Ohne Gott ist alles Mühen umsonst

Fastenhirtenbrief 2020 von Bischof Ulrich Neymeyr

Bild: Bistum Erfurt / Jens-Ulrich KochIn: Pfarrbriefservice.de

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn,

der synodale Weg, den die katholische Kirche in Deutschland am 1. Advent begonnen hat, hat seinen Ursprung im Geschehen des sexuellen Missbrauchs von Kindern, Jugendlichen und Schutzbefohlenen durch Priester und Ordensleute in unserem Land. Im Jahr 2010 war deutlich geworden, dass dieser Missbrauch größere Ausmaße hatte als befürchtet. Wir Bischöfe wollten einen Überblick haben, über das, was vorgefallen war, soweit das möglich ist. Die Personalakten in den Ordinariaten wurden untersucht, und Fachleute wurden gebeten, uns Hinweise auf sogenannte systemische Ursachen zu geben, das heißt auf Ursachen, die in der Struktur der Kirche begründet sind. Sie wiesen uns auf drei Umstände hin:

1.    In vielen Fällen hat nur das große Vertrauen, das die Priester aufgrund ihrer Weihe in unserer Kirche genießen, das Missbrauchsgeschehen ermöglicht. Wir müssen also das rechte Verständnis des sakramentalen Priestertums und das Leben der Priester neu bedenken. Wir tun dies mit den Priestern zusammen. Aus jedem Bistum wird ein Mitglied des Priesterrats an den Synodalversammlungen teilnehmen.
2.    Die Verantwortlichen sind Beschuldigungen oft nicht sorgfältig genug nachgegangen, weil sie den Betroffenen nicht glaubten oder weil ihnen das Ansehen der Priester und der Kirche wichtiger war. Das zwingt uns Bischöfe zum Nachdenken darüber, wie wir mit unserer Verantwortung umgehen und wie sie kontrolliert wird.
3.    Es besteht ein eklatanter Widerspruch zwischen den schlimmsten sexuellen Vergehen, die begangen wurden, und der anspruchsvollen Sexualmoral der katholischen Kirche. Die zeitgemäße Vermittlung der katholischen Vorstellungen zur Gestaltung der Geschlechtlichkeit muss neu bedacht werden.

Diese drei Themenbereiche wollen wir Bischöfe nicht alleine oder mit einigen Fachleuten beraten, sondern mit den Vertreterinnen und Vertretern der katholischen Kirche in  Deutschland, insbesondere mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK). Für einen gemeinsamen synodalen Weg hat das ZdK zur Bedingung gemacht, dass sich ein zusätzlicher Themenbereich mit der Frage der Zulassung von Frauen zu Diensten und Ämtern in unserer Kirche befassen solle, auch wenn dieses Thema nicht in direktem Zusammenhang zum Missbrauchsgeschehen steht. So gibt es nun ein viertes Synodalforum. Die Synodalforen werden zu den vier Themenbereichen die Synodalversammlungen vorbereiten, die zweimal im Jahr in Frankfurt am Main stattfinden. Es werden dort auch Fragen diskutiert werden, die wir nicht in Deutschland allein entscheiden können. Wir sind Teil der weltumspannenden katholischen Kirche.

In einer Zeit wachsender Globalisierung ist dies ein großer Vorzug. Für die Katholiken in der DDR war es sehr wichtig, durch die Bindung an den Papst einen Anker außerhalb des SED-Systems zu haben. Für unsere Glaubensgeschwister, die in einer Diktatur leben müssen, ist das heute noch sehr wichtig. Zudem glauben wir katholischen Christen, dass der Papst von Jesus Christus beauftragt ist, die Kirche zusammenzuhalten und dass ihm die Verheißung Jesu Christi gilt, die Kirche auf dem Weg der Wahrheit zu führen. Ich bitte Sie, den Weg der katholischen Kirche in unserem Land mit ihrem Gebet zu begleiten und sich auch zu fragen, wie wichtig für ihren Glauben die kirchliche Gemeinschaft ist und was Sie an der Gemeinschaft der Christen gerne verändern möchten.

Auch in unserem Bistum überlegen wir, welchen Weg die katholische Kirche in Thüringen gehen soll und wie wir mit unseren begrenzten Kräften den Glauben bezeugen, feiern und leben können. Wir konzentrieren uns auf das, was wir hier bei uns verändern und gestalten können. Die Gestalt der katholischen Kirche in Thüringen hat sich in ihrer Geschichte häufig verändert, seit der Heilige Bonifatius im Jahre 742 das Bistum Erfurt gegründet hat. Es gab immer – wie es im alttestamentlichen Buch Kohelet heißt – „eine Zeit zum Niederreißen und eine Zeit zum Bauen, eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen, eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz“. (Koh 3,3f.) Es gab Blütezeiten wie das reiche klösterliche Leben im Mittelalter oder der Zuzug von Katholiken durch die Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Und es gab Krisenzeiten wie die Reformation oder der Wegzug von über 10 % der Bevölkerung in den Jahren 1989/90. Deswegen ist mir ein Wort des Apostels Paulus wichtig geworden: An die christliche Gemeinde in Korinth, die er selbst gegründet hat, schreibt er: Ich habe „wie ein weiser Baumeister den Grund gelegt; ein anderer baut darauf weiter. Aber jeder soll darauf achten, wie er weiterbaut“. (1 Kor 3,10) Das Leitwort des Kirchenentwicklungsprozesses in unserem Bistum ist daher „achtsam weiterbauen“. Ich danke allen, die an den Pastoraltagen und in den Arbeitsgruppen ihre Ideen einbringen, gelungene Erfahrungen austauschen und so Kirche mitgestalten. Es gibt neun Themenbereiche:

