Bischof Wanke: "VISION jetzt.
Weil daran sich entscheidet,
wie dein Morgen aussehen wird"
Bischof Wanke auf der Jugendwallfahrt: VISION jetzt. Weil daran sich entscheidet, wie dein Morgen aussehen wird...
Lesung: Die Arche Noach (Gen 7)
Evangelium: Die Versuchungen Jesu (Lk 4)
Liebe junge Christen!
Es war in einer Runde, in der es ziemlich lahm zuging. (Das war nicht im "SEB" und auch nicht im MCH!). Alle guckten verdrossen, keiner hatte so recht Lust zu etwas. Da stellte sich einer der Veranstalter vorn hin und hielt eine flammende Ansprache, so mit dem Tenor: Leute, jetzt wollen wir aber mal alle recht munter und fröhlich sein! Das Ergebnis: Die Stimmung wurde keineswegs besser - im Gegenteil. Die Mienen wurden noch verdrossener. - So ist das eben: Gute Laune kann man nicht herbeikommandieren.
Und wie ist das mit Visionen? VISION - jetzt. Wie soll das gehen? Ich habe manchmal die Sorge: Je mehr man von Visionen redet, desto weiter entfernen sie sich. Kann man einen Jagdhund zur Hasenjagd tragen? Entweder hat er Feuer im Leib oder man lässt ihn lieber daheim. Wenn einer nicht Freude an einer Sache hat - da ist gutes Zureden meist zwecklos, zumindest sehr mühselig.
Vielleicht ist es leichter, von Visionen zu erzählen. Als ich so alt war wie ihr, war meine Vision: einmal einen Beruf zu haben, der mir Spaß macht. Ich habe immer gern ausgerechnet, wie lange ich noch zur Schule gehen muss. In vier Jahren ..., in drei Jahren ..., nächstes Jahr weißt du, was du mal werden wirst! Und dann bin ich ins Priesterseminar gegangen. Und ich hab es bis heute nicht bereut.
Wie kam meine Vision zustande? Im Nachhinein weiß ich: durch meinen damaligen Heimatpfarrer. Dem merkte man an, dass er gern Pfarrer war und an seiner Gemeinde und an seiner Arbeit Freude hatte. Er sagte mir mal so nebenbei: "Weißt Du, als Pfarrer hast du nie Langeweile. Da ist immer was los!" Wie recht hat er gehabt!
VISION - jetzt! Geht das überhaupt? Einem eine Vision einreden? Ich meine: jeder Mensch hat Visionen - sonst wäre er kein Mensch. Wir können nur leben, wenn wir Zukunft sehen. Auch der, der lauthals verkündet: "Mir ist alles egal. Ich scher mich nicht um das, was morgen sein wird!" - ob der wirklich auch so lebt? Frag dich mal selbst! Irgendwie hoffst du insgeheim doch auf etwas, was eintreten soll: dass die Prüfung gut ausgeht; dass der Bruder wieder gesund wird; dass du einen vernünftigen Ausbildungsplatz bekommst; dass es die große Liebe wird. Unser Alltag ist voll mit Hoffnungen und Wünschen.
Nun ist natürlich nicht gesagt, dass alle Wünsche immer in Erfüllung gehen. Da merken wir: Wünsche und Hoffnungen sind noch keine Visionen. Albert Schweitzer hatte vor 100 Jahren die Vision, dass auch die Afrikaner im Busch medizinisch versorgt werden sollten. Und er baute sein Krankenhaus in Lambarene. Und der Schweizer Henri Dunant hatte im 19. Jahrhundert die Vision, dass Kriegsverwundete nicht einem jämmerlichen Tod überlassen werden dürfen - und so gründete er das Rote Kreuz.
Die Menschheit wäre noch immer in der Steinzeit, wenn es nicht Frauen und Männer mit großen Visionen gegeben hätte. Die haben ihre Visionen auf sehr unterschiedliche Weise verwirklicht - aber die geheime Triebfeder ihres Handelns war eben doch eine Vorstellung von etwas sehr Wünschenswertem, von etwas, für das es sich lohnt, allen Verstand und alle Kräfte einzusetzen.
Um noch einmal von mir persönlich zu sprechen: Meine Vision war: möglichst große Annäherung von Berufsarbeit und eigener Neigung. Ich hätte damals auch Chemie studieren können. Aber das wäre vermutlich nur ein Broterwerb geworden. Und da bin ich eben Priester geworden.
Liebe Jugend,
aber ich will gar nicht von mir sprechen. Ich will auf den verweisen, bei dem wir lernen können, was eine große Vision ist: Jesus, unser Herr. Er hat vom Reich Gottes gesprochen, für das sich jeder Einsatz lohnt. "Dein Reich komme!" Das war seine wichtigste Gebetsbitte an den Vater. Reich-Gottes-Anwärter werden - das ist für mich der innerste Sinn des Christseins.
Wie geht das - Reich-Gottes-Anwärter werden? Das geht so, dass wir mit Jesus zusammen daran glauben, dass Solidarität unter Menschen möglich ist, dass Gerechtigkeit nicht nur eine Sache der Gerichte ist, dass Frieden im Nahen Osten und auch sonst in der Welt möglich sein kann. Wer mit Jesus an das Reich Gottes glaubt, der hält Liebe und Vergebung nicht nur für schöne Illusionen. Der weiß, dass es wirklich Wahrheit gibt und ein Leben auch nach dem Tod.
