Ostern als „Zeitenwende“

Die Verkündigung des Gottesreiches bei Jesus und in der Kirche. Vortrag von Bischof em. Joachim Wanke im katholischen Bildungswerk Dresden, 20.02.2018

Bild: Peter Weidemann

Jesu Botschaft hat die Ankündigung des „Gottesreiches“ zum Inhalt. Dieses Reich meint im Verständnis Jesu Gott selbst und die Bereitschaft, sich ihm im eigenen Leben ganz zu überlassen. Diesen Gott gelte es als kostbaren „Schatz“ zu entdecken und zu „besitzen“. Dafür lohne sich jeder Einsatz.

Die Verkündigung der Kirche sieht im Bekenntnis von der Auferstehung Jesu aus dem Tode die unwiderrufliche Bestätigung dieser Botschaft. Der Auferstandene gehört nun selbst in die Mitte der beginnenden Herrschaft Gottes über alle Mächte und Gewalten. Die Gemeinschaft mit ihm durch Glaube und Taufe ermöglicht eine Freisetzung von Sünde und Tod, die in der Geschichte der Kirche in unzähligen Biographien eine folgenschwere Lebensumkehr bewirkt hat und bis heute bewirkt. Bisher gewohnte Verhaltensweisen, Maßstäbe und Werturteile geraten dabei ins Wanken. Als Vergleich könnte der politische „Machtwechsel“ 1989/90 im Osten Deutschlands mit seinen einschneidenden Folgen dienen. Der Vergleichspunkt wäre: Die sich real eröffnende Chance einer gesellschaftlichen „Wende“ war damals gegeben. Sie musste freilich als Option bejaht, ergriffen und vor allem gelebt werden. Und das ist bekanntlich nicht allen gelungen.

Wenn man einmal fragt, was eigentlich die unterschiedlichsten Heiligenbiographien, von den urchristlichen Märtyrern angefangen bis hin zur  denen der Gegenwart  untereinander verbindet, so könnte man sagen: die Entdeckung des „Evangeliums“ als alles bestimmende Lebensmitte.

Unter „Evangelium“ („Frohbotschaft“) verstehe ich hier die Botschaft vom kommenden und schon in die Gegenwart hinein wirksamen Gottesreiches, wie es Jesus von Nazareth verkündet hat, und die durch die Kirche als österliche Freisetzungsbotschaft  in die Geschichte hinein weitergetragen wird.

Für Paulus etwa, der die kanonischen Evangelien ja noch nicht kannte, meint Evangelium die Kunde von der Einsetzung des auferstandenen Christus in alle „Macht und Herrlichkeit“. Bei ihm ist die Begegnung mit dem Auferstandenen vor Damaskus der neue Schlüssel für sein Verständnis für die Geschichte Gottes mit seinem Volk. Die Soziologen würden sagen: Das Osterereignis ist für ihn der Auslöser für einen veränderten „Erkenntnishorizont“ geworden. Hans Joas etwa nennt solche biographischen Zäsuren Erfahrungen von „Selbsttranszendenz“. Der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa spricht von „Resonanzerfahrungen“, die Menschen tiefgreifend verändern können.

Für die Heiligen und unzählige Getaufte in der Frömmigkeitsgeschichte der Kirche ist der Glaube an die durch Jesus Christus herbeigeführte „Herrschaftswende“ gleichsam zu einem „Ferment“ geworden, das alles in ihrem Leben verändert hat. Vielleicht ist die Metapher  „ Ferment“ in diesem Zusammenhang hilfreich für das Verstehen. Ein Geschmacksferment etwa ist in seiner Wirkung auch nicht sofort auf den ersten Blick erkennbar, aber es gibt einem größeren Ganzen einen unverkennbar andersartigen, neuen Geschmack. 

Unser Thema, das sich der Reich-Gottes-Botschaft Jesu zuwendet,  nimmt also das eigentliche Proprium christlicher Existenz in den Blick, seine innerste Mitte – wie unterschiedlich deren Ausprägungen durch die Jahrhunderte hindurch auch ausgesehen haben.

Ich möchte zunächst einige charakteristische Linien dieser Botschaft Jesu in Erinnerung rufen, wie sie uns in den kanonischen  Evangelienschriften begegnen. Sodann soll gefragt werden, wie diese Botschaft vom „Gottesreich“ (bei Matthäus wird meist gesagt: vom „Himmelreich“) zu verstehen ist und was sie uns Menschen einer aufgeklärten Moderne bedeuten kann. 

I.

Jesus hat bekanntlich weithin in Bildern geredet – mit Hilfe von Metaphern, die das für ihn grundstürzend  neue, nicht aus dieser Welt ableitbare Handeln seines Gottes und „Vaters“ nahe bringen wollen. Das gilt auch von seiner Rede vom Gottesreich, das an alttestamentliche, prophetische Verkündigung anknüpft.  


Die uns gewohnte Übersetzung des griechischen Wortes basileia („Reich“; hebr. malkut) hat doppelte Bedeutung, ähnlich wie das deutsche Wort „Herrschaft“. Der Begriff kann ein abgegrenztes Territorium bezeichnen, gleichsam einen geographischen Raum, über den ein König herrscht, es kann aber auch mehr dynamisch die Herrschaft dieses Königs meinen. Entsprechend kann man das griechische Wort basileia tou theou mit „Gottesreich“, aber ebenso auch mit „Gottesherrschaft“ übersetzen. 

