Nie bereut, Franziskaner zu sein

Bruder Bernold Gräbke feiert auf dem Hülfensberg im Eichsfeld sein goldenes Ordensjubiläum


50 Jahre im Franziskaner-Orden:
Bruder Bernold Gräbke
Bruder Bernold Gräbke feiert auf dem Hülfensberg sein goldenes Ordensjubiläum

Hülfensberg (BiP). Mit 16 Jahren wusste Hans-Werner Gräbke, dass er Franziskaner werden wollte. Mit 17 trat er in den Orden ein und nahm den Namen Bernold an. So geschehen 1958 im westfälischen Werl. 50 Jahre später ist Bruder Bernold immer noch Franziskaner und feiert am 7. September auf dem Hülfensberg sein goldenes Ordensjubiläum. Seine Bilanz fällt knapp, aber eindeutig aus: "Noch keinen Moment meines Ordenslebens habe ich bis heute bereut."


Wer Bruder Bernold bei Führungen oder im Kloster erlebt, kann kaum glauben, dass er erst seit zwei Jahren im Eichsfeld lebt, so vertraut zeigt er sich mit der Geschichte und den Geschichten des Hülfensberges. Dabei ist das Sauerland seine Heimat, das Städtchen Neheim, wo er mit mit zwei Brüdern und einer Schwester bei den Eltern Adolf und Johanna Gräbke aufwuchs. Katholisch zu sein, Gottesdienste zu besuchen und am Gemeindeleben teilzunehmen, galt als selbstverständlich.


Als Hans-Werner mit 14 Jahren aus der Schule kam, besorgte ihm der Vater eine Lehrstelle als Feinblechner bei Westermann & Co in Neheim-Hüsten. Adolf Gräbke konnte nicht ahnen, dass sein Zweitältester seine Zukunft nicht im Handwerk sehen würde. Bei den Gemeindewallfahrten, die ins 12 Kilometer entfernte Werl führten, wurde Hans-Werner auf die Franziskaner aufmerksam, die dort noch immer ein Marienheiligtum betreuen. "Immer wenn wir in Werl waren, beobachtete ich die Brüder, die dort in der Kirche tätig waren, sehr intensiv. Mit meinem Freund machte ich öfter Besuche im Kloster und sprach mit dem Provinzial Pater Bernold Kuhlmann, der damals der Franziskaner-Provinz Saxonia vorstand. Der Wunsch, Franziskaner zu werden, wurde immer stärker."


Nach dem 16. Geburtstag im Herbst 1957 war sich Hans-Werner seiner Sache sicher und schrieb dem Provinzial eine Postkarte: "Ich würde mich freuen, wenn Ostern die Zeit meines Eintritts gekommen wäre." Die Mutter hatte immerhin eine Ahnung, der Vater war ahnungslos, als beide erfuhren, wohin es ihren Sohn zog. Doch sie akzeptierten, wenn auch bangen Herzens, seine Entscheidung und brachten ihn am 14. April 1958 mit dem Bus zum Franziskanerkloster in Werl. Eine Tante, die selber Franziskanerin war, hatte Hans-Werner gewarnt: "Stell dir das nicht so einfach vor. Der Gehorsam ist noch das Schlimmste."


Gehorsam dem Oberen und der Kirche gegenüber sowie Armut und Ehelosigkeit versprechen Ordensleute, wenn sie sich mit den Ewigen Gelübden auf Lebenszeit an einen Orden binden. Doch bis dahin lag vor Hans-Werner Gräbke noch ein langer Weg, auf dem er prüfen sollte, ob er richtig entschieden hatte. Siebeneinhalb Jahre dauerte dieser Zeitraum. "Meine feierliche Profess habe ich am 4. November 1965 in der Werler Basilika abgelegt." Bruder Bernold erinnert sich an diesen Tag, als wäre er gestern gewesen.


Doch zuvor galt es, sich in den Klosteralltag mit seinen Pflichten und Gebetszeiten einzugewöhnen, die Ordensgeschichte zu studieren und sich mit der franziskanischen Spiritualität auseinanderzusetzen und sie einzuüben. Wer die Franziskaner von heute kennt, wird staunen, wie sie vor 50 Jahren lebten. "Das Ordensleben fand praktisch hinter Klostermauern statt. Gäste konnten nur im Besuchszimmer empfangen werden. Die jungen Brüder durften das Kloster nicht verlassen und keine Tageszeitungen lesen oder Radio hören. Wir lebten wie ein kontemplativer Orden", erinnert sich Bruder Bernold.


Mit dem II. Vatikanischen Konzil (1962-65) besann sich der Franziskaner-Orden wieder stärker auf seine Ursprünge und rückte die Person und die Anliegen des heiligen Franziskus von Assisi in den Mittelpunkt: Gott in Armut dienen; ein weltoffenes Ordensleben inmitten der Menschen und nicht in der Einsamkeit; Seelsorgearbeit in Städten und Dörfern; die Brüdergemeinschaft offen für Gäste, bereit deren Freude und Nöte zu teilen. "Erst nach dem II. Weltkrieg hatte man damit begonnen, die Schriften des Franziskus ins Deutsche zu übersetzen. Die studierten wir natürlich gründlich", erzählt Bruder Bernold, der so seinen Ordensgründer intensiv kennen lernte.


Dass Hans-Werner heute Bernold heißt, verdankt sich dem Brauch, im Orden einen anderen Namen anzunehmen, zum Zeichen eines neuen, ganz Gott geweihten Lebens. "Ich war als 521. Bruder der Franziskaner-Provinz Saxonia beigetreten. Unter den lebenden Brüdern durfte jeder Name nur einmal vorkommen, um Verwechslungen zu vermeiden. Als ich wählen musste, waren alle guten Namen leider schon weg." Hans-Werner erhielt den Namen Bernold, mit dem er sich nach kurzer Zeit anfreunden konnte. Das Grab seines Namenspatrons, der im 11. Jahrhundert Bischof von Utrecht war, hat er schon zweimal besucht.


