondern der jüdischen Landesgemeinde Thüringen. Freilich haben die Juden in aller Welt eine existentielle Beziehung zum Staat Israel, er ist nämlich – so schlimm es ist – ihre Lebensversicherung. Herr Professor Schramm, der Vorsitzende der jüdischen Landesgemeinde, hat schon verschiedentlich gesagt: „Wenn es den Staat Israel zehn Jahre früher gegeben hätte, hätte ich meine Großeltern kennen gelernt.“

Ich hoffe und bete, dass jüdische Menschen nicht Deutschland verlassen, sondern dass sie nach Deutschland kommen. Dazu muss jeder, der antisemitisches und antijüdisches Denken zum Ausdruck bringt und verbreitet, als das entlarvt werden, was er ist: ein zynischer, menschenverachtender Unmensch, der in die Fußstapfen der Vielen tritt, die für die Schoa verantwortlich waren.

Damit jüdische Menschen hier gerne leben, braucht es auch viele Gelegenheiten, ihre Kultur und ihr Leben kennenzulernen, wofür sich – Gott sei Dank – viele Menschen in Thüringen einsetzen. In der Pandemie nehmen auch unsere älteren Geschwister, die Juden, den Auftrag des Grundgesetzes wahr und versammeln sich zu Gottesdiensten, in denen wir für alle Menschen in der Pandemie beten und unser Vertrauen auf Gott stärken. Juden und Christen beten im Psalm 91: „Du brauchst dich nicht zu fürchten vor der Pest, die im Finstern schleicht, vor der Seuche, die wütet am Mittag. Denn Gott befiehlt seinen Engeln, dich zu behüten auf all deinen Wegen.“

 
Siehe dazu auch den Beitrag auf katholisch.de