Ich bin immer wieder erstaunt, welch weltliche, ja scheinbar „unfromme“ Materie Jesus als Bildmaterial für seine Reich-Gottes-Gleichnisse verwendet: Geschichten von Hochzeiten und Festgelagen, Räuberpistolen von Wegelagerern, die Reisende ausrauben, von Dieben, die unbemerkt in Häuser eindringen, von unredlichen Verwaltern, die mit kalter Berechnung und Tricks  ihren Kopf aus der Schlinge ziehen wollen. Er kann von Söhnen erzählen, die sich mit ihren Vätern auseinandersetzen, oder von Hausfrauen, die beim Backen ihr Brotmehl mit Sauerteig vermengen, oder die in ihrem Haus nach einer verlorenen Münze suchen und sich gewaltig freuen, wenn sie diese gefunden haben. All das soll bei seinen Hörern  als Verstehenshilfen für die Wirklichkeit des Gottesreiches dienen. Hier zwei charakteristische Beispiele:

Das Doppelgleichnis vom Schatz und der Perle (Mt 13,44-46):

"Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Schatz, der in einem Acker vergraben war. Ein Mann entdeckte ihn, grub ihn aber wieder ein. Und in seiner Freude verkaufte er alles, was er besaß, und kaufte den Acker.


Auch ist es mit dem Himmelreich wie mit einem Kaufmann, der schöne Perlen suchte. Als er eine besonders wertvolle Perle fand, verkaufte er alles, was er besaß, und kaufte sie."

Man beachte: Die beiden Gleichnisse setzen nicht den Schatz und die kostbare Perle mit dem Himmelreich gleich. Es heißt vielmehr: Mit dem Himmelreich ist es wie mit dieser Begebenheit…. Und dann folgt die kurze Handlung.

Es ist eine Frage der Auslegung, was Jesus mit diesen beiden Kurzgeschichten sagen wollte. Manche meinen: Jesu spreche davon, dass das Gottesreich unendlich kostbar sei, oder: dass es entschlossen, ohne zu zögern zu ergreifen sei, eben als einmalige Chance, die nicht mehr wiederkehrt. Es seien dabei sogar verwegene, ja unlautere Mittel erlaubt, hier der Trick, dem Besitzer des Grundstücks das Vorhandensein des Schatzes in seinem Acker zu verheimlichen bzw. beim Kaufmann, der wie ein Börsenspekulant gleichsam alles auf eine Karte setzt, wir würden heute sagen:  „Risikoaktien“  erwirbt, um ans Ziel seiner Wünsche zu kommen. Beide handelnden Personen würden dann zu den „zwielichtigen“, ja „unmoralischen Helden“ zählen, wie sie in manchen Gleichnissen Jesu ja tatsächlich vorkommen (etwa der ungerechte Verwalter, der die Schuldner seines Herrn mit dessen Vermögen sich geneigt macht, oder der korrupte Richter, der der lästigen Witwe mit ihren hartnäckigen Klagen schlussendlich doch zu  ihrem Recht verhilft).

Bei diesem Doppelgleichnis scheint mir freilich der springende  Punkt vor allem die Überraschung und die Freude zu sein, aus der heraus die beiden Akteure handeln: Gott selbst, den „Vater Jesu“ zu entdecken und an seinem Erbarmen Anteil zu erhalten (das meint in der Sache letztlich die Redeweise: „ins Reich Gottes kommen“ bzw. „eintreten“) – das macht derart „reich“, dass sich jeder Einsatz dafür lohnt. Voll Freude geht der Mann hin und setzt alles ein, um an den verborgenen Schatz zu gelangen, ebenso der Kaufmann beim Erwerb seiner „Spitzenperle“. 

Jesu Botschaft vom kommenden und schon jetzt wirksamen Gottesreich ist so etwas wie die Neuentdeckung des Bundesgottes Israels als väterlicher Gott, als Gott des Erbarmens – eine Entdeckung, die freilich lebensändernde Folgen hat: Sie hat die Kraft, Biographien zu verwandeln. Sie lässt Menschen ihr Leben und die Welt neu sehen und verstehen. Hier stoßen wir also auf die Mitte der Botschaft Jesu. Er redet von einem Tun Gottes, das die erste Schöpfung übersteigt. Das ist sein „Evangelium“, das er in seinem Leben und noch mehr in seinem Sterben durchträgt und das – wie das kirchliche Credo bekennt – in seiner Erhöhung zum Vater, in seiner Auferstehung unwiderruflich wirksam wird.

Das Reich Gottes, von dem Jesus in seinen Gleichnissen so „weltlich“ erzählt, ist also letztlich Gott selbst, unsere Lebensgemeinschaft mit ihm, die Zugehörigkeit zu ihm, die wir nicht selbst bewirken, sondern die uns geschenkt wird. Das versteht Jesus wohl so ähnlich wie eine uns überraschende, beglückende Erfahrung, etwa die einer beginnenden Freundschaft oder einer Liebe, die man nicht selber gesucht hat, sondern bei der man umgekehrt selbst gefunden wurde. Jesus kann voll Freude ausrufen: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du all das (!) den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast. Ja, Vater, so hat es dir gefallen“ (Lk  10,21). „Reich Gottes“ heißt für Jesus und für alle, die ihm in der Offenheit für dieses Reich nachfolgen, zur letzten Wirklichkeit alles Seienden rufen zu können: Abba, lieber Vater! 