Der zweite Tag im Kloster bescherte unerwartete Herausforderungen: "Hast du zu Hause schon einmal abgetrocknet", wurde Bruder Bernold vom Magister Nikodemus gefragt, der für die neuen Franziskaner zuständig war. Ja, er hatte, lautete die Antwort. "Dann kannst du ja Koch werden", sagte der Magister und beorderte den verblüfften Bernold in die Küche. Bis 1965 sollte er dort kochen und arbeiten. Der Facharbeiterabschluss als Feinblechner half dabei zwar wenig, aber auf dem Hülfensberg ist man immer noch dankbar für Nikodemus? Entscheidung. Es schmeckt eben, wenn Bruder Bernold kocht.


Als Küster übernahm er einen weiteren Dienst. Aber die wohl größte Herausforderung ergab sich 1965, als ein neuer Sekretär für den Provinzial gesucht wurde. Bernold hatte zwar gehörigen Respekt vor diesem Amt, aber er zeigte sich bereit, es zu übernehmen. Zur Vorbereitung besuchte er für ein halbes Jahr eine Handelsschule und erlernte Stenografie und Maschineschreiben. Letzteres war besonders gefordert, wenn der Sekretär die 850 Weihnachtsbriefe des Ordens schreiben musste. Vier Provinziale erlebte Bruder Bernold bis 1987, denen er als Privatsekretär und gelegentlich als Fahrer zur Hand ging.


Der Sekretär versorgte auch die Mitbrüder in der DDR mit Informationen. "Die Adressen für die Ordensmitteilungen waren weniger ein Problem als das Provinzialat als Absender. Da wäre jeder Brief von den DDR-Behörden kassiert worden", erinnert sich Bruder Bernold. Aber er wusste, sich zu helfen: "Auf die Briefumschläge habe ich einfach Personen und Straßen als Absender geschrieben, die es gar nicht gab, und die Briefe kamen an."


22 Jahre dauerte die Tätigkeit im Sekretariat, eine für Franziskaner, die häufig den Ort wechseln, ungewöhnlich lange Zeit. Provinzial Heribert Arens, der heute ebenfalls auf dem Hülfensberg lebt, konnte darum seinen Sekretär nicht überraschen, als er ihn 1986 fragte, ob er sich eine andere Stelle vorstellen könne. Bruder Bernolds Antwort war kurz und knapp: Ja. Anderthalb Jahre danach zog er als Pförtner in das Franziskanerkloster Paderborn ein und wurde später Stellvertreter des Guardians, wie die Hausoberen bei den Franziskanern heißen. Beiden Aufgaben und zusätzlich noch dem Küsterdienst widmete er sich auch nach dem Wechsel nach Wiedenbrück 1995, wo er die letzten beiden Jahre Guardian des Klosters war, ehe er sich in Richtung Eichsfeld verabschiedete.


Der Hülfensberg als bekanntester Wallfahrtsort des Eichsfeldes war für Bruder Bernold ein Wunschort. Gleich nach der Wende hatte er den Ort an der Zonengrenze aufgesucht, ohne zu wissen, dass er hier sein 50. Ordensjubiläum feiern würde. Die Landschaft erinnert ihn an das Sauerland, und ihr Menschenschlag liegt ihm. Hier ist er ganz in seinem Element: Mal donnert er mit Einkäufen im VW-Bus den Berg hinauf, dann begrüßt er Leute an der Klostertür, bügelt Altarwäsche oder bereitet die Gebetszeiten für die kleine Gemeinschaft und ihre Gäste vor. In seinem Büro notiert er fein säuberlich Zahlenkolonnen, um gleich wieder aufzuspringen, wenn das Telefon klingelt und er Telefondienst hat. Geraume Zeit des Tages verbringt er auch in der Sakristei, vor allem an den großen Wallfahrtstagen. Und obwohl er als Ökonom des Klosters, Küster und Besucherführer genug zu tun hat, unterhält er sich gerne mit den Wallfahrern und Wanderern, die den Berg und die Hülfensbergkirche aufsuchen.


Keine Frage: Bruder Bernold fühlt sich auf dem Hülfensberg wohl. Dennoch schließt er nicht aus, irgendwann woanders hin zu gehen. Das hat mit dem Gehorsam zu tun, den er versprochen hat, das liegt sicher auch an seinem Naturell. Der kontaktfreudige 67-Jährige zeigt sich an vielen Themen interessiert. Besonders haben es ihm Glocken und Weihnachtskrippen angetan. "Schon daheim habe ich zu Weihnachten die Krippe in der Kirche aufgestellt." Als seine Leidenschaft in Wiedenbrück bekannt wurde, schenkten ihm die Leute Krippen: "Aus Betlehem, Sizilien und dem Grödnertal, in Holz, Alabaster und sogar aus einem Straußenei geschnitzt - ich habe jetzt jede Menge Krippen und bereite seitdem immer eine kleine Ausstellung vor", freut sich Bruder Bernold schon auf die Weihnachtszeit.


Aber jetzt wird erst einmal sein Jubiläum gefeiert, auch wenn er nicht gerne im Mittelpunkt steht. Für ihn Gelegenheit, zurück zu schauen. "Ich bin dankbar" sagt er und lächelt still.


Peter Weidemann



Die Feier des Ordensjubiläums beginnt am Sonntag, 7. September um 10 Uhr mit einer Heiligen Messe in der Wallfahrtskirche des Hülfensberges, anschließend besteht Gelegenheit zur Gratulation.

www.huelfensberg.de