Jesu Vision ist die Vision eines neuen Himmels und einer neuen Erde, die auf uns zukommen, weil Gott dies will und möglich macht. Wer das Reich Gottes für sich entdeckt hat, der hat - so sagt es Jesus in einem Gleichnis - den Schatz und die kostbare Perle gefunden, für die es sich zu leben lohnt. Der von gemeinsamer Freude, von weltumspannender Gemeinsamkeit und von Gewaltlosigkeit geprägte Kölner Weltjugendtag - das war schon ein wenig Reich Gottes hier auf Erden.
Nochmals: Das Reich Gottes brauchen wir nicht herbeireden. Es ist seit Ostern, seit Christi Sieg über den Tod eine Realität. Manche laufen nur blind herum und wissen nicht, dass ihre geheimsten Sehnsüchte genau danach verlangen: leben zu dürfen - nicht mickrig, nicht mit Abstrichen, sondern aus dem Vollen, in Fülle, wie Jesus selbst es getan hat. Gott ist ein Liebhaber des Lebens - ja er ist der Erfinder des Lebens. Er will uns auf den Weg zum vollen Leben bei ihm und mit ihm locken.
Kürzlich traf ich einen jungen Mann, dessen Großvater aus Deuna stammte. Er ist gerade bei der Bundeswehr. Er wurde katholisch erzogen. "Und jetzt? Wie steht es jetzt mit deinem Glauben an Gott?", so fragte ich ihn. "Ach!", so antwortete er mir, " jetzt glaub ich nur an mich selbst!" Und dann redete er davon, dass Gott ihn angeblich bei einem schweren Motorradunfall im Stich gelassen habe.
Ja, so kann es gehen - wie bei Jesus selbst, der auch auf die Probe gestellt wurde. Die Grundversuchung des Menschen lautet: Das volle Leben - jetzt und sofort und sogleich! Denkt an die Versuchungen Jesu im Evangelium. Sie zielen genau auf dieses Verlangen des alten Adam in uns: Brot, sprich: Satt-Sein in jeder Hinsicht - sofort. Machtgelüste, Verfügungsgewalt über andere - weil das uns schon jetzt wichtig macht, uns bedeutsam erscheinen lässt. Und von der Tempelzinne fliegen können, eine große Show abziehen, damit alle Welt staunt, was für ein toller Typ ich bin.
Jesus ist einen anderen Weg gegangen. Er hat Gott groß sein lassen in seinem Leben. Er hat von ihm alle Sättigung, alle Anerkennung und Bestätigung erhofft - und das sich nicht selbst oder auf Kosten anderer verschafft. Er hat für das Reich Gottes, das Reich der Wahrheit, der Liebe, der Gerechtigkeit die Tür aufgestoßen und ist uns über die Schwelle in diese Welt Gottes vorangegangen.
Ja - es stimmt. Gott hat die Welt gut geschaffen. Die Unordnung in der Welt stammt von uns, so wie einer den Drogen nicht widerstehen kann und sich wundert, dass es mit ihm langsam bergab geht. Wir haben die Freiheit, dem Bösen zu widerstehen. Es ist in unsere Hand gegeben, richtige Visionen von unserem Leben zu haben. Dass manches für junge Leute heute schwer ist, ist keine Entschuldigung dafür, sich hängen zu lassen oder nur denen da oben die Schuld zu geben, die nicht genug Geld für die Jugendarbeit locker machen.
Ich finde es gut, dass Gott uns nicht einfach alles in den Schoß legt. Es macht mehr Spaß, wenn man selbst etwas gestalten und Hand anlegen kann. Wenn Du etwas wirklich willst, wirst du es auch erreichen - vielleicht auch auf Umwegen. Und vielleicht wird das, was du erreichst, auch anders aussehen, als du dir am Anfang erträumt hast.
Wisst ihr, was ich nicht leiden kann? Leute, die alles schlecht reden.
- Diese Leute wissen genau: Familie ist schlecht und Kinder sind nur eine Belastung. Ob die jemals erlebt haben, wie schön es ist, Geschwister zu haben?
- Solche Leute sagen: Demokratie ist Mist - aber sie haben noch nie etwas Vernünftiges für das Gemeinwesen geleistet.
- Oder sie sagen: Mit der Kirche ist nichts los. Aber sie haben sich auch nirgends einmal richtig in der Kirche an etwas beteiligt.
"Sich selbst erfüllende Prophetie" nennt man so etwas. Sie reden alles schlecht, bis ihnen selbst schlecht wird und denen, die mit ihnen zu tun bekommen. Es gibt einen Lebenspessimismus, der ansteckender ist als Aids.
Also doch: VISION - jetzt! Wir brauchen nicht nur Hoffnung - wir brauchen Hoffnung auf Lohnenswertes, auf Wertvolles: auf eine menschliche Welt, auf eine solidarische Gesellschaft, auf eine Kirche der Selbstbewussten und Engagierten. Darum: VISION jetzt. Weil daran sich entscheidet, wie dein Morgen aussehen wird.
Jedem Einzelnen von euch, euch allen in den Gruppen der Gemeinden, der Verbände rufe ich zu: Versteck dich nicht hinter Schwierigkeiten! Warte nicht auf die anderen! Gebt eure Hoffnungen nicht auf und bleibt der Vision Jesu treu: Diese Welt wird neu werden, weil Gott sie neu machen kann. Darum: Heraus aus deiner "Arche" - und fang neu zu leben an. Jetzt. Amen.
Erfurter Dom, 14. Mai 2006
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