Martin Buber bemerkte einmal, man könne von Gott der Bibel nur sinnvoll im Vokativ, in der Form der Anrede sprechen. Daran ist sicher richtig, dass ein gleichsam objektiv vorgezeigter Gott sich letztlich wieder entzieht, wenn nicht aus dem Hinweisen und Aufzeigen ein Anrufen, ja eine Hingabe an ihn wird. Man könnte christliche Existenz in der Art Jesu und im Vertrauen auf Jesu Sterben und Auferstehen „für uns“ als ein umfassendes „Loslassen“ charakterisieren, als ein bereitwilliges „Sich-Hinein-Fallen-Lassen in Gottes Liebe“, eben: als ein „Resonanz-Ereignis“. „Dein Wille geschehe!“, lehrt Jesus seine Jünger beten. Und Gottes Wille ist die immer tiefer wachsende und das ganze Leben umgreifende Antwort des Menschen auf Gottes „Liebesofferte“.  

Ich möchte noch einen anderen Aspekt der Reich-Gottes-Verkündigung kurz beleuchten: das machtvolle Sich-Durchsetzen des Gottesreiches als Tat Gottes, die nicht aus naturgegebenen Ursachen ableitbar ist. Das Gottesreich ist auch kein Ergebnis gutwilliger Anstrengungen von Menschen. Der Landmann kann zwar die Saatkörner aussäen und dann auch die Früchte ernten, aber beim eigentlichen Wachsen und Reifen der Frucht kann er nur zusehen und passiv abwarten. Jesus sagt drastisch: Er kann sich schlafen legen! (vgl. Mk 4,26-29). Das Gottesreich ist ganz Gabe von oben – aber eben eine Gabe, die sich machtvoll Zugang verschafft in die sich vor Gott abschottende Welt des Menschen.

Vermutlich spricht von dieser Überzeugung Jesu auch das Gleichnis vom Dieb (vgl. Lk 12,39), der trotz der Wachsamkeit des Hausherrn in dessen Haus einbrechen könnte.  In der Alten Kirche ist dieses Gleichnis als Mahnung zur Wachsamkeit angesichts des erwarteten Wiederkommens Christi verstanden worden, dessen Zeit und Stunde bekanntlich niemand kennt. So verstehen wir es auch heute. 

Es ist freilich wahrscheinlich, dass der ursprüngliche Sinn der Bildgeschichte vom Dieb im Mund Jesu ein anderer war. Man könnte den Text durchaus auch mit Gerhard Lohfink (vgl. ders., Jesus von Nazareth. Was er wollte. Wer er war, Freiburg –Basel-Wien 2012, 462-466) als Irrealis der Vergangenheit übersetzen: „Wenn der Hausherr gewusst hätte, in welcher Stunde der Dieb kommt, hätte er verhindert, das in sein Haus eingebrochen wird.“ Jesus würde also gemeint haben: Der „Einbruch“ hat schon stattgefunden! Alle Vorsichtsmaßnahmen haben nichts genutzt – der Einbruch Gottes in diese Weltzeit ist schon gelungen. Mitten in der alten Welt ist die neue Welt Gottes schon präsent. 

Nicht zuletzt auch in den Taten Jesu selbst zeigt sich das „Gekommensein“  der Gottesherrschaft. So lautet die Auskunft für den im Gefängnis sitzenden Täufer, der zweifelnd seine Jünger bei Jesus anfragen lässt, ob er der entscheidende Bote Gottes sei. Er bekommt als Antwort den Hinweis auf die Taten Jesu: „Geht hin und verkündet dem Johannes, was ihr gesehen und gehört habt: Blinde sehen wieder, Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium verkündet. Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt“ (vgl. Lk 7,22f par Mt 11,2-6). Hier wird deutlich, dass Jesus selbst in das Ereignis des Kommens der Herrschaft Gottes hineingehört, etwa wenn er von sich sagt: „Wenn ich durch den Finger Gottes die Dämonen austreibe, dann ist die Herrschaft Gottes schon zu euch gekommen“ (vgl. Lk 11,20). Gottes Kommen ist also nicht aufzuhalten. Es wird im  Reden und Tun Jesu präsent.

Das bezeugt auch der sog. „Stürmerspruch“ Jesu, der von dieser Zuversicht auf das schon erfolgreiche Handeln Gottes – nicht erst in der Zukunft, sondern schon jetzt im Hier und Heute – verständlich wird: „Das Gesetz und die Propheten (reichen) bis zu Johannes (sc. den Täufer).Von da an bricht sich die Gottesherrschaft mit Gewalt Bahn, und Gewalttäter reißen sie an sich“ (vgl. Mt 11, 13 und 12, par  Lk 16,16). Die „Gewalttäter“ sind dann jene, die entschlossen alles auf eine „Karte setzen“, um Gott zu finden und damit Heil und Leben – so wie der Mann mit seinem überraschenden Schatzfund oder der Kaufmann mit dem Glücksfund der kostbaren Perle.