•    Beteiligung von Jugendlichen
•    Christlich leben im Alltag
•    Denkwerkstatt Gremien
•    Familiensonntage
•    Frauen und die katholische Kirche
•    Kirche und Gesellschaft
•    Lebendige Gottesdienste
•    Offene Herzen und Türen
•    Verwaltung und Seelsorge

Auf der Homepage des Bistums können Sie sich immer über den aktuellen Stand informieren und sind eingeladen, sich in die Überlegungen einzubringen. Auch unsere Kirchenzeitung „Tag des Herrn“ berichtet regelmäßig. Ich lade Sie ein, sich in der Fastenzeit zu fragen, was Sie beitragen können zum Leben der Kirche vor Ort.

Die Fastenzeit lädt uns ein zu einer Erneuerung und Vertiefung unseres christlichen Lebens. Ein altes Wallfahrtslied, das im Psalm 127 überliefert ist, mahnt zur richtigen inneren Haltung: „Wenn nicht der Herr das Haus baut, mühen sich umsonst, die daran bauen.“ (Ps 127,1) Bei allen Beratungen und bei allen Aktionen, bei all unserer Sorge um die Kirche in den Dörfern und Städten unseres Bistums darf nicht vergessen gehen, dass Jesus Christus mit uns im Bunde ist und dass wir uns immer wieder auf seine stille Gegenwart besinnen müssen. Das ist eine ständige Herausforderung nicht nur für die katholische Kirche in Deutschland und in unserem Bistum, sondern auch für alle, die durch Taufe und Firmung zum christlichen Leben berufen sind.

Christus begegnet uns in seinem Wort, das in der Bibel überliefert ist. Im Bibelteilen können Christen erfahren, wie die Bibel ihr Leben heute inspiriert. In vielen kirchlichen Gruppen ist es eine gute Tradition geworden, die Zusammenkünfte mit einem Bibelteilen zu beginnen. Christus begegnet uns auch im gemeinsamen Mahl. Jesus hat gemeinsame Mahlzeiten sehr geschätzt. Die Evangelien erzählen davon. Es ging ihm dabei nicht so sehr ums Essen als vielmehr um die Gemeinschaft. Bei den Mahlzeiten zur Zeit Jesu hatten die Menschen Zeit füreinander und zu diesen Mahlzeiten gehörten immer gemeinsame Gebete, die die Gemeinschaft der Menschen öffnete für die Wirklichkeit Gottes. Eine gemeinsame Mahlzeit von Christen ohne Tischgebet wäre für Jesus schlicht unverständlich. Er hat ja auch das große Vermächtnis seiner Gegenwart an ein Mahl geknüpft, an das letzte Abendmahl, in dem er seinen Tod als Hingabe für uns und als Werk der Erlösung offenbart hat. Deswegen ist für uns katholische Christen das eucharistische Mahl unverzichtbarer Bestandteil des Sonntags, der für uns der Tag des Herrn ist. Es ist wichtig, dass an dieser Feier alle beteiligt sind, sei es durch einen liturgischen Dienst oder sei es durch das gemeinsame Beten und Singen.

In unserer hektischen und lauten Zeit ist es wichtig eine Anregung des Zweiten Vatikanischen Konzils für die Erneuerung der Liturgie zu beachten: „Das heilige Schweigen soll zu seiner Zeit eingehalten werden.“ (Konstitution über die heilige Liturgie Nr. 30)

Diese Anregungen können gerade in der Fastenzeit helfen, die lebendige Gemeinschaft mit Jesus Christus zu spüren oder – wie Bischof Wanke sagt – den geistlichen Grundwasserspiegel zu heben. Die Fastenzeit lädt uns ein, über die geistlichen Quellen unseres Lebens neu nachzudenken und uns wieder mit neuer Kraft zu diesen Quellen aufzumachen gegen den Strom der Bequemlichkeit und gegen den Sog der alltäglichen Sorgen.

Möge die Zeit bis zum Osterfest uns alle bestärken. Ich wünsche Ihnen eine gesegnete österliche Bußzeit und erbitte für Sie den Segen des Dreifaltigen Gottes, des Vater und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.