Denken wir auch an solche Worte, die die Entschlossenheit des Jüngers Jesu für den Weg der Nachfolge anmahnen – für uns beinahe zu „drastisch“, zu „gewalttätig“: etwa das Wort vom „Abhauen von Hand und Fuß“ oder vom „Herausreißen des Auges“,  wenn diese uns von Gott trennen wollen. So „gewalttätig“ Gott den Widerstand des Menschen aufbricht, so entschlossen und kühn sollen die Jünger Jesu sich der Herrschaft Gottes unterstellen, ohne Rücksicht auf menschliches Kalkül, ja selbst auf familiäre Bindungen.

Meine Schlussfolgerung: Wer Jünger Jesu sein will, darf sich als Reich-Gottes-Anwärter verstehen. Er geht damit ein hohes Risiko ein: Er lässt sich auf eine mögliche Lebenswende ein. Und das kann durchaus auch schmerzliche Folgen haben. Manche unserer erwachsenen Taufbewerber spüren das oft sehr konkret, wenn ihnen nach erfolgter Taufe vertraute, lieb gewordenen Beziehungen aus ihrem alten Lebensumfeld wegbrechen.

Wir wissen, wie sehr eine neue Lebensperspektive  das Denken und Handeln verändern kann. Gewohnte Verhaltensweisen, Maßstäbe und Werturteile geraten ins Wanken. Gern ziehe ich manchmal als Illustration den politischen „Herrschaftswechsel“ 1989/90 im Osten Deutschlands mit seinen einschneidenden Folgen  heran. Die sich real eröffnende gesellschaftlich-politische „Wende“ war damals dank vieler günstiger Umstände geglückt. Diese „Wende“, dieser „Herrschaftswechsel“ musste dann freilich als Option bejaht, ergriffen und vor allem gelebt werden. Und das ist bekanntlich nicht allen Menschen im Osten gelungen. 

Aber eben um diese Bereitschaft, aus dem im Kommen Jesu erfolgten österlichen „Zeiten-“ bzw. „Herrschaftswechsel“  Konsequenzen zu ziehen, geht es im christlichen Glauben und in christlicher Lebenspraxis. Ansonsten vergibt man sich die Chance, die verwandelnde Kraft des österlichen Glaubens kennenzulernen – und  der kann bekanntlich (nach einem Wort Jesu) „Berge versetzen“. Man könnte noch etwas pointierter sagen: Die Botschaft vom anbrechenden Gottesreich, von Gottes anbrechenden Herrschaft führt in die innerste Mitte des eigenen Lebens, in dem die wirklich wichtigen Entscheidungen fallen.

Dabei ist mir wichtig zu betonen:  Jesu Botschaft ist Selbstbetrug, auch keine illusionäre „Verwandlungsbotschaft“, die alles in ein rosa Licht taucht und uns unserer Eigeninitiative, unserer Freiheit beraubt. Sie ist vielmehr eine „Ermöglichungsbotschaft“, die ihre innere Evidenz, ihre Glaubwürdigkeit im Tun, in der Praxis erweist. Dafür stehen die großen Glaubenszeugen der Frömmigkeitsgeschichte  und auch Getaufte und Gefirmte heute.

Dietrich Bonhoeffer, Alfred Delp, die Geschwister Scholl und ihre Freunde  vor Freislers  Volksgerichtshof , auf andere Weise auch P. Maximilian Kolbe und viele andere Blutzeugen auch aus heutiger Zeit sind für mich in ihrer inneren Freiheit, trotz ihrer Fesseln, beispielhaft für ein Leben aus der Perspektive der Gottesherrschaft.

II.

Betrachten wir nun ein wenig näher, was diese Offenheit für die „Reich-Gottes-Botschaft“ für uns bedeuten könnte – und zwar für den Einzelnen, für die Kirche insgesamt und auch für den vom Glauben her motivierten Welteinsatz von Christen.

Bleiben wir zunächst einmal bei der Perspektive des einzelnen Glaubenden. Ein Christ tut natürlich durchaus mehr als nur fromme Dinge, etwa: Gottesdienst feiern, den Glauben bezeugen, Nächstenliebe üben usw. Der Christ baut als Ingenieur vielleicht mit an einer Fabrik, er fährt mit Frau und Kindern in den Urlaub, er hört ab und zu mit Genuss ein gutes Konzert, er übernimmt in Beruf und Gesellschaft Verantwortung. Aber er geht eben auch in die Kirche, liest in der Bibel und gibt im Kollegenkreis zu erkennen, dass er an Gott glaubt und an bleibendes Leben, das ihm wie ein „Angeld“, wie eine Vorauszahlung auf Grund von Taufe und Glauben schon jetzt geschenkt ist. 

Somit überlappt sich die Praxis des Alltagslebens eines Christen in eigentümlicher Weise mit den Aufgaben und Herausforderungen, vor die jeder Mensch gestellt ist. Jeder Mensch muss sich mit Arbeit seinen Lebensunterhalt verdienen. Jeder Mensch hat das Bestreben, sich in Arbeit und durch schöpferische Tätigkeit zu „verwirklichen“, wie wir heute gern sagen (und ich vermeide jeden negativen Unterton bei dieser Formulierung!). 

Für den Christen freilich ergibt sich die Eigenart, dass er nicht nur das eine oder andere noch zusätzlich „leistet“ (was oben mit dem Stichwort Gottesdienstbesuch anklang), sondern dass er auch seine scheinbar rein profanen Tätigkeiten (also etwa das Konstruieren einer Maschine, Sekretärsarbeit im Büro, häusliche Arbeit, Schaffen am Fließband, Unterrichten von Kindern, Ausfüllen eines politischen Amtes usw.) nochmals in einen besonderen Kontext setzt, in ein besonderes „Licht“ hält. 

Wir hatten eingangs das Bild des Ferments gebraucht, das einer Speise zugefügt wird. Es gibt so etwas wie eine christliche „Fermentierung“ bzw. „Einfärbung“  des Lebens, die weithin nicht von der Substanz der eigentlichen Alltagstätigkeit zu trennen ist, so wie Salz oder Zucker normalerweise in einer Flüssigkeit für das Auge ununterscheidbar bleibt. 

Oder man könnte mit einem anderen Vergleich auch sagen: Der Christ setzt vor seine Tätigkeit in der Welt oder auch in der Kirche wie bei einer mathematischen Klammer ein Vorzeichen, ein Plus, das den gesamten Inhalt der Klammer neu definiert. Nur in Einzelmomenten, gleichsam im Verborgenen und wie im Nebenbei kann aufleuchten, dass zwei Menschen dasselbe tun, etwa einen Kranken pflegen, aber dies auf eigentümliche Weise doch jeweils anders tun. 

Am deutlichsten wird dieser Unterschied zwischen Glaubendem und Nichtglaubendem im Moment des Sterbens, wobei ich einkalkuliere, dass auch der Glaubende animalische Angst vor dem Sterben hat, er aber doch im Glauben an Gott die Furcht vor dem Ausgelöscht-Werden überwinden kann, was sich dann in der willigen Annahme des Sterbens als letzte und glaubwürdigste Bezeugung dieses Vertrauens zeigen mag.

Die Reich-Gottes-Botschaft Jesu hat freilich auch eine kirchliche Dimension. Die Kirche als Ganze hat sich von der Perspektive des Reiches bzw. der Herrschaft  Gottes bestimmen zu lassen.  

Es ist durchaus erkennbar, ob sich eine konkrete Ortskirche, auch als Institution, die auf manche irdische Dinge angewiesen ist, vorrangig vom Wort Jesu leiten lässt: „Euch muss es zuerst um (Gottes) Reich und seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere  dazugegeben“ ( vgl. Mt 6,33). Es braucht durchaus auch prophetische Kritik innerhalb einer konkreten Ortskirche, in der ja immer beides vorhanden ist: österlich-erlöstes Denken und Handeln einerseits und auch sehr weltlich-unerlöstes Denken und Handeln andererseits – und das in diversen Mischungen.

Einziger Zweck der Kirche ist es, um einmal so verkürzt zu sprechen, den Menschen jeder Zeit und jeder Generation den Gotteshorizont zu erschließen, in ihn einzuführen, uns in ihm zu beheimaten – so wie das Jesus getan hat. Die Kirche tut dies im Wissen und im Glauben daran, dass dieser Jesus mehr als ein religiöser Lehrer war, dass er in seiner Person selbst Zugang zur Gotteswirklichkeit eröffnet, also gleichsam eine „Tür“ ist, wie das Johannesevangelium formuliert (vgl. Joh 10,9), durch die Gott in unser Leben, in diese Welt eintritt und umgekehrt wir Zugang zur Gotteswirklichkeit erhalten. 

Die Kirche hat  also „Glaubensbrücken“ zu bauen. Sie hat Einladungen auszusprechen. Sie soll lehren, sich nicht mit dem Vorfindlichen zufrieden zu geben. Sie muss aus existentieller „Schläfrigkeit“ wecken, die dazu verleitet, den Himmel Gottes als letzte Bestimmung unseres Lebens aus den Augen zu verlieren. Das sind sehr facettenreiche Aufgaben, die zudem noch angesichts des jeweiligen geistigen Kontextes einer Zeit auf unterschiedliche Weise anzugehen sind. Aber dennoch gilt: Die Kirche ist dort ganz bei sich selbst, wenn sie mit allen Gläubigen und zusammen mit möglichst vielen fragenden und suchenden Zeitgenossen nach „Gottes Reich“, nach Gottes Gegenwart  mitten unter uns Ausschau hält.
 

Damit ist über die kirchliche Perspektive der „Reich-Gottes-Botschaft“ Jesu hinaus auch deren säkulare, gesellschaftlich-politische Bedeutung angedeutet, die sich gerade in der europäischen Geschichte und ihren revolutionären Traditionen immer wieder gezeigt hat. Ich verweise hier nur beispielhaft auf das (noch vor der „samtenen Revolution“  geschriebene) Buch des tschechischen Dissidenten und Schriftstellers Vaclav Havel: „Versuch in der Wahrheit zu leben“.  Es ist in einer rein säkularen Sprache verfasst, ohne jede religiöse Anleihen. Dennoch wird jedem Leser deutlich, in welcher Tradition Vaclav Havel hier steht. Es geht um das Ganze unseres Lebens und der Zukunft der Menschheit. Vaclav Havel meint ja mit dem Begriff „Wahrheit“ mehr als philologische Richtigkeit. Es geht ihm um den „aufrechten“ Gang des Menschen, um eine „wahrhaftige Existenz“  und damit auch um eine „wahrhaftige“ Gesellschaft – ohne Lüge und Zwang zur Verstellung. Vaclav Havel steht hier in der Tradition vieler revolutionärer Gesellschaftsutopien, die sich bis in die Neuzeit hinein vom Gedanken eines (freilich von Menschen zu schaffenden) „Gottesreichs der Gerechtigkeit und Freiheit“ immer wieder inspirieren ließen.

Vielleicht sollten wir bei unseren Überlegungen noch elementarer ansetzen. Es geht bei all dem, was die Kirche und der einzelne Christ zu betreiben haben, letztlich darum, sich dem Blick Gottes auszusetzen.  Psalm 123 benutzt dieses ansprechende Bild, und zwar in einer Formulierung, die auch noch in unseren demokratischen  Verhältnissen, in denen nicht mehr von Herren und Knechten, geschweige denn Mägden die Rede ist, unmittelbar verständlich ist: Frömmigkeit sei so etwas wie ein Hinschauen auf den Herrn. „Wie die Augen der Knechte auf die Hand ihres Herren, wie die Augen der Magd auf die Hand ihrer Herrin, so schauen unsere Augen auf den Herrn, unseren Gott, bis er uns gnädig ist.“ (Ps 123,2). Anschauen – und angeschaut werden!

Hier ist eine auch uns heute durchaus vertraute Erfahrung eingefangen. Es ist ein Unterschied, ob z.B. ein Kind vor den Augen der Mutter einer Tätigkeit nachgeht, etwa Aufgaben erledigt oder einfach auch nur spielt, oder ob es sich dabei selbst überlassen bleibt, dies also allein, ohne „Beobachtung“ tun muss. 

Ich habe den Eindruck, dass Kinder (manchmal auch Erwachsene) unter Beobachtung sich anders verhalten als wenn sie allein sind. Mir jedenfalls geht es so. Ich sage es einmal ganz wertfrei: Ein Kind, das eine Bezugsperson in der Nähe weiß, fühlt sich angeschaut. Es kann bei jedweder Tätigkeit, selbst beim Spiel, nicht davon absehen, dass da jemand da ist, der zu ihm eine besondere Beziehung hat. Wir alle wissen, wie wichtig für Kinder Bezugspersonen sind, Personen, die mehr sind als Aufpasser, als Betreuer, als  Lehrer, als Garanten der biologischen Existenz des Kindes. Kinder wollen „angenommen“ sein, gleichsam unter Absehung ihrer möglichen Leistungsfähigkeit, ihrer menschlichen oder sonstigen Qualitäten. Sie brauchen Personen, die  ihnen signalisieren: „Es ist gut, dass du da bist!“ „Es ist gut, dass es dich gibt!“

Eben das wäre mein Vergleichspunkt. Der Christ ist umso mehr Christ, je mehr er aus diesem Wissen, aus diesem Vertrauen heraus agiert: Ich werde von Gott angeschaut, nicht von einem „Aufpassergott“ (à la Eugen Roth!1) , sondern von einem Gott, der mir (bildhaft gesprochen) sein „Herz“ zuwendet. Denn daraus verändert sich das WIE meines Verhaltens und meines Tuns. Inwiefern?

Es wird (1.) gelassen sein. Zumindest ansatzweise.   

Ein Kind wird vor den Augen der Mutter nie in wirklich existentielle Bedrängnis kommen. Zugegeben, es mag sich ängstigen, es mag auch manchmal unter Stress stehen. Doch „vor“ der liebenden Anwesenheit einer Mutter kommt eine Gelassenheit zum Tragen, die jedem normalen Kind, das unter guten familiären Bedingungen aufwachsen darf, ohnehin eigen ist. Es geht um das Wissen, im Letzten, was immer auch kommen mag, „aufgefangen“ zu sein, „gehalten“, nicht allein gelassen zu werden, wenn wirkliche Bedrohungen sich ergeben. Das ist die kostbarste Mitgift, die Eltern ihren Kindern vermitteln können. 

Die Anwendung auf das WIE des christlichen Handelns liegt auf der Hand. Es gibt nichts Schlimmeres als nervöse, hektische Pfarrer und kirchliche Angestellte, die andere mit ihren kirchlichen Untergangsvisionen bedrängen. Ich halte es geradezu für ein Kennzeichen wahrer Christlichkeit, bei allem Engagement, bei aller „Pfiffigkeit“, die uns als Kirchen und Christen auszeichnen sollte, diese Gelassenheit zu wahren, die weiß, dass wir Gott nicht mit unserer kirchlichen Betriebsamkeit unter die Arme greifen müssen, als sei er ohne uns hilflos. 

Und ein weiterer Aspekt ist in diesem Stichwort Gelassenheit enthalten: der hilfreiche Gedanke an eine noch ausstehende Vollendung. Im Vergleich gesprochen: Eltern freuen sich auch über windschiefe Strichzeichnungen ihrer Kleinen. Nicht die Perfektion eines Bildes erfreut das elterliche Herz, sondern die Geste des Hinhaltens einer Gabe, bei der das Kind sagt: „Sieh, das hab ich für dich gemalt!“ Und es erfreut Eltern, wenn sie Anlagen und Begabungen ihres Kindes erkennen, die sich später einmal entfalten werden. Wirklich Liebende schauen auf den Partner gleichsam im Potentialis. Sie sehen, was aus ihm werden könnte, nicht so sehr auf das, was im Augenblick bei ihm Fakt ist. 

Auf unser Thema hin gewendet: Die Vollendung dessen, was auf uns wartet, ist Gottes Werk, nicht das unserer menschlichen und kirchlichen Tüchtigkeit. Die Theologen sagen: Die Eschatologie, der Glaube an eine Vollendung, die „von oben“ kommt, bewahrt uns vor der Ideologie, schon hier auf Erden das Vollkommene schaffen zu müssen. Wer das meint, muss eine kommunistische Partei gründen – oder zum Taliban werden. 

„Reich-Gottes-Frömmigkeit“ erkannt man an der Haltung der Gelassenheit. Freilich: Es muss eine engagierte Gelassenheit sein. Das meint mein zweites Stichwort in diesem Zusammenhang: Das Tun oder Spielen des Kindes vor den Augen der Mutter mag kindgemäß sein, aber es wird 

(2.) ernsthaft sein.

Kirche kann ihr „Kerngeschäft“ nur ernsthaft betreiben, also sachbezogen und menschenorientiert, soweit das eben möglich ist. Auch kindliches Tun ist durchaus ernsthaft, sachbezogen. Es wünscht sich Anerkennung, es erwartet Lob. Das kann aber nicht erfolgen, wenn nur Allotria getrieben oder gar Unsinn gemacht wird. 

Die Kirche weiß sich ständig vor den Augen ihres Herrn. Er wird einmal richten in Gerechtigkeit, und er wird dabei bei seiner Kirche anfangen. Man darf die Gnadenbotschaft des Christentums, wie sie Paulus in seiner theologischen Begriffsfigur von der „Rechtfertigung des Sünders aus Glauben, unabhängig von Werken des Gesetzes“ formuliert, nicht als „Laissez-faire-Christentum“ missverstehen. Dagegen musste sich der Apostel schon zu Lebzeiten verteidigen. Natürlich gilt: Aus Gnade, aber es gilt eine Gnade, die uns zu Werken der Liebe ermächtigt, ja herausfordert. Wer nicht antwortet, hat den Ruf umsonst gehört. Wer die Hand des Retters nicht ergreift, bleibt in seiner Eisspalte und erfriert. Auch für uns Getaufte und Gerechtfertigte bleibt die Aussage des Apostels bestehen: „Denn wir alle müssen vor dem Richterstuhl Christi offenbar werden, damit jeder seinen Lohn empfängt für das Gute oder Böse, das er im irdischen Leben getan hat“ (2 Kor 5,10).

Das meine ich mit der Ernsthaftigkeit des Tuns der Kirche insgesamt, aber auch jedes einzelnen Christen, insofern  er wirklich Christ sein will. Die Nachfolge Christi ist kein Spazierweg, und unsere eigene Existenzverwandlung in die Christus-Gleichförmigkeit wird uns nicht erlassen, nach dem Motto: „Das ist alles nicht so ernst gemeint, was da in der Bergpredigt steht!“ Natürlich wird uns letztlich das Heil geschenkt, aber nur dann, wenn wir der Art und Weise zustimmen, wie Gott es uns schenken will, d. h. wenn wir uns selbst loslassen, wenn wir – um mit Paulus zu sprechen – nicht unsere Gerechtigkeit suchen, sondern die, mit der uns Christus umkleiden kann (vgl. Phil 3,9). Und diese Gottesgerechtigkeit ist am Leben Christi nach zu buchstabieren. 

Dennoch, bei aller Ernsthaftigkeit, die im Blick auf das anstehende Handeln und auf die ersehnte Anerkennung, sei sie von Menschen erwartet oder als von Gott her zugesprochene ersehnt: Die Kirche wird nie aufhören, ihr ganzes Selbstverständnis und damit auch die christliche Einzelexistenz als eine Art Spiel zu verstehen. Ja, ich wage dieses Wort, wiewohl es Missverständnisse auslösen kann. Aber es gehört als notwendige Korrektur zu dem eben Bedachten. Ein Kind vor den Augen seiner Mutter wird auch das Ernsthafte 

(3.) spielerisch verrichten.

In diesem Wort schwingen für mich zwei Dimensionen mit. Zum einen ein dialogischer Aspekt. Ein Spiel kann es nur zwischen Spielpartnern geben. Mit sich selber spielen ist eine Ersatzhandlung, die letztlich nicht befriedigt. Wahre menschliche Existenz kommt ja nur zustande, wenn ich das DU entdecke, den Anderen, letztlich Gott. Wer in dieser Hinsicht der Botschaft der Bibel nicht traut, die dies auf jeder ihrer Seiten verkündet, der sollte in sein eigenes Herz hineinhören und seinen eigenen Sehnsüchten nachspüren. 

Ich kann mir letztlich die ganze Schöpfung nur als ein grandioses Spiel der Liebe Gottes denken, eines Gottes, der den Überschwang seiner Liebe „spielerisch“ weitergeben möchte in eine von ihm geschaffene Wirklichkeit hinein, eben die des Menschen. Ich verkenne dabei nicht die bedrängende Frage nach dem Bösen in der Welt, die sog. Theodizee-Frage. Warum muss es das geben: das unendliche Leid, besonders das Leid Unschuldiger? Darauf gibt es letztlich keine schlüssige Antwort. Ich interpretiere das Leid, die Zulassung des Bösen in der Welt als den „Preis der Freiheit“, den Gott einer freien Schöpfung zumutet. Gott nimmt den Menschen ernst, so sehr, dass er sogar das Böse zulässt. Dies können wir hier nicht weiter verfolgen. Ich will hier nur abheben auf den Gedanken: Gott möchte eine freie Antwort hervorlocken auf sein Angebot der Freundschaft, der Liebe. 

Es gibt ein merkwürdiges Jesuswort von den „Kindern, die auf dem Marktplatz sitzen und einander zurufen: Wir haben für euch auf der Flöte (Hochzeitslieder) gespielt, und ihr habt nicht getanzt; wir haben Klagelieder gesungen, und ihr habt nicht geweint“ (Lk 7,32). Ich  verstehe dieses Wort in diesem Sinn: Gottes Liebe will nicht echo-los, nicht resonanz-los bleiben. So dürfte Jesus seine Sendung verstanden haben. Er lädt zum Spiel der Liebe ein. Seine Gleichnisreden sind voll von Gastmahl-Geschichten. Das ist  an sich eine merkwürdige Weise, von Gott und seinem Handeln an uns zu sprechen. Wir sagten es schon: Die Bildgeschichten Jesu sind uns so vertraut, dass wir das Befremdliche an ihnen oft nicht mehr wahrnehmen. Wir sind zu einem Fest geladen. Die Metapher des Festes ist mehr als ein Bild. Es enthält die Sache des Reiches Gottes. Es zielt im Kernpunkt auf einen Dialog nie endender, spielerischer, beseligender Liebe.

Und eine zweite Dimension ist mit dem Bild des Spieles darin schon angesprochen: Im Spiel kommt es darauf an, dass der Partner reagiert. Ein Kind wird immer wieder, auch mitten in seiner Beschäftigung, seinem Spiel hin zur Mutter schauen oder laufen. Es wird sich vergewissern, ob und vor allem wie sie da ist. Das Kind wird antworten, so oder so, auf die Zuwendung der Mutter, mag diese nun verbal sein oder nonverbal. 

Letztlich ist die Liturgie der Kirche ein solches „Spielen“ vor dem Angesicht Gottes. Die Liturgie ist in ihrem Kern „Antwort“ auf die vom Himmel herabsteigende Liebesofferte Gottes. Unsere Antwort darauf wird immer ungenügend bleiben. Aber wir binden sie an die Lebensantwort des Menschensohnes Jesus Christus, der in seinem Lebens- und Sterbensgehorsam den Dialog zwischen Gott und den Menschen wieder eröffnet hat. „Durch ihn“, „mit ihm und „in ihm“ wird Gott von der Kirche und jedem einzelnen der Gottesdienstteilnehmer geantwortet. So, nur so sind wir für Gott ebenbürtige Spielpartner. Und die in unserem Bild herangezogene Kind-Mutter/Kind-Vater-Relation mag andeuten, dass darin letztlich doch das Wissen um den ganz anderen, unendlich erhabenen Gott gewahrt bleibt.

Es sind diese „Ingredienzen“, die eine Lebensgestaltung aus der Reich-Gottes-Perspektive erkennbar und für unser gesellschaftlich-politisches Handeln hier und heute bedeutsam machen: 

Gelassenheit im Annehmen des konkreten Hier und Jetzt, jenseits von allen Fundamentalismen und Extremismen,

Ernsthaftigkeit im Handeln, die um die eigene bzw. gemeinsame Verantwortung weiß,

Und dennoch eine gleichsam spielerische Leichtigkeit, die – wie Bonhoeffer es einmal ausdrückte – die „vorletzten Dinge“ von den „letzten“ zu unterscheiden vermag und die zudem um die Kostbarkeit und Schönheit von Partnerschaft und durchtragender, solidarischer Gemeinschaft weiß. 

Nach meinem Verständnis sind das solide Fundamente, auf denen das Leben und der Welteinsatz von Christen auch heute gelingen können, individuell und gemeinschaftlich.

 

1 Vgl. Eugen Roth, Unter Aufsicht:
Ein Mensch, der recht sich überlegt,
dass Gott ihn anschaut unentwegt,
fühlt mir der Zeit in Herz und Magen
ein ausgesprochnes Unbehagen.
Er bittet schließlich ihn voll Grauen,
nur fünf Minuten wegzuschauen.
Er wolle unbewacht, allein,
inzwischen brav und artig sein.
Doch Gott, davon nicht überzeugt,
ihn ewig unbeirrt beäugt.


Der Vortrag ist hier auch als PDF-Datei zu finden